Bitterer Beigeschmack

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Minden pflegt eine Partnerschaft zur chinesischen Stadt Changzhou. Erst im September reiste eine Mindener Delegation dorthin, um sich über Tourismus, Bürger-Austausch, Wirtschaftsbeziehungen und Klimaschutz auszutauschen.

"Ja, die Städtepartnerschaft mit der chinesischen Stadt Changzhou trägt sicher Früchte für Minden. Diese Früchte allerdings schmecken teils bitter und keinesfalls nur süß, wenn man bedenkt um welchen Preis sie erkauft wurden. Bezahlen müssen diese Zeche viele Parteien. Zwei davon möchte ich gerne in den Fokus rücken.

Da sind die Tibeter, Gefangene im eigenen Land, unterdrückt und brutal ihrer Kultur, ihrer Sprache und ihrer Freiheit beraubt. Leider scheinen sie und ihr Leid von der Welt vergessen oder, was wohl der Wahrheit eher entspricht, absichtlich übersehen.

Seit 2008 übergossen sich über 153 Menschen in Tibet mit Benzin und verbrannten sich selbst bei lebendigen Leib, um auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam zu machen. Jeder einzelne wäre es wert, dass durch die Welt ein Aufschrei der Empörung ginge und eine Welle der Solidarität rollte angesichts diesem Akt der Verzweiflung. Aber kaum jemand nimmt Notiz von dem Leid, das sich auf dem Dach der Welt unter der Regentschaft der chinesischen Machthaber abspielt.

Das Mindeste, was wir tun können als Menschen, die so privilegiert sind in einer funktionierenden Demokratie zu leben, ist, als ein Zeichen der Solidarität das Hissen der tibetischen Fahne am Jahrestag am 10. März wie es in vielen deutschen Städten und Gemeinden üblich ist.

Bis zur genannten Städtepartnerschaft zwischen Minden und Changzhou war es auch in Minden möglich und üblich die Fahne Tibets wehen zu lassen. Sie gilt in aller Welt unbestritten für Gewaltlosigkeit und erinnert an die Einhaltung der Menschenrechte. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, Verfolgten und Unterdrückten beizustehen. Jedoch scheint dies schon lange nicht mehr selbstverständlich zu sein, denn Chinas langer Arm reicht bis in die Provinzstadt Minden.

Und da bin ich bei der zweiten Gruppierung, um die ich mich sorge. Tatsächlich mache ich mir Gedanken um uns als Gesellschaft, auch, jedoch nicht nur, in Minden. Wir als Deutsche sollten doch tatsächlich in diesem Bereich ein wenig sensibel sein, wenn es darum geht Unrecht und diktatorische Strukturen zu erkennen. Zudem entsteht in China eine Art Bewertungssystem, nun auch für deutsche Firmen. Ein Punktekonto soll lückenlos wiedergeben, wie gut oder eben auch weniger gut die Aussagen und Handlungsweisen der Firmen und natürlich auch der Privatpersonen den Vorstellungen der chinesischen Regierung entsprechen. Bei nicht wohlgefälligem Verhalten drohen Abzüge und Sanktionen. Aber nicht nur im fernen China scheint unausgesprochen zu geschehen, was der große „Partner“ wünscht und anordnet. Beispiele, wie Chinas Regierung reagiert, wenn seine deutschen Freunde nicht tun und lassen, was und wie sie es möchte, gibt es zuhauf. Da werden Fußballfreundschaftsspiele abgeblasen, unser Außenminister wird öffentlich in seinem eigenen Land auf das Schärfste gerügt und so weiter…

Sind das die Früchte, von denen die Rede ist? Hoffentlich bereuen wir nicht eines Tages die Folgen einer Partnerschaft, die ganz und gar nicht eine freundschaftliche auf Augenhöhe ist. Denn dann wäre es ja ohne große Probleme möglich sich wirtschaftlich, kulturell und gesellschaftlich auszutauschen UND die tibetische Fahne wehen zu lassen. Menschenrechte sind ein so hohes Gut, dass wir für sie einstehen sollten.

Lasst auch in Minden wieder die Fahne Tibets wehen!"

Hermine Ducks-Schiller, Porta Westfalica

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Bitterer BeigeschmackMinden pflegt eine Partnerschaft zur chinesischen Stadt Changzhou. Erst im September reiste eine Mindener Delegation dorthin, um sich über Tourismus, Bürger-Austausch, Wirtschaftsbeziehungen und Klimaschutz auszutauschen. "Ja, die Städtepartnerschaft mit der chinesischen Stadt Changzhou trägt sicher Früchte für Minden. Diese Früchte allerdings schmecken teils bitter und keinesfalls nur süß, wenn man bedenkt um welchen Preis sie erkauft wurden. Bezahlen müssen diese Zeche viele Parteien. Zwei davon möchte ich gerne in den Fokus rücken. Da sind die Tibeter, Gefangene im eigenen Land, unterdrückt und brutal ihrer Kultur, ihrer Sprache und ihrer Freiheit beraubt. Leider scheinen sie und ihr Leid von der Welt vergessen oder, was wohl der Wahrheit eher entspricht, absichtlich übersehen. Seit 2008 übergossen sich über 153 Menschen in Tibet mit Benzin und verbrannten sich selbst bei lebendigen Leib, um auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam zu machen. Jeder einzelne wäre es wert, dass durch die Welt ein Aufschrei der Empörung ginge und eine Welle der Solidarität rollte angesichts diesem Akt der Verzweiflung. Aber kaum jemand nimmt Notiz von dem Leid, das sich auf dem Dach der Welt unter der Regentschaft der chinesischen Machthaber abspielt. Das Mindeste, was wir tun können als Menschen, die so privilegiert sind in einer funktionierenden Demokratie zu leben, ist, als ein Zeichen der Solidarität das Hissen der tibetischen Fahne am Jahrestag am 10. März wie es in vielen deutschen Städten und Gemeinden üblich ist. Bis zur genannten Städtepartnerschaft zwischen Minden und Changzhou war es auch in Minden möglich und üblich die Fahne Tibets wehen zu lassen. Sie gilt in aller Welt unbestritten für Gewaltlosigkeit und erinnert an die Einhaltung der Menschenrechte. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, Verfolgten und Unterdrückten beizustehen. Jedoch scheint dies schon lange nicht mehr selbstverständlich zu sein, denn Chinas langer Arm reicht bis in die Provinzstadt Minden. Und da bin ich bei der zweiten Gruppierung, um die ich mich sorge. Tatsächlich mache ich mir Gedanken um uns als Gesellschaft, auch, jedoch nicht nur, in Minden. Wir als Deutsche sollten doch tatsächlich in diesem Bereich ein wenig sensibel sein, wenn es darum geht Unrecht und diktatorische Strukturen zu erkennen. Zudem entsteht in China eine Art Bewertungssystem, nun auch für deutsche Firmen. Ein Punktekonto soll lückenlos wiedergeben, wie gut oder eben auch weniger gut die Aussagen und Handlungsweisen der Firmen und natürlich auch der Privatpersonen den Vorstellungen der chinesischen Regierung entsprechen. Bei nicht wohlgefälligem Verhalten drohen Abzüge und Sanktionen. Aber nicht nur im fernen China scheint unausgesprochen zu geschehen, was der große „Partner“ wünscht und anordnet. Beispiele, wie Chinas Regierung reagiert, wenn seine deutschen Freunde nicht tun und lassen, was und wie sie es möchte, gibt es zuhauf. Da werden Fußballfreundschaftsspiele abgeblasen, unser Außenminister wird öffentlich in seinem eigenen Land auf das Schärfste gerügt und so weiter… Sind das die Früchte, von denen die Rede ist? Hoffentlich bereuen wir nicht eines Tages die Folgen einer Partnerschaft, die ganz und gar nicht eine freundschaftliche auf Augenhöhe ist. Denn dann wäre es ja ohne große Probleme möglich sich wirtschaftlich, kulturell und gesellschaftlich auszutauschen UND die tibetische Fahne wehen zu lassen. Menschenrechte sind ein so hohes Gut, dass wir für sie einstehen sollten. Lasst auch in Minden wieder die Fahne Tibets wehen!" Hermine Ducks-Schiller, Porta Westfalica