Mehr Fehler als früher

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Der Titel eines Gerichts-Berichts lautete "Wiederholen ist gestohlen". Ein weiterer Bericht trug die Überschrift "Welche Hütten im Alpenraum sind noch offen".

"Beim Lesen des Artikels war ich zunächst verwirrt, denn man darf doch nicht einen Diebstahl wiederholen. Beim Weiterlesen kam ich darauf, dass wieder holen gemeint ist.

Beim anderen Fehler muss es richtig heißen „geöffnet“. Es ist traurig, dass man diesen Unterschied nicht kennt. Deshalb schreiben manche auch „open“. Damit sind sie supermodern. Was ich von ihnen halte, habe ich in meinem letzten Schreiben dargelegt.

Mit der deutschen Sprache kann man wegen der ungebundenen Stellung der Wörter im Satz und der Groß- und Kleinschreibung spielen wie mit kaum einer anderen. Andere Feinheiten sind das Zusammen- und Getrenntschreiben von Wörtern. Ausdrücke erhalten dadurch unterschiedliche Bedeutung. Eine alleinstehende Frau ist etwas anders als eine allein stehende. Erstere ist unverheiratet, letztere steht allein am Busbahnhof. So ist das auch mit wiederholen und wieder holen. Man kann den Unterschied am besten am Perfekt erkennen. Von wiederholen lautet es i"ch habe den Satz wiederholt", bei wieder holen aber "ich habe mir das Buch wieder geholt".

Im Französischen löst man solche Dinge, indem das Adjektiv vor oder hinter das Substantiv gesetzt werden. Beispiele: Ein "pauvre homme" ist ein bedauernswerter Mann, ein "homme pauvre" aber ein armer Mann. Oder: "seul espoire" ist die einzige Hoffnung, aber "espoire seul" bedeutet Hoffnung allein.

Ich bin dankbar, dass ich noch Latein gelernt habe. Es gab mir die Grundlagen nicht nur der europäischen Kultur, sondern auch der Grammatik sowohl in Latein aber auch im Deutschen. Das kam mir zugute beim Abfassen von wissenschaftlichen Artikeln in technischen Zeitschriften.

Es ist doch eigenartig, dass heute mehr Fehler in Schriftstücken festzustellen sind als früher. In der MT-Ausgabe vom Samstag war in einer Anzeige Schulbuss mit 2 ss zu lesen. Die Schreibreform, die mehr als eine Milliarde Euro kostete, hat also nichts gebracht außer Verwirrung. Keinem Franzosen oder Engländer wäre je in den Sinn gekommen seine Schreibweise zu verändern. Ich habe Unsinn nie mitgemacht, auch diesen nicht. Hier trifft die chinesische Weisheit zu, die mir eine Professorin für Deutsch aus der Ukraine zugesandt hat: „Böse Menschen (ebenso unbotmäßige Staaten) sollen in Zeiten von Reformen leben. Wen der Himmel liebt, dem schickt er einen Freund“."

Udo Knau, Minden

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Mehr Fehler als früherDer Titel eines Gerichts-Berichts lautete "Wiederholen ist gestohlen". Ein weiterer Bericht trug die Überschrift "Welche Hütten im Alpenraum sind noch offen". "Beim Lesen des Artikels war ich zunächst verwirrt, denn man darf doch nicht einen Diebstahl wiederholen. Beim Weiterlesen kam ich darauf, dass wieder holen gemeint ist. Beim anderen Fehler muss es richtig heißen „geöffnet“. Es ist traurig, dass man diesen Unterschied nicht kennt. Deshalb schreiben manche auch „open“. Damit sind sie supermodern. Was ich von ihnen halte, habe ich in meinem letzten Schreiben dargelegt. Mit der deutschen Sprache kann man wegen der ungebundenen Stellung der Wörter im Satz und der Groß- und Kleinschreibung spielen wie mit kaum einer anderen. Andere Feinheiten sind das Zusammen- und Getrenntschreiben von Wörtern. Ausdrücke erhalten dadurch unterschiedliche Bedeutung. Eine alleinstehende Frau ist etwas anders als eine allein stehende. Erstere ist unverheiratet, letztere steht allein am Busbahnhof. So ist das auch mit wiederholen und wieder holen. Man kann den Unterschied am besten am Perfekt erkennen. Von wiederholen lautet es i"ch habe den Satz wiederholt", bei wieder holen aber "ich habe mir das Buch wieder geholt". Im Französischen löst man solche Dinge, indem das Adjektiv vor oder hinter das Substantiv gesetzt werden. Beispiele: Ein "pauvre homme" ist ein bedauernswerter Mann, ein "homme pauvre" aber ein armer Mann. Oder: "seul espoire" ist die einzige Hoffnung, aber "espoire seul" bedeutet Hoffnung allein. Ich bin dankbar, dass ich noch Latein gelernt habe. Es gab mir die Grundlagen nicht nur der europäischen Kultur, sondern auch der Grammatik sowohl in Latein aber auch im Deutschen. Das kam mir zugute beim Abfassen von wissenschaftlichen Artikeln in technischen Zeitschriften. Es ist doch eigenartig, dass heute mehr Fehler in Schriftstücken festzustellen sind als früher. In der MT-Ausgabe vom Samstag war in einer Anzeige Schulbuss mit 2 ss zu lesen. Die Schreibreform, die mehr als eine Milliarde Euro kostete, hat also nichts gebracht außer Verwirrung. Keinem Franzosen oder Engländer wäre je in den Sinn gekommen seine Schreibweise zu verändern. Ich habe Unsinn nie mitgemacht, auch diesen nicht. Hier trifft die chinesische Weisheit zu, die mir eine Professorin für Deutsch aus der Ukraine zugesandt hat: „Böse Menschen (ebenso unbotmäßige Staaten) sollen in Zeiten von Reformen leben. Wen der Himmel liebt, dem schickt er einen Freund“." Udo Knau, Minden