Opfer und Täter zur Schau gestellt

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Betr.: Themenspezial "Hiller Morde"

Mit einer neuen Marketingkampagne versucht nun das Mindener Tageblatt die Kultur der reißerischen Titel und Panikmache, wie man sie bereits aus Boulevardzeitungen wie der Bild kennt, auch im Lokalen groß zu machen. Wie ein neuer Kinofilm oder ein neues Smartphone wurde am Samstag geheimnisvoll ohne Details etwas angekündigt, das, wie sich zeigte, in Geschmacklosigkeit sogar in Zeiten toxischer Medienlandschaften wie die der USA neue Maßstäbe setzt. Am Montag stellte sich nämlich heraus, dass es sich bei diesem „Themenspezial“ um eine Webseite handelt, auf der gleichsam Opfer und mutmaßliche Täter der Morde in Hille zur Schau gestellt werden.

In einer Zeit, in der Öffentlichkeit und Medien Menschen zu schnell vorverurteilen, geht das Mindener Tageblatt noch einen Schritt weiter und scheint nun am liebsten direkt den Mord verfilmen zu wollen. Wie ein Kriminalroman lesen sich die zugegebenermaßen spannend geschriebenen Artikel auf der Webseite. Seriosität versucht man durch Quellenangaben vorzutäuschen; es gelingt nicht und kann in Anbetracht der reißerischen Texte auch gar nicht gelingen und, obwohl natürlich bei der detailreichen Beschreibung einer Leiche Tatortstimmung aufkommt, reicht es nicht, um darüber hinwegzutäuschen, dass diese anscheinend neue Onlinestrategie des Mindener Tageblatts genau das Gegenteil dessen bewirkt, was sie zu erreichen wollen scheint: Anstatt digitale Artikel als kostenpflichtige Alternativen zu den nur auf möglichst viel Aufmerksamkeit abzielenden kostenlosen digitalen Informationsmöglichkeiten anzubieten, will man nun lieber teils kostenpflichtige Artikel, die noch effektiver viel Aufmerksamkeit erzeugen, online anbieten und somit sozusagen das kommerzielle Pendant zu den in der Internetsprache sogenannten „Clickbait“-Artikeln zu schaffen.

Natürlich ist es schade, dass die Print-Medien immer mehr zu einem Nischenprodukt werden, aber aufgrund solcher Aktionen ist manchen Zeitungen wie dem Mindener Tageblatt nicht nachzutrauern.

Michel Bartels, Hille

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Opfer und Täter zur Schau gestelltBetr.: Themenspezial "Hiller Morde" Mit einer neuen Marketingkampagne versucht nun das Mindener Tageblatt die Kultur der reißerischen Titel und Panikmache, wie man sie bereits aus Boulevardzeitungen wie der Bild kennt, auch im Lokalen groß zu machen. Wie ein neuer Kinofilm oder ein neues Smartphone wurde am Samstag geheimnisvoll ohne Details etwas angekündigt, das, wie sich zeigte, in Geschmacklosigkeit sogar in Zeiten toxischer Medienlandschaften wie die der USA neue Maßstäbe setzt. Am Montag stellte sich nämlich heraus, dass es sich bei diesem „Themenspezial“ um eine Webseite handelt, auf der gleichsam Opfer und mutmaßliche Täter der Morde in Hille zur Schau gestellt werden. In einer Zeit, in der Öffentlichkeit und Medien Menschen zu schnell vorverurteilen, geht das Mindener Tageblatt noch einen Schritt weiter und scheint nun am liebsten direkt den Mord verfilmen zu wollen. Wie ein Kriminalroman lesen sich die zugegebenermaßen spannend geschriebenen Artikel auf der Webseite. Seriosität versucht man durch Quellenangaben vorzutäuschen; es gelingt nicht und kann in Anbetracht der reißerischen Texte auch gar nicht gelingen und, obwohl natürlich bei der detailreichen Beschreibung einer Leiche Tatortstimmung aufkommt, reicht es nicht, um darüber hinwegzutäuschen, dass diese anscheinend neue Onlinestrategie des Mindener Tageblatts genau das Gegenteil dessen bewirkt, was sie zu erreichen wollen scheint: Anstatt digitale Artikel als kostenpflichtige Alternativen zu den nur auf möglichst viel Aufmerksamkeit abzielenden kostenlosen digitalen Informationsmöglichkeiten anzubieten, will man nun lieber teils kostenpflichtige Artikel, die noch effektiver viel Aufmerksamkeit erzeugen, online anbieten und somit sozusagen das kommerzielle Pendant zu den in der Internetsprache sogenannten „Clickbait“-Artikeln zu schaffen. Natürlich ist es schade, dass die Print-Medien immer mehr zu einem Nischenprodukt werden, aber aufgrund solcher Aktionen ist manchen Zeitungen wie dem Mindener Tageblatt nicht nachzutrauern. Michel Bartels, Hille