Schwierige Gratwanderung

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Betr.: Standpunkt "Nicht weinen, bitte", MT vom 29. Juni

Für Journalisten sollte das Recherchieren selbstverständlich sein und dafür brauchen sie Zeit, so der Chefredakteur des Mindener Tageblattes auf dem letzten MT-Gespräch zum Thema „Wie viel und welche Kultur braucht Minden?“. Warum also sich beklagen, wenn nicht über jede Theatervorstellung bzw. jedes Konzert im nachherein eine Rezension geschrieben wird. Um journalistischen Pflichten in der erforderlichen Qualität erfüllen zu können, sind entsprechende berufliche Rahmenbedingungen erforderlich. Soweit, so gut. Ist Recherchieren aber wirklich selbstverständlich? Wenn man als neuer Chefredakteur und als Zeitung neue Maßstäbe im Rahmen eines unabhängigen und kritischen Journalismus setzen will, so habe ich den Eindruck, dass im letzten Kommentar zum MT-Stadtgespräch einiges durcheinander gegangen ist. Statt kritisch mit einer völlig unzureichenden Kulturförderung der Stadt Minden für die freie Kulturszene ins Gericht zu gehen oder zumindest zu erwähnen, dass hier eine Schieflage besteht, wird ein kulturtragender Verein im wahrsten Sinne des Wortes vorgeführt. „Nicht weinen, bitte“, „statt zu jammern…“ und die Ameise Kulturhügel sollte „endlich seine Hausaufgaben machen“ und anderen nicht mit seinem „Selbstmitleid auf die Nerven“ gehen. Halt - so ein Sprachgebrauch wird weder dem Menschen Mir Mehdi Mazlumsaki gerecht noch seinem Anliegen, nämlich das zu fördern, was es schwer hat. Nein, hier „suhlt“ sich auch keiner in der Opferrolle, sondern beschreibt eine Facette der freien Kulturszene. Auch wenn es sicherlich einen Unterschied zwischen einem verfassten Kommentar, der die persönliche Meinung des Autors spiegelt und einem objektiven Bericht gibt, so gilt es dennoch in beiden Stilformen journalistische Grundsätze zu bewahren. Der Umgang mit Menschen sollte fair und respektvoll sein, sofern nicht wichtige Gründe des öffentlichen Interesses dem entgegenstehen. Daher sollte jeder einzelne Fall sorgfältig und genau geprüft werden, bevor man Position bezieht und Menschen in ihrem Handeln in dieser Form diskreditiert. Die Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt und sie verpflichtet zugleich zur Fairness und zum Augenmaß. Und um noch etwas hinzuzufügen: Die beiden Kulturvereine Jazz-Club und Porta Bühne mit der Ameise Kulturhügel zu vergleichen, zeugt ebenfalls von mangelnder Recherche, allein wenn man das Zielpublikum vor Augen nimmt.

Dietmar Lehmann, Porta Westfalica

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Schwierige GratwanderungBetr.: Standpunkt "Nicht weinen, bitte", MT vom 29. Juni Für Journalisten sollte das Recherchieren selbstverständlich sein und dafür brauchen sie Zeit, so der Chefredakteur des Mindener Tageblattes auf dem letzten MT-Gespräch zum Thema „Wie viel und welche Kultur braucht Minden?“. Warum also sich beklagen, wenn nicht über jede Theatervorstellung bzw. jedes Konzert im nachherein eine Rezension geschrieben wird. Um journalistischen Pflichten in der erforderlichen Qualität erfüllen zu können, sind entsprechende berufliche Rahmenbedingungen erforderlich. Soweit, so gut. Ist Recherchieren aber wirklich selbstverständlich? Wenn man als neuer Chefredakteur und als Zeitung neue Maßstäbe im Rahmen eines unabhängigen und kritischen Journalismus setzen will, so habe ich den Eindruck, dass im letzten Kommentar zum MT-Stadtgespräch einiges durcheinander gegangen ist. Statt kritisch mit einer völlig unzureichenden Kulturförderung der Stadt Minden für die freie Kulturszene ins Gericht zu gehen oder zumindest zu erwähnen, dass hier eine Schieflage besteht, wird ein kulturtragender Verein im wahrsten Sinne des Wortes vorgeführt. „Nicht weinen, bitte“, „statt zu jammern…“ und die Ameise Kulturhügel sollte „endlich seine Hausaufgaben machen“ und anderen nicht mit seinem „Selbstmitleid auf die Nerven“ gehen. Halt - so ein Sprachgebrauch wird weder dem Menschen Mir Mehdi Mazlumsaki gerecht noch seinem Anliegen, nämlich das zu fördern, was es schwer hat. Nein, hier „suhlt“ sich auch keiner in der Opferrolle, sondern beschreibt eine Facette der freien Kulturszene. Auch wenn es sicherlich einen Unterschied zwischen einem verfassten Kommentar, der die persönliche Meinung des Autors spiegelt und einem objektiven Bericht gibt, so gilt es dennoch in beiden Stilformen journalistische Grundsätze zu bewahren. Der Umgang mit Menschen sollte fair und respektvoll sein, sofern nicht wichtige Gründe des öffentlichen Interesses dem entgegenstehen. Daher sollte jeder einzelne Fall sorgfältig und genau geprüft werden, bevor man Position bezieht und Menschen in ihrem Handeln in dieser Form diskreditiert. Die Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt und sie verpflichtet zugleich zur Fairness und zum Augenmaß. Und um noch etwas hinzuzufügen: Die beiden Kulturvereine Jazz-Club und Porta Bühne mit der Ameise Kulturhügel zu vergleichen, zeugt ebenfalls von mangelnder Recherche, allein wenn man das Zielpublikum vor Augen nimmt. Dietmar Lehmann, Porta Westfalica