Die Vorteile überwiegen

veröffentlicht

Betr.: Hacker legen Praxen lahm, MT vom 8. Juni, Leserbrief „Keine Überraschung“, MT vom 04. Juli

Da haben wir ihn wieder, den Ruf nach Datenschutz. Zurecht? Ja, natürlich muss alles menschenmögliche getan werden, damit sensible Gesundheitsdaten vor unberechtigten Zugriffen und Kriminellen geschützt sind. Jedoch wird es wahrscheinlich nie gelingen, 100 Prozent Sicherheit zu garantieren. Aber sollen wir deswegen auf jedweden Fortschritt verzichten? Das würde ich für fahrlässig, ja sogar gefährlich halten. Denn die angeblich nur am Datenschutz interessierten Menschen blenden nur allzu gerne aus, welche Vorteile durch ein digitalisiertes Gesundheitswesen realisiert werden können. Nur einige wenige Beispiele:

Weniger Doppeluntersuchungen (denn es können im Netz alle autorisierten Beteiligten auf die Untersuchungsergebnisse zugreifen), weniger Strahlenbelastungen durch vermiedene doppelte Röntgenuntersuchungen (selbst erlebt!), mehr Schutz von unerwünschten Nebenwirkungen und Medikationsfehlern (Medikamentencheck bereits bei der Verordnung), diagnostische Unterstützung der Ärzte bei der Erkennung und Einordnung von Krankheitsbildern, sofortige persönliche Ansprache bei Rückrufen (wie etwa bei Arzneimittelrückrufen oder zum Beispiel Brustimplantaten). Und durch anonymisierte Datensammlungen sind Quantensprünge in der medizinischen Forschung möglich. Die Präventionsangebote, die heute auf die Allgemeinheit mit der Gießkanne ausgeschüttet werden, könnten aufgrund frühzeitiger individueller Risikoidentifizierung durch Unterstützung künstlicher Intelligenz personenbezogen viel zielgerichteter verfügbar gemacht werden. Gar nicht zu reden von Forschung zur Krankheitsentstehung und den Therapien bei seltenen Erkrankungen. Und das sind nur ganz wenige Beispiele, die zeigen: Es werden gesundheitliche Risiken in hohem Maße eingedämmt, Kosten gespart und gut für die Umwelt ist es wahrscheinlich auch noch. Darum muss jeder Bürger eine sorgfältige Interessenabwägung zwischen medizinischen Vorteilen und dem Schutz der Daten vornehmen. Ich finde es ist nicht länger hinnehmbar, dass zehntausende Menschen durch Mehrfach- und Falsch-Medikation sowie überflüssige oder falsche Eingriffe sterben oder Schäden erleiden.

Natürlich: Der Patient muss immer Herr über seine Daten sein. Und das Gesundheitswesen muss auch für diejenigen funktionieren, die sich freiwillig nicht an den digitalen Fortschritten beteiligen wollen oder können. Meine Meinung steht jedoch fest: Die Vorteile überwiegen ganz deutlich. Und wenn wir uns in Deutschland nicht mit dem Thema beeilen, werden die bekannten Datensammel-Konzerne aus Übersee in das Geschäft drängen. Das tun sie international bereits mit großer Marktmacht. Amazons PillPack liefert zum Beispiel Medikamente in individualisierten Dosierungen. Und vor allem in Blistern: Die komplette Arzneimitteltherapie ist also genau auf die individuellen Einnahmezeitpunkt abgestimmt verpackt. Amazon garantiert kontinuierlichen Nachschub- wer braucht da noch Apotheken? Darum ist mir ein gut gestaltetes, reguliertes und höchstmöglich sicheres deutsches Gesundheitsnetzwerk (mit Apotheken vor Ort!) doch ganz deutlich lieber. Mit „German Angst“ werden wir überholt - darum sollten wir mutig und mit positiver Grundhaltung an dem Thema arbeiten und nicht blockieren. Schon gar nicht mit einseitigen Darstellungen Ängste schüren.

Rolf Kauke

Copyright © Mindener Tageblatt 2019
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Die Vorteile überwiegenBetr.: Hacker legen Praxen lahm, MT vom 8. Juni, Leserbrief „Keine Überraschung“, MT vom 04. Juli Da haben wir ihn wieder, den Ruf nach Datenschutz. Zurecht? Ja, natürlich muss alles menschenmögliche getan werden, damit sensible Gesundheitsdaten vor unberechtigten Zugriffen und Kriminellen geschützt sind. Jedoch wird es wahrscheinlich nie gelingen, 100 Prozent Sicherheit zu garantieren. Aber sollen wir deswegen auf jedweden Fortschritt verzichten? Das würde ich für fahrlässig, ja sogar gefährlich halten. Denn die angeblich nur am Datenschutz interessierten Menschen blenden nur allzu gerne aus, welche Vorteile durch ein digitalisiertes Gesundheitswesen realisiert werden können. Nur einige wenige Beispiele: Weniger Doppeluntersuchungen (denn es können im Netz alle autorisierten Beteiligten auf die Untersuchungsergebnisse zugreifen), weniger Strahlenbelastungen durch vermiedene doppelte Röntgenuntersuchungen (selbst erlebt!), mehr Schutz von unerwünschten Nebenwirkungen und Medikationsfehlern (Medikamentencheck bereits bei der Verordnung), diagnostische Unterstützung der Ärzte bei der Erkennung und Einordnung von Krankheitsbildern, sofortige persönliche Ansprache bei Rückrufen (wie etwa bei Arzneimittelrückrufen oder zum Beispiel Brustimplantaten). Und durch anonymisierte Datensammlungen sind Quantensprünge in der medizinischen Forschung möglich. Die Präventionsangebote, die heute auf die Allgemeinheit mit der Gießkanne ausgeschüttet werden, könnten aufgrund frühzeitiger individueller Risikoidentifizierung durch Unterstützung künstlicher Intelligenz personenbezogen viel zielgerichteter verfügbar gemacht werden. Gar nicht zu reden von Forschung zur Krankheitsentstehung und den Therapien bei seltenen Erkrankungen. Und das sind nur ganz wenige Beispiele, die zeigen: Es werden gesundheitliche Risiken in hohem Maße eingedämmt, Kosten gespart und gut für die Umwelt ist es wahrscheinlich auch noch. Darum muss jeder Bürger eine sorgfältige Interessenabwägung zwischen medizinischen Vorteilen und dem Schutz der Daten vornehmen. Ich finde es ist nicht länger hinnehmbar, dass zehntausende Menschen durch Mehrfach- und Falsch-Medikation sowie überflüssige oder falsche Eingriffe sterben oder Schäden erleiden. Natürlich: Der Patient muss immer Herr über seine Daten sein. Und das Gesundheitswesen muss auch für diejenigen funktionieren, die sich freiwillig nicht an den digitalen Fortschritten beteiligen wollen oder können. Meine Meinung steht jedoch fest: Die Vorteile überwiegen ganz deutlich. Und wenn wir uns in Deutschland nicht mit dem Thema beeilen, werden die bekannten Datensammel-Konzerne aus Übersee in das Geschäft drängen. Das tun sie international bereits mit großer Marktmacht. Amazons PillPack liefert zum Beispiel Medikamente in individualisierten Dosierungen. Und vor allem in Blistern: Die komplette Arzneimitteltherapie ist also genau auf die individuellen Einnahmezeitpunkt abgestimmt verpackt. Amazon garantiert kontinuierlichen Nachschub- wer braucht da noch Apotheken? Darum ist mir ein gut gestaltetes, reguliertes und höchstmöglich sicheres deutsches Gesundheitsnetzwerk (mit Apotheken vor Ort!) doch ganz deutlich lieber. Mit „German Angst“ werden wir überholt - darum sollten wir mutig und mit positiver Grundhaltung an dem Thema arbeiten und nicht blockieren. Schon gar nicht mit einseitigen Darstellungen Ängste schüren. Rolf Kauke