Erinnern ohne Zeitzeugen

veröffentlicht

Betr.: Stille Arbeit gegen das Vergessen, MT vom 6. Mai

Vor 74 Jahren befreiten Soldaten der Roten Armee die knapp 7500 Überlebenden des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Von den mehr als 5,6 Millionen Opfern des Holocaust wurden allein etwa eine Million Jüdinnen und Juden in Birkenau ermordet. Hinzu kamen zirka 160.000 nichtjüdische Opfer, die die Hölle von Auschwitz nicht überlebten.

Das Gedenken wird sich verändern, wenn auch die letzten der noch wenigen lebenden Zeitzeugen der NS-Verbrechen gestorben sind und uns nicht mehr berichten können, ist klar. Zeitzeugengespräche waren über viele Jahrzehnte ein zentrales und besonders wertvolles Mittel der Erinnerungsarbeit. Generationen von Schulklassen wurden durch Überlebende der Lager, durch Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen erstmals mit der ganzen Dimension des historischen Geschehens konfrontiert, weil sie dieses oft nur schwer fassbare Grauen anschaulich und emotional erfahrbar vermitteln konnten. Das Tagebuch von Anne Frank kann etwas vermitteln, was kein Geschichtsbuch leisten kann.

Einsetzen müssen wir uns dafür, dass alle Kernaufgaben der Gedenkstätten - also das Erinnern, Aufklären, Vermitteln und Forschen - durch eine finanziell und personell gut ausgestattete institutionelle Förderung auf allen Ebenen abgesichert wird. Das Gedenken darf nicht nur die Opfer im Blick haben, sondern muss auch die Verantwortung des Naziregimes und einer übergroßen Mehrheit der Deutschen für Verfolgung und Millionenfachen Mord klar und deutlich benennen.

Wichtig erscheint mir auch eine Regionalisierung des Erinnerns. Obwohl scheinbar ausreichend Literatur zur NS-Zeit sowie zur Geschichte der Konzentrationslager vorhanden ist, gibt es noch immer eklatante Forschungslücken, etwa bei der Beantwortung der Frage, wie "ganz normale Menschen" unter bestimmten gesellschaftlichen Umständen zu schweigend Zustimmenden, Mitlaufenden oder gar aktiv Handelnden werden und am Ende Mitverantwortung für Taten mit Millionen von Toten haben. Lokale Initiativen des Gedenkens an den Holocaust, die Einzelschicksale mit konkretem lokalem und/oder familiärem Bezug aufarbeiten, machen die Nazi-Verbrechen und ihre Folgen gerade jungen Menschen anschaulich.

Peter Dreier, Minden

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Erinnern ohne ZeitzeugenBetr.: Stille Arbeit gegen das Vergessen, MT vom 6. Mai Vor 74 Jahren befreiten Soldaten der Roten Armee die knapp 7500 Überlebenden des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Von den mehr als 5,6 Millionen Opfern des Holocaust wurden allein etwa eine Million Jüdinnen und Juden in Birkenau ermordet. Hinzu kamen zirka 160.000 nichtjüdische Opfer, die die Hölle von Auschwitz nicht überlebten. Das Gedenken wird sich verändern, wenn auch die letzten der noch wenigen lebenden Zeitzeugen der NS-Verbrechen gestorben sind und uns nicht mehr berichten können, ist klar. Zeitzeugengespräche waren über viele Jahrzehnte ein zentrales und besonders wertvolles Mittel der Erinnerungsarbeit. Generationen von Schulklassen wurden durch Überlebende der Lager, durch Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen erstmals mit der ganzen Dimension des historischen Geschehens konfrontiert, weil sie dieses oft nur schwer fassbare Grauen anschaulich und emotional erfahrbar vermitteln konnten. Das Tagebuch von Anne Frank kann etwas vermitteln, was kein Geschichtsbuch leisten kann. Einsetzen müssen wir uns dafür, dass alle Kernaufgaben der Gedenkstätten - also das Erinnern, Aufklären, Vermitteln und Forschen - durch eine finanziell und personell gut ausgestattete institutionelle Förderung auf allen Ebenen abgesichert wird. Das Gedenken darf nicht nur die Opfer im Blick haben, sondern muss auch die Verantwortung des Naziregimes und einer übergroßen Mehrheit der Deutschen für Verfolgung und Millionenfachen Mord klar und deutlich benennen. Wichtig erscheint mir auch eine Regionalisierung des Erinnerns. Obwohl scheinbar ausreichend Literatur zur NS-Zeit sowie zur Geschichte der Konzentrationslager vorhanden ist, gibt es noch immer eklatante Forschungslücken, etwa bei der Beantwortung der Frage, wie "ganz normale Menschen" unter bestimmten gesellschaftlichen Umständen zu schweigend Zustimmenden, Mitlaufenden oder gar aktiv Handelnden werden und am Ende Mitverantwortung für Taten mit Millionen von Toten haben. Lokale Initiativen des Gedenkens an den Holocaust, die Einzelschicksale mit konkretem lokalem und/oder familiärem Bezug aufarbeiten, machen die Nazi-Verbrechen und ihre Folgen gerade jungen Menschen anschaulich. Peter Dreier, Minden