Ein großartiger Charakter

veröffentlicht

Betr. "Ich wollte noch einmal die Sonne sehen", MT vom 12. Juni

Unter anderen hat das MT auf den Film und den Auftritt von Erna de Vries im Alten Amtsgericht Petershagen mit einem Veranstaltungshinweis aufmerksam gemacht. Hierfür mein besonderer Dank an das MT. Die NOZ hatte zeitnah über das Leben und Wirken von Erna de Vries berichtet und so das Schicksal der Halbjüdin im norddeutschen Raum bereits umfassend in Szene gesetzt.

Das Auditorium hat Erna de Vries - unter dem Eindruck und in Wirkung des Films - beim Betreten des Saales im stehendem Beifall begrüßt. Eine spontane und großartige Geste der Besucher, als Anerkennung für ihr rastloses Wirken und ihre Kraft das Unmenschliche zu ertragen, zu überleben und Erlebtes im Sinne von "Zukunft braucht Vergangenheit" wach zu halten. Eine Demonstration aus Respekt und Bewunderung für eine besondere Frau, einen großartigen Charakter, in der Geschichte.

Erna de Vries ist Jahrgang 1923 und heute 95 jahre alt. Meine Mutter ist Jahrgang 1922 und bereits vor fünf Jahren verstorben. Erna de Vries liebte ihre Mutter, so wie ich meine Mutter geliebt habe. Sie wollte ohne äußeren Zwang ihrer Mutter in das Gas von Auschwitz folgen. Ob ich meiner Mutter in gleicher Weise so bedingungslos wie Erna de Vries in den möglichen Tod gefolgt wäre, habe ich für mich noch nicht beantwortet. Ob ich mein Leben für die Liebe in meine Mutter hingegeben hätte, ist im Rückblick schwer auszumachen. Mich hat eine andere Frage umgetrieben.

Konnte und musste man wissen, welchem Schicksal die Juden bei ihrer Verhaftung und Deportation entgegensehen, war eine Frage aus dem Publikum an die Holocaust-Überlebende Erna de Vries. Ich habe meine Eltern in den fünfziger Jahren mit dieser Frage konfrontiert und bedrängt. Die Eltern sind der vollständigen Beantwortung der Fragen ausgewichen. Mein Großonkel, als MdR, im Zentralkomittee der KPD, gesundheitspolitischer Sprecher der KPD-Fraktion im Reichstag und Opfer der NS-Diktatur, hat das Anschwellen des Antisemitismus schon vor 1933 kommen sehen. Ihm blieb zum Überleben 1938 nur die Flucht nach Großbritannien. Erna de Vries hat recht, wenn sie sagt, wer es wissen wollte, der konnte es wissen. Was haben Menschen zu erwarten, die vollständig entrechtet und entehrt sind, die verhaftet und verschleppt werden und nicht wiederkehren? Wer der Logik und Plausibilität folgte, der wusste, dass Vernichtung zu erwarten war. Ich mache meiner Mutter und meiner Familie heute keinen Vorwurf darüber, dass sie nicht wissen wollten, was aus unseren Nachbarn geworden ist, die man auf Lastwagen getrieben und abtransportiert hat und deren Besitz andere sich aneigneten. Wie haben sie sich verabschiedet? Meine Mutter hat ihre innere Ruhe gefunden, indem einer ihrer Schulkameraden in der Emigration in USA überlebt hat. Seine Besuche in seinem Heimatort und die Gespäche mit ihm, haben ihr und den Jahrgangskameraden dazu gedient, ihre Machtlosigkeit gegenüber der Shoa, dem Massenmord, zu erklären, die furchtbare Entwicklung aufzuhalten und sich mit ihm zu versöhnen. Die Versöhnung war ihr sehr wichtig. Sie wollte die Passivität nicht mit ins Grab nehmen.

Die Schule hat mir keine Erklärungen über die NS-Zeit geliefert. André Schwarz-Bart mit seinem Buch "Der letzte der Gerechten" und Buch und Film "Der Gelbe Stern" haben mir die Geschichte der europäischen Juden und die Judenverfolgung zwischen 1933 bis 1945 im ersten Schritt nahe gebracht. Von den Bildern über die Leichenberge Verhungerter und Ermorderter, die bei der Befreiung der Lager aufgeschichtet wurden, träume ich heute noch hin und wieder. Meine erste Lehrerin konnte das nicht tun, weil der letzte Hitler-Adjutant mit ihr verwandt war.

Wohin diejenigen politisch wollen, die heute unter anderem über das "Mahnmal der Schande" sprechen, wissen wir auch. Aber was tun wir dafür, dass Höcke und Konsorten der Boden unter den Füßen entzogen wird? Wäre es nicht eine Demonstration der politischen Größe und ein Zeichen der Versöhnung mit erlittenem Unrecht gewesen, wenn der Bürgermeister der Stadt und der Ratsvorsitzende im Namen aller Bürger Erna de Vries ihre Aufwartung gemacht und sich bei Erna de Vries für NS-Unrecht entschuldigt hätten, zumal wir ja immer noch die Hypothek des heidnisch/völkischen Friedhofts mit uns herumschleppen. Weil das nicht stattgefunden hat, haben wir wieder eine Chance vertan, Wasser von den Mühlen der Intoleranz und Würdelosigkeit der politisch Gestrigen zu nehmen.

Hans Ulrich Gräf, Minden

Copyright © Mindener Tageblatt 2019
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Ein großartiger CharakterBetr. "Ich wollte noch einmal die Sonne sehen", MT vom 12. Juni Unter anderen hat das MT auf den Film und den Auftritt von Erna de Vries im Alten Amtsgericht Petershagen mit einem Veranstaltungshinweis aufmerksam gemacht. Hierfür mein besonderer Dank an das MT. Die NOZ hatte zeitnah über das Leben und Wirken von Erna de Vries berichtet und so das Schicksal der Halbjüdin im norddeutschen Raum bereits umfassend in Szene gesetzt. Das Auditorium hat Erna de Vries - unter dem Eindruck und in Wirkung des Films - beim Betreten des Saales im stehendem Beifall begrüßt. Eine spontane und großartige Geste der Besucher, als Anerkennung für ihr rastloses Wirken und ihre Kraft das Unmenschliche zu ertragen, zu überleben und Erlebtes im Sinne von "Zukunft braucht Vergangenheit" wach zu halten. Eine Demonstration aus Respekt und Bewunderung für eine besondere Frau, einen großartigen Charakter, in der Geschichte. Erna de Vries ist Jahrgang 1923 und heute 95 jahre alt. Meine Mutter ist Jahrgang 1922 und bereits vor fünf Jahren verstorben. Erna de Vries liebte ihre Mutter, so wie ich meine Mutter geliebt habe. Sie wollte ohne äußeren Zwang ihrer Mutter in das Gas von Auschwitz folgen. Ob ich meiner Mutter in gleicher Weise so bedingungslos wie Erna de Vries in den möglichen Tod gefolgt wäre, habe ich für mich noch nicht beantwortet. Ob ich mein Leben für die Liebe in meine Mutter hingegeben hätte, ist im Rückblick schwer auszumachen. Mich hat eine andere Frage umgetrieben. Konnte und musste man wissen, welchem Schicksal die Juden bei ihrer Verhaftung und Deportation entgegensehen, war eine Frage aus dem Publikum an die Holocaust-Überlebende Erna de Vries. Ich habe meine Eltern in den fünfziger Jahren mit dieser Frage konfrontiert und bedrängt. Die Eltern sind der vollständigen Beantwortung der Fragen ausgewichen. Mein Großonkel, als MdR, im Zentralkomittee der KPD, gesundheitspolitischer Sprecher der KPD-Fraktion im Reichstag und Opfer der NS-Diktatur, hat das Anschwellen des Antisemitismus schon vor 1933 kommen sehen. Ihm blieb zum Überleben 1938 nur die Flucht nach Großbritannien. Erna de Vries hat recht, wenn sie sagt, wer es wissen wollte, der konnte es wissen. Was haben Menschen zu erwarten, die vollständig entrechtet und entehrt sind, die verhaftet und verschleppt werden und nicht wiederkehren? Wer der Logik und Plausibilität folgte, der wusste, dass Vernichtung zu erwarten war. Ich mache meiner Mutter und meiner Familie heute keinen Vorwurf darüber, dass sie nicht wissen wollten, was aus unseren Nachbarn geworden ist, die man auf Lastwagen getrieben und abtransportiert hat und deren Besitz andere sich aneigneten. Wie haben sie sich verabschiedet? Meine Mutter hat ihre innere Ruhe gefunden, indem einer ihrer Schulkameraden in der Emigration in USA überlebt hat. Seine Besuche in seinem Heimatort und die Gespäche mit ihm, haben ihr und den Jahrgangskameraden dazu gedient, ihre Machtlosigkeit gegenüber der Shoa, dem Massenmord, zu erklären, die furchtbare Entwicklung aufzuhalten und sich mit ihm zu versöhnen. Die Versöhnung war ihr sehr wichtig. Sie wollte die Passivität nicht mit ins Grab nehmen. Die Schule hat mir keine Erklärungen über die NS-Zeit geliefert. André Schwarz-Bart mit seinem Buch "Der letzte der Gerechten" und Buch und Film "Der Gelbe Stern" haben mir die Geschichte der europäischen Juden und die Judenverfolgung zwischen 1933 bis 1945 im ersten Schritt nahe gebracht. Von den Bildern über die Leichenberge Verhungerter und Ermorderter, die bei der Befreiung der Lager aufgeschichtet wurden, träume ich heute noch hin und wieder. Meine erste Lehrerin konnte das nicht tun, weil der letzte Hitler-Adjutant mit ihr verwandt war. Wohin diejenigen politisch wollen, die heute unter anderem über das "Mahnmal der Schande" sprechen, wissen wir auch. Aber was tun wir dafür, dass Höcke und Konsorten der Boden unter den Füßen entzogen wird? Wäre es nicht eine Demonstration der politischen Größe und ein Zeichen der Versöhnung mit erlittenem Unrecht gewesen, wenn der Bürgermeister der Stadt und der Ratsvorsitzende im Namen aller Bürger Erna de Vries ihre Aufwartung gemacht und sich bei Erna de Vries für NS-Unrecht entschuldigt hätten, zumal wir ja immer noch die Hypothek des heidnisch/völkischen Friedhofts mit uns herumschleppen. Weil das nicht stattgefunden hat, haben wir wieder eine Chance vertan, Wasser von den Mühlen der Intoleranz und Würdelosigkeit der politisch Gestrigen zu nehmen. Hans Ulrich Gräf, Minden