Welche Natur lieben wir?

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Betr.: Dramatisches Artensterben, MT vom 7. Mai

Der Artikel (und spätere Artikel) hat sicher nicht nur mich tief berührt, sondern viele andere Leser auch. Aber ich hätte mir gewünscht, die Beschreibung des Naturzustandes wäre noch umfassender gewesen. Denn viele Arten, die früher extrem häufig waren (viele Wildblumen, Spatzen, Erdkröten, Wasserfrösche undsoweiter), sind von der Menge her extrem zurückgegangen und fehlen einem intakten und stabilen ökologischen Gefüge. Auch wenn sie nicht gleich vom Aussterben bedroht sind.

Dazu meine persönlichen Beobachtungen: Als wir vor zehn Jahren in unsere Siedlung zogen, sangen auf den Nachbardächern noch sieben Amselmännchen abends ein schönes Konzert. Jetzt sind es noch ein bis zwei Paare, und sie singen nicht mehr. Ist nur der Usutu-Virus die Ursache? Während sich in meiner Kartenspielrunde schon mal jemand beschwert, die Vögel wären morgens so laut, ist es bei uns still. Fällt das nur mir auf? Die beiden Spatzenpärchen am Futterhaus sind extrem scheu, und letzte Woche lag ein Vogel mit fehlendem Kopf und aufgerissener Brust am Grundstückseingang. Wieso hüpfen die Spatzen beim Großstadtbesuch so mutig zwischen den Terrassenstühlen herum, nicht aber bei uns?

Naturliebe hat viele Gesichter. Dazu gehören inzwischen auch viele Hunde und fast noch mehr frei herumlaufende Katzen. Naturliebe kann auch die Freude am formgeschnittenen Buchs im Schotterbeet bedeuten – die Geschmäcker sind nun mal verschieden. Aber wenn wir über Artenvielfalt sprechen, frage ich mich schon, ob unsere zarten Werbeaktionen für Wildpflanzen und -tiere – über Zeitungsartikel, Samentüten undsoweiter - ausreichen. Keiner will schließlich als „Öko-Radikaler“ betitelt werden. Und warum kosten Hunde Steuern, Katzen aber meines Wissens nach nicht?

Natur ist komplex und vielfältig, über einzelne Aspekte des Artensterbens lässt sich deshalb trefflich streiten. Stattdessen wünsche ich uns mehr Mut und Spaß daran, aktiv zu werden und wieder mehr wilde Natur zuzulassen.

Dagmar Diesing, Minden

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Welche Natur lieben wir?Betr.: Dramatisches Artensterben, MT vom 7. MaiDer Artikel (und spätere Artikel) hat sicher nicht nur mich tief berührt, sondern viele andere Leser auch. Aber ich hätte mir gewünscht, die Beschreibung des Naturzustandes wäre noch umfassender gewesen. Denn viele Arten, die früher extrem häufig waren (viele Wildblumen, Spatzen, Erdkröten, Wasserfrösche undsoweiter), sind von der Menge her extrem zurückgegangen und fehlen einem intakten und stabilen ökologischen Gefüge. Auch wenn sie nicht gleich vom Aussterben bedroht sind.Dazu meine persönlichen Beobachtungen: Als wir vor zehn Jahren in unsere Siedlung zogen, sangen auf den Nachbardächern noch sieben Amselmännchen abends ein schönes Konzert. Jetzt sind es noch ein bis zwei Paare, und sie singen nicht mehr. Ist nur der Usutu-Virus die Ursache? Während sich in meiner Kartenspielrunde schon mal jemand beschwert, die Vögel wären morgens so laut, ist es bei uns still. Fällt das nur mir auf? Die beiden Spatzenpärchen am Futterhaus sind extrem scheu, und letzte Woche lag ein Vogel mit fehlendem Kopf und aufgerissener Brust am Grundstückseingang. Wieso hüpfen die Spatzen beim Großstadtbesuch so mutig zwischen den Terrassenstühlen herum, nicht aber bei uns?Naturliebe hat viele Gesichter. Dazu gehören inzwischen auch viele Hunde und fast noch mehr frei herumlaufende Katzen. Naturliebe kann auch die Freude am formgeschnittenen Buchs im Schotterbeet bedeuten – die Geschmäcker sind nun mal verschieden. Aber wenn wir über Artenvielfalt sprechen, frage ich mich schon, ob unsere zarten Werbeaktionen für Wildpflanzen und -tiere – über Zeitungsartikel, Samentüten undsoweiter - ausreichen. Keiner will schließlich als „Öko-Radikaler“ betitelt werden. Und warum kosten Hunde Steuern, Katzen aber meines Wissens nach nicht?Natur ist komplex und vielfältig, über einzelne Aspekte des Artensterbens lässt sich deshalb trefflich streiten. Stattdessen wünsche ich uns mehr Mut und Spaß daran, aktiv zu werden und wieder mehr wilde Natur zuzulassen. Dagmar Diesing, Minden