Wider dem Kauderwelsch

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Betr. Standpunkt, MT vom 13. April

Ich muss Frau Jäger aus vollem Herzen zustimmen. Aus dem einfachen Satz, der einmal für Männer und Frauen gemeinsam galt: „Sie ging über den Bürgersteig in die Gastwirtschaft“, ist jetzt geworden: „Sie ging über den Bürger/Bürgerinnensteig in die Gast/Gästin-wirt/wirtinschaft.“

Und dabei steht der Streit darüber noch aus, wer als erstes genannt werden darf. Gewohnheitsgemäß wurde bislang die weibliche Endung „/in“ angefügt. Aber wie spricht man einen Schrägstrich? Wenn man also nicht wie beim Diktat die komplette Interpunktion aussprechen möchte, muss wohl oder übel, sowohl die weibliche wie auch die männliche Bezeichnung in voller Länge gesprochen werden; vermutlich die weibliche zuerst.

Oder auch nicht!

Und das ist es, was mich neben der absoluten Unlesbarkeit auch noch stört. Es gibt keine Konsequenz darin, es gibt keine exakten Richtlinien, welche Begriffe sollen zur Unlesbarkeit verdoppelt werden und welche nicht. Und selbst, wenn es so etwas gäbe, ich will so ein Kauderwelsch weder sprechen noch lesen und schon gar nicht schreiben. Und nicht nur, weil es bereits in seiner Absolutheit ein unmögliches Unterfangen ist. Es gibt allenfalls ein „gar nicht“, aber auf keinen Fall ein „ganz". Für mich gehört Feminismus dorthin, wo es den Frauen alleine nutzbar ist und nicht dorthin, wo es die Männer ausgrenzt. Da sich so manche Gleichstellungsbeauftragte zu einer Getrenntstellungsbeauftragten macht, weil sie unser Grundgesetz Artikel 3, „alle Menschen sind gleich“, übersetzt in „Männer und Frauen sind getrennt zu nennen.“

Das Pendant zu Herr ist bekanntlich Dame und zu Mann ist es die Frau. Die bekannte Anrede von Herr und Frau Meier entsprechend zu verändern in Herr und Dame Meier, oder von mir aus auch in Mann und Frau Meier, das machte Sinn. Aber vielleicht auch nur für mich.

Für mich hat ein Bäcker eine Funktion und kein bestimmtes Geschlecht und den Bürgersteig werde ich nach wie vor auch als Frau benutzen. Und das wird auch so bleiben.

Marita Schlüter, Minden

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Wider dem KauderwelschBetr. Standpunkt, MT vom 13. April Ich muss Frau Jäger aus vollem Herzen zustimmen. Aus dem einfachen Satz, der einmal für Männer und Frauen gemeinsam galt: „Sie ging über den Bürgersteig in die Gastwirtschaft“, ist jetzt geworden: „Sie ging über den Bürger/Bürgerinnensteig in die Gast/Gästin-wirt/wirtinschaft.“ Und dabei steht der Streit darüber noch aus, wer als erstes genannt werden darf. Gewohnheitsgemäß wurde bislang die weibliche Endung „/in“ angefügt. Aber wie spricht man einen Schrägstrich? Wenn man also nicht wie beim Diktat die komplette Interpunktion aussprechen möchte, muss wohl oder übel, sowohl die weibliche wie auch die männliche Bezeichnung in voller Länge gesprochen werden; vermutlich die weibliche zuerst. Oder auch nicht! Und das ist es, was mich neben der absoluten Unlesbarkeit auch noch stört. Es gibt keine Konsequenz darin, es gibt keine exakten Richtlinien, welche Begriffe sollen zur Unlesbarkeit verdoppelt werden und welche nicht. Und selbst, wenn es so etwas gäbe, ich will so ein Kauderwelsch weder sprechen noch lesen und schon gar nicht schreiben. Und nicht nur, weil es bereits in seiner Absolutheit ein unmögliches Unterfangen ist. Es gibt allenfalls ein „gar nicht“, aber auf keinen Fall ein „ganz". Für mich gehört Feminismus dorthin, wo es den Frauen alleine nutzbar ist und nicht dorthin, wo es die Männer ausgrenzt. Da sich so manche Gleichstellungsbeauftragte zu einer Getrenntstellungsbeauftragten macht, weil sie unser Grundgesetz Artikel 3, „alle Menschen sind gleich“, übersetzt in „Männer und Frauen sind getrennt zu nennen.“ Das Pendant zu Herr ist bekanntlich Dame und zu Mann ist es die Frau. Die bekannte Anrede von Herr und Frau Meier entsprechend zu verändern in Herr und Dame Meier, oder von mir aus auch in Mann und Frau Meier, das machte Sinn. Aber vielleicht auch nur für mich. Für mich hat ein Bäcker eine Funktion und kein bestimmtes Geschlecht und den Bürgersteig werde ich nach wie vor auch als Frau benutzen. Und das wird auch so bleiben. Marita Schlüter, Minden