Viele wissen nicht, was Krieg ist

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Betr.: Am Puls Europas, MT vom 09. März

Was Krieg ist, kann man nicht aus dem Fernsehen erfahren. Die grausame, gefahrvolle Wirklichkeit eines Krieges wird einen Zuschauer, der sich in einem geschützten Raum befindet, nicht erreichen. Nur wer den Krieg in seiner Bedrohung selbst erleben musste, hat eine Vorstellung von diesem schrecklichen Ereignis. Deshalb melde ich mich als Zeitzeuge des letzten Weltkriegs im Blick auf die Europawahl zu Wort. Als der 2. Weltkrieg 1939 begann, war ich 11 Jahre alt, als ich nach Kriegseinsatz und Gefangenschaft nach Hause zurückkehrte, war ich 17. Dazwischen lag zeitweilig fast nächtlicher Fliegeralarm, bei dem wir meinen kleinen Bruder im Waschkorb in den Keller trugen, dann Fronteinsatz, Artilleriebeschuss, Fluchterlebnisse, brennende Städte und die furchtbaren Bombenangriffe auf Bahnhöfe und Flugplätze, auf denen ich mich gerade befand. Andere Menschen meines Alters haben noch viel Schlimmeres erlebt. So etwas darf sich nicht wiederholen! Darum bin ich ein leidenschaftlicher Europäer. Nach einem Wort von Carl-Friedrich von Weizsäcker muss sich die Außenpolitik der Staaten zu einer Weltinnenpolitik weiterentwickeln. Wäre Europa schon damals so weit gewesen, hätten die grausamen Kriege auf dem Balkan 1991 bis 1995 und 1999 vermieden werden können. Die Konflikte zwischen den Staaten, die es auch in Europa immer wieder geben wird, werden in einem geeinten Europa nicht mehr mit Gewalt, also durch Kriege gelöst, sondern durch Dialog und Diplomatie. Ich weiß schon, dass viele Dinge zwischen den nationalen Regierungen und der Europäischen Union noch nicht zufriedenstellend geregelt sind. Aber diese Unzulänglichkeiten sind marginal im Vergleich zur Friedenoption in Europa. Immer werden die europäischen Staaten in den wirtschaftlichen, bildungspolitischen, ökologischen und ethischen Fragen um die richtige Balance mit Brüssel ringen müssen. Aber über allem steht die Sorge um den Frieden, der das Fundament für das menschliche Zusammenleben ist. Die Bewahrung des Friedens ist die leitende Idee für die Einheit Europas. Darum habe ich kein Verständnis für diejenigen, die Europa madig machen oder für unwichtig halten. Wir sollten ihnen mutig widersprechen und die Stimme der letzten noch lebenden Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs nicht überhören.

Propst i. R. Paul Jakobi

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Viele wissen nicht, was Krieg istBetr.: Am Puls Europas, MT vom 09. März Was Krieg ist, kann man nicht aus dem Fernsehen erfahren. Die grausame, gefahrvolle Wirklichkeit eines Krieges wird einen Zuschauer, der sich in einem geschützten Raum befindet, nicht erreichen. Nur wer den Krieg in seiner Bedrohung selbst erleben musste, hat eine Vorstellung von diesem schrecklichen Ereignis. Deshalb melde ich mich als Zeitzeuge des letzten Weltkriegs im Blick auf die Europawahl zu Wort. Als der 2. Weltkrieg 1939 begann, war ich 11 Jahre alt, als ich nach Kriegseinsatz und Gefangenschaft nach Hause zurückkehrte, war ich 17. Dazwischen lag zeitweilig fast nächtlicher Fliegeralarm, bei dem wir meinen kleinen Bruder im Waschkorb in den Keller trugen, dann Fronteinsatz, Artilleriebeschuss, Fluchterlebnisse, brennende Städte und die furchtbaren Bombenangriffe auf Bahnhöfe und Flugplätze, auf denen ich mich gerade befand. Andere Menschen meines Alters haben noch viel Schlimmeres erlebt. So etwas darf sich nicht wiederholen! Darum bin ich ein leidenschaftlicher Europäer. Nach einem Wort von Carl-Friedrich von Weizsäcker muss sich die Außenpolitik der Staaten zu einer Weltinnenpolitik weiterentwickeln. Wäre Europa schon damals so weit gewesen, hätten die grausamen Kriege auf dem Balkan 1991 bis 1995 und 1999 vermieden werden können. Die Konflikte zwischen den Staaten, die es auch in Europa immer wieder geben wird, werden in einem geeinten Europa nicht mehr mit Gewalt, also durch Kriege gelöst, sondern durch Dialog und Diplomatie. Ich weiß schon, dass viele Dinge zwischen den nationalen Regierungen und der Europäischen Union noch nicht zufriedenstellend geregelt sind. Aber diese Unzulänglichkeiten sind marginal im Vergleich zur Friedenoption in Europa. Immer werden die europäischen Staaten in den wirtschaftlichen, bildungspolitischen, ökologischen und ethischen Fragen um die richtige Balance mit Brüssel ringen müssen. Aber über allem steht die Sorge um den Frieden, der das Fundament für das menschliche Zusammenleben ist. Die Bewahrung des Friedens ist die leitende Idee für die Einheit Europas. Darum habe ich kein Verständnis für diejenigen, die Europa madig machen oder für unwichtig halten. Wir sollten ihnen mutig widersprechen und die Stimme der letzten noch lebenden Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs nicht überhören. Propst i. R. Paul Jakobi