Ja, Herr Piel - und Nein, Herr Piel!

veröffentlicht

Betr. "Kopfschütteln reicht nicht", MT vom 26. Februar

,,Ja", Sie schreiben ,,Meinungsfreiheit ist ein schönes Wort'' - unbedingt, tatsächlich aber auch noch erheblich mehr! Meinungsfreiheit ist eines der höchsten und wichtigsten Rechtsgüter unserer demokratischen Ordnung und letztendlich Grundlage der 70-jährigen Erfolgsgeschichte unseres Landes. Davon bin ich fest überzeugt! Die Grenzen, die eine Einschränkung der Meinungsfreiheit rechtfertigen, sind glücklicherweise von den Grundgesetzvätern und -müttern sehr eng gesetzt. Sie benennen in Ihrer Antwort diese Grenzen: Beleidigung, Verleumdung, Bedrohung, Hetze. Ich stimme Ihnen uneingeschränkt zu, möchte in Anbetracht der Entwicklungen der heutigen Zeit noch Rassismus, religiösen und nationalistischen Fanatismus ergänzen.

,,Nein", weil Sie die Äußerungen, in dem von mir kritisierten Leserbrief (,,Messen mit zweierlei Maß''), entsprechend der oben genannten Kriterien eben nicht beleidigend, nicht verleumdend, nicht hetzend, nicht (be)drohend einschätzen. Meiner Ansicht nach waren diese Äußerungen nicht grenzwertig, nicht in einer noch akzeptablen Grauzone. Nein - hier wurden Grenzen überschritten!

Millionen vor Krieg, Gewalt und Angst flüchtende Mitmenschen werden in Sippenhaft genommen für die Gräueltaten Einzelner. Dann werden zwei Grundpfeiler unserer Demokratie, Justiz und Parlament, mit absurden, verschwörungstheoretischen Unterstellungen überzogen. Redefreiheit wird hier missbraucht!

Ich möchte mich bei Ihnen, Herr Piel, ausdrücklich bedanken für die sehr persönliche Stellungnahme zu meinem Leserbrief - auch und v.a. in dem Wissen, dass eine solche öffentliche Positionierung von überparteilichen Redakteurinnen und Redakteuren ein nicht von allen gern gesehener und damit mutiger Schritt ist. Für mich erschreckend ist jedoch die Erkenntnis, dass wir uns gesellschaftlich in einem Prozess befinden, in dem sich die Kriterien/Grenzen für die Angemessenheit von Äußerungen verschieben - und das ist keine Kritik an Ihnen persönlich, sondern vielmehr eine besorgte Beobachtung.

Abschließend möchte ich den Flüchtling Herbert Frahm, eher bekannt als Willy Brandt, zitieren: ,,Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts." Dies gilt auch für den inneren Frieden, den ich durch die Verrohung der Sprache, der Umgangsformen und der schwindenden Solidarität durchaus gefährdet sehe.

Rudi Stahlhut, Petershagen

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Ja, Herr Piel - und Nein, Herr Piel!Betr. "Kopfschütteln reicht nicht", MT vom 26. Februar ,,Ja", Sie schreiben ,,Meinungsfreiheit ist ein schönes Wort'' - unbedingt, tatsächlich aber auch noch erheblich mehr! Meinungsfreiheit ist eines der höchsten und wichtigsten Rechtsgüter unserer demokratischen Ordnung und letztendlich Grundlage der 70-jährigen Erfolgsgeschichte unseres Landes. Davon bin ich fest überzeugt! Die Grenzen, die eine Einschränkung der Meinungsfreiheit rechtfertigen, sind glücklicherweise von den Grundgesetzvätern und -müttern sehr eng gesetzt. Sie benennen in Ihrer Antwort diese Grenzen: Beleidigung, Verleumdung, Bedrohung, Hetze. Ich stimme Ihnen uneingeschränkt zu, möchte in Anbetracht der Entwicklungen der heutigen Zeit noch Rassismus, religiösen und nationalistischen Fanatismus ergänzen. ,,Nein", weil Sie die Äußerungen, in dem von mir kritisierten Leserbrief (,,Messen mit zweierlei Maß''), entsprechend der oben genannten Kriterien eben nicht beleidigend, nicht verleumdend, nicht hetzend, nicht (be)drohend einschätzen. Meiner Ansicht nach waren diese Äußerungen nicht grenzwertig, nicht in einer noch akzeptablen Grauzone. Nein - hier wurden Grenzen überschritten! Millionen vor Krieg, Gewalt und Angst flüchtende Mitmenschen werden in Sippenhaft genommen für die Gräueltaten Einzelner. Dann werden zwei Grundpfeiler unserer Demokratie, Justiz und Parlament, mit absurden, verschwörungstheoretischen Unterstellungen überzogen. Redefreiheit wird hier missbraucht! Ich möchte mich bei Ihnen, Herr Piel, ausdrücklich bedanken für die sehr persönliche Stellungnahme zu meinem Leserbrief - auch und v.a. in dem Wissen, dass eine solche öffentliche Positionierung von überparteilichen Redakteurinnen und Redakteuren ein nicht von allen gern gesehener und damit mutiger Schritt ist. Für mich erschreckend ist jedoch die Erkenntnis, dass wir uns gesellschaftlich in einem Prozess befinden, in dem sich die Kriterien/Grenzen für die Angemessenheit von Äußerungen verschieben - und das ist keine Kritik an Ihnen persönlich, sondern vielmehr eine besorgte Beobachtung. Abschließend möchte ich den Flüchtling Herbert Frahm, eher bekannt als Willy Brandt, zitieren: ,,Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts." Dies gilt auch für den inneren Frieden, den ich durch die Verrohung der Sprache, der Umgangsformen und der schwindenden Solidarität durchaus gefährdet sehe. Rudi Stahlhut, Petershagen