Perfekt bis in die Details

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Betr.: Der Ring des Nibelungen in Minden

Schon seit Jahren fahre ich im Herbst nach Minden zu den Wagner-Aufführungen, die für das internationale Publikum völlig neue Maßstäbe setzen. Der bisherige Höhepunkt war - wie könnte es anders sein - der Ring des Nibelungen, der 2018 mit der Götterdämmerung seinen Abschluss fand. Ich war so beeindruckt, dass ich mich zweimal auf den langen Weg von München nach Minden gemacht habe. Selbst Experten fragten, wie könne der "Ring" mit Orchester, Chor und Sängern auf der Mindener Bühne mit ihren begrenzten Möglichkeiten gelingen? Nun, das "Wunder an der Weser" wurde wahr, das sogenannte "Mindener Modell" hat seine Überzeugungskraft eindrucksvoll bewiesen. Die Konzentration auf das Wesentliche und die Nähe des Publikums zum Geschehen und den Darstellern schafft eine Überzeugungskraft, wie ich sie in dieser Intensität noch nie erlebt habe.

Information

Dr. Bauer ist Theaterwissenschaftler, wissenschaftlich-künstlerischer Mitarbeiter von Wolfgang Wagner bei den Bayreuther Festspielen, Generalsekretär der "Bayrischen Akademie der Schönen Künste" und jetzt Ehrenmitglied. Weltweite Ausstellungs- und Vortragstätigkeit. Verfasser der zweibändigen "Geschichte der Bayreuther Festspiele" 2017

Und nun ist auch das Buch mit dem roten Ring erschienen. Kluge, einsichtsvolle und substantielle Text-Beiträge rufen Bilder, Emotionen, Erinnerungen, Eindrücke und Einsichten wieder wach: "Warum der Ring in Minden" von Frank Beermann, "Wagners Ring des Nibelungene" von Gerd Heinz, "Groß kann ich, klein ist die Herausforderung" von Frank Philipp Schlössmann. Für den Teamgeist spricht auch, dass niemand unter den Mitarbeitern vergessen wurde: Lichtgestalter, die Verantwortlichen für die Videosequenzen, Kostümabteilung, und so weiter. Alle die, die "Backstage" arbeiten, erhielten ihre Anerkennung.

Gerdazu überwältigend ist der Bildteil des Buchs. Das Mindener Theater ist nicht groß. Das Team verlegte sich nicht auf das Naheliegende, sondern entwickelte ein völlig neues Konzept: keine Barriere, die Trennung durch den Orchestergraben ist aufgehoben, die Vorbühne der Schauplatz. Durch die unmittelbare Nähe zu den Sänger-Darstellern wurden wir Besucher zum aktiven Teil dieser ungeheuren Geschichte: wir freuten uns mit ihnen, wir litten mit ihnen, nahmen Partei, waren erschüttert und entsetzt, erschrocken über die Brutalität, mit der wir direkt konfrontiert wurden, es wurde unsere Geschichte, wir waren deren Teil. All dies ist in einer geradezu überwältigenden und auch erschreckenden Weise in den hervorragenden Aufnahmen festgehalten. Ihre Ausdruckskraft ruft auf eindringliche Weise alles wieder in Erinnerung: so nahe, so überzeugend in der jubelnden Freude, in der Enttäuschung und Niedergeschlagenheit, in der Wut und der Bösartigkeit. Bis in die unglaubliche Dichte ihrer Körpersprache vermögen sie eine gesangliche und darstellerische Überzeugungskraft zu vermitteln, wie sie so unmittelbar, so direkt und eindrucksvoll in keinem großen Opernhaus möglich wäre.

Die Bilder sind perfekt bis in die Details, sie vermitteln die Ausdruckskraft, die in der Aufführung so packend gewesen ist. Man ist versucht zu sagen, die Bilder erscheinen in der Erinnerung zu klingen mit dem Orchester, mit dem Chor, mit dem Ensemble der Sänger.

Es stimmt, was Andreas Kuntze schreibt: "Dies alles war einmalig, es hat uns erfüllt und muss bewahrt werden." Das leistet dieses großartige Buch in einmaliger Weise. Das Buch ist schon jetzt für mich das "Buch des Jahres", innovativ, klug, einsichtsvoll und überzeugend im Ganzen.

Und dafür gehört allen Beteiligten unser Dank, der Dank des Publikums. Ich freue mich schon jetzt auf die Gesamtaufführung im Herbst.

Dr. Oswald Georg Bauer, Bayreuth

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Perfekt bis in die DetailsBetr.: Der Ring des Nibelungen in Minden Schon seit Jahren fahre ich im Herbst nach Minden zu den Wagner-Aufführungen, die für das internationale Publikum völlig neue Maßstäbe setzen. Der bisherige Höhepunkt war - wie könnte es anders sein - der Ring des Nibelungen, der 2018 mit der Götterdämmerung seinen Abschluss fand. Ich war so beeindruckt, dass ich mich zweimal auf den langen Weg von München nach Minden gemacht habe. Selbst Experten fragten, wie könne der "Ring" mit Orchester, Chor und Sängern auf der Mindener Bühne mit ihren begrenzten Möglichkeiten gelingen? Nun, das "Wunder an der Weser" wurde wahr, das sogenannte "Mindener Modell" hat seine Überzeugungskraft eindrucksvoll bewiesen. Die Konzentration auf das Wesentliche und die Nähe des Publikums zum Geschehen und den Darstellern schafft eine Überzeugungskraft, wie ich sie in dieser Intensität noch nie erlebt habe. Und nun ist auch das Buch mit dem roten Ring erschienen. Kluge, einsichtsvolle und substantielle Text-Beiträge rufen Bilder, Emotionen, Erinnerungen, Eindrücke und Einsichten wieder wach: "Warum der Ring in Minden" von Frank Beermann, "Wagners Ring des Nibelungene" von Gerd Heinz, "Groß kann ich, klein ist die Herausforderung" von Frank Philipp Schlössmann. Für den Teamgeist spricht auch, dass niemand unter den Mitarbeitern vergessen wurde: Lichtgestalter, die Verantwortlichen für die Videosequenzen, Kostümabteilung, und so weiter. Alle die, die "Backstage" arbeiten, erhielten ihre Anerkennung. Gerdazu überwältigend ist der Bildteil des Buchs. Das Mindener Theater ist nicht groß. Das Team verlegte sich nicht auf das Naheliegende, sondern entwickelte ein völlig neues Konzept: keine Barriere, die Trennung durch den Orchestergraben ist aufgehoben, die Vorbühne der Schauplatz. Durch die unmittelbare Nähe zu den Sänger-Darstellern wurden wir Besucher zum aktiven Teil dieser ungeheuren Geschichte: wir freuten uns mit ihnen, wir litten mit ihnen, nahmen Partei, waren erschüttert und entsetzt, erschrocken über die Brutalität, mit der wir direkt konfrontiert wurden, es wurde unsere Geschichte, wir waren deren Teil. All dies ist in einer geradezu überwältigenden und auch erschreckenden Weise in den hervorragenden Aufnahmen festgehalten. Ihre Ausdruckskraft ruft auf eindringliche Weise alles wieder in Erinnerung: so nahe, so überzeugend in der jubelnden Freude, in der Enttäuschung und Niedergeschlagenheit, in der Wut und der Bösartigkeit. Bis in die unglaubliche Dichte ihrer Körpersprache vermögen sie eine gesangliche und darstellerische Überzeugungskraft zu vermitteln, wie sie so unmittelbar, so direkt und eindrucksvoll in keinem großen Opernhaus möglich wäre. Die Bilder sind perfekt bis in die Details, sie vermitteln die Ausdruckskraft, die in der Aufführung so packend gewesen ist. Man ist versucht zu sagen, die Bilder erscheinen in der Erinnerung zu klingen mit dem Orchester, mit dem Chor, mit dem Ensemble der Sänger. Es stimmt, was Andreas Kuntze schreibt: "Dies alles war einmalig, es hat uns erfüllt und muss bewahrt werden." Das leistet dieses großartige Buch in einmaliger Weise. Das Buch ist schon jetzt für mich das "Buch des Jahres", innovativ, klug, einsichtsvoll und überzeugend im Ganzen. Und dafür gehört allen Beteiligten unser Dank, der Dank des Publikums. Ich freue mich schon jetzt auf die Gesamtaufführung im Herbst. Dr. Oswald Georg Bauer, Bayreuth