1.ooo-fache demokratische Strahlkraft?

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Betr.: „Ein Stoppschild einzementiert“, MT vom 17. Dezember

Ich möchte nicht falsch verstanden werden, es geht mir nicht um Nachtreten. Mich stört nur die abgehobene „Glorifizierung“ des Bürgerentscheids in diesem Leserbrief. Die Entscheidung ist gefallen und muss natürlich respektiert werden. Ich bin in keiner Partei und auch kein Beauftragter oder Strohmann. Ich bin ein besorgter Großvater und lebe seit über 70 Jahren im Süden dieser Stadt.

In dieser Zeit habe ich meine drei Töchter viele Jahre als Klassenpflegschaftsvorsitzender in allen Schulformen begleitet und gelernt, wie Eltern (manche auch auf dem Egotrip) und Lehrer ticken. Schulen wurden geschlossen. Kinder mussten vorübergehend oder auf Dauer ihr Dorf zum Unterricht verlassen. Meines Wissens hat keines dieser Kinder beim Busfahren und auch sonst körperlichen oder geistigen Schaden genommen.

Der Leserbriefverfasser aus Veltheim schreibt, was das Lösen von Problemen sehr

oft erschwert. Er teilt die Welt in Gut und Böse ein. Auf der einen Seite die

Lichtgestalt einer Bürgerinitiative mit „tausendfacher demokratischer Strahlkraft“, die mit 30 % aller Wahlberechtigten im Rücken, wie Asterix das Gallier-Dorf rettet und mit einem goldenen Füllhorn Millionen gleichmäßig über die Schulgebäude verteilt. Auf der anderen Seite die machtgeile bürgerferne Politik, die Entscheidungen trifft mit Egotrips, Basta-Politik, oberlehrerhaft

usw., und den Bürgern völlig unbegründet ihre Schulen wegnehmen will. Ein wunderbarer Nährboden für Politikverdrossenheit.

Damit auch niemand von den „fehlgeleiteten“ Mitbürgern es wagt zu widersprechen, funktioniert er sein einzementiertes Stoppschild kurz entschlossen als Maulkorb um. Wer anderer Meinung ist, der hat „für immer in der Versenkung zu verschwinden“ und hat „überhaupt nichts verstanden und nichts dazu gelernt“. Dazu noch die „tausendfache demokratische Strahlkraft“. Haben Sie es nicht ein bisschen kleiner und realistischer, lieber Veltheimer Nachbar und Mitbürger? Viel Licht erzeugt meistens auch viel Schatten.

Die Ortsteile unserer Stadt haben unterschiedliche Strukturen. Alle Schulen,

bildlich gesprochen, in inen Topf werfen, überall etwas Geld darüber streuen und kräftig umrühren, daraus entsteht noch lange keine bekömmliche Suppe.

Schulentwicklungsplanung ist kein nostalgischer Denkmalschutz für Schulgebäude, sondern die Planung einer zukunftsorientierten Entwicklung der Schullandschaft im Interesse der Kinder unserer Stadt. Es kann dabei nur sehr nachrangig um die Sicherung von Begegnungsfunktionen für Vereine und Ortsgemeinschaften gehen.

Sportler und Eltern in Eisbergen, auch das sind Bürger mit berechtigten Interessen, haben an einem „runden Tisch“ in vielen Gesprächen ein Konzept erarbeitet und Politik und Verwaltung davon überzeugt, dass ihre viel zu kleine, marode, fast baufällige Turnhalle durch einen Neubau ersetzt wird. Alle Arbeit war wahrscheinlich umsonst, man steht mit leeren Händen da.

Basisdemokraten, die nicht in der Verantwortung für das Ganze stehen, haben

entschieden, dass nur geflickt und verschönert wird. Hinzu kommt, dass es im

Hauptstandort Eisbergen des Schulverbundes bei viel zu großen Klassen mit bis

zu 30 Schülern bleibt. Schüchterne, zurückhaltende Kinder gehen da unter. Der Nebenstandort Veltheim kann sich über eine Anfangsklasse mit 14 Schülern freuen.

Gemeinsames Lernen von Kindern aus unterschiedlichen Ortsteilen in gleichgroßen Klassen, fördert mit Sicherheit das Zusammenwachsen und den Zusammenhalt dieser Orte. Kinder sind nämlich, im Gegensatz zu vielen Erwachsenen, neugierig und offen für Gemeinsamkeiten und kennen keine Vorurteile. Aber Kinder konnten ja hier nicht über ihre Zukunft entscheiden. So viel auch zur „1.000-fachen demokratischen Strahlkraft“ des Bürgerentscheids.

Ein Blick durch ein Guckloch in dem großen einzementierten Stoppschild würde

übrigens helfen, den Horizont um ein Vielfaches zu erweitern.

Karl-Heinz Schmidt,Porta Westfalica

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1.ooo-fache demokratische Strahlkraft?Betr.: „Ein Stoppschild einzementiert“, MT vom 17. Dezember Ich möchte nicht falsch verstanden werden, es geht mir nicht um Nachtreten. Mich stört nur die abgehobene „Glorifizierung“ des Bürgerentscheids in diesem Leserbrief. Die Entscheidung ist gefallen und muss natürlich respektiert werden. Ich bin in keiner Partei und auch kein Beauftragter oder Strohmann. Ich bin ein besorgter Großvater und lebe seit über 70 Jahren im Süden dieser Stadt. In dieser Zeit habe ich meine drei Töchter viele Jahre als Klassenpflegschaftsvorsitzender in allen Schulformen begleitet und gelernt, wie Eltern (manche auch auf dem Egotrip) und Lehrer ticken. Schulen wurden geschlossen. Kinder mussten vorübergehend oder auf Dauer ihr Dorf zum Unterricht verlassen. Meines Wissens hat keines dieser Kinder beim Busfahren und auch sonst körperlichen oder geistigen Schaden genommen. Der Leserbriefverfasser aus Veltheim schreibt, was das Lösen von Problemen sehr oft erschwert. Er teilt die Welt in Gut und Böse ein. Auf der einen Seite die Lichtgestalt einer Bürgerinitiative mit „tausendfacher demokratischer Strahlkraft“, die mit 30 % aller Wahlberechtigten im Rücken, wie Asterix das Gallier-Dorf rettet und mit einem goldenen Füllhorn Millionen gleichmäßig über die Schulgebäude verteilt. Auf der anderen Seite die machtgeile bürgerferne Politik, die Entscheidungen trifft mit Egotrips, Basta-Politik, oberlehrerhaft usw., und den Bürgern völlig unbegründet ihre Schulen wegnehmen will. Ein wunderbarer Nährboden für Politikverdrossenheit. Damit auch niemand von den „fehlgeleiteten“ Mitbürgern es wagt zu widersprechen, funktioniert er sein einzementiertes Stoppschild kurz entschlossen als Maulkorb um. Wer anderer Meinung ist, der hat „für immer in der Versenkung zu verschwinden“ und hat „überhaupt nichts verstanden und nichts dazu gelernt“. Dazu noch die „tausendfache demokratische Strahlkraft“. Haben Sie es nicht ein bisschen kleiner und realistischer, lieber Veltheimer Nachbar und Mitbürger? Viel Licht erzeugt meistens auch viel Schatten. Die Ortsteile unserer Stadt haben unterschiedliche Strukturen. Alle Schulen, bildlich gesprochen, in inen Topf werfen, überall etwas Geld darüber streuen und kräftig umrühren, daraus entsteht noch lange keine bekömmliche Suppe. Schulentwicklungsplanung ist kein nostalgischer Denkmalschutz für Schulgebäude, sondern die Planung einer zukunftsorientierten Entwicklung der Schullandschaft im Interesse der Kinder unserer Stadt. Es kann dabei nur sehr nachrangig um die Sicherung von Begegnungsfunktionen für Vereine und Ortsgemeinschaften gehen. Sportler und Eltern in Eisbergen, auch das sind Bürger mit berechtigten Interessen, haben an einem „runden Tisch“ in vielen Gesprächen ein Konzept erarbeitet und Politik und Verwaltung davon überzeugt, dass ihre viel zu kleine, marode, fast baufällige Turnhalle durch einen Neubau ersetzt wird. Alle Arbeit war wahrscheinlich umsonst, man steht mit leeren Händen da. Basisdemokraten, die nicht in der Verantwortung für das Ganze stehen, haben entschieden, dass nur geflickt und verschönert wird. Hinzu kommt, dass es im Hauptstandort Eisbergen des Schulverbundes bei viel zu großen Klassen mit bis zu 30 Schülern bleibt. Schüchterne, zurückhaltende Kinder gehen da unter. Der Nebenstandort Veltheim kann sich über eine Anfangsklasse mit 14 Schülern freuen. Gemeinsames Lernen von Kindern aus unterschiedlichen Ortsteilen in gleichgroßen Klassen, fördert mit Sicherheit das Zusammenwachsen und den Zusammenhalt dieser Orte. Kinder sind nämlich, im Gegensatz zu vielen Erwachsenen, neugierig und offen für Gemeinsamkeiten und kennen keine Vorurteile. Aber Kinder konnten ja hier nicht über ihre Zukunft entscheiden. So viel auch zur „1.000-fachen demokratischen Strahlkraft“ des Bürgerentscheids. Ein Blick durch ein Guckloch in dem großen einzementierten Stoppschild würde übrigens helfen, den Horizont um ein Vielfaches zu erweitern. Karl-Heinz Schmidt,Porta Westfalica