Am Bedarf ausrichten

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Betr.: „Die Intensität der Ablehnung hat mich überrascht“, MT vom 4. August

Der Vorstandsvorsitzende der Mühlenkreiskliniken zeigt sich froh über die angeblich allgemein verbreitete Einsicht, dass auch die Mühlenkreiskliniken ein Wirtschaftsunternehmen seien. Diese Auffassung ist sicherlich bundesweit auf der Ebene des Krankenhausmanagements und der Deutschen Krankenhausgesellschaft anzutreffen. Doch sie wird inzwischen vermehrt infrage gestellt, u. a. durch den Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte und durch die um sich greifenden Kämpfe gegen den Pflegenotstand für mehr Pflegekräfte.

Hintergrund sind die Erfahrungen mit dem seit 1995/1996 eingeführten neuen Entgeltsystem. Das System der Fallpauschalen hat aus Krankenhäusern Fabriken gemacht. Bei seiner Einführung wurden mehr Transparenz der Behandlungen, ein effizienterer Einsatz der Ressourcen, mehr Qualität und der Abbau von Überkapazitäten versprochen.

Tatsächlich wurde eine Fehlentwicklung in Gang gesetzt, die man als dramatisch bezeichnen muss. Zu verzeichnen ist ein fragwürdiger Anstieg jener medizinischen Leistungen, die besonders gut vergütet werden. Da die Fallpauschalen von den medizinischen Leistungen abhängen, entstand ein Missverhältnis von ärztlichem und nichtärztlichem Personal. Die Zahl der zu versorgenden Patienten stieg kontinuierlich an. Wer im Krankenhaus war, kennt diesen Missstand und weiß, welche aufopferungsvolle Arbeit auf den Schultern des Pflegepersonals ruht. Ein unhaltbarer Zustand für das Personal und für die Patienten. Hygienemängel sind übrigens dabei unvermeidlich.

Viele zentrale Leistungen eines Krankenhauses wie Operationssäle oder die Notaufnahme werden durch die Fallpauschalen gar nicht abgedeckt. Die betriebswirtschaftliche „Lösung“ versucht also, die Kosten zu senken, Fallzahlen in die Höhe zu treiben, die lukrativen Bereiche auszubauen und die Arbeitsbelastung weiter zu erhöhen. Die weitere Konzentration, wie sie auch das Organisationskonzept der MKK vorsah, gehört dazu. Auf den Krankenhäusern lastet ein politisch gewollter ständiger Kostendruck. Endlich können mit ihnen Gewinne erwirtschaftet werden und damit wurden Anreize für ihre Privatisierung geschaffen. Das System ist blind gegenüber dem medizinischen Bedarf.

Die Konzentrationspläne des MKK-Vorstandes mit ihrem weiteren Rückzug aus der ortsnahen Versorgung werden in veränderter Fassung wieder vorgelegt werden. Sie gehören als Teil der Verschlechterung der medizinischen Versorgung der Region zurückgewiesen. Mittelfristig muss die Steuerung der gesundheitlichen Versorgung wieder am medizinischen Bedarf der Bevölkerung ausgerichtet werden. Das System der Finanzierung muss auf eine andere Grundlage gestellt werden. Der Verzicht auf neue Waffensysteme würde dafür eine Menge Geld frei machen.

Reiner Liebau, Minden

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Am Bedarf ausrichtenBetr.: „Die Intensität der Ablehnung hat mich überrascht“, MT vom 4. August Der Vorstandsvorsitzende der Mühlenkreiskliniken zeigt sich froh über die angeblich allgemein verbreitete Einsicht, dass auch die Mühlenkreiskliniken ein Wirtschaftsunternehmen seien. Diese Auffassung ist sicherlich bundesweit auf der Ebene des Krankenhausmanagements und der Deutschen Krankenhausgesellschaft anzutreffen. Doch sie wird inzwischen vermehrt infrage gestellt, u. a. durch den Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte und durch die um sich greifenden Kämpfe gegen den Pflegenotstand für mehr Pflegekräfte. Hintergrund sind die Erfahrungen mit dem seit 1995/1996 eingeführten neuen Entgeltsystem. Das System der Fallpauschalen hat aus Krankenhäusern Fabriken gemacht. Bei seiner Einführung wurden mehr Transparenz der Behandlungen, ein effizienterer Einsatz der Ressourcen, mehr Qualität und der Abbau von Überkapazitäten versprochen. Tatsächlich wurde eine Fehlentwicklung in Gang gesetzt, die man als dramatisch bezeichnen muss. Zu verzeichnen ist ein fragwürdiger Anstieg jener medizinischen Leistungen, die besonders gut vergütet werden. Da die Fallpauschalen von den medizinischen Leistungen abhängen, entstand ein Missverhältnis von ärztlichem und nichtärztlichem Personal. Die Zahl der zu versorgenden Patienten stieg kontinuierlich an. Wer im Krankenhaus war, kennt diesen Missstand und weiß, welche aufopferungsvolle Arbeit auf den Schultern des Pflegepersonals ruht. Ein unhaltbarer Zustand für das Personal und für die Patienten. Hygienemängel sind übrigens dabei unvermeidlich. Viele zentrale Leistungen eines Krankenhauses wie Operationssäle oder die Notaufnahme werden durch die Fallpauschalen gar nicht abgedeckt. Die betriebswirtschaftliche „Lösung“ versucht also, die Kosten zu senken, Fallzahlen in die Höhe zu treiben, die lukrativen Bereiche auszubauen und die Arbeitsbelastung weiter zu erhöhen. Die weitere Konzentration, wie sie auch das Organisationskonzept der MKK vorsah, gehört dazu. Auf den Krankenhäusern lastet ein politisch gewollter ständiger Kostendruck. Endlich können mit ihnen Gewinne erwirtschaftet werden und damit wurden Anreize für ihre Privatisierung geschaffen. Das System ist blind gegenüber dem medizinischen Bedarf. Die Konzentrationspläne des MKK-Vorstandes mit ihrem weiteren Rückzug aus der ortsnahen Versorgung werden in veränderter Fassung wieder vorgelegt werden. Sie gehören als Teil der Verschlechterung der medizinischen Versorgung der Region zurückgewiesen. Mittelfristig muss die Steuerung der gesundheitlichen Versorgung wieder am medizinischen Bedarf der Bevölkerung ausgerichtet werden. Das System der Finanzierung muss auf eine andere Grundlage gestellt werden. Der Verzicht auf neue Waffensysteme würde dafür eine Menge Geld frei machen. Reiner Liebau, Minden