Es liegt an uns, dagegen anzugehen

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Betr.: „Zivile Seenotretter starten neuen Einsatz“, MT vom 2. August

St. Louis und Aquarius, 2 Rettungsschiffe in verschiedenen Zeiten.

Anfang Juni 1939 lief die St. Louis in Hamburg aus mit 937 jüdischen Mitbürgern, die alles gegeben hatten was sie besaßen, um dem Holocaust zu entgehen. Ziel war Kuba, das bis dahin eine freizügige Einreise erlaubte.

Vor Kuba kam das Schiff zum Stehen. Die Gesetze waren kurzfristig geändert worden. Keine Einreise war erlaubt. Auch die USA und Kanada lehnten die Aufnahme der Flüchtlinge ab.

In den USA war Roosevelt Präsident, und wiewohl er angekündigt hatte, die Flüchtlinge aufzunehmen, kippte er seine Entscheidung. Ein Grund war, dass seine eigene Partei drohte, ihn nicht mehr bei der nächsten Präsidentenwahl zu unterstützen.

St. Louis musste zurück nach Antwerpen. Die Niederlande, Frankreich, Belgien und Groß Britannien nahmen die Flüchtlinge auf. Einige konnten 1940 weiter fliehen, nachdem Hitler die Nachbarländer besetzt hatte. 250 dieser Flüchtlinge wurden im Holocaust ermordet.

Entsetzlich die Vorstellung zu wissen, dass man elendiglich sterben wird, wenn die Flucht nicht gelingt und sichere Länder sich weigern, Menschen aufzunehmen, wiewohl sie genau um deren lebensbedrohende Situation wussten.

Nicht viel anders ist die Situation heute. Das Rettungsschiff Aquarius lag mit Flüchtlingen über eine Woche im Mittelmeer, weil kein Staat bereit war ,die Menschen aufzunehmen. Allein im Juni sind im Mittelmeer geschätzte 700 Menschen ertrunken.

Die Hetze gegen Flüchtlinge, die bei uns und in anderen Ländern zunehmend salonfähig wird, erinnert mich an die Flüchtlinge im Dritten Reich. Auch die heutigen Flüchtlinge kämpfen um ihr Überleben, aus den verschiedensten Gründen. Keiner verlässt seine Heimat, Familie, Freunde, vertraute Kultur, Religion und macht sich auf den lebensgefährlichen Weg nach Europa, um es bequemer zu haben.

Es sind heute wie damals Menschen, die um ihr Leben fürchten müssen.

1939-2018, die Zeiten vergehen, der Mensch hat sich nicht verändert? Es liegt an uns, dagegen anzugehen.

Doris Pütz, Minden

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Es liegt an uns, dagegen anzugehenBetr.: „Zivile Seenotretter starten neuen Einsatz“, MT vom 2. August St. Louis und Aquarius, 2 Rettungsschiffe in verschiedenen Zeiten. Anfang Juni 1939 lief die St. Louis in Hamburg aus mit 937 jüdischen Mitbürgern, die alles gegeben hatten was sie besaßen, um dem Holocaust zu entgehen. Ziel war Kuba, das bis dahin eine freizügige Einreise erlaubte. Vor Kuba kam das Schiff zum Stehen. Die Gesetze waren kurzfristig geändert worden. Keine Einreise war erlaubt. Auch die USA und Kanada lehnten die Aufnahme der Flüchtlinge ab. In den USA war Roosevelt Präsident, und wiewohl er angekündigt hatte, die Flüchtlinge aufzunehmen, kippte er seine Entscheidung. Ein Grund war, dass seine eigene Partei drohte, ihn nicht mehr bei der nächsten Präsidentenwahl zu unterstützen. St. Louis musste zurück nach Antwerpen. Die Niederlande, Frankreich, Belgien und Groß Britannien nahmen die Flüchtlinge auf. Einige konnten 1940 weiter fliehen, nachdem Hitler die Nachbarländer besetzt hatte. 250 dieser Flüchtlinge wurden im Holocaust ermordet. Entsetzlich die Vorstellung zu wissen, dass man elendiglich sterben wird, wenn die Flucht nicht gelingt und sichere Länder sich weigern, Menschen aufzunehmen, wiewohl sie genau um deren lebensbedrohende Situation wussten. Nicht viel anders ist die Situation heute. Das Rettungsschiff Aquarius lag mit Flüchtlingen über eine Woche im Mittelmeer, weil kein Staat bereit war ,die Menschen aufzunehmen. Allein im Juni sind im Mittelmeer geschätzte 700 Menschen ertrunken. Die Hetze gegen Flüchtlinge, die bei uns und in anderen Ländern zunehmend salonfähig wird, erinnert mich an die Flüchtlinge im Dritten Reich. Auch die heutigen Flüchtlinge kämpfen um ihr Überleben, aus den verschiedensten Gründen. Keiner verlässt seine Heimat, Familie, Freunde, vertraute Kultur, Religion und macht sich auf den lebensgefährlichen Weg nach Europa, um es bequemer zu haben. Es sind heute wie damals Menschen, die um ihr Leben fürchten müssen. 1939-2018, die Zeiten vergehen, der Mensch hat sich nicht verändert? Es liegt an uns, dagegen anzugehen. Doris Pütz, Minden