Überlastung eher im privaten Bereich

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Betr.: Kommentar "Wissen statt Stress", MT vom 12. Juli

Angeblich sind viele Abiturienten im Alter von 17 Jahren nicht in der Lage, sich für einen Berufs- beziehungsweise Ausbildungsweg zu entscheiden. Welch ein Armutszeugnis! Was sollen dann diejenigen sagen, die nach der 9. oder 10. Klasse ihren Abschluss machen? Sind sie möglicherweise „reifer“ als Menschen mit „Reifezeugnis“? Schülerinnen und Schüler vieler Generationen klagten im 13. Schuljahr darüber, dass 13 Jahre zu viel seien - sie würden lieber bereits studieren und damit das tun, wofür sie sich schwerpunktmäßig interessieren. Sie seien schlicht und einfach übersättigt mit Schule.

Der Bildungsforscher Olaf Köller kommt zu ähnlichen Resultaten, aber offenbar kennt die Kommentatorin andere Studienergebnisse. Jahrzehntelang haben Eltern und Schüler beziehungsweise Studenten karrieremäßige Nachteile gegenüber unseren Nachbarstaaten beklagt, bei denen der studienqualifizierende Abschluss bereits nach zwölf Jahren erreicht wurde (und immer noch wird). Nun haben mittlerweile nicht nur die Nachbarstaaten, sondern auch andere - die neuen - Bundesländer seit Jahrzehnten kein Problem mit G8. Auch der gemeinsame Abiturjahrgang mit G8- und G9-Abschlüssen wies keinerlei qualitative Unterschiede auf; der G8-Jahrgang hat sogar marginal besser abgeschnitten. Und: Die Bundesländer mit G8-Abschlüssen sind keineswegs die Schlusslichter in schulischen Leistungsvergleichen; einige gehören sogar zur Spitzengruppe.

Erhebungen zur Dauer von Hausaufgaben an einem Mindener Gymnasium haben die gefühlte Arbeitsbelastung überdies als deutlich überbewertet entlarvt. Meinten die ebenfalls befragten Lehrkräfte, ihre Lerngruppen würden pro Tag zwei Stunden pro Person für ihre Hausaufgaben benötigen, schätzten Eltern die Belastung auf über eine Stunde. Die „Buchführung“ der Schülerinnen und Schüler mittelte sich auf 30 bis 40 Minuten. Statt sich auf den vielzitierten Elternwillen zu berufen, der Fakten und Befindlichkeiten der Vergangenheit schnell zu vergessen scheint, sollte man lieber zu wissenschaftlichen Befunden greifen. Diese gibt es, und sie widersprechen - nicht überraschend - den subjektiven Eindrücken von mancher Eltern- und Schülerseite.

Eine schulische Überlastung gibt es nicht (Bildungsforscher Olaf Köller), sie ist eher im privaten Bereich zu finden, wozu auch die Attraktivität moderner Medien gehört. Wenn bereits Grundschüler bis zu vier Stunden täglich vor Bildschirmmedien verbringen, kann das nur Stress verursachen. Laut einer aktuellen Studie nutzen 14- bis 29-Jährige täglich 187 Minuten das Internet - das sind etwas mehr als drei Stunden. Addiert man den Fernsehkonsum von 144 Minuten, ergeben sich mehr als fünf Stunden. Seit 1980 hat sich die gesamte Mediennutzung dieser Altersgruppe von 5,5 auf 9,5 Stunden täglich fast verdoppelt. Und dennoch ist es nicht so, dass viele Aktivitäten, die außerschulisch stattfinden, nachhaltig eingeschränkt sind oder dass dort die Teilnehmerzahlen zurückgehen (Köller). Das für die Rücknahme von G8 verpulverte Geld wäre besser in Lehrer- und Sozialarbeiterstellen angelegt gewesen.

Wolfgang Krems, Minden

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Überlastung eher im privaten BereichBetr.: Kommentar "Wissen statt Stress", MT vom 12. Juli Angeblich sind viele Abiturienten im Alter von 17 Jahren nicht in der Lage, sich für einen Berufs- beziehungsweise Ausbildungsweg zu entscheiden. Welch ein Armutszeugnis! Was sollen dann diejenigen sagen, die nach der 9. oder 10. Klasse ihren Abschluss machen? Sind sie möglicherweise „reifer“ als Menschen mit „Reifezeugnis“? Schülerinnen und Schüler vieler Generationen klagten im 13. Schuljahr darüber, dass 13 Jahre zu viel seien - sie würden lieber bereits studieren und damit das tun, wofür sie sich schwerpunktmäßig interessieren. Sie seien schlicht und einfach übersättigt mit Schule. Der Bildungsforscher Olaf Köller kommt zu ähnlichen Resultaten, aber offenbar kennt die Kommentatorin andere Studienergebnisse. Jahrzehntelang haben Eltern und Schüler beziehungsweise Studenten karrieremäßige Nachteile gegenüber unseren Nachbarstaaten beklagt, bei denen der studienqualifizierende Abschluss bereits nach zwölf Jahren erreicht wurde (und immer noch wird). Nun haben mittlerweile nicht nur die Nachbarstaaten, sondern auch andere - die neuen - Bundesländer seit Jahrzehnten kein Problem mit G8. Auch der gemeinsame Abiturjahrgang mit G8- und G9-Abschlüssen wies keinerlei qualitative Unterschiede auf; der G8-Jahrgang hat sogar marginal besser abgeschnitten. Und: Die Bundesländer mit G8-Abschlüssen sind keineswegs die Schlusslichter in schulischen Leistungsvergleichen; einige gehören sogar zur Spitzengruppe. Erhebungen zur Dauer von Hausaufgaben an einem Mindener Gymnasium haben die gefühlte Arbeitsbelastung überdies als deutlich überbewertet entlarvt. Meinten die ebenfalls befragten Lehrkräfte, ihre Lerngruppen würden pro Tag zwei Stunden pro Person für ihre Hausaufgaben benötigen, schätzten Eltern die Belastung auf über eine Stunde. Die „Buchführung“ der Schülerinnen und Schüler mittelte sich auf 30 bis 40 Minuten. Statt sich auf den vielzitierten Elternwillen zu berufen, der Fakten und Befindlichkeiten der Vergangenheit schnell zu vergessen scheint, sollte man lieber zu wissenschaftlichen Befunden greifen. Diese gibt es, und sie widersprechen - nicht überraschend - den subjektiven Eindrücken von mancher Eltern- und Schülerseite. Eine schulische Überlastung gibt es nicht (Bildungsforscher Olaf Köller), sie ist eher im privaten Bereich zu finden, wozu auch die Attraktivität moderner Medien gehört. Wenn bereits Grundschüler bis zu vier Stunden täglich vor Bildschirmmedien verbringen, kann das nur Stress verursachen. Laut einer aktuellen Studie nutzen 14- bis 29-Jährige täglich 187 Minuten das Internet - das sind etwas mehr als drei Stunden. Addiert man den Fernsehkonsum von 144 Minuten, ergeben sich mehr als fünf Stunden. Seit 1980 hat sich die gesamte Mediennutzung dieser Altersgruppe von 5,5 auf 9,5 Stunden täglich fast verdoppelt. Und dennoch ist es nicht so, dass viele Aktivitäten, die außerschulisch stattfinden, nachhaltig eingeschränkt sind oder dass dort die Teilnehmerzahlen zurückgehen (Köller). Das für die Rücknahme von G8 verpulverte Geld wäre besser in Lehrer- und Sozialarbeiterstellen angelegt gewesen. Wolfgang Krems, Minden