Warum ich Mesut Özil verstehe

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Betr.: „Sündenbock Özil", MT vom 11. Juli

„Man muss einfach verstehen, wie Türken ticken“, gab Oliver Bierhof als Erklärung ab, nachdem Mesut Özil und Ilkay Gündogan sich mit dem türkischen Präsidenten, Recep Tayyip Erdogan hatten ablichten lassen (FAZ.de). Ein dunkler, kartoffeliger Teil in mir dachte da nur: „Pah! Die spielen für Deutschland! Die haben gefälligst zu ticken, wie Deutsche!“ Auch als Gündogan während des Deutschland-Spiels gegen Saudi-Arabien ausgepfiffen wurde, dachte ich: „Ja, das hat er verdient!“

Alles, was danach kam, verstand ich aber nicht mehr. Fußball ist, wie Oliver Kahn in einem Interview als
ZDF-Experte feststellte, ein Mannschaftssport. Er teilte an dieser Stelle auch gegen einige führende Kritiker Özils aus („ehemalige Nationalspieler“, gemeint war vermutlich Mario Basler). Basler hackt seit Jahren auf Özil herum und es beschleicht einen immer wieder der Verdacht, dass rassistische Motive auch eine Rolle spielen. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte ich Mesut Özil verziehen.

Nach einem Statement von Özils Vater Mustafa muss aber ich sagen: Ich kann Mesut Özil regelrecht verstehen. Sein Vater sagte über ihn: „Mesut ist ein schüchterner Mensch, fast scheu. Wie hätte er dieses Foto ablehnen können, wenn ein Mann wie Erdogan ihn darum bittet? Das hätte Mesut als extrem unhöflich empfunden.“ (Welt.de). Es ging also nicht darum wie Türken ticken, sondern darum, dass Özil introvertiert ist. Es gehört sich
einfach nicht, ein Foto abzulehnen. Dies trotzdem zu tun, erfordert viel Mut. Dass es sich bei dem Bittenden um Erdogan handelte, der seine Gegner einsperren lässt, machte die Sache wohl nicht einfacher.

Ich habe mich übrigens einmal mit Mario Basler ablichten lassen, als ich ihn zufällig in der Osnabrücker Fußgängerzone traf. Weil Basler ehemaliger Nationalspieler und Bundesliga-Torschützenkönig ist, sprach ich ihn
an. Er ist, trotz teilweise unüberlegter chauvinistischer Sprüche, eine Autorität, besitzt quasi Legendenstatus. Im Champions-League Finale gegen Manchester United schoss er für Bayern das, tragischerweise, einzige Tor (Endstand 2:1 für ManUnited). Das Foto musste einfach sein (ganz zu schweigen davon, wie ich reagiert hätte,
wenn er der Bittende gewesen wäre). Freundlich, wie er war, stimmte er zu. Ich glaube, er hätte es als unhöflich empfunden, abzulehnen.

Tjark Patermann, Minden

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Warum ich Mesut Özil versteheBetr.: „Sündenbock Özil", MT vom 11. Juli „Man muss einfach verstehen, wie Türken ticken“, gab Oliver Bierhof als Erklärung ab, nachdem Mesut Özil und Ilkay Gündogan sich mit dem türkischen Präsidenten, Recep Tayyip Erdogan hatten ablichten lassen (FAZ.de). Ein dunkler, kartoffeliger Teil in mir dachte da nur: „Pah! Die spielen für Deutschland! Die haben gefälligst zu ticken, wie Deutsche!“ Auch als Gündogan während des Deutschland-Spiels gegen Saudi-Arabien ausgepfiffen wurde, dachte ich: „Ja, das hat er verdient!“ Alles, was danach kam, verstand ich aber nicht mehr. Fußball ist, wie Oliver Kahn in einem Interview alsZDF-Experte feststellte, ein Mannschaftssport. Er teilte an dieser Stelle auch gegen einige führende Kritiker Özils aus („ehemalige Nationalspieler“, gemeint war vermutlich Mario Basler). Basler hackt seit Jahren auf Özil herum und es beschleicht einen immer wieder der Verdacht, dass rassistische Motive auch eine Rolle spielen. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte ich Mesut Özil verziehen. Nach einem Statement von Özils Vater Mustafa muss aber ich sagen: Ich kann Mesut Özil regelrecht verstehen. Sein Vater sagte über ihn: „Mesut ist ein schüchterner Mensch, fast scheu. Wie hätte er dieses Foto ablehnen können, wenn ein Mann wie Erdogan ihn darum bittet? Das hätte Mesut als extrem unhöflich empfunden.“ (Welt.de). Es ging also nicht darum wie Türken ticken, sondern darum, dass Özil introvertiert ist. Es gehört sicheinfach nicht, ein Foto abzulehnen. Dies trotzdem zu tun, erfordert viel Mut. Dass es sich bei dem Bittenden um Erdogan handelte, der seine Gegner einsperren lässt, machte die Sache wohl nicht einfacher. Ich habe mich übrigens einmal mit Mario Basler ablichten lassen, als ich ihn zufällig in der Osnabrücker Fußgängerzone traf. Weil Basler ehemaliger Nationalspieler und Bundesliga-Torschützenkönig ist, sprach ich ihnan. Er ist, trotz teilweise unüberlegter chauvinistischer Sprüche, eine Autorität, besitzt quasi Legendenstatus. Im Champions-League Finale gegen Manchester United schoss er für Bayern das, tragischerweise, einzige Tor (Endstand 2:1 für ManUnited). Das Foto musste einfach sein (ganz zu schweigen davon, wie ich reagiert hätte,wenn er der Bittende gewesen wäre). Freundlich, wie er war, stimmte er zu. Ich glaube, er hätte es als unhöflich empfunden, abzulehnen. Tjark Patermann, Minden