Große Chance vertan

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Betr.: "Jazz statt Fanfaren", MT vom 9. Juli

Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal atmet die Ideologie und den Geist der Monarchie. Es ist einzigartig, monumental, personalisiert und vermittelt eine erdrückende Hierarchie. Das Denkmal ist Ausdruck von nationaler Überheblichkeit. Mit der Restauration des Denkmals lebt die Reichsgründung wieder auf. Das Gerede vom Denkmaleinordnen lenkt ab von der Realität. Das Denkmal ist Ausdruck eines überbordenden aggressiven preußischen Nationalismus und wird es immer bleiben. Wer das Gegenteil behauptet, lügt sich und anderen in die Tasche.

Das Denkmal in seiner erdrückenden Gestalt ist die Inkarnation alles Gestrigen. Da kann die Autorin lange von Pathos und Gloria reden und anderen Nebensächlichkeiten. Den Kaiser zu sanieren bleibt die falsche Entscheidung zur falschen Zeit. Europa braucht weniger nationalen Egoismus und mehr Solidarität. Ein flach gelegter Kaiser hätte andere Symbolkraft entfaltet als der neu polierte. Das Denkmal hätte sich damit selbst überwunden. Der Kulturdezernentin kann es offenbar nicht schnell genug gehen, den Geist der Preußen wieder zu alten Geltung zu bringen. Ein Widerspruch in sich. Dem Understatement mit Worten des LWL-Direktors auf dem Berg folgt die Aufwertung des Preußentums mit dem Museum als Pendant auf dem Fuß. Es lebe der Militarismus.

Diejenigen, die mit der Emser Depesche und der Demütigung von Versailles den neuen nationalen Ungeist nach Europa getragen haben, werden mit 17 Millionen Euro aufgewertet. Die, die vom Ungeist unterm Denkmal und um das Denkmal herum gefressen wurden, bleiben eine Randnotiz. Gedenksteine zwischen Zaun und Straße. Gedenksteine, die Unkraut ersticken und die keiner will. Wer glaubt da noch an die schalen Beteuerungen bei der Einweihung, die Darstellung der Geschichte des Denkmals und der Region würde das Denkmal historisch neu Einordnen. Was für einen Unfug. Die Germanen hatten keine Geschichtsschreibung, weil sie nichts aufgeschrieben haben, wenn wir von den Götter- und Heldensagen der beiden Eddas absehen. Was wir über das römische Reich vor und hinterm Limes wissen, wissen wir von den römischen Geschichtsschreibern.

Insofern muss man vorsichtig sein ob das, was sich angeblich um 9 vor Christus um den siegreichen Hermann herum an der Porta und etwas entfernt davon zugetragen haben soll, nur dazu diente um der Nachwelt die unnachahmliche Überlegenheit der Germanen zu beschreiben, oder ob die Erzählung die Wirklichkeit in der Region vor 2000 Jahren wahrheitsgetreu abbildet. Ich glaube an die retrograde Geschichtsdeutung. Großartige Menschen, eine überlegene Rasse, brauchen eine großartige Vergangenheit. Wir haben eine große Chance vertan.

Hans Ulrich Gräf, Bückeburg

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Große Chance vertanBetr.: "Jazz statt Fanfaren", MT vom 9. Juli Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal atmet die Ideologie und den Geist der Monarchie. Es ist einzigartig, monumental, personalisiert und vermittelt eine erdrückende Hierarchie. Das Denkmal ist Ausdruck von nationaler Überheblichkeit. Mit der Restauration des Denkmals lebt die Reichsgründung wieder auf. Das Gerede vom Denkmaleinordnen lenkt ab von der Realität. Das Denkmal ist Ausdruck eines überbordenden aggressiven preußischen Nationalismus und wird es immer bleiben. Wer das Gegenteil behauptet, lügt sich und anderen in die Tasche. Das Denkmal in seiner erdrückenden Gestalt ist die Inkarnation alles Gestrigen. Da kann die Autorin lange von Pathos und Gloria reden und anderen Nebensächlichkeiten. Den Kaiser zu sanieren bleibt die falsche Entscheidung zur falschen Zeit. Europa braucht weniger nationalen Egoismus und mehr Solidarität. Ein flach gelegter Kaiser hätte andere Symbolkraft entfaltet als der neu polierte. Das Denkmal hätte sich damit selbst überwunden. Der Kulturdezernentin kann es offenbar nicht schnell genug gehen, den Geist der Preußen wieder zu alten Geltung zu bringen. Ein Widerspruch in sich. Dem Understatement mit Worten des LWL-Direktors auf dem Berg folgt die Aufwertung des Preußentums mit dem Museum als Pendant auf dem Fuß. Es lebe der Militarismus. Diejenigen, die mit der Emser Depesche und der Demütigung von Versailles den neuen nationalen Ungeist nach Europa getragen haben, werden mit 17 Millionen Euro aufgewertet. Die, die vom Ungeist unterm Denkmal und um das Denkmal herum gefressen wurden, bleiben eine Randnotiz. Gedenksteine zwischen Zaun und Straße. Gedenksteine, die Unkraut ersticken und die keiner will. Wer glaubt da noch an die schalen Beteuerungen bei der Einweihung, die Darstellung der Geschichte des Denkmals und der Region würde das Denkmal historisch neu Einordnen. Was für einen Unfug. Die Germanen hatten keine Geschichtsschreibung, weil sie nichts aufgeschrieben haben, wenn wir von den Götter- und Heldensagen der beiden Eddas absehen. Was wir über das römische Reich vor und hinterm Limes wissen, wissen wir von den römischen Geschichtsschreibern. Insofern muss man vorsichtig sein ob das, was sich angeblich um 9 vor Christus um den siegreichen Hermann herum an der Porta und etwas entfernt davon zugetragen haben soll, nur dazu diente um der Nachwelt die unnachahmliche Überlegenheit der Germanen zu beschreiben, oder ob die Erzählung die Wirklichkeit in der Region vor 2000 Jahren wahrheitsgetreu abbildet. Ich glaube an die retrograde Geschichtsdeutung. Großartige Menschen, eine überlegene Rasse, brauchen eine großartige Vergangenheit. Wir haben eine große Chance vertan. Hans Ulrich Gräf, Bückeburg