Erkenntnis Fehlanzeige

veröffentlicht

Betr. Leserbriefe zu entlassenem Waldorf-Lehrer

Im Mai war öffentlich geworden, dass ein an der Waldorfschule in Minden tätiger Lehrer tief in die extreme Rechte verstrickt ist. Er schrieb Artikel für die Zeitung der neonazistischen „Artgemeinschaft“, stand auf deren Teilnehmerlisten, organisierte Treffen einer extrem rechten Religionsgemeinschaft, referierte und schrieb für und bei einschlägigen Organisationen und Verlagen. Nachdem immer mehr Details ans Licht der Öffentlichkeit kamen, teilte die Waldorfschule am 10. August mit, dass der Arbeitsvertrag im Einvernehmen aufgelöst wurde. Der Sprecher der Schule teilte im Gespräch mit, dass „der Druck, der seitens des Bundes der Freien Waldorfschulen aufgebaut worden war, den Entschluss wesentlich beeinflusst“ habe. Dem Lehrer wurde eine Abfindung gezahlt, deren Höhe die Schule nicht bekannt gab.

Betrachtet man die danach im MT veröffentlichten Leserbriefe, so wird deutlich, dass mit der Vertragsauflösung nur ein Teil des Problems gelöst wurde, dass dieser Schritt notwendig war - und dass noch viel Aufklärung oder weitere Konsequenzen notwendig sind.

Festzustellen ist einerseits, dass in den Artikeln immer wieder entlastende Behauptungen aufgestellt werden, die nicht den Tatsachen entsprechen. So, wenn behauptet wird, dass der Lehrer nicht „nazistisch publiziert“ habe, oder versucht wird, seine Aktivitäten in der extremen Rechten dadurch zu legitimieren, dass Personen, die im Nationalsozialismus aktiv waren, nach Kriegsende unbehelligt ihre Karriere fortsetzen konnten. Nach dem Motto „wenn schon die originalen Nazis das durften, dann kann man es doch hier nicht verwehren“. Kurze Zeit später erschien unter dem Titel „Rufmord ist auch Mord“ ein Leserbrief. Der Autor versucht, die Informationen über den Lehrer als Resultat einer „Rufmord“-Kampagne darzustellen. In Wirklichkeit habe es sich um „bestattete Leichen“ gehandelt. Auch hier werden die nachgewiesenen extrem rechten Aktivitäten bagatellisiert oder geleugnet. Der Autor schließt mit dem Satz: „Die Mindener stehen vor der Entscheidung, ob sie mithelfen wollen, den verbrieften Schutz der persönlichen Ehre durch die Wiederherstellung des guten Rufes des Lehrers zu gewähren oder ob wir das Feld weiter den politischen Hexenjägern überlassen.“

Den „guten Ruf“ scheint in einem weiteren im MT veröffentlichtem Leserbrief ausgerechnet der derzeitige Sprecher der Schule wieder herstellen zu wollen, wenn dieser schreibt: „Im Zweifel für den Angeklagten“. In diesem Leserbrief wird die Aufdeckung der Verstrickungen als „Gesinnungskrämerei“ denunziert, das Gutachten der Mobilen Beratungsstelle sinnentstellend zitiert und letztendlich mit der Überschrift der Eindruck einer ungerechten Vorverurteilung erzeugt. Dass der Sprecher trotz des katastrophalen Agierens der Schule diese als „eine Schule, in der Unterdrückung, weltanschauliche Manipulation oder Gesinnungskämpfe keinen Platz haben“ bezeichnet, macht deutlich, dass er inhaltlich nichts begriffen hat. In einem von einzelnen Lehrkräften erstellten Gutachten über die völkisch-religiöse Publikation „Glauben und Wirken“, in der der Lehrer schrieb, resümierten diese: „Grundsätzlich zeigt sich in den Heften ein sehr freiheitsliebendes Denken, in dem eine Reihe von Ähnlichkeiten mit der Anthroposophie zu erkennen sind.“

Die im MT veröffentlichen Leserbriefe versuchen das Rad der Erkenntnis zurückzudrehen und verschleiern die eigentliche Dimension des Problems. Dass der Sprecher der Schule daran beteiligt ist, zeigt das wirkliche Ausmaß dieses Vorfalls.

Jan Raabe, Bielefeld

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Erkenntnis FehlanzeigeBetr. Leserbriefe zu entlassenem Waldorf-LehrerIm Mai war öffentlich geworden, dass ein an der Waldorfschule in Minden tätiger Lehrer tief in die extreme Rechte verstrickt ist. Er schrieb Artikel für die Zeitung der neonazistischen „Artgemeinschaft“, stand auf deren Teilnehmerlisten, organisierte Treffen einer extrem rechten Religionsgemeinschaft, referierte und schrieb für und bei einschlägigen Organisationen und Verlagen. Nachdem immer mehr Details ans Licht der Öffentlichkeit kamen, teilte die Waldorfschule am 10. August mit, dass der Arbeitsvertrag im Einvernehmen aufgelöst wurde. Der Sprecher der Schule teilte im Gespräch mit, dass „der Druck, der seitens des Bundes der Freien Waldorfschulen aufgebaut worden war, den Entschluss wesentlich beeinflusst“ habe. Dem Lehrer wurde eine Abfindung gezahlt, deren Höhe die Schule nicht bekannt gab.Betrachtet man die danach im MT veröffentlichten Leserbriefe, so wird deutlich, dass mit der Vertragsauflösung nur ein Teil des Problems gelöst wurde, dass dieser Schritt notwendig war - und dass noch viel Aufklärung oder weitere Konsequenzen notwendig sind.Festzustellen ist einerseits, dass in den Artikeln immer wieder entlastende Behauptungen aufgestellt werden, die nicht den Tatsachen entsprechen. So, wenn behauptet wird, dass der Lehrer nicht „nazistisch publiziert“ habe, oder versucht wird, seine Aktivitäten in der extremen Rechten dadurch zu legitimieren, dass Personen, die im Nationalsozialismus aktiv waren, nach Kriegsende unbehelligt ihre Karriere fortsetzen konnten. Nach dem Motto „wenn schon die originalen Nazis das durften, dann kann man es doch hier nicht verwehren“. Kurze Zeit später erschien unter dem Titel „Rufmord ist auch Mord“ ein Leserbrief. Der Autor versucht, die Informationen über den Lehrer als Resultat einer „Rufmord“-Kampagne darzustellen. In Wirklichkeit habe es sich um „bestattete Leichen“ gehandelt. Auch hier werden die nachgewiesenen extrem rechten Aktivitäten bagatellisiert oder geleugnet. Der Autor schließt mit dem Satz: „Die Mindener stehen vor der Entscheidung, ob sie mithelfen wollen, den verbrieften Schutz der persönlichen Ehre durch die Wiederherstellung des guten Rufes des Lehrers zu gewähren oder ob wir das Feld weiter den politischen Hexenjägern überlassen.“Den „guten Ruf“ scheint in einem weiteren im MT veröffentlichtem Leserbrief ausgerechnet der derzeitige Sprecher der Schule wieder herstellen zu wollen, wenn dieser schreibt: „Im Zweifel für den Angeklagten“. In diesem Leserbrief wird die Aufdeckung der Verstrickungen als „Gesinnungskrämerei“ denunziert, das Gutachten der Mobilen Beratungsstelle sinnentstellend zitiert und letztendlich mit der Überschrift der Eindruck einer ungerechten Vorverurteilung erzeugt. Dass der Sprecher trotz des katastrophalen Agierens der Schule diese als „eine Schule, in der Unterdrückung, weltanschauliche Manipulation oder Gesinnungskämpfe keinen Platz haben“ bezeichnet, macht deutlich, dass er inhaltlich nichts begriffen hat. In einem von einzelnen Lehrkräften erstellten Gutachten über die völkisch-religiöse Publikation „Glauben und Wirken“, in der der Lehrer schrieb, resümierten diese: „Grundsätzlich zeigt sich in den Heften ein sehr freiheitsliebendes Denken, in dem eine Reihe von Ähnlichkeiten mit der Anthroposophie zu erkennen sind.“Die im MT veröffentlichen Leserbriefe versuchen das Rad der Erkenntnis zurückzudrehen und verschleiern die eigentliche Dimension des Problems. Dass der Sprecher der Schule daran beteiligt ist, zeigt das wirkliche Ausmaß dieses Vorfalls.Jan Raabe, Bielefeld