MT-Ombudsmann Matthias Kalle über die Macht der Leitmedien Matthias Kalle Keine Ahnung, was Sie von dieser Kolumne genau erwarten, aber ein Leser stellte mir vor kurzem die Frage, ob ich mich in meinem nächsten Text mit dem Buch „Die vierte Gewalt“ von Richard David Precht und Harald Welzer beschäftigen würde. Eigentlich wollte ich nicht. Doch dann saßen die Autoren am 29. September in der Talkshow von Markus Lanz, es erschienen Interviews mit den beiden im „Stern“ und in der „Zeit“, und das Buch ist mittlerweile auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste. Es definiert also gerade, wie in der Öffentlichkeit über Journalismus diskutiert wird, vielleicht auch bei Ihnen zu Hause oder am Arbeitsplatz. Deshalb wäre es grob fahrlässig, wenn ich nicht über dieses Buch schreiben würde. In den vergangenen Tagen habe ich was Verrücktes gemacht – ich habe das Buch von Precht und Welzer tatsächlich gelesen, von vorne bis hinten. Und wissen Sie was? Ich finde es gar nicht mal so schlecht. Jedenfalls die Stellen, in denen es nicht um Journalismus geht. Und diese Stelle sind in einem Buch, in dem es doch eigentlich um Journalismus gehen sollte, seltsamerweise in der Überzahl. „Die vierte Gewalt“ müsste eigentlich „Einführung in die Sozialpsychologie für Dummies“ heißen. Die Pflicht des Journalismus Die Gegenwartsdiagnose der beiden Autoren finde ich mitunter interessant und bedenkenswert. Ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Kurznachrichtendienst Twitter ist nicht grundsätzlich verkehrt. Allerdings teile ich nicht Precht und Walzers Sichtweise auf den Journalismus von heute. Eine der Grundthesen des Buches lautet, dass in den Medien die Meinungen der Bevölkerung nicht abgebildet werden würden. Als Beispiel nennen die Autoren Umfragen, ob man deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine befürworte oder nicht. 45 Prozent der Befragten seien dafür, 45 Prozent dagegen. Die, die dagegen seien, würden ihre Meinung in den Medien nicht wiederfinden – und das sei eine Riesenproblem für den Journalismus, für die Demokratie, für Deutschland schlechthin. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber ich finde nicht, dass der Journalismus verpflichtet ist, Meinungen der Bevölkerung in ihrer Gewichtung abzubilden. Es gibt Umfragen, in denen ein hoher Prozentsatz die Todesstrafe für Kinderschänder fordert. In der Logik des Buches müsste in Redaktionen also diese Meinung abgebildet werden. Wie soll das im Alltag gehen? Muss dann der Chefredakteur einen Redakteur benennen, der – ob er dafür ist oder nicht – einen Kommentar pro Todesstrafe für Kinderschänder zu schreiben? Damit sich „die Bevölkerung“ auch repräsentiert sieht? Precht und Welzer - zwei enttäuschte Leser? Das Grundproblem des Buches ist aus meiner Sicht, dass die Idee dazu aus einer Kränkung entstanden ist. Beide Autoren wurden für ihre Einlassungen zum Angriffskriegs Russland auf die Ukraine von den Medien stark kritisiert. Precht sagte im März, die Ukraine solle den Krieg nicht fortsetzen, weil sie ihn nicht gewinnen könne. Welzer sprach sich mehrmals gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine aus. In ihrem Buch schreiben sie, dass die Leitmedien in Deutschland mehrheitlich für Waffenlieferungen seien, und sie deshalb keine andere Meinung zuließen – mehr noch: die Leitmedien würden Olaf Scholz und die Bundesregierung geradezu drängen, endlich schwere Waffen zu liefern. Welzer und Precht sind nur komischerweise ständig in den Leitmedien zu Gast, sie sitzen in Talkshows, sie geben Interviews – ihre Meinung wurde und wird ständig veröffentlicht. Sie können aber nicht erwarten, dass man ihnen bei allem, was sie denken und meinen und sagen, jubelnd zustimmt. An anderer Stelle schreiben sie: „Die Leitmedien sollen die Realität so breit, umfassend und vielfältig zeigen, wie es ihnen irgend möglich ist.“ Ja, absolut – und genau das wird gemacht, jeden Tag, in jeder Redaktion des Landes, nicht nur bei den Leitmedien, auch bei Lokalzeitungen, auch beim MT. Manchmal gelingt das besser, manchmal schlechter. Wenn es schlechter gelingt, dann schreiben Leser Leserbriefe, melden sich bei mir oder bestellen ihr Abo ab. Das ist die Realität im Journalismus, und leider haben Precht und Welzer davon keine Ahnung. Sie wissen viel über Sozialpsychologie, sie fühlen sich der Wissenschaft verpflichtet, in dem Buch kommen viele Studien vor, Habermas wird ausführlich zitiert. Geht es aber um Journalismus, stellen sie bloße Behauptungen auf: „Wo Leitmedien nichts zum Streiten oder Amüsieren finden, schmollen sie.“ Steht einfach so da, ohne jeden Kontext. An anderer Stelle behaupten die beiden, es würde ein neues publizistisches Imperativ geben (von dem ich doch eigentlich mal was gehört haben müsste), nämlich: „Schreibe stets so, dass deine Meinung die Meinung der anderen Journalisten sein könnte.“ Sorry, aber ein Journalist, der sich nicht bemüht, wenigstens ein bisschen originell zu sein und versucht, sich von den Kollegen zu unterscheiden, ist schlicht austauschbar – und würde mit Sicherheit auch ausgetauscht werden. Beim Lesen des Buches hatte ich zuweilen das Gefühl, Precht und Welzer sind zwei enttäuschte Leser. Im Grunde genommen hätte also ein Leserbrief auch gereicht. Als Ombudsmann wäre ich übrigens zum Gespräch bereit.
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MT-Ombudsmann Matthias Kalle über die Macht der Leitmedien

Seit einem Jahr Ombudsmann für MT-Leser: Matthias Kalle.
Foto: J. Holthaus Photography
© JONAS HOLTHAUS PHOTOGRAPHY

Keine Ahnung, was Sie von dieser Kolumne genau erwarten, aber ein Leser stellte mir vor kurzem die Frage, ob ich mich in meinem nächsten Text mit dem Buch „Die vierte Gewalt“ von Richard David Precht und Harald Welzer beschäftigen würde. Eigentlich wollte ich nicht. Doch dann saßen die Autoren am 29. September in der Talkshow von Markus Lanz, es erschienen Interviews mit den beiden im „Stern“ und in der „Zeit“, und das Buch ist mittlerweile auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste. Es definiert also gerade, wie in der Öffentlichkeit über Journalismus diskutiert wird, vielleicht auch bei Ihnen zu Hause oder am Arbeitsplatz. Deshalb wäre es grob fahrlässig, wenn ich nicht über dieses Buch schreiben würde.

In den vergangenen Tagen habe ich was Verrücktes gemacht – ich habe das Buch von Precht und Welzer tatsächlich gelesen, von vorne bis hinten. Und wissen Sie was? Ich finde es gar nicht mal so schlecht. Jedenfalls die Stellen, in denen es nicht um Journalismus geht. Und diese Stelle sind in einem Buch, in dem es doch eigentlich um Journalismus gehen sollte, seltsamerweise in der Überzahl. „Die vierte Gewalt“ müsste eigentlich „Einführung in die Sozialpsychologie für Dummies“ heißen.

Die Pflicht des Journalismus

Die Gegenwartsdiagnose der beiden Autoren finde ich mitunter interessant und bedenkenswert. Ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Kurznachrichtendienst Twitter ist nicht grundsätzlich verkehrt. Allerdings teile ich nicht Precht und Walzers Sichtweise auf den Journalismus von heute.

Eine der Grundthesen des Buches lautet, dass in den Medien die Meinungen der Bevölkerung nicht abgebildet werden würden. Als Beispiel nennen die Autoren Umfragen, ob man deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine befürworte oder nicht. 45 Prozent der Befragten seien dafür, 45 Prozent dagegen. Die, die dagegen seien, würden ihre Meinung in den Medien nicht wiederfinden – und das sei eine Riesenproblem für den Journalismus, für die Demokratie, für Deutschland schlechthin.

Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber ich finde nicht, dass der Journalismus verpflichtet ist, Meinungen der Bevölkerung in ihrer Gewichtung abzubilden. Es gibt Umfragen, in denen ein hoher Prozentsatz die Todesstrafe für Kinderschänder fordert. In der Logik des Buches müsste in Redaktionen also diese Meinung abgebildet werden. Wie soll das im Alltag gehen? Muss dann der Chefredakteur einen Redakteur benennen, der – ob er dafür ist oder nicht – einen Kommentar pro Todesstrafe für Kinderschänder zu schreiben? Damit sich „die Bevölkerung“ auch repräsentiert sieht?

Precht und Welzer - zwei enttäuschte Leser?

Das Grundproblem des Buches ist aus meiner Sicht, dass die Idee dazu aus einer Kränkung entstanden ist. Beide Autoren wurden für ihre Einlassungen zum Angriffskriegs Russland auf die Ukraine von den Medien stark kritisiert. Precht sagte im März, die Ukraine solle den Krieg nicht fortsetzen, weil sie ihn nicht gewinnen könne. Welzer sprach sich mehrmals gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine aus. In ihrem Buch schreiben sie, dass die Leitmedien in Deutschland mehrheitlich für Waffenlieferungen seien, und sie deshalb keine andere Meinung zuließen – mehr noch: die Leitmedien würden Olaf Scholz und die Bundesregierung geradezu drängen, endlich schwere Waffen zu liefern. Welzer und Precht sind nur komischerweise ständig in den Leitmedien zu Gast, sie sitzen in Talkshows, sie geben Interviews – ihre Meinung wurde und wird ständig veröffentlicht. Sie können aber nicht erwarten, dass man ihnen bei allem, was sie denken und meinen und sagen, jubelnd zustimmt.

An anderer Stelle schreiben sie: „Die Leitmedien sollen die Realität so breit, umfassend und vielfältig zeigen, wie es ihnen irgend möglich ist.“ Ja, absolut – und genau das wird gemacht, jeden Tag, in jeder Redaktion des Landes, nicht nur bei den Leitmedien, auch bei Lokalzeitungen, auch beim MT. Manchmal gelingt das besser, manchmal schlechter. Wenn es schlechter gelingt, dann schreiben Leser Leserbriefe, melden sich bei mir oder bestellen ihr Abo ab. Das ist die Realität im Journalismus, und leider haben Precht und Welzer davon keine Ahnung. Sie wissen viel über Sozialpsychologie, sie fühlen sich der Wissenschaft verpflichtet, in dem Buch kommen viele Studien vor, Habermas wird ausführlich zitiert. Geht es aber um Journalismus, stellen sie bloße Behauptungen auf: „Wo Leitmedien nichts zum Streiten oder Amüsieren finden, schmollen sie.“ Steht einfach so da, ohne jeden Kontext. An anderer Stelle behaupten die beiden, es würde ein neues publizistisches Imperativ geben (von dem ich doch eigentlich mal was gehört haben müsste), nämlich: „Schreibe stets so, dass deine Meinung die Meinung der anderen Journalisten sein könnte.“ Sorry, aber ein Journalist, der sich nicht bemüht, wenigstens ein bisschen originell zu sein und versucht, sich von den Kollegen zu unterscheiden, ist schlicht austauschbar – und würde mit Sicherheit auch ausgetauscht werden.

Beim Lesen des Buches hatte ich zuweilen das Gefühl, Precht und Welzer sind zwei enttäuschte Leser. Im Grunde genommen hätte also ein Leserbrief auch gereicht. Als Ombudsmann wäre ich übrigens zum Gespräch bereit.

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