Zoff und Zankerei: Wie Busbegleiter die Fahrer im Schülerspezialverkehr unterstützen sollen Anja Peper Hille-Mindenerwald. Zoff und Zankerei im Schulbus: Daran erinnern sich viele aus eigener Erfahrung. Sofern diese Vorfälle die Ausnahme bleiben, sind sie kein Problem. Doch hier sind sie die Regel. Der Schülertransport zur Förderschule Mindenerwald verlangt mehr Umsicht von Busfahrern und einen insgesamt höheren Aufwand. Kinder, die sich abschnallen, durch den Bus klettern oder sogar den Fahrer angreifen: Das sorgt regelmäßig für gefährliche Situationen. „Mit Beginn des Schuljahres 2020/21 werden drei Schulbusbegleiter bei der Beförderung eingesetzt“, so Sabine Ohnesorge, Pressestelle des Kreises Minden-Lübbecke. Die können allerdings nur punktuell eingreifen, wo sie am dringendsten benötigt werden: Für die etwa hundert Kinder stehen 16 Kleinbusse zur Verfügung. Zwei Schulsozialarbeiter sind vor Ort, die ebenfalls Ansprechpartner für Probleme bei der Schülerbeförderung sind. Ein ehemaliger Busfahrer (Name dem MT bekannt) schildert seine Erfahrungen aus den Wochen vor Beginn der Sommerferien 2020. Er ist selber Vater, hat Jahrzehnte bei einer großen Spedition im Prozessmanagement gearbeitete und verfügt über ein stabiles Nervenkostüm. Doch der Job als Fahrer im so genannten Schülerspezialverkehr sei schlauchend. Grundsätzlich hält er es für notwendig, dass neue Fahrer besser auf diesen Job vorbereitet werden. „Es sollte jedem vorher klar sein: Was kommt da auf mich zu – außer Busfahren?“ Denn die Kinder, die aus dem ganzen Kreisgebiet kommen, sind an manchen Tagen unberechenbar. Sie krakeelen herum, rasten aus, sind von Null auf Hundert in kürzester Zeit. „Manche schnallen sich oder andere einfach ab. Dann ist man schnell im kritischen Bereich, was ein mögliches Bußgeld betrifft.“ Darum hat er in solchen Fällen auch schon die Notbremse gezogen und ist einfach nicht weitergefahren. Klare Ansage: „Entweder Ihr schnallt euch wieder an, oder wir bleiben hier stehen bis zum Sankt Nimmerleinstag!“ An anderen Tagen musste er er selber zur hintersten Reihe, um für Ruhe zu sorgen. An einem der schwierigen Tage hat er den kleinen Fahrgästen deutlich zu machen „Ich habe hier einen Transportauftrag, keinen Erziehungsauftrag.“ Für den Moment wurde das wohl verstanden. Aber eine langfristige Wirkung haben solche Ansagen vom Busfahrer eher nicht. Wer sich für den Job entscheidet, braucht ein dickes Fell. Denn die hören sich Tag für Tag einiges an: „Du stinkst!“, oder „Du bist fett!“ sind Standard-Beleidigungen. Auch handfeste Drohungen („Ich hau Dir gleich in die Fresse!“) kommen vor. Damit haben natürlich auch die Eltern, Pädagogen, Erziehungsberechtigten und Sozialarbeiter tagtäglich zu tun. Aber im Bus sei die Unterstützung eines Busbegleiters erforderlich, damit sich die Fahrer tatsächlich auf das Fahren konzentrieren können. Was sich das Umfeld erhofft – Affektkontrolle, Rücksichtnahme, insgesamt ein soziales Miteinander – können die Kinder offenbar (noch) nicht leisten. Die Schüler der Schulen Mindenerwald und Rodenbeck dürfen nur mit Fahrzeugen befördert werden, deren Kapazität acht Fahrgastsitzplätze nicht überschreitet. Die Türen müssen zusätzlich gegen unbeabsichtigtes Öffnen gesichert werden können. Die Busbegleiter sorgen für Ruhe und Ordnung und dafür, dass der Fahrer vom Verhalten der Kinder nicht abgelenkt wird. Sie sitzen im Fahrzeug in der Mitte oder hinten, um rechtzeitig angemessen helfen oder einschreiten zu können. Wenn die Situation dennoch eskaliert, sind mehrere Sanktionen möglich. Zum Beispiel: Drei Tage Busverbot. Kreis-Pressesprecherin Sabine Ohnesorge schreibt: „Kommt es zu erheblichen Störungen, kann sowohl der Busunternehmer und sein Betriebspersonal als auch der Kreis Minden-Lübbecke als Träger der Schülerbeförderung einen zeitweisen Ausschluss von der Beförderung verfügen.“ Diese Sanktionen dürfen nicht zu oft vorkommen, denn viele Kinder haben gar keine Alternative, um den meist ziemlich weiten Weg nach Mindenerwald zurückzulegen. Der hier zitierte ehemalige Busfahrer hat bei dem Fahrdienst den Mindestlohn verdient: 9,35 Euro. Als die Schulen wegen der Corona-Krise im März schließen mussten, seien die Mini-Jobber nicht über das weitere Vorgehen informiert worden: „Es gab keine Rundmail und auch sonst nichts“, erinnert er sich. Während anderswo Kurzarbeit das Mittel der Wahl war, sei auch das für die Mini-Jobber nicht in Frage gekommen. Dann sei ihm auch noch das Geld für die Busreinigung abgezogen worden. Insgesamt wertet er die Zeit als „prekäre Arbeitsverhältnisse“. Eine Schulschließung während einer Pandemie ist nicht dasselbe wie Ferien. Auf auf den Fall war niemand vorbereitet. „Der Beförderungsvertrag enthält keine Regelungen für Pandemie-Fälle“, so Sabine Ohnesorge. Der Kreis Minden-Lübbecke habe dem Fahrdienst während der Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie „ein anteiliges Entgelt gezahlt“. Die Beförderung im Schülerspezialverkehr wird jeweils für drei Schuljahre nach europaweiter Ausschreibung vergeben. Die letzte Vergabe erfolgte Anfang des Jahres 2020. Förderschule Mindenerwald Die Schule Mindenerwald ist eine Förderschule des Kreises Minden-Lübbecke mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung.Unterrichtetwerden Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Klassen 1 bis 4. Es sind Jungen und Mädchen, die aus verschiedenen Gründen über Defizite in ihrer Entwicklung verfügen. Die Schule verfolgt das Ziel, auf diese Kinde gezielt einzugehen, sie zu fördern und sie später in eine weiterführende Schule zu integrieren. „Wir holen die Kleinen dort ab, wo sie in ihrer Entwicklung stehen“, betonte die Leiterin 2019 im MT-Gespräch. Und die Erfolgsquote in Mindenerwald sei mit 90 Prozent hoch. Susanne Roeske unterrichtet seit fast 20 Jahren an der Förderschule und hat im vergangenen Sommer die Leitung übernommen. Im Schülerspezialverkehr, so heißt es in der Verwaltungssprache, werden Busbegleiter eingesetzt. In welchen Fahrzeugen eine Begleitung dringend notwendig ist, entscheidet die Schulleitung. Die Busbegleiter werden in der Regel für einen Monat in diesen Fahrzeugen eingesetzt. Förderschule Mindenerwald

Zoff und Zankerei: Wie Busbegleiter die Fahrer im Schülerspezialverkehr unterstützen sollen

Gegen acht Uhr kommen hier die Busse an. Im Schülerspezialverkehr Mindenerwald sei eine Begleitung dringend erforderlich, so die Erfahrung der Busfahrer. MT- © Foto: Stefanie Dullweber

Hille-Mindenerwald. Zoff und Zankerei im Schulbus: Daran erinnern sich viele aus eigener Erfahrung. Sofern diese Vorfälle die Ausnahme bleiben, sind sie kein Problem. Doch hier sind sie die Regel. Der Schülertransport zur Förderschule Mindenerwald verlangt mehr Umsicht von Busfahrern und einen insgesamt höheren Aufwand. Kinder, die sich abschnallen, durch den Bus klettern oder sogar den Fahrer angreifen: Das sorgt regelmäßig für gefährliche Situationen. „Mit Beginn des Schuljahres 2020/21 werden drei Schulbusbegleiter bei der Beförderung eingesetzt“, so Sabine Ohnesorge, Pressestelle des Kreises Minden-Lübbecke. Die können allerdings nur punktuell eingreifen, wo sie am dringendsten benötigt werden: Für die etwa hundert Kinder stehen 16 Kleinbusse zur Verfügung. Zwei Schulsozialarbeiter sind vor Ort, die ebenfalls Ansprechpartner für Probleme bei der Schülerbeförderung sind.

Ein ehemaliger Busfahrer (Name dem MT bekannt) schildert seine Erfahrungen aus den Wochen vor Beginn der Sommerferien 2020. Er ist selber Vater, hat Jahrzehnte bei einer großen Spedition im Prozessmanagement gearbeitete und verfügt über ein stabiles Nervenkostüm. Doch der Job als Fahrer im so genannten Schülerspezialverkehr sei schlauchend. Grundsätzlich hält er es für notwendig, dass neue Fahrer besser auf diesen Job vorbereitet werden. „Es sollte jedem vorher klar sein: Was kommt da auf mich zu – außer Busfahren?“ Denn die Kinder, die aus dem ganzen Kreisgebiet kommen, sind an manchen Tagen unberechenbar. Sie krakeelen herum, rasten aus, sind von Null auf Hundert in kürzester Zeit. „Manche schnallen sich oder andere einfach ab. Dann ist man schnell im kritischen Bereich, was ein mögliches Bußgeld betrifft.“

Darum hat er in solchen Fällen auch schon die Notbremse gezogen und ist einfach nicht weitergefahren. Klare Ansage: „Entweder Ihr schnallt euch wieder an, oder wir bleiben hier stehen bis zum Sankt Nimmerleinstag!“ An anderen Tagen musste er er selber zur hintersten Reihe, um für Ruhe zu sorgen. An einem der schwierigen Tage hat er den kleinen Fahrgästen deutlich zu machen „Ich habe hier einen Transportauftrag, keinen Erziehungsauftrag.“ Für den Moment wurde das wohl verstanden. Aber eine langfristige Wirkung haben solche Ansagen vom Busfahrer eher nicht.

Wer sich für den Job entscheidet, braucht ein dickes Fell. Denn die hören sich Tag für Tag einiges an: „Du stinkst!“, oder „Du bist fett!“ sind Standard-Beleidigungen. Auch handfeste Drohungen („Ich hau Dir gleich in die Fresse!“) kommen vor. Damit haben natürlich auch die Eltern, Pädagogen, Erziehungsberechtigten und Sozialarbeiter tagtäglich zu tun. Aber im Bus sei die Unterstützung eines Busbegleiters erforderlich, damit sich die Fahrer tatsächlich auf das Fahren konzentrieren können. Was sich das Umfeld erhofft – Affektkontrolle, Rücksichtnahme, insgesamt ein soziales Miteinander – können die Kinder offenbar (noch) nicht leisten.

Die Schüler der Schulen Mindenerwald und Rodenbeck dürfen nur mit Fahrzeugen befördert werden, deren Kapazität acht Fahrgastsitzplätze nicht überschreitet. Die Türen müssen zusätzlich gegen unbeabsichtigtes Öffnen gesichert werden können. Die Busbegleiter sorgen für Ruhe und Ordnung und dafür, dass der Fahrer vom Verhalten der Kinder nicht abgelenkt wird. Sie sitzen im Fahrzeug in der Mitte oder hinten, um rechtzeitig angemessen helfen oder einschreiten zu können. Wenn die Situation dennoch eskaliert, sind mehrere Sanktionen möglich. Zum Beispiel: Drei Tage Busverbot. Kreis-Pressesprecherin Sabine Ohnesorge schreibt: „Kommt es zu erheblichen Störungen, kann sowohl der Busunternehmer und sein Betriebspersonal als auch der Kreis Minden-Lübbecke als Träger der Schülerbeförderung einen zeitweisen Ausschluss von der Beförderung verfügen.“ Diese Sanktionen dürfen nicht zu oft vorkommen, denn viele Kinder haben gar keine Alternative, um den meist ziemlich weiten Weg nach Mindenerwald zurückzulegen.

Der hier zitierte ehemalige Busfahrer hat bei dem Fahrdienst den Mindestlohn verdient: 9,35 Euro. Als die Schulen wegen der Corona-Krise im März schließen mussten, seien die Mini-Jobber nicht über das weitere Vorgehen informiert worden: „Es gab keine Rundmail und auch sonst nichts“, erinnert er sich. Während anderswo Kurzarbeit das Mittel der Wahl war, sei auch das für die Mini-Jobber nicht in Frage gekommen. Dann sei ihm auch noch das Geld für die Busreinigung abgezogen worden. Insgesamt wertet er die Zeit als „prekäre Arbeitsverhältnisse“. Eine Schulschließung während einer Pandemie ist nicht dasselbe wie Ferien. Auf auf den Fall war niemand vorbereitet. „Der Beförderungsvertrag enthält keine Regelungen für Pandemie-Fälle“, so Sabine Ohnesorge. Der Kreis Minden-Lübbecke habe dem Fahrdienst während der Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie „ein anteiliges Entgelt gezahlt“.

Die Beförderung im Schülerspezialverkehr wird jeweils für drei Schuljahre nach europaweiter Ausschreibung vergeben. Die letzte Vergabe erfolgte Anfang des Jahres 2020.

Förderschule Mindenerwald

Die Schule Mindenerwald ist eine Förderschule des Kreises Minden-Lübbecke mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung.Unterrichtetwerden Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Klassen 1 bis 4. Es sind Jungen und Mädchen, die aus verschiedenen Gründen über Defizite in ihrer Entwicklung verfügen.

Die Schule verfolgt das Ziel, auf diese Kinde gezielt einzugehen, sie zu fördern und sie später in eine weiterführende Schule zu integrieren. „Wir holen die Kleinen dort ab, wo sie in ihrer Entwicklung stehen“, betonte die Leiterin 2019 im MT-Gespräch. Und die Erfolgsquote in Mindenerwald sei mit 90 Prozent hoch. Susanne Roeske unterrichtet seit fast 20 Jahren an der Förderschule und hat im vergangenen Sommer die Leitung übernommen.

Im Schülerspezialverkehr, so heißt es in der Verwaltungssprache, werden Busbegleiter eingesetzt. In welchen Fahrzeugen eine Begleitung dringend notwendig ist, entscheidet die Schulleitung. Die Busbegleiter werden in der Regel für einen Monat in diesen Fahrzeugen eingesetzt.

Förderschule Mindenerwald

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