Wirt, Archivar und Discobetreiber: Ludwig Pöhler - die Legende am Zapfhahn Carsten Korfesmeyer Hille-Nordhemmern. Es riecht nach Geschichte. Ludwig Pöhler steht Mitten im Festsaal seiner früheren Gaststätte „Zum Kruge". Getanzt und gefeiert wird dort schon lange nicht mehr. Heute liegen Flohmarktartikel verteilt auf Tischen und doch hält sich die Atmosphäre der vergangenen Zeiten noch in der Luft. Der heute 79-Jährige zeigt ein altes Foto. Datiert ist es nicht, drauf zu sehen ist der weitläufige Raum in der Blüte seiner Zeit. „Der Saal ist eine Kopie des Festsaals vom Barkhauser Kaiserhof", sagt Ludwig Pöhler. 1929 gebaut, galt das Bauwerk über Jahrzehnte als Treffpunkt von Nordhemmern. Theateraufführungen liefen dort und den Souffleurkasten gibt es noch heute. Anker, an denen die Reckstangen für die Turngruppen aufgestellt wurden, stecken ebenfalls noch im amerikanischen Fußboden. Den bezeichnet der Eigentümer als etwas ganz besonders Teures. Vier Zentimeter dick, könnte das Holz außerdem einiges erzählen. Auch aus den dunklen Zeiten, denn der Festsaal wurde während des Zweiten Weltkriegs von der SS beschlagnahmt. Später nutzte man ihn noch eine Weile als Flüchtlingsunterkunft und Ludwig Pöhler weiß noch, wie sehr man sich damals darum bemühte, den Menschen durch Vorhänge zumindest etwas Privatsphäre zu geben. Ab 1972 lief dort an den Wochenenden eine Disko. „Pöhlers Box-Bude", nannten sie die Gäste – und der Gastronom erinnert sich noch gut an die gelegentlichen Raufereien junger Leute. Die Auseinandersetzungen blieben meist ohne größere Folgen und der frühere Gastronom erzählt davon, wie er so manche Streithähne wieder auseinanderbrachte. „Eine halbe Stunde später saßen die dann oft schon wieder an der Theke und tranken zusammen ein Bier", sagt Ludwig Pöhler mit einem Augenzwinkern. Er wirkt in diesem Moment, als trauere er diesen alten Zeiten ein wenig nach. 1984 schloss er die Gaststätte, am Nikolaustag 1989 hat er den Schlüssel zum Saal endgültig umgedreht und einen gewaltigen Schlussstrich gezogen. 420 Jahre dauerte die Gastronomiegeschichte „Zum Kruge". Immer war das Haus im in Familienbesitz. Ludwig Pöhler steht für die 14. Generation. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat er den Saal zeitweise verpachtet. Oldtimer standen dort beispielsweise und gelegentlich laufen noch Flohmärkte. Während die alten vier Ölöfen, die blau gestrichenen Fensterrahmen oder die Bühne an die früheren Tage erinnern, sind die Spuren der einstigen Gaststätte nahezu verschwunden. Anfang der 1990er-Jahre hat Ludwig Pöhler die Wirtsstube samt Küche und den beiden Clubräumen zu Wohnungen umgebaut. Gleiches passierte mit den Fremdenzimmern im ersten Stockwerk und man muss schon sehr genau hinsehen, um noch etwas aus der Vergangenheit zu entdecken. Das hervorgezogene Mauerwerk am früheren Eingangsbereich erinnert beispielsweise an diese Ära, Der Hauseigentümer erzählt außerdem von der ersten Filiale der Kreissparkasse, die bis 1972 ihr Domizil im Erdgeschoss hatte. Dann zeigt er auf den Briefkasten mit der leicht verwitterten gelben Farbe. Der ist noch immer in Funktion und wirkt wie ein letztes Überbleibsel aus der Zeit der Poststelle, die von 1892 bis 1996 mit im Gebäude war. Das Haus in der Nordhemmer Straße 100 war einst ein Dreh- und Angelpunkt im Ort. Warum heute nicht mehr? Ludwig Pöhler winkt ab. „Für mich war in den 1980ern klar, dass ein Dorfgasthaus keine Zukunft mehr hat", sagt er. Seine bereits gezeichneten Umbaupläne ließen sich damals schon aus Gründen des Lärmschutzes nicht in die Tat umsetzen und deshalb sah er sich nach neuen Nutzungsmöglichkeiten um. Beruflich ging es an seinen beiden Standbeinen erfolgreich für ihn weiter. Er war bis 1981 Pächter der Bahnhofsgaststätte im Mindener Hauptbahnhof sowie sowie Betreiber des Schusterkrugs in Wagenfeld, wo regelmäßig Stars wie Peter Schilling, Andy Bork oder auch Nena zu Gast waren. Ludwig Pöhler ist ein Vollblut-Gastronom. Einer der anpackt und „gut mit den Gästen kann". Er ist vor seiner Rückkehr nach Nordhemmern im Jahr 1970 viel in der Welt herumgekommen und hat in namhaften Betrieben gearbeitet. Als junger Kellner servierte er dem damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübcke (CDU) das Essen oder bediente Fußballlegende Fritz Walter, den Schriftsteller Golo Mann oder die Schauspieler Willy Birgel und Elisabeth Flickenschild. Mitte der 1980er Jahre konnte er seine damalige Idee einer Großdiskothek im Barkhauser Gewerbegebiet aus baurechtlichen Gründen nicht umsetzen. Das nahm der damals Mittvierziger zum Anlass, sich geordnet in das Privatleben zurückzuziehen. Aufgrund seiner erfolgreichen Geschäfte konnte er sich diesen Schritt leisten und findet das im Nachgang sogar richtig gut. Seither widmet sich Ludwig Pöhler der Archivarbeit und der Geschichte. Weit über die Gemeindegrenzen hinaus gilt er als Experte und seine Kontakte zu den Museumsleitern in der Region sind ausgezeichnet. Er ist ein Mann, der Vieles zu erzählen hat und sicher zu den großen Persönlichkeiten der regionalen Gastronomie zählt.

Wirt, Archivar und Discobetreiber: Ludwig Pöhler - die Legende am Zapfhahn

Ludwig Pöhler (79) steht für die 14. Generation der Gaststätte „Zum Kruge“. Unter anderem beschäftigt er sich heute als Archivar und hat auch ein Foto aus der Blütezeit seines Festsaals. MT- © Foto: Carsten Korfesmeyer

Hille-Nordhemmern. Es riecht nach Geschichte. Ludwig Pöhler steht Mitten im Festsaal seiner früheren Gaststätte „Zum Kruge". Getanzt und gefeiert wird dort schon lange nicht mehr. Heute liegen Flohmarktartikel verteilt auf Tischen und doch hält sich die Atmosphäre der vergangenen Zeiten noch in der Luft. Der heute 79-Jährige zeigt ein altes Foto. Datiert ist es nicht, drauf zu sehen ist der weitläufige Raum in der Blüte seiner Zeit. „Der Saal ist eine Kopie des Festsaals vom Barkhauser Kaiserhof", sagt Ludwig Pöhler. 1929 gebaut, galt das Bauwerk über Jahrzehnte als Treffpunkt von Nordhemmern. Theateraufführungen liefen dort und den Souffleurkasten gibt es noch heute.

Anker, an denen die Reckstangen für die Turngruppen aufgestellt wurden, stecken ebenfalls noch im amerikanischen Fußboden. Den bezeichnet der Eigentümer als etwas ganz besonders Teures. Vier Zentimeter dick, könnte das Holz außerdem einiges erzählen. Auch aus den dunklen Zeiten, denn der Festsaal wurde während des Zweiten Weltkriegs von der SS beschlagnahmt. Später nutzte man ihn noch eine Weile als Flüchtlingsunterkunft und Ludwig Pöhler weiß noch, wie sehr man sich damals darum bemühte, den Menschen durch Vorhänge zumindest etwas Privatsphäre zu geben.

Die Gaststättengeschichte „Zum Kruge“ in Nordhemmern begann am 3. Juli 1568 und endete am Nikolaustag 1989. Mehrfach wurde das Gebäude umgebaut und erweitert. In den 1990er-Jahren entstanden unter anderem Wohnungen in den ehemaligen Räumen des Lokals. MT-Repro: Carsten Korfesmeyer/Jörg Barner
Die Gaststättengeschichte „Zum Kruge“ in Nordhemmern begann am 3. Juli 1568 und endete am Nikolaustag 1989. Mehrfach wurde das Gebäude umgebaut und erweitert. In den 1990er-Jahren entstanden unter anderem Wohnungen in den ehemaligen Räumen des Lokals. MT-Repro: Carsten Korfesmeyer/Jörg Barner

Ab 1972 lief dort an den Wochenenden eine Disko. „Pöhlers Box-Bude", nannten sie die Gäste – und der Gastronom erinnert sich noch gut an die gelegentlichen Raufereien junger Leute. Die Auseinandersetzungen blieben meist ohne größere Folgen und der frühere Gastronom erzählt davon, wie er so manche Streithähne wieder auseinanderbrachte. „Eine halbe Stunde später saßen die dann oft schon wieder an der Theke und tranken zusammen ein Bier", sagt Ludwig Pöhler mit einem Augenzwinkern. Er wirkt in diesem Moment, als trauere er diesen alten Zeiten ein wenig nach. 1984 schloss er die Gaststätte, am Nikolaustag 1989 hat er den Schlüssel zum Saal endgültig umgedreht und einen gewaltigen Schlussstrich gezogen. 420 Jahre dauerte die Gastronomiegeschichte „Zum Kruge". Immer war das Haus im in Familienbesitz. Ludwig Pöhler steht für die 14. Generation.

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat er den Saal zeitweise verpachtet. Oldtimer standen dort beispielsweise und gelegentlich laufen noch Flohmärkte. Während die alten vier Ölöfen, die blau gestrichenen Fensterrahmen oder die Bühne an die früheren Tage erinnern, sind die Spuren der einstigen Gaststätte nahezu verschwunden. Anfang der 1990er-Jahre hat Ludwig Pöhler die Wirtsstube samt Küche und den beiden Clubräumen zu Wohnungen umgebaut. Gleiches passierte mit den Fremdenzimmern im ersten Stockwerk und man muss schon sehr genau hinsehen, um noch etwas aus der Vergangenheit zu entdecken. Das hervorgezogene Mauerwerk am früheren Eingangsbereich erinnert beispielsweise an diese Ära, Der Hauseigentümer erzählt außerdem von der ersten Filiale der Kreissparkasse, die bis 1972 ihr Domizil im Erdgeschoss hatte. Dann zeigt er auf den Briefkasten mit der leicht verwitterten gelben Farbe. Der ist noch immer in Funktion und wirkt wie ein letztes Überbleibsel aus der Zeit der Poststelle, die von 1892 bis 1996 mit im Gebäude war.

Das Haus in der Nordhemmer Straße 100 war einst ein Dreh- und Angelpunkt im Ort. Warum heute nicht mehr? Ludwig Pöhler winkt ab. „Für mich war in den 1980ern klar, dass ein Dorfgasthaus keine Zukunft mehr hat", sagt er. Seine bereits gezeichneten Umbaupläne ließen sich damals schon aus Gründen des Lärmschutzes nicht in die Tat umsetzen und deshalb sah er sich nach neuen Nutzungsmöglichkeiten um. Beruflich ging es an seinen beiden Standbeinen erfolgreich für ihn weiter. Er war bis 1981 Pächter der Bahnhofsgaststätte im Mindener Hauptbahnhof sowie sowie Betreiber des Schusterkrugs in Wagenfeld, wo regelmäßig Stars wie Peter Schilling, Andy Bork oder auch Nena zu Gast waren.

Ludwig Pöhler ist ein Vollblut-Gastronom. Einer der anpackt und „gut mit den Gästen kann". Er ist vor seiner Rückkehr nach Nordhemmern im Jahr 1970 viel in der Welt herumgekommen und hat in namhaften Betrieben gearbeitet. Als junger Kellner servierte er dem damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübcke (CDU) das Essen oder bediente Fußballlegende Fritz Walter, den Schriftsteller Golo Mann oder die Schauspieler Willy Birgel und Elisabeth Flickenschild.

Mitte der 1980er Jahre konnte er seine damalige Idee einer Großdiskothek im Barkhauser Gewerbegebiet aus baurechtlichen Gründen nicht umsetzen. Das nahm der damals Mittvierziger zum Anlass, sich geordnet in das Privatleben zurückzuziehen. Aufgrund seiner erfolgreichen Geschäfte konnte er sich diesen Schritt leisten und findet das im Nachgang sogar richtig gut.

Seither widmet sich Ludwig Pöhler der Archivarbeit und der Geschichte. Weit über die Gemeindegrenzen hinaus gilt er als Experte und seine Kontakte zu den Museumsleitern in der Region sind ausgezeichnet. Er ist ein Mann, der Vieles zu erzählen hat und sicher zu den großen Persönlichkeiten der regionalen Gastronomie zählt.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Hille