Wer Hanf sät, muss kein Dealer sein: Hiller werden verdächtigt, illegal Cannabis angebaut zu haben Stefanie Dullweber Hille. Eigentlich wollten sie und ihr Mann nur den Insekten etwas Gutes tun und eine Blumenwiese anlegen – dann rief plötzlich die Kriminalpolizei an und drohte mit einer Strafanzeige. Der Verdacht: Illegaler Hanfanbau. Mit ein paar Tagen Abstand lacht das Ehepaar aus Hille über die ganze Sache – aber danach war ihnen im ersten Moment nicht zumute. Die Polizei hat ihre Ermittlungen mittlerweile eingestellt, wie Pressesprecher Thomas Bensch gegenüber dem MT mitteilt. Ein Spaziergänger hatte sich am 14. Juli bei den Beamten gemeldet, weil er glaubte, auf einer Wiese Cannabis-Pflanzen entdeckt zu haben. Die Betroffenen möchten nicht, dass ihr Name in der Zeitung steht. „Viele wissen sowieso schon Bescheid, aber wir wollen nicht, dass noch mehr Leute bei uns durch die Straße fahren und Bilder von der Wiese machen“, sagt Heike P. (Name von der Redaktion geändert). Denn die von dem Spaziergänger beobachteten Hanfpflanzen gab es tatsächlich. Sie stammen aus einer verunreinigten Saatmischung für Blumenwiesen, die sich die Familie P. bei der Genossenschaft besorgt hatte. Ein Mitarbeiter der Genossenschaft bestätigt, dass der Saatgut-Hersteller sich wegen der fehlerhaften Charge bei ihnen gemeldet habe. Die Mischung habe sogenannten Futterhanf beziehungsweise Nutzhanf enthalten. Dieser werde zur kommerziellen Nutzung angebaut – abseits von seiner Verwendung als Rausch- oder Arzneimittel. Der Anbau ist zwar meldepflichtig, aber nicht grundsätzlich verboten. Trotzdem habe der Hersteller die Genossenschaft gebeten, die Kunden zu informieren. „Diejenigen, die wir nachvollziehen konnten, haben wir angerufen“, so der Mitarbeiter weiter. Statt der Genossenschaft, meldete sich bei Familie P. die Kriminalpolizei. Den Anruf der Beamten habe sie zunächst gar nicht ernst genommen, sagt Heike P. im Gespräch mit dem Mindener Tageblatt. Sie habe ihn für einen Scherz gehalten – bis ihr schließlich im Verlauf des Gesprächs klar wurde, dass die Beamten es ernst meinen. Sollten sie die Blühwiese mit den Hanfpflanzen nicht abmähen, würde Strafanzeige gestellt. Sie hätten einen Antrag bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) stellen können, um eine Ausnahmegenehmigung für den Hanfanbau zu bekommen. Aber die Frist sei am 1. Juli verstrichen, hätte die Polizei weiter mitgeteilt. Das Problem: Das Ehepaar wusste ja gar nichts von der Verunreinigung – sie wollten schließlich nur eine Blumenwiese anlegen und nicht bewusst Futterhanf anbauen. Wie Thomas Bensch mitteilt, habe es sich aus Sicht der Polizei zunächst um eine sogenannte „Verdachtslage“ gehandelt. Die Kollegen seien diesem Verdacht nachgegangen und hätten geprüft, ob es sich tatsächlich um Pflanzen mit berauschender Wirkung handelt. Für die Hiller stand unterdessen schnell fest, dass die Vernichtung der kompletten Blumenwiese keine Option ist. „Das wäre einfach zu schade gewesen. Überall auf dem Acker summte und brummte es.“ Sie fällten eine Entscheidung für die Blumenwiese und gegen den Hanf. Drei Tage hätten sie auf der Wiese zugebracht und jede einzelne Hanfpflanze per Hand ausgerissen. „Die Pflanzen ließen sich zwar relativ leicht rausziehen, aber es war letztlich ein ganzer Anhänger voll“, sagt Heike P. Als sie dann beim Entsorgungsbetrieb angerufen habe, musste sie die ganze Geschichte noch einmal erzählen. „Die waren natürlich erst einmal irritiert, als ich gefragt habe, ob ich bei ihnen Hanf loswerden kann.“ Nur einen Tag nach Abschluss der Arbeiten habe sich die Kripo erneut bei ihnen gemeldet – mit der Information, dass die Bundesanstalt die Antragsfrist verlängert habe, weil weitere Fälle von verunreinigtem Saatgut bekannt geworden seien. Sie müssten die Pflanzen also nicht entfernen, habe die Polizei den Hillern mitgeteilt. Der Fall hatte nämlich weitaus größere Dimensionen angenommen. Wie Wilhelm Deitermann, Pressesprecher des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) mitteilt, ist seit Ende Juni bekannt, dass Saatgut mit Futterhanf verunreinigt wurde. Da derzeit noch ein offenes Verfahren laufe, könnten zum Hersteller keine weiteren Angaben gemacht werden. Es sei jedoch wahrscheinlich, dass auch das Ehepaar aus Hille zu den Betroffenen zählt. In ganz Deutschland wurden laut den Lieferlisten des Unternehmens mehr als 200 landwirtschaftliche Genossenschaften, Betriebe oder andere Initiativen direkt beliefert. Insgesamt waren drei Chargen der Blumenmischung betroffen. Bei der Herstellung des Saatgutes sei es laut Informationen des Landesamtes zu einer unbeabsichtigten Vermischung mit sogenanntem Futterhanf gekommen. Dieser habe nur einen sehr geringen THC-Gehalt und unterstehe in Deutschland einer Anzeigepflicht bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Die einzelnen Flächen könnten stehen bleiben, da es ausnahmsweise möglich sei, die Flächen beim BLE nachzumelden. Dies sei ermöglicht worden, da den betroffenen landwirtschaftlichen Betrieben oder anderen Initiativen kein Nachteil entstehen sollte. Der Hersteller der Saatgutmischungen für die Blühstreifen habe, so der LANUV-Sprecher weiter, bereits alle Käufer informiert. Im Hiller Fall wäre dann die Genossenschaft als Zwischenhändler in der Pflicht, diejenigen zu informieren, die das verunreinigte Saatgut bei ihnen erworben haben. Für das Ehepaar P. ist die Sache erledigt. Sie hätten für das Saatgut 250 Euro „in den Wind geschossen“ und die Entsorgung der Hanfpflanzen mussten sie ebenfalls bezahlen. „Letztlich waren es drei Tage Arbeit und ein Termin beim Physiotherapeuten“, sagt Heike P., die sich beim Entfernen der Hanfpflanzen den Rücken verrenkt hat. „Und das alles nur, weil wir den Bienen etwas Gutes tun wollten.“ Hanfpflanzen: Beim Hanf gibt es weibliche und männliche Pflanzen. Begehrt sind vor allem die weiblichen Pflanzen. Denn aus ihnen lässt sich der berauschende Stoff (THC) herstellen. Es ist nicht von an Anfang an sichtbar, ob eine Hanfpflanze männlich oder weiblich ist. Erst kurz vor der Blütephase sind an den männlichen Cannabispflanzen die typischen Staubbeutel erkennbar. Die begehrten Cannabinoide finden sich fast ausschließlich an den Blüten der weiblichen Pflanzen. In Deutschland ist der private Anbau von Hanf grundsätzlich verboten, das Geschlecht der Pflanzen ist dabei egal. Auch Pflanzen mit wenig THC darf man in Deutschland als Privatperson nicht anpflanzen. Für landwirtschaftliche Gewerbe ist Nutzhanf mit weniger als 0,2 Prozent THC erlaubt.

Wer Hanf sät, muss kein Dealer sein: Hiller werden verdächtigt, illegal Cannabis angebaut zu haben

So sahen die Hanfpflanzen aus, kurz bevor sie das Ehepaar Hille per Hand aus der Blumenwiese entfernte. Wie die Betroffenen erst später erfuhren, hätten die Pflanzen stehen bleiben können. © Foto: privat

Hille. Eigentlich wollten sie und ihr Mann nur den Insekten etwas Gutes tun und eine Blumenwiese anlegen – dann rief plötzlich die Kriminalpolizei an und drohte mit einer Strafanzeige. Der Verdacht: Illegaler Hanfanbau. Mit ein paar Tagen Abstand lacht das Ehepaar aus Hille über die ganze Sache – aber danach war ihnen im ersten Moment nicht zumute. Die Polizei hat ihre Ermittlungen mittlerweile eingestellt, wie Pressesprecher Thomas Bensch gegenüber dem MT mitteilt. Ein Spaziergänger hatte sich am 14. Juli bei den Beamten gemeldet, weil er glaubte, auf einer Wiese Cannabis-Pflanzen entdeckt zu haben.

Die Betroffenen möchten nicht, dass ihr Name in der Zeitung steht. „Viele wissen sowieso schon Bescheid, aber wir wollen nicht, dass noch mehr Leute bei uns durch die Straße fahren und Bilder von der Wiese machen“, sagt Heike P. (Name von der Redaktion geändert). Denn die von dem Spaziergänger beobachteten Hanfpflanzen gab es tatsächlich. Sie stammen aus einer verunreinigten Saatmischung für Blumenwiesen, die sich die Familie P. bei der Genossenschaft besorgt hatte.

Ein Mitarbeiter der Genossenschaft bestätigt, dass der Saatgut-Hersteller sich wegen der fehlerhaften Charge bei ihnen gemeldet habe. Die Mischung habe sogenannten Futterhanf beziehungsweise Nutzhanf enthalten. Dieser werde zur kommerziellen Nutzung angebaut – abseits von seiner Verwendung als Rausch- oder Arzneimittel. Der Anbau ist zwar meldepflichtig, aber nicht grundsätzlich verboten. Trotzdem habe der Hersteller die Genossenschaft gebeten, die Kunden zu informieren. „Diejenigen, die wir nachvollziehen konnten, haben wir angerufen“, so der Mitarbeiter weiter.

Statt der Genossenschaft, meldete sich bei Familie P. die Kriminalpolizei. Den Anruf der Beamten habe sie zunächst gar nicht ernst genommen, sagt Heike P. im Gespräch mit dem Mindener Tageblatt. Sie habe ihn für einen Scherz gehalten – bis ihr schließlich im Verlauf des Gesprächs klar wurde, dass die Beamten es ernst meinen. Sollten sie die Blühwiese mit den Hanfpflanzen nicht abmähen, würde Strafanzeige gestellt. Sie hätten einen Antrag bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) stellen können, um eine Ausnahmegenehmigung für den Hanfanbau zu bekommen. Aber die Frist sei am 1. Juli verstrichen, hätte die Polizei weiter mitgeteilt. Das Problem: Das Ehepaar wusste ja gar nichts von der Verunreinigung – sie wollten schließlich nur eine Blumenwiese anlegen und nicht bewusst Futterhanf anbauen.

Wie Thomas Bensch mitteilt, habe es sich aus Sicht der Polizei zunächst um eine sogenannte „Verdachtslage“ gehandelt. Die Kollegen seien diesem Verdacht nachgegangen und hätten geprüft, ob es sich tatsächlich um Pflanzen mit berauschender Wirkung handelt.

Für die Hiller stand unterdessen schnell fest, dass die Vernichtung der kompletten Blumenwiese keine Option ist. „Das wäre einfach zu schade gewesen. Überall auf dem Acker summte und brummte es.“ Sie fällten eine Entscheidung für die Blumenwiese und gegen den Hanf. Drei Tage hätten sie auf der Wiese zugebracht und jede einzelne Hanfpflanze per Hand ausgerissen. „Die Pflanzen ließen sich zwar relativ leicht rausziehen, aber es war letztlich ein ganzer Anhänger voll“, sagt Heike P. Als sie dann beim Entsorgungsbetrieb angerufen habe, musste sie die ganze Geschichte noch einmal erzählen. „Die waren natürlich erst einmal irritiert, als ich gefragt habe, ob ich bei ihnen Hanf loswerden kann.“

Nur einen Tag nach Abschluss der Arbeiten habe sich die Kripo erneut bei ihnen gemeldet – mit der Information, dass die Bundesanstalt die Antragsfrist verlängert habe, weil weitere Fälle von verunreinigtem Saatgut bekannt geworden seien. Sie müssten die Pflanzen also nicht entfernen, habe die Polizei den Hillern mitgeteilt.

Der Fall hatte nämlich weitaus größere Dimensionen angenommen. Wie Wilhelm Deitermann, Pressesprecher des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) mitteilt, ist seit Ende Juni bekannt, dass Saatgut mit Futterhanf verunreinigt wurde. Da derzeit noch ein offenes Verfahren laufe, könnten zum Hersteller keine weiteren Angaben gemacht werden. Es sei jedoch wahrscheinlich, dass auch das Ehepaar aus Hille zu den Betroffenen zählt. In ganz Deutschland wurden laut den Lieferlisten des Unternehmens mehr als 200 landwirtschaftliche Genossenschaften, Betriebe oder andere Initiativen direkt beliefert. Insgesamt waren drei Chargen der Blumenmischung betroffen.

Bei der Herstellung des Saatgutes sei es laut Informationen des Landesamtes zu einer unbeabsichtigten Vermischung mit sogenanntem Futterhanf gekommen. Dieser habe nur einen sehr geringen THC-Gehalt und unterstehe in Deutschland einer Anzeigepflicht bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Die einzelnen Flächen könnten stehen bleiben, da es ausnahmsweise möglich sei, die Flächen beim BLE nachzumelden. Dies sei ermöglicht worden, da den betroffenen landwirtschaftlichen Betrieben oder anderen Initiativen kein Nachteil entstehen sollte.

Der Hersteller der Saatgutmischungen für die Blühstreifen habe, so der LANUV-Sprecher weiter, bereits alle Käufer informiert. Im Hiller Fall wäre dann die Genossenschaft als Zwischenhändler in der Pflicht, diejenigen zu informieren, die das verunreinigte Saatgut bei ihnen erworben haben.

Für das Ehepaar P. ist die Sache erledigt. Sie hätten für das Saatgut 250 Euro „in den Wind geschossen“ und die Entsorgung der Hanfpflanzen mussten sie ebenfalls bezahlen. „Letztlich waren es drei Tage Arbeit und ein Termin beim Physiotherapeuten“, sagt Heike P., die sich beim Entfernen der Hanfpflanzen den Rücken verrenkt hat. „Und das alles nur, weil wir den Bienen etwas Gutes tun wollten.“

Hanfpflanzen:

Beim Hanf gibt es weibliche und männliche Pflanzen. Begehrt sind vor allem die weiblichen Pflanzen. Denn aus ihnen lässt sich der berauschende Stoff (THC) herstellen.

Es ist nicht von an Anfang an sichtbar, ob eine Hanfpflanze männlich oder weiblich ist. Erst kurz vor der Blütephase sind an den männlichen Cannabispflanzen die typischen Staubbeutel erkennbar. Die begehrten Cannabinoide finden sich fast ausschließlich an den Blüten der weiblichen Pflanzen.

In Deutschland ist der private Anbau von Hanf grundsätzlich verboten, das Geschlecht der Pflanzen ist dabei egal. Auch Pflanzen mit wenig THC darf man in Deutschland als Privatperson nicht anpflanzen. Für landwirtschaftliche Gewerbe ist Nutzhanf mit weniger als 0,2 Prozent THC erlaubt.

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