Touri-Alarm im Moor: Darum sind Ausflügler und Hundehalter ein Problem Jürgen Langenkämper Hille/Minden. Im Großen Torfmoor und in der Bastauniederung schlummert ein enormes Potenzial: Moore können als CO2-Speicher einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des globalen Klimas leisten. Doch dafür müssen sie intakt sein. Zur Verbesserung der heimischen Feuchtgebiete schiebt der Kreis Minden-Lübbecke ein Jahrzehnt-Projekt an. Doch erstmal setzt ausgerechnet die Corona-Pandemie der Fauna und Flora im Torfmoor zu. Herausragend sei die Rolle der Moorniederung als größtes zusammenhängendes Gebiet in Nordrhein-Westfalen nicht nur als Lebensraum moortypischer Arten und Lebensgemeinschaften, sondern auch im Klimaschutz, betonte Martina Vortherms vom Umweltamt des Kreises bei der Vorstellung des Projektes im neu gegründeten Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Klima und Energie (Unke) vergangene Woche. Doch die Funktion zur Bindung von Kohlendioxid – als CO2-Senke – kann das Feuchtgebiet derzeit nur sehr begrenzt erfüllen. Aufgrund von Wassermangel werde die chemische Verbindung sogar freigesetzt und in die Umwelt abgegeben. Konflikte gab es bereits in der Vergangenheit zwischen Natur- und Artenschutz und der Landwirtschaft. Ein runder Tisch brachte 2o18 nicht die angestrebte Lösung und eine Gesamtplanung. Neuen Schwung erhofft sich die Kreisverwaltung von einem Moderationsprozess im Rahmen der Regionale 2022 UrbanLand OWL als Teil des Projektes „Erlebnisraum Weserlandschaft". Einen positiven Beschluss dazu hat das UrbanLand-Board Mitte Dezember gefasst. Zudem hat das Nordrhein-Westfalen die Vollfinanzierung von förderungsfähigen Fremdkosten in Höhe von 159.000 Euro erteilt. Als zuständige Leiterin der Abteilung für Naturschutz und Abgrabungen teilte Vortherms dem Ausschuss mit, dass für das Projekt und die Dauer von zwei Jahren eine halbe Stelle im Umweltamt eingerichtet wird. Es fallen insgesamt Personalkosten in Höhe von 88.000 Euro an. Bis zum dritten Quartal nächsten Jahres soll der Moderationsprozess zwischen den beteiligten Akteuren aus Kommunen – also vor allem der Gemeinde Hille und den Städten Minden und Lübbecke –, Landwirtschaft, Wasserwirtschaft, Naturschutz und Klimaschutz abgeschlossen und ein Leitbild abgestimmt sein. Danach könnte ein Großprojekt zum „Erhalt und zur Entwicklung der Moorlandschaft", wie Kreisbau- und -umweltdezernent Lutz Freiberg sagte, auf den Weg gebracht sein und starten. Dessen Dauer kalkulierte Martina Vortherms auf zehn bis 15 Jahre, wenn es gelänge, im nächsten Jahr als Naturschutzprojekt in die Bundesförderung aufgenommen zu werden. Das Projekt sah Alfred Borgmann (CDU) zwar als „vernünftige Sache", warnte aber, dass es für ein Gelingen „keine Gewähr" gebe. „Es kann auch scheitern." Potenzial sah Torsten Kuhlmann (SPD) weniger im Torfmoor in Gehlenbeck – „schon zu 96 Prozent Wiedervernässung" – als östlich davon in der Bastauniederung, also überwiegend auf Hiller Gebiet. Dem konnte Vortherms angesichts eines „Wahnsinnsnetzes von Entwässerungsgräben" früherer Generationen nur zustimmen. „Darüber brauchen wir einen Konsens", stellte sie heraus. Aktuell droht dem Naturschutzgebiet die größte Gefahr allerdings von den Bürgern selbst. „Seit März/April wird das Torfmoor massiv überrannt", beklagte in der Sitzung Andreas Holdmann (CDU), der selbst nur gut einen Kilometer davon entfernt wohnt. Auf den Ansturm seien die Naturschützer „gar nicht vorbereitet". Die jetzigen Besucher seien „eine vollkommen andere Personengruppe", so seine Beobachtungen. „Sie dringen direkt bis an die Wasserflächen vor." Tiere würden dadurch zurückgedrängt und hätten keine Ruhephasen mehr. „Selbst bei Dunkelheit kommt es zu Störungen durch Besucher." Um 7 Uhr in der Früh hat er schon Besucher gesehen und auch noch um 21 Uhr am Abend. Hinweis- und Verbotsschilder interessierten die Menschen dabei kaum. Um Abhilfe zu schaffen, müssten Barrieren her, so Holdmanns Vorschlag. Martina Vortherms, die in ihrem Vortrag auch die Bedeutung von Torfmoor und Bastauniederung für die Freizeitgestaltung nicht verschwiegen hatte, musste eingestehen, dass die Mitarbeiter „sprachlos" seien. Teile der Bevölkerung gingen in der Pandemie „vor die Haustür" und wichen in die Kulturlandschaft aus. Es sei schwierig, „die Schutzgebiete zu schützen". Hochzeitsgesellschaften gingen direkt ins Moor, um außergewöhnliche Hochzeitsfotos zu machen. Auch Fotografen hätten ihren Kunden Fotoshootings im Moor angeboten. „Ein Riesenproblem" sind nach Vortherms’ Erfahrungen auch Hundehalter, die das Gebiet nicht meiden und Schutzabstände vernachlässigen. Dadurch würden Vögel aufgescheucht und kämen nicht zurück. Versuche, die Öffentlichkeit durch Presseartikel zu sensibilisieren, verliefen fruchtlos. Die Unke-Vorsitzende Cornelia Schmelzer befürchtet, dass die entsprechende Zielgruppe durch Tageszeitungen möglicherweise nicht zu erreichen sei. Sie regte den Weg über Soziale Medien an. „Es ist ein Versuch." Der Unke-Ausschuss unterstützte das Projekt einstimmig und ebenso der Kreisausschuss einen Tag später. Kommentar: Magnet für Besuchermassen Soziale Medien sind gut – fragt sich nur wofür? Ob die Aufklärung darüber, was besser nicht zu tun und zu lassen wäre, mittels Facebook, Twitter & Co. gelingen kann – in diesem Fall, nicht wie eine Heimsuchung für Fauna und Flora in den Kern des Großen Torfmoores einzufallen –, ist zumindest zweifelhaft. Der Schuss könnte gewaltig nach hintenlosgehen.Denn war das Moor vor Corona nur ein Geheimtipp für Naturliebhaber, so ist das Kleinod vor der Haustür in Zeiten von Restriktionen und Natur-Dokus auf allen Kanälen über Nacht zum Hotspot für Hochzeitsgesellschaften und Hundehalter geworden. Steht es dann noch im Internet, wo viele nur Überschriften lesen, taugt das Moor bald zum Magneten für Besuchermassen von nah und fern.

Touri-Alarm im Moor: Darum sind Ausflügler und Hundehalter ein Problem

Chance für den Klimaschutz: Das Große Torfmoor und die Bastauniederung sollten nach dem Willen der Kreisverwaltung beim Klimaschutz eine größere Rolle spielen. Um mehr Kohlendioxid binden zu können, müsste das Feuchtgebiet aber stärker wiedervernässt werden. Foto: MT-Archiv © siehe Bildtext

Hille/Minden. Im Großen Torfmoor und in der Bastauniederung schlummert ein enormes Potenzial: Moore können als CO2-Speicher einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des globalen Klimas leisten. Doch dafür müssen sie intakt sein. Zur Verbesserung der heimischen Feuchtgebiete schiebt der Kreis Minden-Lübbecke ein Jahrzehnt-Projekt an. Doch erstmal setzt ausgerechnet die Corona-Pandemie der Fauna und Flora im Torfmoor zu.

Herausragend sei die Rolle der Moorniederung als größtes zusammenhängendes Gebiet in Nordrhein-Westfalen nicht nur als Lebensraum moortypischer Arten und Lebensgemeinschaften, sondern auch im Klimaschutz, betonte Martina Vortherms vom Umweltamt des Kreises bei der Vorstellung des Projektes im neu gegründeten Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Klima und Energie (Unke) vergangene Woche. Doch die Funktion zur Bindung von Kohlendioxid – als CO2-Senke – kann das Feuchtgebiet derzeit nur sehr begrenzt erfüllen. Aufgrund von Wassermangel werde die chemische Verbindung sogar freigesetzt und in die Umwelt abgegeben.

Konflikte gab es bereits in der Vergangenheit zwischen Natur- und Artenschutz und der Landwirtschaft. Ein runder Tisch brachte 2o18 nicht die angestrebte Lösung und eine Gesamtplanung. Neuen Schwung erhofft sich die Kreisverwaltung von einem Moderationsprozess im Rahmen der Regionale 2022 UrbanLand OWL als Teil des Projektes „Erlebnisraum Weserlandschaft". Einen positiven Beschluss dazu hat das UrbanLand-Board Mitte Dezember gefasst. Zudem hat das Nordrhein-Westfalen die Vollfinanzierung von förderungsfähigen Fremdkosten in Höhe von 159.000 Euro erteilt.

Als zuständige Leiterin der Abteilung für Naturschutz und Abgrabungen teilte Vortherms dem Ausschuss mit, dass für das Projekt und die Dauer von zwei Jahren eine halbe Stelle im Umweltamt eingerichtet wird. Es fallen insgesamt Personalkosten in Höhe von 88.000 Euro an.

Bis zum dritten Quartal nächsten Jahres soll der Moderationsprozess zwischen den beteiligten Akteuren aus Kommunen – also vor allem der Gemeinde Hille und den Städten Minden und Lübbecke –, Landwirtschaft, Wasserwirtschaft, Naturschutz und Klimaschutz abgeschlossen und ein Leitbild abgestimmt sein. Danach könnte ein Großprojekt zum „Erhalt und zur Entwicklung der Moorlandschaft", wie Kreisbau- und -umweltdezernent Lutz Freiberg sagte, auf den Weg gebracht sein und starten. Dessen Dauer kalkulierte Martina Vortherms auf zehn bis 15 Jahre, wenn es gelänge, im nächsten Jahr als Naturschutzprojekt in die Bundesförderung aufgenommen zu werden.

Das Projekt sah Alfred Borgmann (CDU) zwar als „vernünftige Sache", warnte aber, dass es für ein Gelingen „keine Gewähr" gebe. „Es kann auch scheitern."

Potenzial sah Torsten Kuhlmann (SPD) weniger im Torfmoor in Gehlenbeck – „schon zu 96 Prozent Wiedervernässung" – als östlich davon in der Bastauniederung, also überwiegend auf Hiller Gebiet. Dem konnte Vortherms angesichts eines „Wahnsinnsnetzes von Entwässerungsgräben" früherer Generationen nur zustimmen. „Darüber brauchen wir einen Konsens", stellte sie heraus.

Aktuell droht dem Naturschutzgebiet die größte Gefahr allerdings von den Bürgern selbst. „Seit März/April wird das Torfmoor massiv überrannt", beklagte in der Sitzung Andreas Holdmann (CDU), der selbst nur gut einen Kilometer davon entfernt wohnt. Auf den Ansturm seien die Naturschützer „gar nicht vorbereitet". Die jetzigen Besucher seien „eine vollkommen andere Personengruppe", so seine Beobachtungen. „Sie dringen direkt bis an die Wasserflächen vor." Tiere würden dadurch zurückgedrängt und hätten keine Ruhephasen mehr. „Selbst bei Dunkelheit kommt es zu Störungen durch Besucher." Um 7 Uhr in der Früh hat er schon Besucher gesehen und auch noch um 21 Uhr am Abend. Hinweis- und Verbotsschilder interessierten die Menschen dabei kaum. Um Abhilfe zu schaffen, müssten Barrieren her, so Holdmanns Vorschlag.

Martina Vortherms, die in ihrem Vortrag auch die Bedeutung von Torfmoor und Bastauniederung für die Freizeitgestaltung nicht verschwiegen hatte, musste eingestehen, dass die Mitarbeiter „sprachlos" seien. Teile der Bevölkerung gingen in der Pandemie „vor die Haustür" und wichen in die Kulturlandschaft aus. Es sei schwierig, „die Schutzgebiete zu schützen". Hochzeitsgesellschaften gingen direkt ins Moor, um außergewöhnliche Hochzeitsfotos zu machen. Auch Fotografen hätten ihren Kunden Fotoshootings im Moor angeboten.

„Ein Riesenproblem" sind nach Vortherms’ Erfahrungen auch Hundehalter, die das Gebiet nicht meiden und Schutzabstände vernachlässigen. Dadurch würden Vögel aufgescheucht und kämen nicht zurück.

Versuche, die Öffentlichkeit durch Presseartikel zu sensibilisieren, verliefen fruchtlos. Die Unke-Vorsitzende Cornelia Schmelzer befürchtet, dass die entsprechende Zielgruppe durch Tageszeitungen möglicherweise nicht zu erreichen sei. Sie regte den Weg über Soziale Medien an. „Es ist ein Versuch."

Der Unke-Ausschuss unterstützte das Projekt einstimmig und ebenso der Kreisausschuss einen Tag später.

Kommentar: Magnet für Besuchermassen

Soziale Medien sind gut – fragt sich nur wofür? Ob die Aufklärung darüber, was besser nicht zu tun und zu lassen wäre, mittels Facebook, Twitter & Co. gelingen kann – in diesem Fall, nicht wie eine Heimsuchung für Fauna und Flora in den Kern des Großen Torfmoores einzufallen –, ist zumindest zweifelhaft. Der Schuss könnte gewaltig nach hintenlosgehen.Denn war das Moor vor Corona nur ein Geheimtipp für Naturliebhaber, so ist das Kleinod vor der Haustür in Zeiten von Restriktionen und Natur-Dokus auf allen Kanälen über Nacht zum Hotspot für Hochzeitsgesellschaften und Hundehalter geworden. Steht es dann noch im Internet, wo viele nur Überschriften lesen, taugt das Moor bald zum Magneten für Besuchermassen von nah und fern.

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