Saure Gurken und Siegersekt: Frauke Abraham und Ramona Feind schaffen den Megamarsch in elf Stunden und 22 Minuten Stefanie Dullweber Hille-Oberlübbe. Die Hymne des Laufs „Conquest of paradise“ tönt aus den Lautsprechern, die Männer zählen von zehn auf null runter – dann geht es los. Es ist Punkt 8 Uhr am Samstagmorgen, als Frauke Abraham und ihre Freundin Ramona Feind aus Oberlübbe zu ihrem 50 Kilometer langen Megamarsch aufbrechen. Elf Stunden und 22 Minuten später erreichen die beiden Frauen in Oberlübbe die Ziellinie – mit dem guten Gefühl, etwas Großartiges geschafft zu haben. „Alles fit“, sagt eine gut gelaunte Frauke Abraham am Sonntagmorgen am Telefon. Die Eindrücke des Vortages sind noch sehr präsent. Sie seien beide heile ins Ziel gekommen, ohne irgendwelche Blessuren – nicht mal eine Blase am Fuß erinnert noch an den anstrengenden Marsch. „50 Kilometer sind schon krass“, sagt die Oberlübberin nach dem Aufstehen – aber auch die 100 Kilometer wären einen Versuch wert. Heute werde sie jedoch erstmal relaxen, auf die Badewanne am Abend freue sie sich besonders. Am Tag zuvor klingt das noch ganz anders. Beim ersten Anstieg ins Wiehengebirge fragt sich Frauke Abraham, wer auf diese „bescheuerte Idee“ gekommen sei, während sie über einen Baumstumpf klettert – den nächsten Anstieg bereits vor Augen. Diese Reaktion sei ganz normal und die kenne sie von ihrer Freundin schon, erklärt Ramona Feind und lacht. Auch am Ende des Tages würde ihre Begleiterin eine erneute Teilnahme am Megamarsch ausschließen. „Und am nächsten Tag überlegen wir dann, wo wir uns als nächstes anmelden.“ Entweder 50 Kilometer in zwölf Stunden oder 100 Kilometer in 24 Stunden sind das Ziel der Megamärsche, die seit dem Jahr 2016 stattfinden und über einen Veranstalter abgewickelt werden. Wegen Corona organisieren die Teilnehmer in diesem Jahr ihre Märsche selbst, legen Strecken fest und erfassen die gelaufenen Kilometer digital. Nur das Starterpaket mit T-Shirt und Verpflegung bekommen sie gegen die Zahlung einer Startgebühr zugeschickt. Für die beiden Freundinnen hat Detlef Abraham die Strecke ausgearbeitet – sie führt von Oberlübbe zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica, weiter zur Schachtschleuse in Minden, am Kanal entlang ins Hiller Moor und zurück nach Oberlübbe. Eine App zeigt ihnen den richtigen Weg, sagt an, wo sie abbiegen müssen und zählt die Kilometer. Die beiden Männer – Detlef Abraham und Meik Braun – unterstützen ihre Partnerinnen und sind den ganzen Tag für sie da. Unterwegs haben sie kleine Wegweiser aufgehängt, mit Kreide die noch zurückzulegenden Kilometer auf die Straße geschrieben. Alle zehn Kilometer richten sie eine Versorgungsstation ein. Sie stellen Campingstühle auf, schneiden Obst, reichen Schokoriegel und wählen passende Motivationsmusik aus. „Am meisten freue ich mich auf die sauren Spreewaldgurken“, sagt Frauke Abraham kurz vor dem ersten Etappenziel in Porta Westfalica. „Und auf die Cabanossi“, ergänzt Ramona Feind. Mit dem Starterpaket haben sie auch einen Powerriegel mit Insekten bekommen – der bleibt im Rucksack. „Wir wohnen hier sowas von schön“, sagt Frauke Abraham etwa ein dutzend Mal auf der ersten Etappe zwischen Oberlübbe und Kaiser-Wilhelm-Denkmal – an der Lutternschen Egge vorbei, über den Kammweg zum „Wilden Schmied“ und an der Wittekindsburg entlang. Immer wieder bleiben die Frauen stehen, machen Fotos. Ramona Feind hat zwei Steine bemalt und das Motto des Megamarsches „Wir gehen weiter“ draufgeschrieben. An zwei Stellen im Wald, die ihr auf Anhieb besonders gut gefallen, legt sie die Steine ab – wer weiß, wer sie dort findet. Und als die Wanderinnen den Kaiser – noch weitgehend von Bäumen verdeckt – entdecken, jubeln sie. Die erste Etappe ist geschafft. Schnell noch ein Erinnerungsfoto mit dem „Willkommen bei 10 KM“-Schild, dann sind es nur noch ein paar Schritte bis zur ersten Versorgungsstation, wo die Männer schon warten. Diese Glücksmomente erleben die beiden ein ums andere Mal. Und bei der Ankunft in Oberlübbe müssen sie sogar ein Tränchen verdrücken. Nach den beschwerlichen letzten fünf Kilometern stehen die Nachbarn an der Straße. Sie haben den Zielbereich geschmückt und nehmen die „Finisher“ gebührend in Empfang. „Das war schon geil“, sagt Frauke Abraham. Zwar habe sie sich mehr auf ein kühles, alkoholfreies Bier gefreut, aber das Glas Sekt im Ziel sei einfach Pflicht. Letztlich waren es auch die vielen Begegnungen unterwegs, die den Marsch unvergessen machen, sagt Frauke Abraham am Tag danach. Auf dem Weserradweg seien sie auf den Artikel im MT angesprochen worden. „Ich erkenne euch. Ihr seid doch die Extremwanderer“, habe eine Frau ihnen zugerufen. Und am Kanal hätten sie einen Wanderer getroffen, der keinen der 1.500 Startplätze mehr ergattert hatte. „Er wollte dann mit weiteren fünf Leuten auf eigene Faust marschieren, die haben aber alle abgesagt. Also ist er alleine losgelaufen.“ Auch im Hiller Moor machen Frauke Abraham und Ramona Feind Erinnerungsfotos mit anderen Teilnehmerin des Megamarsches. Längst spielt die Zeit, in der sie die 50 Kilometer schaffen, keine Rolle mehr. Nur die zwölf Stunden, die wollen sie unterbieten. Denn das berechtigt im Nachhinein zum Erhalt der Medaille. Und obwohl am Sonntag die Beine schwer sind und der Rücken zwickt, haben Frauke Abraham und Ramona Feind das nächste Ziel schon im Blick: Der Megamarsch auf Mallorca im Februar 2021.

Saure Gurken und Siegersekt: Frauke Abraham und Ramona Feind schaffen den Megamarsch in elf Stunden und 22 Minuten

Erste Etappe geschafft: Am Kaiser-Wilhelm-Denkmal halten die beiden Frauen den Erfolg mit einem Foto fest.

Hille-Oberlübbe. Die Hymne des Laufs „Conquest of paradise“ tönt aus den Lautsprechern, die Männer zählen von zehn auf null runter – dann geht es los. Es ist Punkt 8 Uhr am Samstagmorgen, als Frauke Abraham und ihre Freundin Ramona Feind aus Oberlübbe zu ihrem 50 Kilometer langen Megamarsch aufbrechen. Elf Stunden und 22 Minuten später erreichen die beiden Frauen in Oberlübbe die Ziellinie – mit dem guten Gefühl, etwas Großartiges geschafft zu haben.

„Alles fit“, sagt eine gut gelaunte Frauke Abraham am Sonntagmorgen am Telefon. Die Eindrücke des Vortages sind noch sehr präsent. Sie seien beide heile ins Ziel gekommen, ohne irgendwelche Blessuren – nicht mal eine Blase am Fuß erinnert noch an den anstrengenden Marsch. „50 Kilometer sind schon krass“, sagt die Oberlübberin nach dem Aufstehen – aber auch die 100 Kilometer wären einen Versuch wert. Heute werde sie jedoch erstmal relaxen, auf die Badewanne am Abend freue sie sich besonders.

Fotostrecke 21 Bilder

Am Tag zuvor klingt das noch ganz anders. Beim ersten Anstieg ins Wiehengebirge fragt sich Frauke Abraham, wer auf diese „bescheuerte Idee“ gekommen sei, während sie über einen Baumstumpf klettert – den nächsten Anstieg bereits vor Augen. Diese Reaktion sei ganz normal und die kenne sie von ihrer Freundin schon, erklärt Ramona Feind und lacht. Auch am Ende des Tages würde ihre Begleiterin eine erneute Teilnahme am Megamarsch ausschließen. „Und am nächsten Tag überlegen wir dann, wo wir uns als nächstes anmelden.“

Auf ihrer Wanderung begegnen die beiden Frauen anderen Megamarsch-Teilnehmern. Zeit für ein Selfie ist immer. - © Foto: privat
Auf ihrer Wanderung begegnen die beiden Frauen anderen Megamarsch-Teilnehmern. Zeit für ein Selfie ist immer. - © Foto: privat

Entweder 50 Kilometer in zwölf Stunden oder 100 Kilometer in 24 Stunden sind das Ziel der Megamärsche, die seit dem Jahr 2016 stattfinden und über einen Veranstalter abgewickelt werden. Wegen Corona organisieren die Teilnehmer in diesem Jahr ihre Märsche selbst, legen Strecken fest und erfassen die gelaufenen Kilometer digital. Nur das Starterpaket mit T-Shirt und Verpflegung bekommen sie gegen die Zahlung einer Startgebühr zugeschickt. Für die beiden Freundinnen hat Detlef Abraham die Strecke ausgearbeitet – sie führt von Oberlübbe zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica, weiter zur Schachtschleuse in Minden, am Kanal entlang ins Hiller Moor und zurück nach Oberlübbe. Eine App zeigt ihnen den richtigen Weg, sagt an, wo sie abbiegen müssen und zählt die Kilometer.

Meik Braun und Detlef Abraham kümmern sich um die Verpflegung ihrer Partnerinnen und motivieren sie.
Meik Braun und Detlef Abraham kümmern sich um die Verpflegung ihrer Partnerinnen und motivieren sie.

Die beiden Männer – Detlef Abraham und Meik Braun – unterstützen ihre Partnerinnen und sind den ganzen Tag für sie da. Unterwegs haben sie kleine Wegweiser aufgehängt, mit Kreide die noch zurückzulegenden Kilometer auf die Straße geschrieben. Alle zehn Kilometer richten sie eine Versorgungsstation ein. Sie stellen Campingstühle auf, schneiden Obst, reichen Schokoriegel und wählen passende Motivationsmusik aus. „Am meisten freue ich mich auf die sauren Spreewaldgurken“, sagt Frauke Abraham kurz vor dem ersten Etappenziel in Porta Westfalica. „Und auf die Cabanossi“, ergänzt Ramona Feind. Mit dem Starterpaket haben sie auch einen Powerriegel mit Insekten bekommen – der bleibt im Rucksack.

Wunderschöner Ausblick: Am Waldgasthaus „Wilden Schmied“ nehmen sich Ramona Feind und Frauke Abraham Zeit, um ich sich die Landschaft südlich des Wiehengebirges anzuschauen. MT-Fotos: Stefanie Dullweber
Wunderschöner Ausblick: Am Waldgasthaus „Wilden Schmied“ nehmen sich Ramona Feind und Frauke Abraham Zeit, um ich sich die Landschaft südlich des Wiehengebirges anzuschauen. MT-Fotos: Stefanie Dullweber

„Wir wohnen hier sowas von schön“, sagt Frauke Abraham etwa ein dutzend Mal auf der ersten Etappe zwischen Oberlübbe und Kaiser-Wilhelm-Denkmal – an der Lutternschen Egge vorbei, über den Kammweg zum „Wilden Schmied“ und an der Wittekindsburg entlang. Immer wieder bleiben die Frauen stehen, machen Fotos. Ramona Feind hat zwei Steine bemalt und das Motto des Megamarsches „Wir gehen weiter“ draufgeschrieben. An zwei Stellen im Wald, die ihr auf Anhieb besonders gut gefallen, legt sie die Steine ab – wer weiß, wer sie dort findet. Und als die Wanderinnen den Kaiser – noch weitgehend von Bäumen verdeckt – entdecken, jubeln sie. Die erste Etappe ist geschafft. Schnell noch ein Erinnerungsfoto mit dem „Willkommen bei 10 KM“-Schild, dann sind es nur noch ein paar Schritte bis zur ersten Versorgungsstation, wo die Männer schon warten.

Diese Glücksmomente erleben die beiden ein ums andere Mal. Und bei der Ankunft in Oberlübbe müssen sie sogar ein Tränchen verdrücken. Nach den beschwerlichen letzten fünf Kilometern stehen die Nachbarn an der Straße. Sie haben den Zielbereich geschmückt und nehmen die „Finisher“ gebührend in Empfang. „Das war schon geil“, sagt Frauke Abraham. Zwar habe sie sich mehr auf ein kühles, alkoholfreies Bier gefreut, aber das Glas Sekt im Ziel sei einfach Pflicht.

Letztlich waren es auch die vielen Begegnungen unterwegs, die den Marsch unvergessen machen, sagt Frauke Abraham am Tag danach. Auf dem Weserradweg seien sie auf den Artikel im MT angesprochen worden. „Ich erkenne euch. Ihr seid doch die Extremwanderer“, habe eine Frau ihnen zugerufen. Und am Kanal hätten sie einen Wanderer getroffen, der keinen der 1.500 Startplätze mehr ergattert hatte. „Er wollte dann mit weiteren fünf Leuten auf eigene Faust marschieren, die haben aber alle abgesagt. Also ist er alleine losgelaufen.“ Auch im Hiller Moor machen Frauke Abraham und Ramona Feind Erinnerungsfotos mit anderen Teilnehmerin des Megamarsches. Längst spielt die Zeit, in der sie die 50 Kilometer schaffen, keine Rolle mehr. Nur die zwölf Stunden, die wollen sie unterbieten. Denn das berechtigt im Nachhinein zum Erhalt der Medaille.

Und obwohl am Sonntag die Beine schwer sind und der Rücken zwickt, haben Frauke Abraham und Ramona Feind das nächste Ziel schon im Blick: Der Megamarsch auf Mallorca im Februar 2021.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Weiterlesen in Hille