Plötzlich war es still: So trauern Eltern um ihre Sternenkinder Lea Oetjen Hille-Südhemmern. „Du musst nur deine Augen aufmachen und atmen." Er streichelt liebevoll den mit einem Mützchen bedeckten Kopf des kleinen Constantin, seines Enkels. „Das ist ganz einfach. Trau dich." Doch die warmen Worte seines Opas sind vergeblich. Das Kind war wenige Stunden zuvor im Mutterleib gestorben, kaum vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. „Ich habe nur geweint", erzählt Svenja, die Mutter des Sternenkindes. Das ist mittlerweile fünf Jahre her. Inzwischen fällt es der Frau aus Minden leichter, darüber zu sprechen. Auch, weil sie das Erlebte im Gesprächskreis für betroffene Eltern in Südhemmern verarbeiten konnte. Im Januar 2016 hatte Svenja von ihrer Schwangerschaft erfahren. Ganz zufällig. „Ich habe anfangs gedacht, dass ich eine Zyste habe. Und dann hatte die Zyste plötzlich einen Herzschlag", erzählt die Mindenerin. Sie muss bei dem Gedanken an die Vergangenheit unweigerlich lächeln. Damals war sie in der sechsten oder siebten Woche. „Ich hatte eine traumhafte Schwangerschaft." Zumindest bis zum 22. August, der alles veränderte. Abends auf dem Sofa hatten Svenja und ihr Mann noch mit ihrem Sohn, mit ihrem Constantin, durch die Bauchdecke geschäkert. In der Nacht weckten starke Schmerzen die damals 39-Jährige auf. „Ich habe mir aber keine Gedanken gedacht. Ich dachte, das seien Übungswehen." So war es aber nicht, wie sich am nächsten Tag beim Frauenarzt herausstellte. „Das letzte Ultraschallbild werde ich nie vergessen. Das sah ganz anders aus als sonst", erinnert sich Svenja genau. Sie versucht zu beschreiben, was sie damals gesehen hat. Ihr Blick schweift durchs Zimmer. „Die Nabelschnur war zusammengefaltet. Sie sah aus wie", die Mindenerin überlegt, ergänzt wenige Sekunden später: „Ja, genau. Die Nabelschnur sah aus wie eine Ziehharmonika." Plötzlich war es still im Raum. So still, dass Svenja sich selbst atmen hört. „Ihr Kind ist im Mutterleib verstorben", platzte es dem Arzt dann heraus. „Und plötzlich war es auch in meinem Kopf still, totenstill", sagt sie. Was danach passiert ist? „Keine Ahnung." Svenja weiß nur, dass sie mit ihrem Mann einen Spaziergang gemacht hat. Schweigend. „Irgendwann sind wir dann irgendwie vor dem Krankenhaus gelandet." Lange Zeit habe sie sich nicht getraut, hineinzugehen. „Was soll man am Empfang sagen? Hallo, ich heiße Svenja. Ich bin hier schon angemeldet. Ich will mein Kind zur Welt bringen, das ist aber schon tot. Das war eine furchtbare Situation", versucht Svenja ihre damalige Gefühlslage zu beschreiben. In der Klinik angekommen, sei es dann schnell gegangen. Notkaiserschnitt. Bei den Untersuchungen stellten die Ärzte einen großen Thrombus, also ein Gerinnsel in einem Blutgefäß, bei Svenja fest. „In dem Moment war mir das noch gar nicht klar. Aber wenn sich der Thrombus gelöst hätte, hätte auch ich sterben können." Der Todestag ihres Kindes ist gleichzeitig ihr zweiter Geburtstag, wie sie heute sagt. Nach der Operation sei sie mit Constantin auf der Brust aufgewacht. „Das war unwirklich, irgendwie merkwürdig." Er hatte ein kleines Mützchen auf, war in eine Regenbogendecke gewickelt. Die Hebamme habe sich liebevoll gekümmert. Die Zeit mit Constantin, dessen Leben kaum angefangen hatte, bevor es zu Ende ging, nutzen Svenja und ihr Mann. Am Ende des Tages brachten Krankenschwestern das verstorbene Baby dann in die Pathologie. „Ich habe fürchterlich geweint. Diese Ohnmacht, dieses Gefühl, dass man sein Kind nicht beschützen konnte, war furchtbar." Daniela, ihren Namen hat die Redaktion geändert, hört Svenja aufmerksam zu. Sie nickt mitfühlend. Schließlich kann sie nur zu gut verstehen, wie es Svenja vor fünf Jahren erging. Daniela teilt das Schicksal. Die Frau aus Minden hat zwei Sternenkinder – Jaron und Rena. „Es waren ganz normale Schwangerschaften. Ich habe vorher gar nicht gemerkt, dass etwas nicht stimmen könnte", weiß sie noch genau. Während Daniela sich an die Zeit zurückerinnert, kuschelt sie mit ihrer ältesten Tochter, streichelt immer wieder liebevoll ihr dunkles Haar. Die Stimme von Daniela zittert. Dass das Herz ihres Sohnes aufgehört hat zu schlagen, hatten die Ärzte in der 21. Woche herausgefunden. Zwei Jahre später wurden bei ihrer ungeborenen Tochter Auffälligkeiten entdeckt – ebenfalls bei der sogenannten Halbzeit-Untersuchung. Nur wenige Tage später verlor sie den Kampf ums Leben. „Da tat sich ein großes Loch im Boden auf und ich war erst einmal verschwunden", versucht Daniela ihre damalige Gefühlslage zu beschreiben. Unendlich viele Fragen seien ihr durch den Kopf gegangen. „Warum wir? Warum muss das wieder passieren?" Jaron und Rena sind beide auf natürlichem Weg auf die Welt gekommen. Eine Geburt wie jede andere war es dennoch nicht. Zum einen, weil die Ärzte Daniela mehr Schmerzmittel verabreichen konnten. „Wir mussten ja auf keinen mehr Rücksicht nehmen. Das Kind war ja leider schon tot", sagt sie. Und zum anderen, weil es nach der Geburt still im Kreißsaal war. „Das Kind konnte ja nicht mehr schreien." Wenige Stunden nach der Geburt durfte Daniela das Krankenhaus wieder verlassen. Ohne ihr Kind, dafür mit einem Umschlag mit vielen Telefonnummern – etwa von der Klinikseelsorge „Ein Hauch von Leben". Zuhause wartete ihre älteste Tochter. „Das hat uns geholfen – vor allem gegen die Ruhe", sagt sie. Bei Svenja war das ganz anders. Das Haus, in dem sie mit ihrem Ehemann lebt, war leer. In der Babywiege, die für Constantin bestimmt war, hatte es sich ihre Katze bequem gemacht. Ein komisches Gefühl, wie die heute 44-Jährige sagt. Sie habe schnell realisiert, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine ist, dass es viele Menschen gibt, die Ähnliches erlebt haben. „Und so doof das vielleicht klingt: Gemeinsam zu weinen, sich über sein Leid auszutauschen. Das tut einfach unbeschreiblich gut", betont Svenja und muss automatisch lächeln. Zu keinem Zeitpunkt habe sie sich alleine gefühlt. Das sei der Grund, weshalb sie auch heute noch öfter Tränen vergieße. „Das sind dann aber Glückstränen. Es sind definitiv nicht dieselben Tränen, die ich damals im Krankenhaus geweint habe." Vor allem ihr Mann war für die Mindenerin ein starker Halt. „Wir konnten immer offen darüber sprechen – mit vielen Gefühlen", verrät sie. Eine Trennung war – wie sie in solchen Fällen häufiger vorkommt – nie ein Thema. Die Direktheit habe das Ehepaar nachhaltig gestärkt. Der Zusammenhalt habe auch für Constantins Bestattung viel Kraft geschenkt. Die Beerdigung fand im kleinsten Kreis auf dem Nordfriedhof statt – auf dem Gräberfeld für Kinder, dem sogenannten Sternenhimmel. Die Familie hatte sich für einen roten Wesersandstein aus dem eigenen Garten als Grabstein entschieden. Neben Svenja und ihrem Mann waren nur ein Pastor und das Bestattungsunternehmen vor Ort. „Das war achtsam, einfach schön", schwelgt Svenja in Erinnerungen, ergänzt aber direkt: „Also, wenn man dieses Wort in einem solchen Zusammenhang nutzen kann." Es sei auch deshalb schön gewesen, weil Svenja gespürt hat, nicht alleine zu sein. Sie hatte von ihrer Hebamme einen Schmetterlingsflieder für den Garten geschenkt bekommen. Und am Morgen der Beerdigung, „als wir gerade beim Frühstücken waren, setzte sich ein Schmetterling darauf und flog nicht wieder davon", erzählt die 44-Jährige. Einige Stunden später tauchte am Friedhof ein Tier mit derselben Färbung auf. „Schön, einfach nur wunderschön", beschreibt Svenja, die sich so mit ihrem Sohn noch einmal „unheimlich verbunden" gefühlt hat.

Plötzlich war es still: So trauern Eltern um ihre Sternenkinder

Heute ist Tag der Sternenkinder. Das sind Mädchen und Jungen, die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind. Zwei Frauen eines Gesprächskreises in Südhemmern erzählen im Gespräch mit dem Mindener Tageblatt ihre Geschichte. Symbolfoto: Imago Images © imago images/Future Image

Hille-Südhemmern. „Du musst nur deine Augen aufmachen und atmen." Er streichelt liebevoll den mit einem Mützchen bedeckten Kopf des kleinen Constantin, seines Enkels. „Das ist ganz einfach. Trau dich." Doch die warmen Worte seines Opas sind vergeblich. Das Kind war wenige Stunden zuvor im Mutterleib gestorben, kaum vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. „Ich habe nur geweint", erzählt Svenja, die Mutter des Sternenkindes. Das ist mittlerweile fünf Jahre her. Inzwischen fällt es der Frau aus Minden leichter, darüber zu sprechen. Auch, weil sie das Erlebte im Gesprächskreis für betroffene Eltern in Südhemmern verarbeiten konnte.

Im Januar 2016 hatte Svenja von ihrer Schwangerschaft erfahren. Ganz zufällig. „Ich habe anfangs gedacht, dass ich eine Zyste habe. Und dann hatte die Zyste plötzlich einen Herzschlag", erzählt die Mindenerin. Sie muss bei dem Gedanken an die Vergangenheit unweigerlich lächeln. Damals war sie in der sechsten oder siebten Woche. „Ich hatte eine traumhafte Schwangerschaft." Zumindest bis zum 22. August, der alles veränderte.

Abends auf dem Sofa hatten Svenja und ihr Mann noch mit ihrem Sohn, mit ihrem Constantin, durch die Bauchdecke geschäkert. In der Nacht weckten starke Schmerzen die damals 39-Jährige auf. „Ich habe mir aber keine Gedanken gedacht. Ich dachte, das seien Übungswehen." So war es aber nicht, wie sich am nächsten Tag beim Frauenarzt herausstellte. „Das letzte Ultraschallbild werde ich nie vergessen. Das sah ganz anders aus als sonst", erinnert sich Svenja genau. Sie versucht zu beschreiben, was sie damals gesehen hat. Ihr Blick schweift durchs Zimmer. „Die Nabelschnur war zusammengefaltet. Sie sah aus wie", die Mindenerin überlegt, ergänzt wenige Sekunden später: „Ja, genau. Die Nabelschnur sah aus wie eine Ziehharmonika."

Malina Reckordt

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Plötzlich war es still im Raum. So still, dass Svenja sich selbst atmen hört. „Ihr Kind ist im Mutterleib verstorben", platzte es dem Arzt dann heraus. „Und plötzlich war es auch in meinem Kopf still, totenstill", sagt sie.

Was danach passiert ist? „Keine Ahnung." Svenja weiß nur, dass sie mit ihrem Mann einen Spaziergang gemacht hat. Schweigend. „Irgendwann sind wir dann irgendwie vor dem Krankenhaus gelandet." Lange Zeit habe sie sich nicht getraut, hineinzugehen. „Was soll man am Empfang sagen? Hallo, ich heiße Svenja. Ich bin hier schon angemeldet. Ich will mein Kind zur Welt bringen, das ist aber schon tot. Das war eine furchtbare Situation", versucht Svenja ihre damalige Gefühlslage zu beschreiben.

In der Klinik angekommen, sei es dann schnell gegangen. Notkaiserschnitt. Bei den Untersuchungen stellten die Ärzte einen großen Thrombus, also ein Gerinnsel in einem Blutgefäß, bei Svenja fest. „In dem Moment war mir das noch gar nicht klar. Aber wenn sich der Thrombus gelöst hätte, hätte auch ich sterben können."

Der Todestag ihres Kindes ist gleichzeitig ihr zweiter Geburtstag, wie sie heute sagt. Nach der Operation sei sie mit Constantin auf der Brust aufgewacht. „Das war unwirklich, irgendwie merkwürdig." Er hatte ein kleines Mützchen auf, war in eine Regenbogendecke gewickelt. Die Hebamme habe sich liebevoll gekümmert. Die Zeit mit Constantin, dessen Leben kaum angefangen hatte, bevor es zu Ende ging, nutzen Svenja und ihr Mann. Am Ende des Tages brachten Krankenschwestern das verstorbene Baby dann in die Pathologie. „Ich habe fürchterlich geweint. Diese Ohnmacht, dieses Gefühl, dass man sein Kind nicht beschützen konnte, war furchtbar."

Daniela, ihren Namen hat die Redaktion geändert, hört Svenja aufmerksam zu. Sie nickt mitfühlend. Schließlich kann sie nur zu gut verstehen, wie es Svenja vor fünf Jahren erging. Daniela teilt das Schicksal. Die Frau aus Minden hat zwei Sternenkinder – Jaron und Rena. „Es waren ganz normale Schwangerschaften. Ich habe vorher gar nicht gemerkt, dass etwas nicht stimmen könnte", weiß sie noch genau.

Während Daniela sich an die Zeit zurückerinnert, kuschelt sie mit ihrer ältesten Tochter, streichelt immer wieder liebevoll ihr dunkles Haar. Die Stimme von Daniela zittert. Dass das Herz ihres Sohnes aufgehört hat zu schlagen, hatten die Ärzte in der 21. Woche herausgefunden. Zwei Jahre später wurden bei ihrer ungeborenen Tochter Auffälligkeiten entdeckt – ebenfalls bei der sogenannten Halbzeit-Untersuchung. Nur wenige Tage später verlor sie den Kampf ums Leben. „Da tat sich ein großes Loch im Boden auf und ich war erst einmal verschwunden", versucht Daniela ihre damalige Gefühlslage zu beschreiben. Unendlich viele Fragen seien ihr durch den Kopf gegangen. „Warum wir? Warum muss das wieder passieren?"

Jaron und Rena sind beide auf natürlichem Weg auf die Welt gekommen. Eine Geburt wie jede andere war es dennoch nicht. Zum einen, weil die Ärzte Daniela mehr Schmerzmittel verabreichen konnten. „Wir mussten ja auf keinen mehr Rücksicht nehmen. Das Kind war ja leider schon tot", sagt sie. Und zum anderen, weil es nach der Geburt still im Kreißsaal war. „Das Kind konnte ja nicht mehr schreien."

Wenige Stunden nach der Geburt durfte Daniela das Krankenhaus wieder verlassen. Ohne ihr Kind, dafür mit einem Umschlag mit vielen Telefonnummern – etwa von der Klinikseelsorge „Ein Hauch von Leben". Zuhause wartete ihre älteste Tochter. „Das hat uns geholfen – vor allem gegen die Ruhe", sagt sie.

Bei Svenja war das ganz anders. Das Haus, in dem sie mit ihrem Ehemann lebt, war leer. In der Babywiege, die für Constantin bestimmt war, hatte es sich ihre Katze bequem gemacht. Ein komisches Gefühl, wie die heute 44-Jährige sagt. Sie habe schnell realisiert, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine ist, dass es viele Menschen gibt, die Ähnliches erlebt haben. „Und so doof das vielleicht klingt: Gemeinsam zu weinen, sich über sein Leid auszutauschen. Das tut einfach unbeschreiblich gut", betont Svenja und muss automatisch lächeln. Zu keinem Zeitpunkt habe sie sich alleine gefühlt. Das sei der Grund, weshalb sie auch heute noch öfter Tränen vergieße. „Das sind dann aber Glückstränen. Es sind definitiv nicht dieselben Tränen, die ich damals im Krankenhaus geweint habe."

Vor allem ihr Mann war für die Mindenerin ein starker Halt. „Wir konnten immer offen darüber sprechen – mit vielen Gefühlen", verrät sie. Eine Trennung war – wie sie in solchen Fällen häufiger vorkommt – nie ein Thema. Die Direktheit habe das Ehepaar nachhaltig gestärkt. Der Zusammenhalt habe auch für Constantins Bestattung viel Kraft geschenkt.

Die Beerdigung fand im kleinsten Kreis auf dem Nordfriedhof statt – auf dem Gräberfeld für Kinder, dem sogenannten Sternenhimmel. Die Familie hatte sich für einen roten Wesersandstein aus dem eigenen Garten als Grabstein entschieden. Neben Svenja und ihrem Mann waren nur ein Pastor und das Bestattungsunternehmen vor Ort. „Das war achtsam, einfach schön", schwelgt Svenja in Erinnerungen, ergänzt aber direkt: „Also, wenn man dieses Wort in einem solchen Zusammenhang nutzen kann."

Es sei auch deshalb schön gewesen, weil Svenja gespürt hat, nicht alleine zu sein. Sie hatte von ihrer Hebamme einen Schmetterlingsflieder für den Garten geschenkt bekommen. Und am Morgen der Beerdigung, „als wir gerade beim Frühstücken waren, setzte sich ein Schmetterling darauf und flog nicht wieder davon", erzählt die 44-Jährige. Einige Stunden später tauchte am Friedhof ein Tier mit derselben Färbung auf. „Schön, einfach nur wunderschön", beschreibt Svenja, die sich so mit ihrem Sohn noch einmal „unheimlich verbunden" gefühlt hat.

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