NRW-Landtagswahl: AfD-Kandidat Matthias Groh sieht sich selbst als chancenlos an Frank Hartmann Hille/Lübbecke. Matthias Groh ist 56 Jahre alt und geschieden. Seit dem Tod des Großvaters, eines Bauunternehmers, dessen Privatvermögen Groh für die Erbengemeinschaft verwaltet, ist er zudem finanziell unabhängig. Geboren in Bad Oeynhausen, wo er bis heute lebt, habe er „eher einen Draht nach Minden als nach Lübbecke". Das räumt der Mann ein, dessen Wahlkreis neben Petershagen und Hille vor allem das Lübbecker Land umfasst. Zu den Altkreis-Kommunen habe er vor allem eine Beziehung über die Parteiarbeit und die dortigen Mitglieder bekommen. Doch natürlich gehörten auch sie zu seiner „Heimat" – ein Begriff, der ihm wichtig ist. Die Begegnung mit dem Spitzenmann der Bad Oeynhausener AfD beginnt nicht ganz unproblematisch, denn Groh ist weder geimpft („Das sind Chemikalien."), noch genesen oder frisch getestet. Immerhin hat er eine Maske mit, die er während des Gesprächs aber auf keinen Fall auflassen will. Schnell wird deutlich, worum es ihm geht: um seine „persönliche Freiheit". Die sieht er im Zusammenhang mit der Covid-Bekämpfung so bedroht, dass er kompromisslos fordert: „Alle Corona-Maßnahmen gehören abgeschafft, sofort." Die Existenz des Virus leugnet er zwar nicht, bezweifelt aber, dass die Situation auf den Intensivstationen jemals angespannt war. Groh ist überzeugt von einer unter Verschwörungsgläubigen verbreiteten Theorie. Das wird deutlich, als er auf den Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, und dessen Buch „Covid-19: The Great Reset" verweist. Eigentlich geht es in dem Buch darum, in der Welt weniger gespalten, verschmutzend und zerstörerisch, sondern integrativer, gerechter und fairer zu agieren als vor der Pandemie. Stattdessen werden in einschlägigen Foren und Kanälen Falschmeldungen verbreitet, in Wahrheit ginge es um eine neue Weltordnung, in der die finanzielle und politische Elite innerhalb kürzester Zeit Veränderungen durchsetzen wollte. Großkonzerne und Neoliberalismus spielen in diesen Verschwörungserzählungen genauso eine Rolle wie das Virus als Vorwand, um angeblich eine autoritäre, supranationale Weltregierung anzustreben. 2018 in die Partei eingetreten, bezeichnet der Mann, der sich keinerlei Chancen auf ein Direktmandat ausrechnet und trotzdem auf einen Listenplatz verzichtet hat, sich als „introvertiert" und als politischen „Neuling". Ein Neuling, der in Bad Oeynhausen immerhin die dreiköpfige Fraktion im Stadtrat anführt und dem Stadtverband vorsitzt. Als der Kreisverband ihn auf eine Kandidatur angesprochen habe, habe er sich gegenüber dem Kreisvorsitzenden verpflichtet gefühlt: „Ich finde es wichtig, dass die AfD in jedem Wahlbezirk wählbar ist", erklärt Groh. Zugleich räumt er ein, dass andere Parteimitglieder „viel besser verwurzelt" seien als er. Zu glauben, dass ihm der Sprung in den Landtag gelingen könnte, hält er für „vermessen." Obwohl erst seit gut drei Jahren Parteimitglied, vertritt er – ganz linientreuer Parteisoldat – konsequent viele AfD-typische Standpunkte. So bringt er beispielsweise ukrainische Flüchtlinge – für ihn „Flüchtlinge im eigentlichen Sinne" – innerhalb kürzester Zeit in Zusammenhang mit seiner Ansicht nach integrationsunfähigen, abzulehnenden Asylbewerbern aus anderen Ländern, vorzugsweise aus Afrika. Und auch mit einer angeblichen Vergewaltigung einer jungen Ukrainerin in einer Asylbewerberunterkunft. Anders als das ursprüngliche Thema der AfD – der Euro –, das ihn nie interessierte, habe ihn schon 2015/16 „diese Flüchtlingsgeschichte beunruhigt." Deutschland habe damals die Tore geöffnet, aber nicht wieder geschlossen. Vor allem, dass Menschen aus wirtschaftlicher Not nach Deutschland kommen, akzeptiert er nicht, sieht seine Heimat bedroht. Auch mit dem Islam hat er, dessen Großmutter väterlicherseits „zur Hälfte Jüdin" gewesen sei, wie er betont, Probleme. Diese Familiengeschichte nutzt Groh, um von sich als jemandem mit jüdischen Wurzeln zu sprechen und die Vereinigung „Juden in der AfD" hervorzuheben. Der wäre er beigetreten, „wenn die Aufnahmekriterien nicht so streng wären." Auch bei anderen Fragen, etwa zu Putin, übt der Landtagskandidat sich in Rhetorik. „Krieg sollte immer ein Tabu sein", sagt er unverbindlich, will aber den Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine „nicht bewerten." Wie sein Kreisverband Minden-Lübbecke, der lieber von einem „Ukraine-Konflikt" spricht, vermeidet Groh das Wort Krieg im Zusammenhang mit Putin. Nicht aber im Zusammenhang mit der Ukraine. Die habe, ergänzt Groh ungefragt, einen „verdeckten Krieg" in der Region Donbass geführt. Wichtiger ist dem Kandidaten ohnehin, diesen Eindruck vermittelt er, dass die deutsche Energieversorgung nicht gefährdet wird. Aufschlussreich ist zudem, wie unkritisch der Kandidat seine Partei betrachtet („Ich fühle mich nicht von ihren Wahlversprechen betrogen."). Während politische Beobachter Anzeichen erkennen, dass die völkischen und extremistischen Stimmen der Ost-AfD zunehmend auch den Ton in der Bundespartei bestimmen, sagt Groh: „Ich habe mit keiner Strömung in der AfD ein Problem. Wir alle zusammen sind die AfD." Und was ist mit dem vom Verfassungsschutz beobachteten thüringischen Landesverband? Der gilt unter seinem Vorsitzenden Björn Höcke als „gesichert rechtsextremistisch". Das sei politisch und medial gesteuert, widerspricht Groh ein letztes Mal in diesem einstündigen Gespräch. Um gleich darauf in einem einzigen Satz seine eigene politische Ausrichtung zu offenbaren: „Ich sehe keine Rechtsextremen in der AfD."

NRW-Landtagswahl: AfD-Kandidat Matthias Groh sieht sich selbst als chancenlos an

AfD-Politiker Matthias Groh leitet die Fraktion und den Stadtverband seiner Partei in Bad Oeynhausen. Foto: Frank Hartmann/NW

Hille/Lübbecke. Matthias Groh ist 56 Jahre alt und geschieden. Seit dem Tod des Großvaters, eines Bauunternehmers, dessen Privatvermögen Groh für die Erbengemeinschaft verwaltet, ist er zudem finanziell unabhängig. Geboren in Bad Oeynhausen, wo er bis heute lebt, habe er „eher einen Draht nach Minden als nach Lübbecke". Das räumt der Mann ein, dessen Wahlkreis neben Petershagen und Hille vor allem das Lübbecker Land umfasst. Zu den Altkreis-Kommunen habe er vor allem eine Beziehung über die Parteiarbeit und die dortigen Mitglieder bekommen. Doch natürlich gehörten auch sie zu seiner „Heimat" – ein Begriff, der ihm wichtig ist.

Die Begegnung mit dem Spitzenmann der Bad Oeynhausener AfD beginnt nicht ganz unproblematisch, denn Groh ist weder geimpft („Das sind Chemikalien."), noch genesen oder frisch getestet. Immerhin hat er eine Maske mit, die er während des Gesprächs aber auf keinen Fall auflassen will. Schnell wird deutlich, worum es ihm geht: um seine „persönliche Freiheit". Die sieht er im Zusammenhang mit der Covid-Bekämpfung so bedroht, dass er kompromisslos fordert: „Alle Corona-Maßnahmen gehören abgeschafft, sofort." Die Existenz des Virus leugnet er zwar nicht, bezweifelt aber, dass die Situation auf den Intensivstationen jemals angespannt war.

Groh ist überzeugt von einer unter Verschwörungsgläubigen verbreiteten Theorie. Das wird deutlich, als er auf den Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, und dessen Buch „Covid-19: The Great Reset" verweist. Eigentlich geht es in dem Buch darum, in der Welt weniger gespalten, verschmutzend und zerstörerisch, sondern integrativer, gerechter und fairer zu agieren als vor der Pandemie. Stattdessen werden in einschlägigen Foren und Kanälen Falschmeldungen verbreitet, in Wahrheit ginge es um eine neue Weltordnung, in der die finanzielle und politische Elite innerhalb kürzester Zeit Veränderungen durchsetzen wollte. Großkonzerne und Neoliberalismus spielen in diesen Verschwörungserzählungen genauso eine Rolle wie das Virus als Vorwand, um angeblich eine autoritäre, supranationale Weltregierung anzustreben.


2018 in die Partei eingetreten, bezeichnet der Mann, der sich keinerlei Chancen auf ein Direktmandat ausrechnet und trotzdem auf einen Listenplatz verzichtet hat, sich als „introvertiert" und als politischen „Neuling". Ein Neuling, der in Bad Oeynhausen immerhin die dreiköpfige Fraktion im Stadtrat anführt und dem Stadtverband vorsitzt. Als der Kreisverband ihn auf eine Kandidatur angesprochen habe, habe er sich gegenüber dem Kreisvorsitzenden verpflichtet gefühlt: „Ich finde es wichtig, dass die AfD in jedem Wahlbezirk wählbar ist", erklärt Groh. Zugleich räumt er ein, dass andere Parteimitglieder „viel besser verwurzelt" seien als er. Zu glauben, dass ihm der Sprung in den Landtag gelingen könnte, hält er für „vermessen."

Obwohl erst seit gut drei Jahren Parteimitglied, vertritt er – ganz linientreuer Parteisoldat – konsequent viele AfD-typische Standpunkte. So bringt er beispielsweise ukrainische Flüchtlinge – für ihn „Flüchtlinge im eigentlichen Sinne" – innerhalb kürzester Zeit in Zusammenhang mit seiner Ansicht nach integrationsunfähigen, abzulehnenden Asylbewerbern aus anderen Ländern, vorzugsweise aus Afrika. Und auch mit einer angeblichen Vergewaltigung einer jungen Ukrainerin in einer Asylbewerberunterkunft.

Anders als das ursprüngliche Thema der AfD – der Euro –, das ihn nie interessierte, habe ihn schon 2015/16 „diese Flüchtlingsgeschichte beunruhigt." Deutschland habe damals die Tore geöffnet, aber nicht wieder geschlossen. Vor allem, dass Menschen aus wirtschaftlicher Not nach Deutschland kommen, akzeptiert er nicht, sieht seine Heimat bedroht. Auch mit dem Islam hat er, dessen Großmutter väterlicherseits „zur Hälfte Jüdin" gewesen sei, wie er betont, Probleme. Diese Familiengeschichte nutzt Groh, um von sich als jemandem mit jüdischen Wurzeln zu sprechen und die Vereinigung „Juden in der AfD" hervorzuheben. Der wäre er beigetreten, „wenn die Aufnahmekriterien nicht so streng wären."

Auch bei anderen Fragen, etwa zu Putin, übt der Landtagskandidat sich in Rhetorik. „Krieg sollte immer ein Tabu sein", sagt er unverbindlich, will aber den Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine „nicht bewerten." Wie sein Kreisverband Minden-Lübbecke, der lieber von einem „Ukraine-Konflikt" spricht, vermeidet Groh das Wort Krieg im Zusammenhang mit Putin. Nicht aber im Zusammenhang mit der Ukraine. Die habe, ergänzt Groh ungefragt, einen „verdeckten Krieg" in der Region Donbass geführt. Wichtiger ist dem Kandidaten ohnehin, diesen Eindruck vermittelt er, dass die deutsche Energieversorgung nicht gefährdet wird.

Aufschlussreich ist zudem, wie unkritisch der Kandidat seine Partei betrachtet („Ich fühle mich nicht von ihren Wahlversprechen betrogen."). Während politische Beobachter Anzeichen erkennen, dass die völkischen und extremistischen Stimmen der Ost-AfD zunehmend auch den Ton in der Bundespartei bestimmen, sagt Groh: „Ich habe mit keiner Strömung in der AfD ein Problem. Wir alle zusammen sind die AfD." Und was ist mit dem vom Verfassungsschutz beobachteten thüringischen Landesverband? Der gilt unter seinem Vorsitzenden Björn Höcke als „gesichert rechtsextremistisch". Das sei politisch und medial gesteuert, widerspricht Groh ein letztes Mal in diesem einstündigen Gespräch. Um gleich darauf in einem einzigen Satz seine eigene politische Ausrichtung zu offenbaren: „Ich sehe keine Rechtsextremen in der AfD."

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