Mit dem Rad zur Küste: Familie Braun fährt von Südhemmern nach Cuxhaven Kerstin Rickert Hille-Südhemmern. Es war eine spontane Aktion. Eine fixe Idee, die – einmal ausgesprochen – Familie Braun nicht mehr losließ. Tatjana und Willi Braun und ihre drei Kinder hatten Besuch von Freunden aus Porta Westfalica. Die fünfköpfige Familie war mit Fahrrädern nach Südhemmern gekommen, den umgekehrten Weg nach Porta Westfalica hatten die Brauns eine Woche zuvor für einen Fahrradausflug genutzt. „Plötzlich sagten unsere Freunde ‚Lasst uns doch mal gemeinsam eine größere Radtour machen!‘“, erzählt Tatjana Braun. Gesagt, getan. Es war nur so dahingesagt, aber ein Ziel hatten die Freunde auch schon vor Augen: Bremerhaven. Das müsste doch an einem Wochenende zu schaffen sein. Zurück könne man dann den Zug nehmen. Der Gedanke gefiel der Familie aus Südhemmern. „Wir haben uns so gefreut, uns nach der langen Corona bedingten Pause wieder mit Freunden treffen und gemeinsam etwas unternehmen zu können“, sagt Tatjana Braun. Aber wenn, dann sollte es doch bis Cuxhaven an die Nordsee gehen. Zumal auch schon der eigentlich für die Sommerferien geplante Familienurlaub gestrichen werden musste, wie ihr Mann Willi ergänzt. „Als wir im Frühjahr buchen wollten, deutete sich schon an, dass daraus nichts werden würde. Unser Kurzurlaub im Mai wurde auch abgesagt, und so haben wir lieber gar nicht erst gebucht.“ Und auch, wenn Flugreisen jetzt wieder möglich seien: „Das trauen wir uns noch nicht“, sagt Tatjana Braun ganz offen. Die Idee von einem kurzen Alternativurlaub auf zwei Rädern kam also wie gerufen. Schließlich brauchten auch die Kinder mal ein bisschen Abwechslung. Der Ferienbeginn habe sich für sie diesmal sowieso schon ganz komisch angefühlt. „Sie bekamen ihre Zeugnisse und wurden wieder nach Hause geschickt. Das war überhaupt nichts Besonderes“, berichtet die Mutter. Ihre Töchter Jenna (12) und Alexa (10) waren sofort begeistert davon, mit dem Rad an die Nordsee zu fahren. Mit ihrem Vater machte sich die Ältere daran, die Route auf dem Weserradweg zu planen und Unterkünfte herauszusuchen. Nur der achtjährige Ben hatte anfangs so gar keine Lust und quartierte sich schon mal vorsorglich bei seiner Oma ein. Doch dann juckte es ihn doch, dabei zu sein. Wenigstens wollte er es versuchen. Und für den Fall, dass es ihm doch zu anstrengend werden würde, sorgte er vor. Tante und Onkel erklärten sich bereit, ihn notfalls von unterwegs abzuholen. Unnötig, wie sich im Nachhinein herausstellte. Auch Tatjana Braun hatte für einen kurzen Moment Zweifel, ob ihre Kinder die Strecke schaffen würden. Die Idee, unterwegs zu zelten, verwarfen sie und ihr Mann schnell wieder. Stattdessen entschieden sie sich für leichtes Gepäck. Ein paar Klamotten zum Wechseln, Hygieneartikel und Proviant für die erste Etappe sollten reichen. Für die Verpflegung an den weiteren Tagen gab es schließlich Supermärkte. Ach ja, ganz wichtig: Badesachen für die Abkühlung zwischendurch mussten auch noch mit. Am Freitagnachmittag, um 15.30 Uhr, starteten die Brauns in Südhemmern. Warum so spät? „Die Väter mussten an dem Tag noch arbeiten“, erklärt Willi Braun. In Minden trafen sie sich mit ihren Freunden aus Porta: einer Familie mit zwei Jungs (15 und 11) und einem dreijährigen Mädchen, das im Anhänger mitfuhr. „Für die erste Nacht hatten wir zwei Unterkünfte in unterschiedlicher Entfernung gebucht – mit der Option, kurzfristig stornieren zu können. Wir wussten ja nicht, wie weit wir mit den Kindern kommen würden“, berichtet Tatjana Braun. In Nienburg verbrachten die beiden Familien schließlich die erste Nacht. 70 Kilometer waren geschafft. „Meine Kinder haben mich wirklich überrascht“, sagt die stolze Mutter. Es sollte noch besser kommen. „Das Ziel für den nächsten Tag war Achim“, berichtet Willi Braun. Immerhin auch eine Strecke von knapp 70 Kilometern. Vor allem für Ben war das eine echte Herausforderung. „Mit seinem kleinen Fahrrad musste er ja doppelt so viel strampeln wie wir“, sagt seine Mutter. „Aber die Kinder hatten so viel Spaß und sind über sich hinausgewachsen.“ Bis nach Bremen, das sie eigentlich erst am nächsten Tag erreichen wollten, radelten die beiden Familien. Tagesetappe: 115 Kilometer. „Unterwegs haben wir sogar noch zwei Schwimmpausen eingelegt und eine lange Mittagspause“, erzählt Alexa begeistert. Eine stolze Leistung, für die Willi Braun den fleißigen Radlern Bronzemedaillen verlieh, die er heimlich besorgt und gravieren lassen hatte. Hoch motiviert ging es am nächsten Tag auf die dritte Etappe: 85 Kilometer nach Bremerhaven. „Unterwegs mussten wir mitten durch eine Schafherde fahren, das war toll“, nennt Alexa einen ihrer Höhepunkte. Für Ben war die Nacht in Bremerhaven ein besonderes Erlebnis. Während die Familie aus Porta von dort aus mit dem Zug zurück nach Hause fuhr, quartierte sich Familie Braun in ein Hostel ein. „Wir hatten einen wundervollen Ausblick auf den Hafen, und Ben hat mitten in der Nacht die großen Kreuzfahrtschiffe beobachtet“, erzählt Tatjana Braun und schüttelt lachend den Kopf. „Ich bin vom Hupen wach geworden und war auch gar nicht mehr müde“, entgegnet der Achtjährige. Auf der letzten Etappe nach Cuxhaven legte er sich noch einmal besonders ins Zeug. „Mit 34 Stundenkilometern bergauf“, erzählt er stolz. Am Ende zeigte sein Tacho eine zurückgelegte Strecke von insgesamt über 339 Kilometern. Nach nur vier Tagen am Ziel gab es dafür von Papa Willi Braun noch Goldmedaillen. „Die Tour ist wirklich zu empfehlen, schön flach und für Kinder gut zu bewältigen“, zieht der ein positives Fazit. „Ich bin sicher, dass die Erlebnisse bei unseren Kindern hängenbleiben fürs Leben.“ Rückblickend ist auch Ben richtig froh, die Radtour mitgemacht zu haben. Seine Angst, er könnte unterwegs schlapp machen, ist in Begeisterung umgeschlagen. Nur eines mussten ihm seine Eltern versprechen: ein größeres Fahrrad, damit er nicht mehr so viel strampeln muss. Für das nächste große Abenteuer auf zwei Rädern wird er das wohl auch brauchen. Wenn es nach ihm und seinen Schwestern geht, soll es dann nämlich nach Österreich gehen.

Mit dem Rad zur Küste: Familie Braun fährt von Südhemmern nach Cuxhaven

Tatjana und Willi Braun sind mit ihren Kindern (von links) Alexa (10), Jenna (12) und Ben (8) in vier Tagen bis an die Nordsee geradelt. Foto: Kerstin Rickert © Kerstin Rickert

Hille-Südhemmern. Es war eine spontane Aktion. Eine fixe Idee, die – einmal ausgesprochen – Familie Braun nicht mehr losließ. Tatjana und Willi Braun und ihre drei Kinder hatten Besuch von Freunden aus Porta Westfalica. Die fünfköpfige Familie war mit Fahrrädern nach Südhemmern gekommen, den umgekehrten Weg nach Porta Westfalica hatten die Brauns eine Woche zuvor für einen Fahrradausflug genutzt. „Plötzlich sagten unsere Freunde ‚Lasst uns doch mal gemeinsam eine größere Radtour machen!‘“, erzählt Tatjana Braun. Gesagt, getan.

Es war nur so dahingesagt, aber ein Ziel hatten die Freunde auch schon vor Augen: Bremerhaven. Das müsste doch an einem Wochenende zu schaffen sein. Zurück könne man dann den Zug nehmen. Der Gedanke gefiel der Familie aus Südhemmern. „Wir haben uns so gefreut, uns nach der langen Corona bedingten Pause wieder mit Freunden treffen und gemeinsam etwas unternehmen zu können“, sagt Tatjana Braun.

Auf dem Weg nach Bremerhaven mussten die Radler aus Südhemmern mitten durch eine Schafherde fahren.
Auf dem Weg nach Bremerhaven mussten die Radler aus Südhemmern mitten durch eine Schafherde fahren.

Aber wenn, dann sollte es doch bis Cuxhaven an die Nordsee gehen. Zumal auch schon der eigentlich für die Sommerferien geplante Familienurlaub gestrichen werden musste, wie ihr Mann Willi ergänzt. „Als wir im Frühjahr buchen wollten, deutete sich schon an, dass daraus nichts werden würde. Unser Kurzurlaub im Mai wurde auch abgesagt, und so haben wir lieber gar nicht erst gebucht.“ Und auch, wenn Flugreisen jetzt wieder möglich seien: „Das trauen wir uns noch nicht“, sagt Tatjana Braun ganz offen.

Für die Kinder gab es am Ziel der Reise Goldmedaillen. Die drei planen schon das nächste große Abenteuer. Fotos (2): privat
Für die Kinder gab es am Ziel der Reise Goldmedaillen. Die drei planen schon das nächste große Abenteuer. Fotos (2): privat

Die Idee von einem kurzen Alternativurlaub auf zwei Rädern kam also wie gerufen. Schließlich brauchten auch die Kinder mal ein bisschen Abwechslung. Der Ferienbeginn habe sich für sie diesmal sowieso schon ganz komisch angefühlt. „Sie bekamen ihre Zeugnisse und wurden wieder nach Hause geschickt. Das war überhaupt nichts Besonderes“, berichtet die Mutter.

Ihre Töchter Jenna (12) und Alexa (10) waren sofort begeistert davon, mit dem Rad an die Nordsee zu fahren. Mit ihrem Vater machte sich die Ältere daran, die Route auf dem Weserradweg zu planen und Unterkünfte herauszusuchen.

Nur der achtjährige Ben hatte anfangs so gar keine Lust und quartierte sich schon mal vorsorglich bei seiner Oma ein. Doch dann juckte es ihn doch, dabei zu sein. Wenigstens wollte er es versuchen. Und für den Fall, dass es ihm doch zu anstrengend werden würde, sorgte er vor. Tante und Onkel erklärten sich bereit, ihn notfalls von unterwegs abzuholen. Unnötig, wie sich im Nachhinein herausstellte.

Auch Tatjana Braun hatte für einen kurzen Moment Zweifel, ob ihre Kinder die Strecke schaffen würden. Die Idee, unterwegs zu zelten, verwarfen sie und ihr Mann schnell wieder. Stattdessen entschieden sie sich für leichtes Gepäck. Ein paar Klamotten zum Wechseln, Hygieneartikel und Proviant für die erste Etappe sollten reichen. Für die Verpflegung an den weiteren Tagen gab es schließlich Supermärkte. Ach ja, ganz wichtig: Badesachen für die Abkühlung zwischendurch mussten auch noch mit.

Am Freitagnachmittag, um 15.30 Uhr, starteten die Brauns in Südhemmern. Warum so spät? „Die Väter mussten an dem Tag noch arbeiten“, erklärt Willi Braun. In Minden trafen sie sich mit ihren Freunden aus Porta: einer Familie mit zwei Jungs (15 und 11) und einem dreijährigen Mädchen, das im Anhänger mitfuhr. „Für die erste Nacht hatten wir zwei Unterkünfte in unterschiedlicher Entfernung gebucht – mit der Option, kurzfristig stornieren zu können. Wir wussten ja nicht, wie weit wir mit den Kindern kommen würden“, berichtet Tatjana Braun.

In Nienburg verbrachten die beiden Familien schließlich die erste Nacht. 70 Kilometer waren geschafft. „Meine Kinder haben mich wirklich überrascht“, sagt die stolze Mutter. Es sollte noch besser kommen. „Das Ziel für den nächsten Tag war Achim“, berichtet Willi Braun. Immerhin auch eine Strecke von knapp 70 Kilometern. Vor allem für Ben war das eine echte Herausforderung. „Mit seinem kleinen Fahrrad musste er ja doppelt so viel strampeln wie wir“, sagt seine Mutter.

„Aber die Kinder hatten so viel Spaß und sind über sich hinausgewachsen.“ Bis nach Bremen, das sie eigentlich erst am nächsten Tag erreichen wollten, radelten die beiden Familien. Tagesetappe: 115 Kilometer. „Unterwegs haben wir sogar noch zwei Schwimmpausen eingelegt und eine lange Mittagspause“, erzählt Alexa begeistert. Eine stolze Leistung, für die Willi Braun den fleißigen Radlern Bronzemedaillen verlieh, die er heimlich besorgt und gravieren lassen hatte.

Hoch motiviert ging es am nächsten Tag auf die dritte Etappe: 85 Kilometer nach Bremerhaven. „Unterwegs mussten wir mitten durch eine Schafherde fahren, das war toll“, nennt Alexa einen ihrer Höhepunkte. Für Ben war die Nacht in Bremerhaven ein besonderes Erlebnis. Während die Familie aus Porta von dort aus mit dem Zug zurück nach Hause fuhr, quartierte sich Familie Braun in ein Hostel ein. „Wir hatten einen wundervollen Ausblick auf den Hafen, und Ben hat mitten in der Nacht die großen Kreuzfahrtschiffe beobachtet“, erzählt Tatjana Braun und schüttelt lachend den Kopf. „Ich bin vom Hupen wach geworden und war auch gar nicht mehr müde“, entgegnet der Achtjährige.

Auf der letzten Etappe nach Cuxhaven legte er sich noch einmal besonders ins Zeug. „Mit 34 Stundenkilometern bergauf“, erzählt er stolz. Am Ende zeigte sein Tacho eine zurückgelegte Strecke von insgesamt über 339 Kilometern. Nach nur vier Tagen am Ziel gab es dafür von Papa Willi Braun noch Goldmedaillen.

„Die Tour ist wirklich zu empfehlen, schön flach und für Kinder gut zu bewältigen“, zieht der ein positives Fazit. „Ich bin sicher, dass die Erlebnisse bei unseren Kindern hängenbleiben fürs Leben.“ Rückblickend ist auch Ben richtig froh, die Radtour mitgemacht zu haben. Seine Angst, er könnte unterwegs schlapp machen, ist in Begeisterung umgeschlagen. Nur eines mussten ihm seine Eltern versprechen: ein größeres Fahrrad, damit er nicht mehr so viel strampeln muss. Für das nächste große Abenteuer auf zwei Rädern wird er das wohl auch brauchen. Wenn es nach ihm und seinen Schwestern geht, soll es dann nämlich nach Österreich gehen.

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