Margot Käßmann macht Mut zum Leben Kerstin Rickert Hille-Hartum (kr). Ihr wurde es zum ersten Mal bewusst, als ihr in der Berliner S-Bahn ein junger Mann einen Platz anbot: „Da habe ich gemerkt, ich werde alt“, sagt Dr. Margot Käßmann. Für die trockene und humorvolle Art, wie sie das sagt, erntet die Theologin und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal Gelächter und Beifall von ihren Zuhörern. Rund 450 sind es, die zum Kreislandfrauentag in die evangelische Kirche in Hartum gekommen sind. Margot Käßmann ist Ehrengast und spricht über das Älterwerden – und gemeinsam mit ihrer Tochter Sarah Rahe über ihre Mutter-Tochter-Beziehung und wie diese sich mit der Zeit verändert hat. Die traditionelle Veranstaltung des Kreislandfrauenverbands Minden-Lübbecke zum Auftakt seines Jahresprogramms war wie üblich in der Stadthalle Lübbecke geplant. Doch „aus technischen Gründen“ hätten dort diesmal nur bis zu 199 Besucher Platz gefunden, wie Vorstandssprecherin Iris Niermeyer erläuterte. Innerhalb von gut drei Wochen habe ein anderer Veranstaltungsort gefunden werden müssen, in Hartum fand die Suche ein Ende. Ein glückliches Ende, wie sich im Nachhinein zeigt. Denn die Kirche erweist sich als perfekter Rahmen für die Theologin. Margot Käßmann kleidet ihre Gedanken zum Älterwerden in Worte, die zum Lachen, aber auch zum Nachdenken anregen. Sie zeugen von Gelassenheit und Zuversicht, haben humorvollen und auch predigenden Charakter. Umrahmt wird die Veranstaltung vom Posaunenchor Hartum unter der Leitung von Christine Pearson und dem Gospelchor Nordhemmern unter der Leitung von Johanna Gartmann. Iris Niermeyer, Vanessa Fenn und Eva Rahe vom Vorstandsteam der Kreislandfrauen und Renate Große-Wietfeld vom Westfälisch-Lippischen Landfrauenverband richten Grußworte an die Gäste, darunter zahlreiche Vertreter aus Politik und Verwaltung im Mühlenkreis. Eindrücklich erzählt Margot Käßmann davon, wie sich mit dem Älterwerden die Stimme, das Aussehen und Gewohnheiten verändern. Wie ihre Schwester eines Tages beim Blick auf ihre Hände sagt: „So haben Großmutters Hände auch ausgesehen.“ Oder wie sie sich dabei ertappt hat, Eigenarten ihrer Mutter, die sie früher abgelehnt hat, inzwischen übernommen zu haben: das Lesen von Traueranzeigen zum Frühstück etwa. Margot Käßmann macht Mut, das Leben zu leben und die Zeichen des Alters anzunehmen, um es auf andere Art genießen zu können. Dazu gehört für sie auch, zwar zurückzublicken, aber sich nicht zu fragen, was anders oder besser hätte laufen können. Wer das tue, finde keine Freude und keinen Frieden mit den eigenen Abzweigungen des Lebens. „Im Leben musst du dich entscheiden. Das Leben ist ein Weg und du musst Abzweigungen nehmen. Stillstand geht ja gar nicht.“ Die Wahl des Berufs oder die Frage, ob man Kinder wolle und wenn ja, wie viele, seien Abzweigungen, wo sich jeder für die eine oder andere Richtung entscheiden müsse. „Nicht entscheiden ist keine Alternative“, sagt Käßmann. Dann gebe es auch Abzweigungen, „die werden uns auferlegt“, wie ein unerfüllter Kinderwunsch zum Beispiel, eine schwere Krankheit oder das Ende einer Beziehung, weil der Partner sich in einen anderen Menschen verliebt habe. Das Leben mit all seinen Unwägbarkeiten so zu nehmen, wie es kommt und beim Rückblick im Alter nicht zu hadern mit möglichen Fehlentscheidungen, sei wichtig und richtig. „Jemand hat mir mal gesagt: ‚Wenn ich damals gewusst hätte, dass ich heute so glücklich bin, dann wäre ich damals gar nicht so unglücklich gewesen‘“, sagt die 63-Jährige. Eine solche Einstellung habe viel mit Lebenserfahrung zu tun. „Da fällt der Rückblick manchmal anders aus.“ Mit 60 hat Margot Käßmann ihre Gedanken zum Älterwerden für ihr Buch „Schöne Aussichten auf die besten Jahre“ aufgeschrieben. Es liegt vor ihr, während sie redet, doch eine klassische Lesung ist ihr Auftritt nicht. Sie schaut ihre Zuhörer an, spricht zu ihnen und lässt eine lockere und intime Atmosphäre entstehen. Sie spricht unter anderem über ihre Entscheidung, mit 60 in den Ruhestand zu gehen und die unterschiedlichen Reaktionen darauf. Zum Beispiel die, sie sei doch noch fit und stehe mitten im Leben. „Es ist die letzte Etappe“, sagt dagegen Käßmann und die wolle sie bewusst genießen und ihre sieben Enkelkinder aufwachsen sehen. „Indem ich meine Enkel erlebe, verändert sich auch das Verhältnis zu meinen eigenen Kindern.“ Ihre älteste Tochter Sarah hat sie nach Hartum begleitet. Gemeinsam stellen sich beide abschließend den Fragen von Sina Spreen über ihre Beziehung, Nähe und Abstand zueinander und ihre Rollen als Mütter, Tochter und Großmutter.

Margot Käßmann macht Mut zum Leben

Sina Spreen (rechts) interviewt Sarah Rahe und ihre Mutter Margot Käßmann (links). © y

Hille-Hartum (kr). Ihr wurde es zum ersten Mal bewusst, als ihr in der Berliner S-Bahn ein junger Mann einen Platz anbot: „Da habe ich gemerkt, ich werde alt“, sagt Dr. Margot Käßmann. Für die trockene und humorvolle Art, wie sie das sagt, erntet die Theologin und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal Gelächter und Beifall von ihren Zuhörern. Rund 450 sind es, die zum Kreislandfrauentag in die evangelische Kirche in Hartum gekommen sind. Margot Käßmann ist Ehrengast und spricht über das Älterwerden – und gemeinsam mit ihrer Tochter Sarah Rahe über ihre Mutter-Tochter-Beziehung und wie diese sich mit der Zeit verändert hat.

Die traditionelle Veranstaltung des Kreislandfrauenverbands Minden-Lübbecke zum Auftakt seines Jahresprogramms war wie üblich in der Stadthalle Lübbecke geplant. Doch „aus technischen Gründen“ hätten dort diesmal nur bis zu 199 Besucher Platz gefunden, wie Vorstandssprecherin Iris Niermeyer erläuterte.

Innerhalb von gut drei Wochen habe ein anderer Veranstaltungsort gefunden werden müssen, in Hartum fand die Suche ein Ende. Ein glückliches Ende, wie sich im Nachhinein zeigt. Denn die Kirche erweist sich als perfekter Rahmen für die Theologin. Margot Käßmann kleidet ihre Gedanken zum Älterwerden in Worte, die zum Lachen, aber auch zum Nachdenken anregen. Sie zeugen von Gelassenheit und Zuversicht, haben humorvollen und auch predigenden Charakter. Umrahmt wird die Veranstaltung vom Posaunenchor Hartum unter der Leitung von Christine Pearson und dem Gospelchor Nordhemmern unter der Leitung von Johanna Gartmann. Iris Niermeyer, Vanessa Fenn und Eva Rahe vom Vorstandsteam der Kreislandfrauen und Renate Große-Wietfeld vom Westfälisch-Lippischen Landfrauenverband richten Grußworte an die Gäste, darunter zahlreiche Vertreter aus Politik und Verwaltung im Mühlenkreis.


Eindrücklich erzählt Margot Käßmann davon, wie sich mit dem Älterwerden die Stimme, das Aussehen und Gewohnheiten verändern. Wie ihre Schwester eines Tages beim Blick auf ihre Hände sagt: „So haben Großmutters Hände auch ausgesehen.“ Oder wie sie sich dabei ertappt hat, Eigenarten ihrer Mutter, die sie früher abgelehnt hat, inzwischen übernommen zu haben: das Lesen von Traueranzeigen zum Frühstück etwa.

Margot Käßmann nimmt mit „Schöne Aussichten auf die besten Jahre“ ein wenig Angst vorm Älterwerden. - © kr
Margot Käßmann nimmt mit „Schöne Aussichten auf die besten Jahre“ ein wenig Angst vorm Älterwerden. - © kr

Margot Käßmann macht Mut, das Leben zu leben und die Zeichen des Alters anzunehmen, um es auf andere Art genießen zu können. Dazu gehört für sie auch, zwar zurückzublicken, aber sich nicht zu fragen, was anders oder besser hätte laufen können. Wer das tue, finde keine Freude und keinen Frieden mit den eigenen Abzweigungen des Lebens. „Im Leben musst du dich entscheiden. Das Leben ist ein Weg und du musst Abzweigungen nehmen. Stillstand geht ja gar nicht.“

Die Landfrauen waren diesmal nicht in der Stadthalle Lübbecke, sondern in der Hartumer Kirche zu Gast. Fotos: Kerstin Rickert - © kr
Die Landfrauen waren diesmal nicht in der Stadthalle Lübbecke, sondern in der Hartumer Kirche zu Gast. Fotos: Kerstin Rickert - © kr

Die Wahl des Berufs oder die Frage, ob man Kinder wolle und wenn ja, wie viele, seien Abzweigungen, wo sich jeder für die eine oder andere Richtung entscheiden müsse. „Nicht entscheiden ist keine Alternative“, sagt Käßmann. Dann gebe es auch Abzweigungen, „die werden uns auferlegt“, wie ein unerfüllter Kinderwunsch zum Beispiel, eine schwere Krankheit oder das Ende einer Beziehung, weil der Partner sich in einen anderen Menschen verliebt habe.

Das Leben mit all seinen Unwägbarkeiten so zu nehmen, wie es kommt und beim Rückblick im Alter nicht zu hadern mit möglichen Fehlentscheidungen, sei wichtig und richtig. „Jemand hat mir mal gesagt: ‚Wenn ich damals gewusst hätte, dass ich heute so glücklich bin, dann wäre ich damals gar nicht so unglücklich gewesen‘“, sagt die 63-Jährige. Eine solche Einstellung habe viel mit Lebenserfahrung zu tun. „Da fällt der Rückblick manchmal anders aus.“

Mit 60 hat Margot Käßmann ihre Gedanken zum Älterwerden für ihr Buch „Schöne Aussichten auf die besten Jahre“ aufgeschrieben. Es liegt vor ihr, während sie redet, doch eine klassische Lesung ist ihr Auftritt nicht. Sie schaut ihre Zuhörer an, spricht zu ihnen und lässt eine lockere und intime Atmosphäre entstehen.

Sie spricht unter anderem über ihre Entscheidung, mit 60 in den Ruhestand zu gehen und die unterschiedlichen Reaktionen darauf. Zum Beispiel die, sie sei doch noch fit und stehe mitten im Leben. „Es ist die letzte Etappe“, sagt dagegen Käßmann und die wolle sie bewusst genießen und ihre sieben Enkelkinder aufwachsen sehen. „Indem ich meine Enkel erlebe, verändert sich auch das Verhältnis zu meinen eigenen Kindern.“

Ihre älteste Tochter Sarah hat sie nach Hartum begleitet. Gemeinsam stellen sich beide abschließend den Fragen von Sina Spreen über ihre Beziehung, Nähe und Abstand zueinander und ihre Rollen als Mütter, Tochter und Großmutter.

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