Liebe auf den zweiten Blick: So bekommt aussortiertes Obst und Gemüse eine zweite Chance Leonie Meyer Hille-Eickhorst/Bielefeld. Auf einem Schotterparkplatz in Eickhorst, umgeben von Feldern, kommen Liebhaber von Frische und Nachhaltigkeit auf ihre Kosten. Paprika, Gurke, Rotkohl oder doch lieber Äpfel, Ananas und Orangen? So unterschiedlich und doch haben alle etwas gemeinsam: Sie wurden aussortiert, weil sie Schönheitsfehler haben und somit nicht der Norm in den Supermärkten entsprechen. Auch im Hiller Ortsteil Eickhorst bekommen die Sonderlinge eine zweite Chance. „Wir verteilen gerade zum fünften Mal in Hille. In unserem Hausflur haben wir begonnen, jetzt haben wir uns mit Pavillons auf einem Parkplatz unseres Vermieters vergrößert", sagt Filiz Demir, Leiterin der Station in Hille. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen verkauft sie die geretteten Kisten von „Obst verbindet" jeden Samstag an ihre Kunden für einen kleinen Betrag. Hinter dem Motto „Obst verbindet – Liebe auf den zweiten Blick" steht Erhan Berse. Anfang Juli gründete er das Unternehmen „We Fresh" und packt seitdem mit Unterstützung seines Teams am Standort Bielefeld Kisten mit gerettetem Obst und Gemüse zusammen. Selbst in Deutschland landeten jährlich über elf Millionen Tonnen im Mülleimer. Täglich rettet das Unternehmen laut eigenen Angaben mehr als 10.000 Kilogramm an Lebensmitteln. „Jemand muss den Anfang machen. Mein Ziel ist es, die Lebensmittelverschwendung einzudämmen und den bewussten Umgang mit ihnen zu stärken", erklärt Berse. Er ist schon jahrelang in der Lieferanten-Branche tätig, kennt daher die Abläufe hinter den Kulissen und hat Kontakte. Jetzt habe er einen Vollzeitjob mit Passion. Aller Anfang ist klein: „Meine ersten Bestellungen habe ich regional mit einem Caddy ausgeliefert", erinnert er sich. Mittlerweile reicht der nicht mehr aus: In Ostwestfalen-Lippe entstanden seit Anfang Juli 70 Verteilstationen – die Städte Hannover, Köln und Leverkusen sind auch darunter. Die Standorte werden nun mit großen Lkw-Ladungen versorgt. Mehrmals wöchentlich liefern sie 3.000 bis 4.000 Kisten aus. „Die Nachfrage ist sehr groß, schließlich geht es um den Nachhaltigkeitsgedanken." Hohe Erwartungen habe der Gründer zu Beginn nicht gehabt. „Ich dachte, ich packe mit ein, zwei Leuten kurz etwas zusammen, dann liefern wir es aus. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so überrannt werden. Darauf waren wir nicht vorbereitet", blickt Berse zurück. Stolz ist er, dass sein kleines Unternehmen sich so rasant entwickelt hat. „Mein Team ist mit Überzeugung dabei. Knapp 30 gehören dazu – vom Packer bis zum Buchhalter, damit alles funktioniert." An der Verteilstation in Eickhorst ist Familie Demir ein eingespieltes Team. Wenn der Lieferant vorfährt, werden die Kisten auf die Paletten im Pavillon sortiert aufgepackt. Sobald ein Kunde kommt, kann die Bestellung auf der Liste abgehakt werden. „Wir stellen unseren Kunden die Obst- und Gemüsekisten in den Kofferraum. Das gehört zum Service", sagt Filiz Demir. Sie ist über Verwandte in Herford auf „Obst verbindet" aufmerksam geworden und hat dort ausgeholfen. Nun führt sie die relativ neue Verteilstation in Hille. „Ich habe eine Chance für den Standort gesehen", so Demir, die hauptberuflich als Busfahrerin arbeitet. Zwischen ihrer Arbeits- und Freizeit nimmt sie die Bestellungen und Wünsche der Kunden entgegen. Familie Demir verdient sich mit „Obst verbindet" einen niedrigen Prozentsatz der verkauften Waren dazu. Sie selber bestellt auch jede Woche eine Kiste für ihre fünfköpfige Familie. „Das besondere ist, dass die Kunden teilweise untereinander tauschen, oder ich mit ihnen. Manchmal wird ein bestimmtes Gemüse bevorzugt und dann gibt es Tauschgeschäfte", verrät Demir. Das Retter-Sortiment umfasst unter anderem Familien-Kisten mit zehn Kilo – wahlweise Gemüse, Obst oder gemischt. Gleiches gibt es auch in der Fünf-Kilo-Variante. Außerdem gibt es die Fünf-Kilo-Kisten für eine Frucht nach Wahl, Tiernahrung oder Süßes. Das werde auch aussortiert, wenn ein bestimmtes Mindesthaltbarkeitsdatum nicht eingehalten werden kann. „Am beliebtesten sind die Mix-Kisten, aber auch fruchtige Exoten kommen bei unserer Kundschaft gut an." Ab zwei bis fünfzehn Euro sind die Kisten zu haben. Bestellungen können entweder über die Internetseite www.obst-verbindet.de, per Whatsapp, Mail oder auch Facebook aufgegeben werden. Die Bezahlung ist über den Onlineshop beispielsweise über Paypal oder mit Kreditkarte möglich. „An vielen Verteilstationen wird aktuell bar bezahlt, wie hier in Hille", erklärt Start-up-Gründer Berse im MT-Gespräch. Eine Kundin freut sich über ihre vielen Kisten voller Obst und Gemüse. „Beim letzen Mal habe ich mehrere Kilogramm Gurken zum ersten Mal eingelegt.", verrät die Mindenerin. Filiz Demir erzählt: „Ich habe letztens zum ersten Mal einen Hokkaido-Kürbis zubereitet. Ich war begeistert." Dieser Austausch sei genau das, was „Obst verbindet" ausmache. Auf den verschiedensten Plattformen würden selbst Rezepte getauscht. „Mittlerweile haben wir eine richtige Community", sagt Berse und blickt positiv in die Zukunft. Denn auch in Hille steige die Zahl der Kunden.

Liebe auf den zweiten Blick: So bekommt aussortiertes Obst und Gemüse eine zweite Chance

Filiz Demir (links) verteilt mit Sohn Deniz die bunten Obst- und Gemüsekisten. Aussortiertes Gemüse bekommt hier eine zweite Chance. Auch die Pappkisten werden für die nächste Bestellung wieder verwendet. MT-Foto: Leonie Meyer © Leonie Meyer

Hille-Eickhorst/Bielefeld. Auf einem Schotterparkplatz in Eickhorst, umgeben von Feldern, kommen Liebhaber von Frische und Nachhaltigkeit auf ihre Kosten. Paprika, Gurke, Rotkohl oder doch lieber Äpfel, Ananas und Orangen? So unterschiedlich und doch haben alle etwas gemeinsam: Sie wurden aussortiert, weil sie Schönheitsfehler haben und somit nicht der Norm in den Supermärkten entsprechen. Auch im Hiller Ortsteil Eickhorst bekommen die Sonderlinge eine zweite Chance.

„Wir verteilen gerade zum fünften Mal in Hille. In unserem Hausflur haben wir begonnen, jetzt haben wir uns mit Pavillons auf einem Parkplatz unseres Vermieters vergrößert", sagt Filiz Demir, Leiterin der Station in Hille. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen verkauft sie die geretteten Kisten von „Obst verbindet" jeden Samstag an ihre Kunden für einen kleinen Betrag.

Hinter dem Motto „Obst verbindet – Liebe auf den zweiten Blick" steht Erhan Berse. Anfang Juli gründete er das Unternehmen „We Fresh" und packt seitdem mit Unterstützung seines Teams am Standort Bielefeld Kisten mit gerettetem Obst und Gemüse zusammen. Selbst in Deutschland landeten jährlich über elf Millionen Tonnen im Mülleimer. Täglich rettet das Unternehmen laut eigenen Angaben mehr als 10.000 Kilogramm an Lebensmitteln.


„Jemand muss den Anfang machen. Mein Ziel ist es, die Lebensmittelverschwendung einzudämmen und den bewussten Umgang mit ihnen zu stärken", erklärt Berse. Er ist schon jahrelang in der Lieferanten-Branche tätig, kennt daher die Abläufe hinter den Kulissen und hat Kontakte. Jetzt habe er einen Vollzeitjob mit Passion.

Gründer Erhan Berse mit übergroßen Kohlrabis. Foto: pr - © privat
Gründer Erhan Berse mit übergroßen Kohlrabis. Foto: pr - © privat

Aller Anfang ist klein: „Meine ersten Bestellungen habe ich regional mit einem Caddy ausgeliefert", erinnert er sich. Mittlerweile reicht der nicht mehr aus: In Ostwestfalen-Lippe entstanden seit Anfang Juli 70 Verteilstationen – die Städte Hannover, Köln und Leverkusen sind auch darunter. Die Standorte werden nun mit großen Lkw-Ladungen versorgt. Mehrmals wöchentlich liefern sie 3.000 bis 4.000 Kisten aus. „Die Nachfrage ist sehr groß, schließlich geht es um den Nachhaltigkeitsgedanken."

Hohe Erwartungen habe der Gründer zu Beginn nicht gehabt. „Ich dachte, ich packe mit ein, zwei Leuten kurz etwas zusammen, dann liefern wir es aus. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so überrannt werden. Darauf waren wir nicht vorbereitet", blickt Berse zurück. Stolz ist er, dass sein kleines Unternehmen sich so rasant entwickelt hat. „Mein Team ist mit Überzeugung dabei. Knapp 30 gehören dazu – vom Packer bis zum Buchhalter, damit alles funktioniert."

An der Verteilstation in Eickhorst ist Familie Demir ein eingespieltes Team. Wenn der Lieferant vorfährt, werden die Kisten auf die Paletten im Pavillon sortiert aufgepackt. Sobald ein Kunde kommt, kann die Bestellung auf der Liste abgehakt werden. „Wir stellen unseren Kunden die Obst- und Gemüsekisten in den Kofferraum. Das gehört zum Service", sagt Filiz Demir. Sie ist über Verwandte in Herford auf „Obst verbindet" aufmerksam geworden und hat dort ausgeholfen. Nun führt sie die relativ neue Verteilstation in Hille. „Ich habe eine Chance für den Standort gesehen", so Demir, die hauptberuflich als Busfahrerin arbeitet. Zwischen ihrer Arbeits- und Freizeit nimmt sie die Bestellungen und Wünsche der Kunden entgegen. Familie Demir verdient sich mit „Obst verbindet" einen niedrigen Prozentsatz der verkauften Waren dazu.

Sie selber bestellt auch jede Woche eine Kiste für ihre fünfköpfige Familie. „Das besondere ist, dass die Kunden teilweise untereinander tauschen, oder ich mit ihnen. Manchmal wird ein bestimmtes Gemüse bevorzugt und dann gibt es Tauschgeschäfte", verrät Demir.

Das Retter-Sortiment umfasst unter anderem Familien-Kisten mit zehn Kilo – wahlweise Gemüse, Obst oder gemischt. Gleiches gibt es auch in der Fünf-Kilo-Variante. Außerdem gibt es die Fünf-Kilo-Kisten für eine Frucht nach Wahl, Tiernahrung oder Süßes. Das werde auch aussortiert, wenn ein bestimmtes Mindesthaltbarkeitsdatum nicht eingehalten werden kann. „Am beliebtesten sind die Mix-Kisten, aber auch fruchtige Exoten kommen bei unserer Kundschaft gut an." Ab zwei bis fünfzehn Euro sind die Kisten zu haben.

Bestellungen können entweder über die Internetseite www.obst-verbindet.de, per Whatsapp, Mail oder auch Facebook aufgegeben werden. Die Bezahlung ist über den Onlineshop beispielsweise über Paypal oder mit Kreditkarte möglich. „An vielen Verteilstationen wird aktuell bar bezahlt, wie hier in Hille", erklärt Start-up-Gründer Berse im MT-Gespräch.

Eine Kundin freut sich über ihre vielen Kisten voller Obst und Gemüse. „Beim letzen Mal habe ich mehrere Kilogramm Gurken zum ersten Mal eingelegt.", verrät die Mindenerin. Filiz Demir erzählt: „Ich habe letztens zum ersten Mal einen Hokkaido-Kürbis zubereitet. Ich war begeistert." Dieser Austausch sei genau das, was „Obst verbindet" ausmache. Auf den verschiedensten Plattformen würden selbst Rezepte getauscht. „Mittlerweile haben wir eine richtige Community", sagt Berse und blickt positiv in die Zukunft. Denn auch in Hille steige die Zahl der Kunden.

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