„Lehrer sind keine Techniker“: Daran hapert es bei der digitalen Bildung Stefanie Dullweber Hille. Zuerst aus der Presse zu erfahren, welche Entscheidungen das Land in Sachen Schule getroffen hat, macht Dirk Schubert laut eigener Aussage „oft sprachlos und handlungsunfähig“. Der Leiter der Verbundschule Hille muss für viele Probleme eigene Lösungen finden. Diefehlenden orientierenden Vorgabenfülle er mit kreativen Lösungen vor Ort, sagt Schubert im MT-Interview. Die Schulen bleiben noch mindestens bis Mitte Februar geschlossen. Ist das Schuljahr schon verloren? Aus meiner Sicht nicht, für eine solche Einschätzung ist es zu früh. Wir unterrichten unsere Schülerinnen und Schüler auf Distanz und sorgen so dafür, dass diese sich trotz geschlossener Schultüren weiter aktiv mit Lerninhalten auseinandersetzen. Da diese Form des Lernens nicht die gleiche Wirksamkeit wie Präsenzunterricht erwarten lässt, wäre es aber sicher nicht unklug, über Ausgleichsmöglichkeiten für versäumte Lernzeiten nachzudenken. Wie organisieren Sie und ihre Kollegen den Distanzunterricht? Der aktuelle Schulalltag orientiert sich an einem von uns im letzten Jahr erarbeiteten Eckpunktepapier zum Distanzlernen. Gemeinsam mit Schülern und Eltern haben wir aus den Erfahrungen des ersten Lockdowns einen für uns passenden Rahmen für die jetzige Situation erarbeitet, welcher die Vorgaben des Landes ergänzt beziehungsweise präzisiert. Alle Schüler erhalten zu einem fest vereinbarten Zeitpunkt ihre Aufgaben für die kommende Schulwoche über eine Online-Plattform. Der Umfang der Aufgaben orientiert sich an der Anzahl der sonst stattfindenden Unterrichtsstunden. Zu welchem Zeitpunkt die Aufgaben dann tatsächlich bearbeitet werden, entscheidet jeder Schüler individuell. Auf diese Weise kommen wir dem Wunsch vieler Eltern nach Flexibilisierung nach, da so die vorhandenen technischen Ressourcen zu Hause optimal genutzt werden können. Dass diese Regelung dem Wunsch anderer Eltern nach einer klaren Tagesstruktur entgegensteht, ist uns bewusst, da mussten wir uns entscheiden. Wie hat sich der Alltag der Lehrer verändert? Einmal pro Woche treffen sich die Kolleginnen und Kollegen in der Regel mit ihren Klassen zu einer Online-Unterrichtsstunde, um beispielsweise Fragen zu den Aufgaben oder neue Lerninhalte zu besprechen. Allein in den letzten sieben Tagen haben auf dieses Weise etwa 800 Videokonferenzen stattgefunden. Außerhalb dieser Online-Sprechstunden sind die Kollegen über ein digitales Nachrichtensystem direkt mit ihren Schülern verbunden. Über dieses Tool werden die Aufgaben am Ende der Woche auch wieder „eingesammelt“. Das Unterrichten vom Bildschirm aus ist extrem aufwendig. Rückmeldungen der Lehrer an ihre Schüler sind wesentlicher Bestandteil der pädagogischen Arbeit und motivieren. Eine schriftliche, digitale Rückmeldung kann dies jedoch nur begrenzt leisten, zumal das bei einzelnen Kollegen schon mal die 200er-Marke pro Woche knackt; so viele verschiedene Schüler werden zum Teil unterrichtet. Zusätzlich müssen die Aufgaben vorbereitet sein und rechtzeitig digital zur Verfügung stehen. Wie digital ist das Lernen tatsächlich? Welche technischen Voraussetzungen wurden bislang geschaffen? Und wo hapert es am meisten? Der Begriff des digitalen Lernens ist ein schwer zu fassender Begriff und aus meiner Sicht auch noch nicht ausreichend genug geklärt, da jeder seine eigene Vorstellung davon hat. Sprechen wir schon vom digitalen Lernen, wenn Schüler ihre Arbeitsmaterialien online abholen, oder erfüllen wir bereits die Erwartungen an digitale Bildung, wenn wir es schaffen, eine ganze Klasse in einem digitalen Raum zu versammeln? In meinem Verständnis sollten wir junge Menschen befähigen, mit den digitalen Möglichkeiten individuelle Lernwege zu gehen, die analog so nicht möglich wären. Und dabei steht der kreative Inhalt immer noch vor der technischen Umsetzung, denn nur weil es technisch möglich ist, muss es noch lange nicht sinnvoll sein. Eine hochglanzpolierte digitale Präsentation ist mitunter weniger gehaltvoll als handschriftlich formulierte kluge Gedanken. Die Technik als eine von vielen Möglichkeiten,Selbstverständliches in Schule zu integrieren, das ist unser Auftrag. Technische Fragen sollten niemals vor pädagogischen stehen, vielmehr muss es eine veränderte Pädagogik mit Technik geben. Für diesen Prozess braucht es Experimentierfreude, Neugier und vor allem Präsenz. Letztere ist zurzeit leider nicht möglich. In den vergangenen Tagen haben wir Familien ohne ausreichende technische Möglichkeiten kurzfristig mit mobilen Leihgeräten ausstatten können, dieses Angebot werden wir in den nächsten Tagen ausbauen. Hängt die Bildung der Kinder auch vom Geldbeutel der Eltern ab? Wir sollten als Gesellschaft dafür sorgen, dass dies unter keinen Umständen passiert. Oft entsteht der Eindruck, dass teures Equipment einen guten Bildungsabschluss sichert. Dass digitale Kompetenzen auch technische Voraussetzungen braucht, leuchtet wohl ein. Um aus diesen Möglichkeiten schulische Höchstleistungen hervorzubringen, braucht es aber immer noch mehr als das richtige Gerät. Das Land hat im letzten Sommer ein Förderprogramm zur Unterstützung finanzschwacher Familien auf den Weg gebracht. Die mobilen Geräte aus diesem Programm werden wir allen betroffenen Familien in den nächsten Wochen zur Verfügung stellen können und somit die Bildungschancen für unsere Schüler vom Geldbeutel der Eltern abkoppeln. Was funktioniert aktuell besser als im ersten Lockdown? Wie der Distanzunterricht durchgeführt wird, haben wir in den letzten Monaten gemeinsam diskutiert und vereinbart. Dies zahlt sich aktuell aus. Zum einen haben unsere Kollegen auf dieser Grundlage Handlungssicherheit für die Begleitung ihrer Lerngruppen und zum anderen wissen unsere Schüler, was von ihnen erwartet wird und auf welchem Weg sie – trotz Distanz – von ihren Lehrern unterstützt werden. Diese Orientierung entlastet auch die Eltern, die in dieser Zeit auf keinen Fall auch noch die Aufgaben eines Lehrers übernehmen sollten. Wie sehr fühlen Sie sich vom Land beziehungsweise von der Bezirksregierung im Stich gelassen? Wir alle befinden uns in einem Ausnahmezustand, in den wir unvorhergesehen geraten sind. Jeder Tag erfordert eine Neubewertung der Lage und angepasste Entscheidungen, dafür habe ich großes Verständnis. Welche Entscheidungen richtig waren, werden wir erst später rückblickend beurteilen können. Die vom Land getroffenen Entscheidungen als Schulleiter allerdings zuerst aus der Presse und zusätzlich sehr kurzfristig zu erfahren, macht uns als Schule oft sprachlos und handlungsunfähig. Die politisch provozierten hohen Erwartungen an Schule können wir in der Kürze der Zeit oft nur durch extrem hohen persönlichen Einsatz kompensieren, fehlende orientierende Vorgaben füllen wir mit kreativen Lösungen vor Ort. Dies geht langfristig an die Substanz, auch Schulleiter sind „nur“ Menschen. Digitale Bildung war auch vor der Pandemie ein Thema, allerdings finanziell stiefmütterlich unterstützt. Wenn die Kollegen unserer Schule von der Gemeinde Hille nicht vor zwei Jahren bereits mit digitalen Endgeräten unterstützt worden wären, könnten wir diese heute im Distanzunterricht nicht einsetzen. Die vom Land zugesagten Geräte sind trotz umgehender Bestellung von der Gemeinde bis heute noch nicht in Hille angekommen. Die Lehrer im Umgang mit digitalen Medien durch kontinuierliche Fortbildungen zu unterstützen, hat das Land aus meiner Sicht seit Jahren versäumt. Auch eine geeignete digitale Plattform steht vom Land immer noch nicht vollständig zur Verfügung, das entstandene Vakuum haben die Schulen mit eigenen Lösungen gefüllt. Die politisch gut darzustellende Aussage „Das Land finanziert Dienstgeräte für alle Lehrkräfte“ kann aus meiner Sicht auch nicht über die fehlende Unterstützung im Umgang mit diesen Geräten hinwegtäuschen. Von der Frage der notwendigen technischen Wartung der Geräte vor Ort mal ganz abgesehen, Lehrer sind ausgebildete Pädagogen und keine Techniker. Diese Aufgabe gibt das Land von der Öffentlichkeit fast unbemerkt an die Schulträger weiter. Haben Sie Vorgaben, wie sie den Schulalltag zu organisieren haben, oder sind Sie weitestgehend auf sich allein gestellt? Wenn man in der Presse hört, dass Schulen vor Ort entscheiden können, wie die getroffenen Maßnahmen umgesetzt werden, dann klingt das oft sehr positiv. Tatsächlich heißt das aber auch, jede Schule muss ihr eigenes Konzept entwickeln. Dass man für diese Konzepte dann auch die Verantwortung übernimmt, ist in diese Sprechweise natürlich fest eingebaut. Für Außenstehende ist es dann oft nicht nachvollziehbar, warum in Hille die Dinge anders umgesetzt werden, während an der Nachbarschule scheinbar ganz andere Vorgaben gelten. Der Wunsch nach Transparenz ist bei den Eltern verständlicherweise sehr groß, in unzähligen Elternbriefen versuche ich diesem Wunsch nachzukommen. Einfacher und effektiver wäre es jedoch manchmal, gäbe das Land den Schulen klare Vorgaben rechtzeitig vor ihrem Inkrafttreten an die Hand. Wie läuft die Kommunikation unter den Kollegen? Arbeitet der Großteil von zu Hause, oder sind noch Lehrer in der Schule? Sich für unsere Schüler zu interessieren und den schulischen Weg auch durch den Austausch der Kollegen untereinander zu begleiten, hat bei uns eine gute Tradition. Dieser Austausch wird durch die fehlende Präsenz der Lehrer erschwert, da es keine informellen Gespräche in der Schule gibt. Digitale Treffen sind zwar ein Ersatz für fehlende Begegnungen, können den persönlichen Kontakt jedoch nicht ersetzen. Sozialer Kontakt lässt sich schwer digitalisieren, das gilt auch für den Umgang mit Schülern. Haben Sie schon Informationen, wie die Zeugniskonferenzen ablaufen sollen? Und wie stehen Sie zum Thema Versetzung? Die Zeugniskonferenzen liegen hinter uns. Wir haben mit großem technischen Engagement einen digitalen Weg gefunden, dem Zweck der Konferenzen gerecht zu werden und die schulische Laufbahn unserer Schüler zu dokumentieren. Die Versetzung liegt noch ein ganzes Schulhalbjahr entfernt. Aus meiner Sicht ist es zu früh, über mögliche Regelungen in dieser Frage zu spekulieren. Jetzt geht es erst einmal darum, alles uns Mögliche zu tun, damit unsere Schüler bald wieder Unterricht in ihrer Schule erleben können.

„Lehrer sind keine Techniker“: Daran hapert es bei der digitalen Bildung

Noch sei das Schuljahr nicht verloren, meint Dirk Schubert. Trotzdem sollte man über einen Ausgleich für die versäumten Lernzeiten nachdenken, findet der Leiter der Verbundschule Hille. MT-Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Hille. Zuerst aus der Presse zu erfahren, welche Entscheidungen das Land in Sachen Schule getroffen hat, macht Dirk Schubert laut eigener Aussage „oft sprachlos und handlungsunfähig“. Der Leiter der Verbundschule Hille muss für viele Probleme eigene Lösungen finden. Diefehlenden orientierenden Vorgabenfülle er mit kreativen Lösungen vor Ort, sagt Schubert im MT-Interview.

Die Schulen bleiben noch mindestens bis Mitte Februar geschlossen. Ist das Schuljahr schon verloren?

Aus meiner Sicht nicht, für eine solche Einschätzung ist es zu früh. Wir unterrichten unsere Schülerinnen und Schüler auf Distanz und sorgen so dafür, dass diese sich trotz geschlossener Schultüren weiter aktiv mit Lerninhalten auseinandersetzen. Da diese Form des Lernens nicht die gleiche Wirksamkeit wie Präsenzunterricht erwarten lässt, wäre es aber sicher nicht unklug, über Ausgleichsmöglichkeiten für versäumte Lernzeiten nachzudenken.

Über eine Online-Plattform bekommen die Schüler der Verbundschule ihre Aufgaben für jeweils eine Woche. Foto: Pixabay - © Pixabay
Über eine Online-Plattform bekommen die Schüler der Verbundschule ihre Aufgaben für jeweils eine Woche. Foto: Pixabay - © Pixabay

Wie organisieren Sie und ihre Kollegen den Distanzunterricht?

Der aktuelle Schulalltag orientiert sich an einem von uns im letzten Jahr erarbeiteten Eckpunktepapier zum Distanzlernen. Gemeinsam mit Schülern und Eltern haben wir aus den Erfahrungen des ersten Lockdowns einen für uns passenden Rahmen für die jetzige Situation erarbeitet, welcher die Vorgaben des Landes ergänzt beziehungsweise präzisiert.

Alle Schüler erhalten zu einem fest vereinbarten Zeitpunkt ihre Aufgaben für die kommende Schulwoche über eine Online-Plattform. Der Umfang der Aufgaben orientiert sich an der Anzahl der sonst stattfindenden Unterrichtsstunden. Zu welchem Zeitpunkt die Aufgaben dann tatsächlich bearbeitet werden, entscheidet jeder Schüler individuell. Auf diese Weise kommen wir dem Wunsch vieler Eltern nach Flexibilisierung nach, da so die vorhandenen technischen Ressourcen zu Hause optimal genutzt werden können. Dass diese Regelung dem Wunsch anderer Eltern nach einer klaren Tagesstruktur entgegensteht, ist uns bewusst, da mussten wir uns entscheiden.

Wie hat sich der Alltag der Lehrer verändert?

Einmal pro Woche treffen sich die Kolleginnen und Kollegen in der Regel mit ihren Klassen zu einer Online-Unterrichtsstunde, um beispielsweise Fragen zu den Aufgaben oder neue Lerninhalte zu besprechen. Allein in den letzten sieben Tagen haben auf dieses Weise etwa 800 Videokonferenzen stattgefunden. Außerhalb dieser Online-Sprechstunden sind die Kollegen über ein digitales Nachrichtensystem direkt mit ihren Schülern verbunden. Über dieses Tool werden die Aufgaben am Ende der Woche auch wieder „eingesammelt“. Das Unterrichten vom Bildschirm aus ist extrem aufwendig. Rückmeldungen der Lehrer an ihre Schüler sind wesentlicher Bestandteil der pädagogischen Arbeit und motivieren. Eine schriftliche, digitale Rückmeldung kann dies jedoch nur begrenzt leisten, zumal das bei einzelnen Kollegen schon mal die 200er-Marke pro Woche knackt; so viele verschiedene Schüler werden zum Teil unterrichtet. Zusätzlich müssen die Aufgaben vorbereitet sein und rechtzeitig digital zur Verfügung stehen.

Wie digital ist das Lernen tatsächlich? Welche technischen Voraussetzungen wurden bislang geschaffen? Und wo hapert es am meisten?

Der Begriff des digitalen Lernens ist ein schwer zu fassender Begriff und aus meiner Sicht auch noch nicht ausreichend genug geklärt, da jeder seine eigene Vorstellung davon hat. Sprechen wir schon vom digitalen Lernen, wenn Schüler ihre Arbeitsmaterialien online abholen, oder erfüllen wir bereits die Erwartungen an digitale Bildung, wenn wir es schaffen, eine ganze Klasse in einem digitalen Raum zu versammeln?

In meinem Verständnis sollten wir junge Menschen befähigen, mit den digitalen Möglichkeiten individuelle Lernwege zu gehen, die analog so nicht möglich wären. Und dabei steht der kreative Inhalt immer noch vor der technischen Umsetzung, denn nur weil es technisch möglich ist, muss es noch lange nicht sinnvoll sein. Eine hochglanzpolierte digitale Präsentation ist mitunter weniger gehaltvoll als handschriftlich formulierte kluge Gedanken.

Die Technik als eine von vielen Möglichkeiten,Selbstverständliches in Schule zu integrieren, das ist unser Auftrag. Technische Fragen sollten niemals vor pädagogischen stehen, vielmehr muss es eine veränderte Pädagogik mit Technik geben. Für diesen Prozess braucht es Experimentierfreude, Neugier und vor allem Präsenz. Letztere ist zurzeit leider nicht möglich. In den vergangenen Tagen haben wir Familien ohne ausreichende technische Möglichkeiten kurzfristig mit mobilen Leihgeräten ausstatten können, dieses Angebot werden wir in den nächsten Tagen ausbauen.

Hängt die Bildung der Kinder auch vom Geldbeutel der Eltern ab?

Wir sollten als Gesellschaft dafür sorgen, dass dies unter keinen Umständen passiert. Oft entsteht der Eindruck, dass teures Equipment einen guten Bildungsabschluss sichert. Dass digitale Kompetenzen auch technische Voraussetzungen braucht, leuchtet wohl ein. Um aus diesen Möglichkeiten schulische Höchstleistungen hervorzubringen, braucht es aber immer noch mehr als das richtige Gerät. Das Land hat im letzten Sommer ein Förderprogramm zur Unterstützung finanzschwacher Familien auf den Weg gebracht. Die mobilen Geräte aus diesem Programm werden wir allen betroffenen Familien in den nächsten Wochen zur Verfügung stellen können und somit die Bildungschancen für unsere Schüler vom Geldbeutel der Eltern abkoppeln.

Was funktioniert aktuell besser als im ersten Lockdown?

Wie der Distanzunterricht durchgeführt wird, haben wir in den letzten Monaten gemeinsam diskutiert und vereinbart. Dies zahlt sich aktuell aus. Zum einen haben unsere Kollegen auf dieser Grundlage Handlungssicherheit für die Begleitung ihrer Lerngruppen und zum anderen wissen unsere Schüler, was von ihnen erwartet wird und auf welchem Weg sie – trotz Distanz – von ihren Lehrern unterstützt werden. Diese Orientierung entlastet auch die Eltern, die in dieser Zeit auf keinen Fall auch noch die Aufgaben eines Lehrers übernehmen sollten.

Wie sehr fühlen Sie sich vom Land beziehungsweise von der Bezirksregierung im Stich gelassen?

Wir alle befinden uns in einem Ausnahmezustand, in den wir unvorhergesehen geraten sind. Jeder Tag erfordert eine Neubewertung der Lage und angepasste Entscheidungen, dafür habe ich großes Verständnis. Welche Entscheidungen richtig waren, werden wir erst später rückblickend beurteilen können. Die vom Land getroffenen Entscheidungen als Schulleiter allerdings zuerst aus der Presse und zusätzlich sehr kurzfristig zu erfahren, macht uns als Schule oft sprachlos und handlungsunfähig. Die politisch provozierten hohen Erwartungen an Schule können wir in der Kürze der Zeit oft nur durch extrem hohen persönlichen Einsatz kompensieren, fehlende orientierende Vorgaben füllen wir mit kreativen Lösungen vor Ort. Dies geht langfristig an die Substanz, auch Schulleiter sind „nur“ Menschen.

Digitale Bildung war auch vor der Pandemie ein Thema, allerdings finanziell stiefmütterlich unterstützt. Wenn die Kollegen unserer Schule von der Gemeinde Hille nicht vor zwei Jahren bereits mit digitalen Endgeräten unterstützt worden wären, könnten wir diese heute im Distanzunterricht nicht einsetzen. Die vom Land zugesagten Geräte sind trotz umgehender Bestellung von der Gemeinde bis heute noch nicht in Hille angekommen.

Die Lehrer im Umgang mit digitalen Medien durch kontinuierliche Fortbildungen zu unterstützen, hat das Land aus meiner Sicht seit Jahren versäumt. Auch eine geeignete digitale Plattform steht vom Land immer noch nicht vollständig zur Verfügung, das entstandene Vakuum haben die Schulen mit eigenen Lösungen gefüllt. Die politisch gut darzustellende Aussage „Das Land finanziert Dienstgeräte für alle Lehrkräfte“ kann aus meiner Sicht auch nicht über die fehlende Unterstützung im Umgang mit diesen Geräten hinwegtäuschen. Von der Frage der notwendigen technischen Wartung der Geräte vor Ort mal ganz abgesehen, Lehrer sind ausgebildete Pädagogen und keine Techniker. Diese Aufgabe gibt das Land von der Öffentlichkeit fast unbemerkt an die Schulträger weiter.

Haben Sie Vorgaben, wie sie den Schulalltag zu organisieren haben, oder sind Sie weitestgehend auf sich allein gestellt?

Wenn man in der Presse hört, dass Schulen vor Ort entscheiden können, wie die getroffenen Maßnahmen umgesetzt werden, dann klingt das oft sehr positiv. Tatsächlich heißt das aber auch, jede Schule muss ihr eigenes Konzept entwickeln. Dass man für diese Konzepte dann auch die Verantwortung übernimmt, ist in diese Sprechweise natürlich fest eingebaut. Für Außenstehende ist es dann oft nicht nachvollziehbar, warum in Hille die Dinge anders umgesetzt werden, während an der Nachbarschule scheinbar ganz andere Vorgaben gelten.

Der Wunsch nach Transparenz ist bei den Eltern verständlicherweise sehr groß, in unzähligen Elternbriefen versuche ich diesem Wunsch nachzukommen. Einfacher und effektiver wäre es jedoch manchmal, gäbe das Land den Schulen klare Vorgaben rechtzeitig vor ihrem Inkrafttreten an die Hand.

Wie läuft die Kommunikation unter den Kollegen? Arbeitet der Großteil von zu Hause, oder sind noch Lehrer in der Schule?

Sich für unsere Schüler zu interessieren und den schulischen Weg auch durch den Austausch der Kollegen untereinander zu begleiten, hat bei uns eine gute Tradition. Dieser Austausch wird durch die fehlende Präsenz der Lehrer erschwert, da es keine informellen Gespräche in der Schule gibt. Digitale Treffen sind zwar ein Ersatz für fehlende Begegnungen, können den persönlichen Kontakt jedoch nicht ersetzen. Sozialer Kontakt lässt sich schwer digitalisieren, das gilt auch für den Umgang mit Schülern.

Haben Sie schon Informationen, wie die Zeugniskonferenzen ablaufen sollen? Und wie stehen Sie zum Thema Versetzung?

Die Zeugniskonferenzen liegen hinter uns. Wir haben mit großem technischen Engagement einen digitalen Weg gefunden, dem Zweck der Konferenzen gerecht zu werden und die schulische Laufbahn unserer Schüler zu dokumentieren. Die Versetzung liegt noch ein ganzes Schulhalbjahr entfernt. Aus meiner Sicht ist es zu früh, über mögliche Regelungen in dieser Frage zu spekulieren. Jetzt geht es erst einmal darum, alles uns Mögliche zu tun, damit unsere Schüler bald wieder Unterricht in ihrer Schule erleben können.

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