Höhen und Tiefen: Geschichte der Pohlschen Heide ist eng mit dem Zeitgeist verknüpft Hartmut Nolte Hille/Minden (hn). Als die Abfalldeponie Pohlsche Heide 1988 in Betrieb ging, hatten ihre „Mütter und Väter" den ersten schweren Kampf schon erfolgreich hinter sich. Der Siegeswillen gegen mächtige Gegner sollte einige Jahre später noch einmal gefordert werden, als es um die Frage Müllverbrennungsanlage (MVA) oder Mechanisch-Biologische Abfallanlage (MBA) ging. Anfang der 1980er Jahre wurden die Endlager für Haus- und Gewerbemüll im Mühlenkreis knapp, die Umweltauflagen höher. Die Kreis-Deponien Varl und Heisterholz waren schon voll und auch an der Wülpker Egge war die Oberkante in Sicht. Die Suche nach einer geeigneten Fläche begann. Groß musste sie sein, sollte sie doch mindestens für 40 Jahre ausreichen. Dazu sollte sie verkehrsgünstig gelegen sein, die Natur möglichst wenig belasten und kostengünstig sein. Die Müllkommission setzte sich aus Kreistagsmitgliedern, Verwaltungsleuten und Experten aus der heimischen Abfallbranche zusammen. Die hörten externe Experten, besichtigten Anlagen und diskutierten mit Kritikern. Die gab es zahlreich. Die Parteipolitik blieb bei der Müllkommission vor der Tür. Hermann Peithmann, Helma Meier und Klaus Reimler gehörten zu den führenden Köpfen. Die heftige Kritik zeigte Wirkung. Der „Absicherung nach unten" und der Behandlung des Deponiewassers wurde besondere Bedeutung zugemessen. Unter anderem wurde eine stärkere Doppeldichtung eingebaut und im Labor werden Werte stets analysiert. Als ab 1988 der erste Abschnitt befüllt wurde, wurde der ungefährlichere Hausmüll nach unten gepackt Die ersten 14 von insgesamt 80 Hektar auf dem 136 Hektar großen Waldgelände waren bald befüllt. Der zweite Abschnitt, 13 Hektar groß, wurde 1992 bis 1994 gebaut. Insgesamt hatte man Platz für fünf Millionen Kubikmeter Abfall. Bei jährlich 300.000 Tonnen wuchs aber die Sorge, dass die Deponie schneller voll ist als erwartet. Doch die beginnende Umweltdiskussion sorgte für die Wende. Die Bundesregierung beschloss 1993 die TASi – die Technische Anleitung Siedlungsabfall. Die verpflichtete Entsorgungsträger zur Mülltrennung und Aussortierung verwertbarer Stoffe – und sei es durch Verbrennen. Nur vorbehandelter Abfall durfte deponiert werden. Damit begann der zweite Kampf um die Pohlsche Heide. Erste Maßnahme für die TASi war der Bau des Kompostwerk. Doch aus Düsseldorf drohte via Detmold Ungemach. Nach den Vorstellungen der Landespolitik sollten die OWL-Kreise ihre Abfälle zur nicht ausgelasteten Müllverbrennungsanlage in Bielefeld-Heepen bringen. Außerdem wurde eine große Deponie in Herford-Laar geplant – beides Einrichtungen der Privatwirtschaft. Damit wackelte die mit einigen Millionen Mark errichtete Deponie im Hiller Norden, die Gebühren wären stark gestiegen. Bei der Suche nach einem Ausweg half abermals der Mut zu neuen Wegen, ein wenig Dickköpfigkeit und der parteiübergreifende Konsens. Eine Mechanisch-biologischen Abfallbehandlungsanlage (MBA), wie sie in Niedersachsen erlaubt war, sollte die Alternative sein. Man hielt allen Gegnern aus der Verbrennungsfront stand, ob aus Berlin, Düsseldorf, Detmold oder den Nachbarkreisen, ließ sich Müll aus Gütersloh per Dekret aus Detmold aufdrücken – und setzte sich durch. Mit privaten Partnern wurde die Gesellschaft zur Verwertung organischer Abfälle (GvoA) als Betreiberin des Entsorgungszentrums, gegründet. Der Kreis blieb Eigentümer über die Abfallentsorgungsgesellschaft (AML). Aber jetzt den Dingen ihrer geregelten Lauf lassen, war zu wenig für die Macher der Deponie. Für sie war und ist das angelieferte Material zunächst erst mal Wertstoff. Burkart Schulte und sein Nachfolger Bernd Becker suchten nach neuen Verwertungsmöglichkeiten und fanden sie. Das Methangas aus Deponie und der 2005 eröffneten MBA wurde mit Hilfe der Gasversorgung Westfalica auf Erdgasqualität erhöht und ins Netz eingespeist – für das Kreishaus und das Krankenhaus Bad Oeynhausen. Zwei Blockkraftheizwerke produzieren aus der Deponiewärme 460 Kilowatt Strom. In der Nähe wächst ein Energiewald aus Weiden, der alle drei Jahre geerntet werden kann. Und auf den geschlossenen Altdeponien tanken Kollektoren Sonnenlicht. Doch geringere Mengen erhöhen auch die Kosten. Zumal mit dem Kreislaufwirtschaftsgesetz 2012 die Zuständigkeiten zwischen Kommunen und Privaten Entsorgern neu verteilt wurden. Dadurch sank das Gewerbemüllaufkommen von 40 000 Tonnen auf die Hälfte und die Preise sanken gleichzeitig. Abfall von außerhalb verkleinert die Lücke. Mit der KAVG, der Kreisabfallverwertungs GmbH ist seit 2018 wieder alles in der Hand des Kreises. Henning Schreiber und Thomas Kropp führen das Entsorgungszentrum in die Zukunft. Den dritten Bauabschnitt zu planen ist dabei die wichtigste und größte Aufgabe, wenn 2024 der zweite Abschnitt gefüllt sein wird. Die beiden restlichen Abschnitte werden vielleicht nicht mehr gebraucht. Die Recyclingforschung arbeitet mit Hochdruck. Auf der Pohlschen Heide wurde zur Rückgewinnung von Rohstoffen bereits geforscht und das Wort Deponierückbau ist nicht mehr unbedingt ein Fremdwort.

Höhen und Tiefen: Geschichte der Pohlschen Heide ist eng mit dem Zeitgeist verknüpft

Ab 1988 wurde der erste Abschnitt auf der Pohlschen Heide befüllt. Der Hausmüll wurde nach unten gepackt. Inzwischen wird stark im Bereich Recycling geforscht und ein Rückbau ist nicht ausgeschlossen. MT-Foto: Alex Lehn © Lehn,Alexander

Hille/Minden (hn). Als die Abfalldeponie Pohlsche Heide 1988 in Betrieb ging, hatten ihre „Mütter und Väter" den ersten schweren Kampf schon erfolgreich hinter sich. Der Siegeswillen gegen mächtige Gegner sollte einige Jahre später noch einmal gefordert werden, als es um die Frage Müllverbrennungsanlage (MVA) oder Mechanisch-Biologische Abfallanlage (MBA) ging.

Anfang der 1980er Jahre wurden die Endlager für Haus- und Gewerbemüll im Mühlenkreis knapp, die Umweltauflagen höher. Die Kreis-Deponien Varl und Heisterholz waren schon voll und auch an der Wülpker Egge war die Oberkante in Sicht. Die Suche nach einer geeigneten Fläche begann. Groß musste sie sein, sollte sie doch mindestens für 40 Jahre ausreichen. Dazu sollte sie verkehrsgünstig gelegen sein, die Natur möglichst wenig belasten und kostengünstig sein. Die Müllkommission setzte sich aus Kreistagsmitgliedern, Verwaltungsleuten und Experten aus der heimischen Abfallbranche zusammen. Die hörten externe Experten, besichtigten Anlagen und diskutierten mit Kritikern. Die gab es zahlreich.

Die Parteipolitik blieb bei der Müllkommission vor der Tür. Hermann Peithmann, Helma Meier und Klaus Reimler gehörten zu den führenden Köpfen. Die heftige Kritik zeigte Wirkung. Der „Absicherung nach unten" und der Behandlung des Deponiewassers wurde besondere Bedeutung zugemessen. Unter anderem wurde eine stärkere Doppeldichtung eingebaut und im Labor werden Werte stets analysiert. Als ab 1988 der erste Abschnitt befüllt wurde, wurde der ungefährlichere Hausmüll nach unten gepackt

Die ersten 14 von insgesamt 80 Hektar auf dem 136 Hektar großen Waldgelände waren bald befüllt. Der zweite Abschnitt, 13 Hektar groß, wurde 1992 bis 1994 gebaut. Insgesamt hatte man Platz für fünf Millionen Kubikmeter Abfall. Bei jährlich 300.000 Tonnen wuchs aber die Sorge, dass die Deponie schneller voll ist als erwartet.

Doch die beginnende Umweltdiskussion sorgte für die Wende. Die Bundesregierung beschloss 1993 die TASi – die Technische Anleitung Siedlungsabfall. Die verpflichtete Entsorgungsträger zur Mülltrennung und Aussortierung verwertbarer Stoffe – und sei es durch Verbrennen. Nur vorbehandelter Abfall durfte deponiert werden. Damit begann der zweite Kampf um die Pohlsche Heide.

Erste Maßnahme für die TASi war der Bau des Kompostwerk. Doch aus Düsseldorf drohte via Detmold Ungemach. Nach den Vorstellungen der Landespolitik sollten die OWL-Kreise ihre Abfälle zur nicht ausgelasteten Müllverbrennungsanlage in Bielefeld-Heepen bringen. Außerdem wurde eine große Deponie in Herford-Laar geplant – beides Einrichtungen der Privatwirtschaft. Damit wackelte die mit einigen Millionen Mark errichtete Deponie im Hiller Norden, die Gebühren wären stark gestiegen.

Bei der Suche nach einem Ausweg half abermals der Mut zu neuen Wegen, ein wenig Dickköpfigkeit und der parteiübergreifende Konsens. Eine Mechanisch-biologischen Abfallbehandlungsanlage (MBA), wie sie in Niedersachsen erlaubt war, sollte die Alternative sein. Man hielt allen Gegnern aus der Verbrennungsfront stand, ob aus Berlin, Düsseldorf, Detmold oder den Nachbarkreisen, ließ sich Müll aus Gütersloh per Dekret aus Detmold aufdrücken – und setzte sich durch. Mit privaten Partnern wurde die Gesellschaft zur Verwertung organischer Abfälle (GvoA) als Betreiberin des Entsorgungszentrums, gegründet. Der Kreis blieb Eigentümer über die Abfallentsorgungsgesellschaft (AML).

Aber jetzt den Dingen ihrer geregelten Lauf lassen, war zu wenig für die Macher der Deponie. Für sie war und ist das angelieferte Material zunächst erst mal Wertstoff. Burkart Schulte und sein Nachfolger Bernd Becker suchten nach neuen Verwertungsmöglichkeiten und fanden sie. Das Methangas aus Deponie und der 2005 eröffneten MBA wurde mit Hilfe der Gasversorgung Westfalica auf Erdgasqualität erhöht und ins Netz eingespeist – für das Kreishaus und das Krankenhaus Bad Oeynhausen. Zwei Blockkraftheizwerke produzieren aus der Deponiewärme 460 Kilowatt Strom. In der Nähe wächst ein Energiewald aus Weiden, der alle drei Jahre geerntet werden kann. Und auf den geschlossenen Altdeponien tanken Kollektoren Sonnenlicht.

Doch geringere Mengen erhöhen auch die Kosten. Zumal mit dem Kreislaufwirtschaftsgesetz 2012 die Zuständigkeiten zwischen Kommunen und Privaten Entsorgern neu verteilt wurden. Dadurch sank das Gewerbemüllaufkommen von 40 000 Tonnen auf die Hälfte und die Preise sanken gleichzeitig. Abfall von außerhalb verkleinert die Lücke. Mit der KAVG, der Kreisabfallverwertungs GmbH ist seit 2018 wieder alles in der Hand des Kreises. Henning Schreiber und Thomas Kropp führen das Entsorgungszentrum in die Zukunft. Den dritten Bauabschnitt zu planen ist dabei die wichtigste und größte Aufgabe, wenn 2024 der zweite Abschnitt gefüllt sein wird. Die beiden restlichen Abschnitte werden vielleicht nicht mehr gebraucht. Die Recyclingforschung arbeitet mit Hochdruck. Auf der Pohlschen Heide wurde zur Rückgewinnung von Rohstoffen bereits geforscht und das Wort Deponierückbau ist nicht mehr unbedingt ein Fremdwort.

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