Gerade selbstständig, dann Lockdown: Darum sieht Friseurin Ina Grewe Corona dennoch als Chance Stefanie Dullweber Hille. Ihren Lebenstraum hat sich Ina Grewe im Oktober 2020 erfüllt: Endlich selbstständig. Viele Jahre hatte sie sich das Arbeiten im eigenen Friseursalon ausgemalt. Schneller als gedacht, wird dieser Wunsch Realität. Alles scheint zu passen: Der Laden, die Kollegen, die Kunden. Nur eineinhalb Monate später muss die Friseurmeisterin die Schere wieder aus der Hand legen – auf unbestimmte Zeit. Lockdown. Doch die junge Frau hadert weder mit ihrem Schicksal, noch schimpft sie auf die Maßnahmen der Regierung. „Corona ist das Beste, was mir beruflich passieren konnte“, sagt sie und erklärt: „Ohne das Innehalten im ersten Lockdown wäre ich nie ins Überlegen gekommen und hätte mich wahrscheinlich niemals selbstständig gemacht.“ Sie sei regelrecht wachgerüttelt worden – mit dem Ergebnis: Es muss sich etwas ändern. Dass ein zweiter Lockdown kommt, das habe sie bei der Finanzierung gleich mit eingeplant. Zwar würde sie liebend gerne arbeiten, sagt Ina Grewe. Aber umso mehr freut sie sich jetzt auf den Tag, an dem sie die Tür wieder aufsperren darf. Ein wenig war ihr beruflicher Weg vorgezeichnet. „Ich komme aus einer Familie mit vielen Friseuren“, sagt die 40-Jährige. Bereits als Teenager habe sie in den Ferien im Salon der Cousine ihres Vaters gejobbt. Damals sei eine ihrer Aufgaben gewesen, das Spitzenpapier für die Dauerwellen zurechtzulegen, erinnert sie sich. Als es an der Zeit war, sich für einen Ausbildungsplatz zu entscheiden, bewarb sich die Schülerin aus Essern zunächst als Büro-, Industrie- und Einzelhandelskauffrau. „Ich glaube, alle Arbeitgeber haben gemerkt, dass ich das nicht bin“, sagt sie rückblickend. Irgendwann habe sie dann zu ihrer Mutter gesagt: „Ich mache das, was ich kann.“ Im Anschluss an ihre Ausbildung in einem Salon in Stolzenau besuchte sie die Meisterschule im Oldenburg und war mit gerade einmal 25 Jahren Friseurmeisterin. „Mein erstes Ziel hatte ich erreicht. Schon damals hätte ich mich gerne selbstständig gemacht.“ Zunächst arbeitet Ina Grewe ein weiteres Jahr in ihrem Ausbildungsbetrieb, bevor es sie dann in ein größeres Geschäft nach Minden zieht. „Hier musste ich noch einmal ganz von vorne anfangen. Das hat mir unheimlich viel gebracht.“ Während eines Urlaubs mit Kolleginnen im letzten Jahr sei der eigene Laden wieder Thema gewesen. „Wann machst du das endlich?“, war die immer wiederkehrende Frage. „Und meine Freundinnen habe mir versichert, sie würden alle bei mir anfangen“, sagt Ina Grewe und lacht. Eine von ihnen habe sie dann im vergangenen Sommer auf den frei werdenden Salon in Hille an der Brennhorster Straße aufmerksam gemacht. Ein erster Blick in die Online-Anzeige reicht Ina Grewe. „Das war der Laden, den ich schon immer gesucht habe“, sagt die Essernerin rückblickend. Noch am selben Tag habe sie den Vermieter angerufen und einen Termin am Nachmittag vereinbart. Bei der ersten Besichtigung habe sie Tränen in den Augen gehabt. Die Entscheidung stand fest. „Es ging alles so schnell. Im August habe ich gekündigt. Im Oktober habe ich meinen frisch renovierten Salon ´Ina Grewe Friseure` eröffnet.“ Manche Chancen bekomme man nur einmal im Leben – so abgedroschen dieser Spruch sei, in ihrem Fall war er zutreffend. Corona habe bei der Entscheidung für die Selbstständigkeit keine Rolle gespielt, sagt Ina Grewe. Die Risiken seien für sie überschaubar gewesen und die Auswirkungen der Pandemie habe sie bei der Kreditvergabe mit eingeplant. Selbst ihr Bankberater, der sie seit vielen Jahren kennt, habe beim ersten Gespräch „endlich“ gesagt. „Die Auswirkungen eines möglichen zweiten Lockdowns konnte ich kalkulieren.“ So habe sie von Beginn an die Preise etwas höher angesetzt. „Viele Friseure schlagen jetzt etwas auf ihre Preise drauf. Das mache ich nicht, weil wir von Beginn an etwas hochpreisiger waren. Darauf konnte sich jeder einstellen.“ Drei Angestellte hat Ina Grewe, denen gegenüber sie sich vor allem in diesen Zeiten verantwortlich fühlt. Erstmal alleine zu starten und die weitere Entwicklung abzuwarten, sei für sie keine Option gewesen. „Ich brauche den Austausch.“ Die Tage bis zum Lockdown am 16. Dezember hätten sie noch so viele Kunden wie möglich bedient. „Das war schon fast Akkordarbeit.“ Und zwischen den Jahren wären sowieso Betriebsferien gewesen. „Im Dezember konnte ich meinen Kolleginnen noch das volle Gehalt zahlen.“ Für Januar hat Ina Grewe Kurzarbeit angemeldet. Ob sie darüber hinaus staatliche Hilfe bekommt, weiß sie aktuell noch nicht. „Es gibt ja keine Vergleichswerte, da ich erst im Oktober gestartet bin.“ Sollte sie etwas bekommen, sei das schön – sie plane das aber nicht mit ein. Dass die Friseure direkt am 1. Februar wieder arbeiten dürfen, davon geht Ina Grewe derzeit nicht aus. „Das ist Wunschdenken.“ Im schlimmsten Fall ginge es erst im März wieder los. „Ich glaube, dann bekommen viele Kollegen ein Problem. Ich hoffe, dass es nicht so kommt und wir eher wieder starten dürfen.“ Und bis dahin? Ihren Kolleginnen habe sie geraten, sich auszuruhen und Kräfte für die Zeit zu sammeln, wenn es endlich wieder losgeht. Vermutlich würden sie sich – bevor sie den Salon öffnen – erstmal gegenseitig die Haare schneiden und die Farbe auffrischen.

Gerade selbstständig, dann Lockdown: Darum sieht Friseurin Ina Grewe Corona dennoch als Chance

Am 6. Oktober 2020 hat sich Ina Grewe mit ihrem eigenen Salon in Hille selbstständig gemacht. MT-Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Hille. Ihren Lebenstraum hat sich Ina Grewe im Oktober 2020 erfüllt: Endlich selbstständig. Viele Jahre hatte sie sich das Arbeiten im eigenen Friseursalon ausgemalt. Schneller als gedacht, wird dieser Wunsch Realität. Alles scheint zu passen: Der Laden, die Kollegen, die Kunden. Nur eineinhalb Monate später muss die Friseurmeisterin die Schere wieder aus der Hand legen – auf unbestimmte Zeit. Lockdown.

Doch die junge Frau hadert weder mit ihrem Schicksal, noch schimpft sie auf die Maßnahmen der Regierung. „Corona ist das Beste, was mir beruflich passieren konnte“, sagt sie und erklärt: „Ohne das Innehalten im ersten Lockdown wäre ich nie ins Überlegen gekommen und hätte mich wahrscheinlich niemals selbstständig gemacht.“ Sie sei regelrecht wachgerüttelt worden – mit dem Ergebnis: Es muss sich etwas ändern. Dass ein zweiter Lockdown kommt, das habe sie bei der Finanzierung gleich mit eingeplant. Zwar würde sie liebend gerne arbeiten, sagt Ina Grewe. Aber umso mehr freut sie sich jetzt auf den Tag, an dem sie die Tür wieder aufsperren darf.

Ein wenig war ihr beruflicher Weg vorgezeichnet. „Ich komme aus einer Familie mit vielen Friseuren“, sagt die 40-Jährige. Bereits als Teenager habe sie in den Ferien im Salon der Cousine ihres Vaters gejobbt. Damals sei eine ihrer Aufgaben gewesen, das Spitzenpapier für die Dauerwellen zurechtzulegen, erinnert sie sich.

Als es an der Zeit war, sich für einen Ausbildungsplatz zu entscheiden, bewarb sich die Schülerin aus Essern zunächst als Büro-, Industrie- und Einzelhandelskauffrau. „Ich glaube, alle Arbeitgeber haben gemerkt, dass ich das nicht bin“, sagt sie rückblickend. Irgendwann habe sie dann zu ihrer Mutter gesagt: „Ich mache das, was ich kann.“

Im Anschluss an ihre Ausbildung in einem Salon in Stolzenau besuchte sie die Meisterschule im Oldenburg und war mit gerade einmal 25 Jahren Friseurmeisterin. „Mein erstes Ziel hatte ich erreicht. Schon damals hätte ich mich gerne selbstständig gemacht.“ Zunächst arbeitet Ina Grewe ein weiteres Jahr in ihrem Ausbildungsbetrieb, bevor es sie dann in ein größeres Geschäft nach Minden zieht. „Hier musste ich noch einmal ganz von vorne anfangen. Das hat mir unheimlich viel gebracht.“

Während eines Urlaubs mit Kolleginnen im letzten Jahr sei der eigene Laden wieder Thema gewesen. „Wann machst du das endlich?“, war die immer wiederkehrende Frage. „Und meine Freundinnen habe mir versichert, sie würden alle bei mir anfangen“, sagt Ina Grewe und lacht. Eine von ihnen habe sie dann im vergangenen Sommer auf den frei werdenden Salon in Hille an der Brennhorster Straße aufmerksam gemacht.

Ein erster Blick in die Online-Anzeige reicht Ina Grewe. „Das war der Laden, den ich schon immer gesucht habe“, sagt die Essernerin rückblickend. Noch am selben Tag habe sie den Vermieter angerufen und einen Termin am Nachmittag vereinbart. Bei der ersten Besichtigung habe sie Tränen in den Augen gehabt. Die Entscheidung stand fest. „Es ging alles so schnell. Im August habe ich gekündigt. Im Oktober habe ich meinen frisch renovierten Salon ´Ina Grewe Friseure` eröffnet.“ Manche Chancen bekomme man nur einmal im Leben – so abgedroschen dieser Spruch sei, in ihrem Fall war er zutreffend.

Corona habe bei der Entscheidung für die Selbstständigkeit keine Rolle gespielt, sagt Ina Grewe. Die Risiken seien für sie überschaubar gewesen und die Auswirkungen der Pandemie habe sie bei der Kreditvergabe mit eingeplant. Selbst ihr Bankberater, der sie seit vielen Jahren kennt, habe beim ersten Gespräch „endlich“ gesagt. „Die Auswirkungen eines möglichen zweiten Lockdowns konnte ich kalkulieren.“ So habe sie von Beginn an die Preise etwas höher angesetzt. „Viele Friseure schlagen jetzt etwas auf ihre Preise drauf. Das mache ich nicht, weil wir von Beginn an etwas hochpreisiger waren. Darauf konnte sich jeder einstellen.“

Drei Angestellte hat Ina Grewe, denen gegenüber sie sich vor allem in diesen Zeiten verantwortlich fühlt. Erstmal alleine zu starten und die weitere Entwicklung abzuwarten, sei für sie keine Option gewesen. „Ich brauche den Austausch.“ Die Tage bis zum Lockdown am 16. Dezember hätten sie noch so viele Kunden wie möglich bedient. „Das war schon fast Akkordarbeit.“ Und zwischen den Jahren wären sowieso Betriebsferien gewesen.

„Im Dezember konnte ich meinen Kolleginnen noch das volle Gehalt zahlen.“ Für Januar hat Ina Grewe Kurzarbeit angemeldet. Ob sie darüber hinaus staatliche Hilfe bekommt, weiß sie aktuell noch nicht. „Es gibt ja keine Vergleichswerte, da ich erst im Oktober gestartet bin.“ Sollte sie etwas bekommen, sei das schön – sie plane das aber nicht mit ein.

Dass die Friseure direkt am 1. Februar wieder arbeiten dürfen, davon geht Ina Grewe derzeit nicht aus. „Das ist Wunschdenken.“ Im schlimmsten Fall ginge es erst im März wieder los. „Ich glaube, dann bekommen viele Kollegen ein Problem. Ich hoffe, dass es nicht so kommt und wir eher wieder starten dürfen.“ Und bis dahin? Ihren Kolleginnen habe sie geraten, sich auszuruhen und Kräfte für die Zeit zu sammeln, wenn es endlich wieder losgeht. Vermutlich würden sie sich – bevor sie den Salon öffnen – erstmal gegenseitig die Haare schneiden und die Farbe auffrischen.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Hille