Gedrückte Stimmung: So fällt die Bilanz der Hiller Landwirte für 2020 aus Stefanie Dullweber Hille. Der Dezember ist traditionell der Monat, um Bilanz zu ziehen. Das machen auch die Hiller Landwirte, die das MT ein Jahr lang begleitet hat. „Unser Wirtschaftsjahr geht vom 1. Juli bis 30. Juni. Das hängt mit der Ernte zusammen. Also haben wir gerade Halbzeit“, sagt Tabea Wengenroth, die als Junior-Chefin im Betrieb arbeitet. Dennoch würden sie sich am Jahresende die einzelnen Betriebszweige anschauen – und die Zahlen seien nicht gerade vielversprechend. „Wir sprechen über das zweitschlechteste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen vor 16 Jahren“, sagt Tabea Wengenroth, während sie die Stallarbeit erledigt. Ihr erst wenige Wochen alter Sohn schlummert im Kinderwagen. Sie zieht ihr Handy aus der Arbeitshose, tippt etwas ein und wischt durch mehrere Tabellen. Die Auswertung der einzelnen Betriebszweige – Rinder, Bullen, Ackerbau, Futterbau, Milchkühe und Biogas – übernimmt ein Berater der Landwirtschaftskammer. Die Hiller Landwirte gehören dem Arbeitskreis Milchviehhaltung an und tauschen sich dort auch mit anderen Kollegen aus und vergleichen sich. „In diesem Jahr haben wir über unsere Bilanzen erstmals digital gesprochen.“ Auch Tabeas Vater, Andreas Schwenker, ist von dem aktuellen Zahlenmaterial wenig begeistert. „Vor 30 Jahren konntest du als Landwirt von 40 Kühen leben, heute reicht das Doppelte nicht.“ Im Gegenteil: Im Schnitt erziele ein Landwirt mit 130 Kühen keinen Gewinn mehr, zitiert die Tochter aus der gerade erstellten Statistik. Woran das ihrer Ansicht nach liegt? „Die Milchpreise sind zu schlecht.“ Die Ankündigung von Discountern wie Lidl, Millionen-Beträge zahlen wollen, um die Landwirte zu unterstützen, hält die Hillerin für eine reine PR-Masche. Viel wichtiger seien höhere Erzeugerpreise. „Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich politisch etwas bewegt“, sagt die junge Mutter. Aus diesem Grund beteiligen sich die Hiller – sofern es ihre Zeit zulässt – an den seit Monaten laufenden Bauernprotesten der Initiative „Land schafft Verbindung“. Eigentlich hatte die Familie für dieses Jahr ganz andere Pläne. Doch den geplanten Bau eines neuen Kuhstalls haben sie erstmal auf Eis gelegt. „Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil es auch politisch keine eindeutige Richtung für uns Landwirte gibt“, sagt Andreas Schwenker. Der Familienbetrieb sei auch ohne Investitionen in der Lage, die nächsten Jahre zu überstehen. „Wir sind gut aufgestellt. Trotzdem mache ich mir Sorgen, ob die nächste Generation den Betrieb dauerhaft weiterführen kann.“ Andreas Schwenker fehlt die Perspektive für die Landwirtschaft. „Sicherlich haben wir uns diesen Beruf selber ausgesucht, weil er uns Spaß macht, aber die Arbeit muss auskömmlich sein.“ Sicherlich bekämen sie Subventionen, aber daran würden auch eine Menge Arbeitsplätze hängen. „Es sind Kontrollbehörden geschaffen worden, die uns auf die Finger schauen – das heißt nicht, dass ich ein Problem mit Kontrollen habe. Aber damit sind viele Auflagen verbunden, die wir erfüllen müssen. Sonst gibt es keine Subventionen.“ Der Hiller nennt als Beispiel seinen Bullenstall, der 400 Meter von seinem Hof entfernt liegt. Laut einer neuen EU-Verordnung gilt dieser Stall ab Januar 2021 als eigene Betriebsstätte und wird damit einer eigenen Prüfung unterzogen. Das bedeutet auch, dass jedes Tier, das von seinem Hof an der Rahdener Straße in den anderen Stall gebracht wird, an- und abgemeldet werden muss. „Das verursacht Arbeit und Kosten, aber einen Nutzen sehe ich darin nicht.“ Für Andreas Schwenker passen die Verhältnisse in vielen Bereichen nicht – vor allem, wenn er die heutigen Bedingungen mit denen vergleicht, unter denen sein Vater den Betrieb geleitet hat. „Das Hauptarbeitsgerät meines Vaters war ein Schlepper, den er 1977 inklusive Pflug und Seitenmähwerk für 27.000 Mark gekauft hat“, erinnert sich der Landwirt. Für eine vergleichbare Maschine habe er etwa 180.000 Euro gezahlt. „Aber die Milch kostet heute immer noch das gleiche wie damals“, sagt der Hiller und schüttelt den Kopf. Um dem ganzen Preisdruck aus dem Weg zu gehen, habe er schon häufig über eine Direktvermarktung der Milch nachgedacht. „Leider ist unser Standort dafür nicht geeignet. Wir sind zu weit vom Dorfkern entfernt. Und um die Milch ins Zentrum zu bekommen, ist der Aufwand einfach zu hoch“, schildert Andreas Schwenker das Problem. Umso mehr freue er sich für seine Kollegen aus Hartum – die Familie Klostermeier – die direkt an der Mindener Straße einen Hofladen betreiben und dort unter anderem auch Milch verkaufen. „So muss es laufen.“ Generell wünsche er sich ein allgemein höheres Preisniveau für Lebensmittel. „Deutschland ist europaweit immer noch mit am günstigsten.“ Aber das seien Schrauben, an denen er nicht drehen könne. Weihnachten haben die Familien Schwenker und Wengenroth im kleinsten Kreis verbracht. „Wir freuen uns, unsere Enkel um uns zu haben“, sagt der zweifache Großvater Andreas Schwenker. Für seine Tochter Tabea hat sich mit der Geburt ihrer zwei Kinder das Fest ein Stück weit verändert. „Klar läuft es mit Kindern etwas anders ab.“ Dennoch gehe sie auch an den Feiertagen gerne ihrer Arbeit nach. „Ich kann im Stall gut abschalten. Da habe ich meine Ruhe. Und den Kühen ist es egal, ob Weihnachten ist.“ Das Melken und das Füttern seien für sie ein Stück Normalität, während um sie herum alle hektisch und aufgeregt sind. „Für mich ist es das schönste Geschenk, wenn an Heiligabend noch ein Kälbchen geboren wird.“ Alle weiteren Teile der MT-Serie Stallgeruch finden Sie hier.

Gedrückte Stimmung: So fällt die Bilanz der Hiller Landwirte für 2020 aus

Auch wenn 2020 kein erfolgreiches Jahr für die Hiller Landwirte war, hoffen sie nach wie vor auf eine Perspektive für sich und ihre Kollegen. Mit einem Weihnachtsgruß aus Neuenbaum beschließen die Familien Wengenroth und Schwenker die MT-Serie „Stallgeruch“. MT-Foto: Alex Lehn

Hille. Der Dezember ist traditionell der Monat, um Bilanz zu ziehen. Das machen auch die Hiller Landwirte, die das MT ein Jahr lang begleitet hat. „Unser Wirtschaftsjahr geht vom 1. Juli bis 30. Juni. Das hängt mit der Ernte zusammen. Also haben wir gerade Halbzeit“, sagt Tabea Wengenroth, die als Junior-Chefin im Betrieb arbeitet. Dennoch würden sie sich am Jahresende die einzelnen Betriebszweige anschauen – und die Zahlen seien nicht gerade vielversprechend.

„Wir sprechen über das zweitschlechteste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen vor 16 Jahren“, sagt Tabea Wengenroth, während sie die Stallarbeit erledigt. Ihr erst wenige Wochen alter Sohn schlummert im Kinderwagen. Sie zieht ihr Handy aus der Arbeitshose, tippt etwas ein und wischt durch mehrere Tabellen.

Die Auswertung der einzelnen Betriebszweige – Rinder, Bullen, Ackerbau, Futterbau, Milchkühe und Biogas – übernimmt ein Berater der Landwirtschaftskammer. Die Hiller Landwirte gehören dem Arbeitskreis Milchviehhaltung an und tauschen sich dort auch mit anderen Kollegen aus und vergleichen sich. „In diesem Jahr haben wir über unsere Bilanzen erstmals digital gesprochen.“

Auch Tabeas Vater, Andreas Schwenker, ist von dem aktuellen Zahlenmaterial wenig begeistert. „Vor 30 Jahren konntest du als Landwirt von 40 Kühen leben, heute reicht das Doppelte nicht.“ Im Gegenteil: Im Schnitt erziele ein Landwirt mit 130 Kühen keinen Gewinn mehr, zitiert die Tochter aus der gerade erstellten Statistik. Woran das ihrer Ansicht nach liegt? „Die Milchpreise sind zu schlecht.“ Die Ankündigung von Discountern wie Lidl, Millionen-Beträge zahlen wollen, um die Landwirte zu unterstützen, hält die Hillerin für eine reine PR-Masche. Viel wichtiger seien höhere Erzeugerpreise.

„Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich politisch etwas bewegt“, sagt die junge Mutter. Aus diesem Grund beteiligen sich die Hiller – sofern es ihre Zeit zulässt – an den seit Monaten laufenden Bauernprotesten der Initiative „Land schafft Verbindung“. Eigentlich hatte die Familie für dieses Jahr ganz andere Pläne. Doch den geplanten Bau eines neuen Kuhstalls haben sie erstmal auf Eis gelegt. „Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil es auch politisch keine eindeutige Richtung für uns Landwirte gibt“, sagt Andreas Schwenker. Der Familienbetrieb sei auch ohne Investitionen in der Lage, die nächsten Jahre zu überstehen. „Wir sind gut aufgestellt. Trotzdem mache ich mir Sorgen, ob die nächste Generation den Betrieb dauerhaft weiterführen kann.“

Andreas Schwenker fehlt die Perspektive für die Landwirtschaft. „Sicherlich haben wir uns diesen Beruf selber ausgesucht, weil er uns Spaß macht, aber die Arbeit muss auskömmlich sein.“ Sicherlich bekämen sie Subventionen, aber daran würden auch eine Menge Arbeitsplätze hängen. „Es sind Kontrollbehörden geschaffen worden, die uns auf die Finger schauen – das heißt nicht, dass ich ein Problem mit Kontrollen habe. Aber damit sind viele Auflagen verbunden, die wir erfüllen müssen. Sonst gibt es keine Subventionen.“

Der Hiller nennt als Beispiel seinen Bullenstall, der 400 Meter von seinem Hof entfernt liegt. Laut einer neuen EU-Verordnung gilt dieser Stall ab Januar 2021 als eigene Betriebsstätte und wird damit einer eigenen Prüfung unterzogen. Das bedeutet auch, dass jedes Tier, das von seinem Hof an der Rahdener Straße in den anderen Stall gebracht wird, an- und abgemeldet werden muss. „Das verursacht Arbeit und Kosten, aber einen Nutzen sehe ich darin nicht.“

Für Andreas Schwenker passen die Verhältnisse in vielen Bereichen nicht – vor allem, wenn er die heutigen Bedingungen mit denen vergleicht, unter denen sein Vater den Betrieb geleitet hat. „Das Hauptarbeitsgerät meines Vaters war ein Schlepper, den er 1977 inklusive Pflug und Seitenmähwerk für 27.000 Mark gekauft hat“, erinnert sich der Landwirt. Für eine vergleichbare Maschine habe er etwa 180.000 Euro gezahlt. „Aber die Milch kostet heute immer noch das gleiche wie damals“, sagt der Hiller und schüttelt den Kopf.

Um dem ganzen Preisdruck aus dem Weg zu gehen, habe er schon häufig über eine Direktvermarktung der Milch nachgedacht. „Leider ist unser Standort dafür nicht geeignet. Wir sind zu weit vom Dorfkern entfernt. Und um die Milch ins Zentrum zu bekommen, ist der Aufwand einfach zu hoch“, schildert Andreas Schwenker das Problem. Umso mehr freue er sich für seine Kollegen aus Hartum – die Familie Klostermeier – die direkt an der Mindener Straße einen Hofladen betreiben und dort unter anderem auch Milch verkaufen. „So muss es laufen.“ Generell wünsche er sich ein allgemein höheres Preisniveau für Lebensmittel. „Deutschland ist europaweit immer noch mit am günstigsten.“ Aber das seien Schrauben, an denen er nicht drehen könne.

Weihnachten haben die Familien Schwenker und Wengenroth im kleinsten Kreis verbracht. „Wir freuen uns, unsere Enkel um uns zu haben“, sagt der zweifache Großvater Andreas Schwenker. Für seine Tochter Tabea hat sich mit der Geburt ihrer zwei Kinder das Fest ein Stück weit verändert. „Klar läuft es mit Kindern etwas anders ab.“ Dennoch gehe sie auch an den Feiertagen gerne ihrer Arbeit nach. „Ich kann im Stall gut abschalten. Da habe ich meine Ruhe. Und den Kühen ist es egal, ob Weihnachten ist.“ Das Melken und das Füttern seien für sie ein Stück Normalität, während um sie herum alle hektisch und aufgeregt sind. „Für mich ist es das schönste Geschenk, wenn an Heiligabend noch ein Kälbchen geboren wird.“

Alle weiteren Teile der MT-Serie Stallgeruch finden Sie hier.

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