„Fleisch ist Vertrauenssache“: Heimische Landwirte fordern eine faire Preispolitik Stefanie Dullweber Stefanie Dullweber Hille. Der Corona-Ausbruch beim Fleischfabrikanten Tönnies in Gütersloh beschäftigt auch Landwirte und Metzger in der Gemeinde Hille. „Jede schlechte Nachricht trifft uns sofort“, sagt Landwirt Andreas Schwenker. Im Gespräch für die MT-Serie „Stallgeruch“ äußert er sich diesmal zusammen mit seinem Kollege Friedhelm Lange und Carsten Meyer, Inhaber der Fleischerei Meyer in Hille, über Abläufe, faire Preispolitik und nötige Konsequenzen. ...Abläufe und Kontrollen Viele Verbraucher sind verunsichert und wissen nicht, woher das Fleisch auf ihrem Teller überhaupt kommt. Hier können die heimischen Landwirten für Aufklärung sorgen. Auf dem Milchviehbetrieb der Familie Schwenker werden die Tiere mittels künstlicher Besamung selbst gezüchtet. Die Kühe bleiben laut Andreas Schwenker entweder auf dem Hof und geben Milch, oder sie werden über die Rinder-Union West mit Sitz in Münster zur Zucht vermarktet. Die Bullen werden in einem separaten Stall gemästet und nach spätestens zwei Jahren geschlachtet. „Unsere Tiere gehen zu Westfleisch in Lübbecke. Das ist der kürzeste Weg.“ Der Betrieb der Familie Lange-Leppek – in unmittelbarer Nähe zum Hof Schwenker – ist auf Schweinezucht und -mast spezialisiert. „Die Ferkel werden bei uns geboren und aufgezogen“, sagt Friedhelm Lange. Die Hälfte der Tiere bleibe zur Mast auf dem Hof, die andere Hälfte werde regional verkauft. „Die Schweine werden alle bei Schmidt in Diepenau geschlachtet.“ Der Schlachtbetrieb mit eigener Fleischerei wirbt mit kurzen Transportwegen und einer schonenden Schlachtung. „Ich kann etwa 30 Prozent der Schweine abnehmen, die in Hille gezüchtet werden“, sagt Carsten Meyer, in dessen Betrieb nicht mehr selbst geschlachtet wird. Die Landwirte und ihre Betriebe kenne er persönlich. Einer von ihnen sei Friedhelm Lange. Die Schweine, die er bei ihm kaufe, würden nach dem Schlachten in einem kleinen, nahegelegenen Schlachthof in Hälften bei ihm im Betrieb angeliefert und verarbeitet. „Friedhelm bekommt dann von uns sein Geld.“ Sein Rindfleisch beziehe er momentan von einem Züchter aus Porta Westfalica. „Bei uns bekommen die Landwirte etwas mehr Geld als durchschnittlich gezahlt wird und wir klassifizieren die Tiere nicht so scharf.“ In großen Schlachtbetrieben würden die Schweine in Handelsklassen einteilt. Wenn die Tiere die Kriterien nicht erfüllen, gibt es Abzüge bei der Bezahlung. In seiner Fleischerei müsse er Produkte für den Otto-Normal-Verbraucher anbieten, die besser sind als im Supermarkt, aber nicht viel teuer, schildert Carsten Meyer und liefert gleichzeitig die Begründung, warum seine Produktpalette endlich ist. „Natürlich hätte ich lieber Tiere, die jahrelang glücklich auf der Weide leben, mit Eicheln gefüttert und täglich gestreichelt werden. Aber welcher Kunden zahlt am Ende einen überhöhten Preis für das Kilo Hackfleisch?“ ...Wut auf Fleischkonzerne wie Tönnies „So wie Tönnies handelt, entspricht es nicht unserer Philosophie“, sagt Friedhelm Lange. Allerdings müsse unterschieden werden zwischen den hygienischen Bedingungen in der Fleischverarbeitung, die der Hiller als völlig in Ordnung einschätzt, und den menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die Arbeiter lebten. Es gebe Schlachthöfe, die würden sich um das Wohl ihrer Angestellten kümmern, sagt Carsten Meyer aus Erfahrung. Aber in solch einem großen Betrieb wie Tönnies sei das nicht machbar. Zumal zahlreiche Subunternehmer in die Kette eingebunden seien, die auch noch ihren Gewinn einstreichen wollten. Für Andreas Schwenker ist das ganze Thema ein Politikum. „In Deutschland wird bewusst billig produziert, damit sich jeder Mensch Fleisch leisten kann und die Politik unternimmt nichts dagegen – im Gegenteil.“ Ein weiteres Problem seien die Lockangebote für Kunden in den Supermärkten. Grundnahrungsmittel wie Milchprodukte oder Fleisch würden günstig angeboten, damit die Kunden erstmal in den Laden kommen. „Und vor der Tür erzählen sie dir dann, sie würden regional kaufen.“ ...Wurst, die man bedenkenlos essen kann „Du musst deinem Verkäufer oder Produzenten vertrauen“, sagt Carsten Meyer im Hinblick auf das Kaufverhaltes der Kunden. Das könne dann auch der Discounter sein. Hier bekomme der Kunden kein schlechtes Fleisch, aber er müsse sich bewusst machen, dass die wenigsten für die Herstellung fair bezahlt worden seien. Was den Unternehmer besonders stört, sind die sogenannten Tierwohl-Labels. „Ich kann auch tausend Sachen auf unsere Produkte drucken, aber was dahintersteckt, durchblicken doch die wenigsten. Das ist eher verwirrend als hilfreich.“ Die Produktionsbedingungen in Deutschland seien im weltweiten Vergleich deutlich am besten, findet Andreas Schwenker. Wenn allerdings die heimische Landwirtschaft weiter mit Füßen getreten werde, käme das Fleisch irgendwann daher, wo die Verarbeitung nicht mehr kontrollierbar sei. „Und das kann doch niemand wollen.“ ...Kosten für Fleisch bei fairer Bezahlung Die Preispolitik, da sind sich alle drei einig, stellt das größte Problem für alle dar, die mit der Produktion tierischer Lebensmitteln zu tun haben. „Der Milchpreis war immer eine Kontante“, erinnert sich Andreas Schwenker. Bei der ersten Milchkrise im Jahr 2009 sei der Preis ins bodenlose gegangen. Damals habe der Landwirt gerade einmal noch 20 Cent für den Liter bekommen. Mittlerweile habe sich der Preis bei um die 30 Cent eingependelt. „Damit etwas hängen bleibt und wir neu investieren könnten, bräuchten wir 45 Cent.“ Die Schweinepreise hätten immer mal geschwankt, aber seit einigen Monaten gingen die Preise rauf und runter, bemängelt Friedhelm Lange. Waren es Mitte letzten Jahres 1,35 Euro für das Kilogramm Schweinefleisch, stieg der Preis zu Weihnachten auf 2,05 Euro und liegt aktuell bei 1,60 Euro. Er wolle nicht jammern, aber vor allem das Drumherum mit Tierarzt, Futter und Instandhaltung werde immer teurer. „Zwei Euro pro Kilo wäre ein schöner Preis. Und unter 1,60 darf es langfristig auf keinen Fall gehen. Sonst ist es existenzgefährdend.“ Carsten Meyer produziert nicht nur für die Kunden, die in den Filialen der Fleischerei Meyer einkaufen. Seine Produkte – wie Bratwurst, Leberwurst oder Stippgrütze – gibt es auch in den Supermärkten in der Umgebung. „Als im letzten Jahr die Schweinepreise gestiegen sind, haben wir den Preis für unsere Produkte um zehn Prozent erhöht. Im Mai diesen Jahres konnten wir die Preissteigerung dann wieder zurücknehmen“, erklärt Meyer. Natürlich seien die Kunden nicht einverstanden, wenn sie plötzlich mehr für ihre Bratwurst zahlen müssten – aber das Produkt müsse am Ende auch noch Gewinn abwerfen. ...Unsicherheit der Verbraucher Die Fleischerei Meyer habe seit dem Ausbruch von Corona einen Zulauf an neuen Kunden – vor allem aus dem Mindener Raum. Dafür sei die Zahl der Stammkunden leicht zurückgegangen, was jedoch dem demografischen Wandel geschuldet sei. Der Altersdurchschnitt der Kunden sei gesunken und liege mittlerweile weit unter 50 Jahre, sagt Carsten Meyer. Während dem Unternehmen beim Catering und den Bratwurstständen Einnahmen weggebrochen sind, bildeten sich vor allem samstags lange Schlangen vor dem Laden. „Von Unsicherheit ist da nichts zu spüren.“ Allerdings sei insgesamt die Zahl der Fleischereien auch deutlich zurückgegangen – und damit auch die Angebotsvielfalt. „Die Leute haben irgendwann keine Lust mehr auf den Einheitsbrei im Supermarkt.“ Allein in Hille habe es früher drei Metzger gegeben, in Minden im Bereich der Königstraße seien es sogar Betriebe im zweistelligen Bereich gewesen. ...Image derjenigen, die mit Fleischproduktion zu tun haben „Bei schlechten Nachrichten hängst du als Landwirt immer mit drin – auch wenn uns ein Skandal wie der bei Tönnies gar nicht direkt betrifft“, sagt Friedhelm Lange. Zum Glück wirke es sich nicht auf die Abläufe aus. „Wir werden unsere Tiere immer noch los.“ „Sobald etwas passiert, trifft es uns“, ist auch die Erfahrung von Andreas Schwenker. Und zumeist seien schlechte Nachrichten direkt an den Preis gekoppelt. Carsten Meyer fragt sich, was mit den vielen tausend Schweinen passiert, die in der Regel bei Tönnies geschlachtet werden. „Das lässt sich nicht so einfach auf andere Betriebe aufteilen. Und wenn ein Schwein fertig ist, kann es nicht noch drei Monate stehen – dann fehlt der Platz und der Landwirt verdient gar nichts mehr daran.“ ...Rückwärtstrend zum selbst Schlachten Die Auflagen seien einfach zu hoch, sagt Carsten Meyer auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, in seinem Betrieb wieder selbst zu schlachten. Im Jahr 2000 hätten sie noch ein neues Schlachthaus gebaut. Bereits 2015 seien die Bedingungen für das Veterinäramt nicht mehr akzeptabel gewesen. Auch Friedhelm Lange hadert mit Auflagen, Normen und immer mehr bürokratischem Aufwand. Im Jahr 2013 hätten sie ihre Ställe umgerüstet und der aktuellen Norm angepasst – bereits ein Jahr später hätten sich die Kriterien komplett geändert. Um etwas mehr Platz zu haben, haben wir sechs Jahr lang versucht, einen Bauantrag genehmigt zu bekommen – vergeblich. „Im letzten Jahr haben wir das Vorhaben aufgegeben.“ Es sei quasi unmöglich, jede neue Verordnung umzusetzen. Und auch die Tatsache, dass er seit mehreren Jahren keine Antibiotika mehr in der Mast einsetzt, habe ihm nur noch mehr Bürokratie beschert. Andreas Schwenker hat die Baugenehmigung für einen neuen Stall bereits in der Tasche. „Wir könnten sofort anfangen, aber die Frage, ob sich das wirtschaftlich rechnet, kann uns derzeit niemand beantworten.“ So lange die Politik keine verlässlichen Aussagen treffen würde, seien solche Investitionen zu riskant. ...was sich ändern muss „Wir brauchen in erster Linie faire Bedingungen, Planungssicherheit und deutlich weniger Formalitäten“, sagt Friedhelm Lange und nennt ein Beispiel. In jeder Ecke des Stalls sei eine Beleuchtungsstärke von 80 Lux vorgeschrieben und auch nachts müsse ein Orientierungslicht leuchten. Schweine würden sich jedoch bei Dämmerungslicht am wohlsten fühlen. „Das ist gegen das Naturverhalten der Tiere.“ Von solch kuriosen Beispielen könne er viele nennen. Andreas Schwenker wünscht sich ein insgesamt höheres Preisniveau, das auch auf allen Ebenen ankommt. „Wir Landwirte geben jeden Tag unser Bestes – und am Ende ist es doch nicht gut genug.“ Für Carsten Meyer muss ein Umdenken beim Verbraucher einsetzen. „Die Kunden müssen Lebewesen, das Tier und somit das Lebensmittel Fleisch wieder mehr wertschätzen und auch bereit sein, einen vernünftigen Preis dafür zu zahlen.“ MT-Serie "Stallgeruch" Bauern sind derzeit in Proteststimmung und haben teils mit harten Marktbedingungen zu kämpfen. Das Mindener Tageblatt begleitet eine Familie aus Hille, die von der Landwirtschaft lebt, ein Jahr lang. Was bereitet ihr Sorgen und was sind ihre Hoffnungen? Was hat die Arbeit leichter gemacht und was schwerer? Was passiert von Monat zu Monat auf dem Hof? In zwölf Teilen erzählt das Mindener Tageblatt, wie die Familienmitglieder ihren Alltag zwischen Stallarbeit, Bewirtschaftung der Ackerflächen, Bürojob und Familienleben meistern.

„Fleisch ist Vertrauenssache“: Heimische Landwirte fordern eine faire Preispolitik

Wurst, die man bedenkenlos essen kann, gibt es auch im Discounter – aber keiner der Akteure hat einen fairen Preis dafür bekommen. Das müsse sich ändern, sagen Friedhelm Lange (von links), Carsten Meyer und Andreas Schwenker im MT-Gespräch. MT- © Foto: Alex Lehn

Stefanie Dullweber

Hille. Der Corona-Ausbruch beim Fleischfabrikanten Tönnies in Gütersloh beschäftigt auch Landwirte und Metzger in der Gemeinde Hille. „Jede schlechte Nachricht trifft uns sofort“, sagt Landwirt Andreas Schwenker. Im Gespräch für die MT-Serie „Stallgeruch“ äußert er sich diesmal zusammen mit seinem Kollege Friedhelm Lange und Carsten Meyer, Inhaber der Fleischerei Meyer in Hille, über Abläufe, faire Preispolitik und nötige Konsequenzen.

...Abläufe und Kontrollen

Viele Verbraucher sind verunsichert und wissen nicht, woher das Fleisch auf ihrem Teller überhaupt kommt. Hier können die heimischen Landwirten für Aufklärung sorgen.

Auf dem Milchviehbetrieb der Familie Schwenker werden die Tiere mittels künstlicher Besamung selbst gezüchtet. Die Kühe bleiben laut Andreas Schwenker entweder auf dem Hof und geben Milch, oder sie werden über die Rinder-Union West mit Sitz in Münster zur Zucht vermarktet. Die Bullen werden in einem separaten Stall gemästet und nach spätestens zwei Jahren geschlachtet. „Unsere Tiere gehen zu Westfleisch in Lübbecke. Das ist der kürzeste Weg.“

Der Betrieb der Familie Lange-Leppek – in unmittelbarer Nähe zum Hof Schwenker – ist auf Schweinezucht und -mast spezialisiert. „Die Ferkel werden bei uns geboren und aufgezogen“, sagt Friedhelm Lange. Die Hälfte der Tiere bleibe zur Mast auf dem Hof, die andere Hälfte werde regional verkauft. „Die Schweine werden alle bei Schmidt in Diepenau geschlachtet.“ Der Schlachtbetrieb mit eigener Fleischerei wirbt mit kurzen Transportwegen und einer schonenden Schlachtung.

„Ich kann etwa 30 Prozent der Schweine abnehmen, die in Hille gezüchtet werden“, sagt Carsten Meyer, in dessen Betrieb nicht mehr selbst geschlachtet wird. Die Landwirte und ihre Betriebe kenne er persönlich. Einer von ihnen sei Friedhelm Lange. Die Schweine, die er bei ihm kaufe, würden nach dem Schlachten in einem kleinen, nahegelegenen Schlachthof in Hälften bei ihm im Betrieb angeliefert und verarbeitet. „Friedhelm bekommt dann von uns sein Geld.“

Sein Rindfleisch beziehe er momentan von einem Züchter aus Porta Westfalica. „Bei uns bekommen die Landwirte etwas mehr Geld als durchschnittlich gezahlt wird und wir klassifizieren die Tiere nicht so scharf.“ In großen Schlachtbetrieben würden die Schweine in Handelsklassen einteilt. Wenn die Tiere die Kriterien nicht erfüllen, gibt es Abzüge bei der Bezahlung.

In seiner Fleischerei müsse er Produkte für den Otto-Normal-Verbraucher anbieten, die besser sind als im Supermarkt, aber nicht viel teuer, schildert Carsten Meyer und liefert gleichzeitig die Begründung, warum seine Produktpalette endlich ist. „Natürlich hätte ich lieber Tiere, die jahrelang glücklich auf der Weide leben, mit Eicheln gefüttert und täglich gestreichelt werden. Aber welcher Kunden zahlt am Ende einen überhöhten Preis für das Kilo Hackfleisch?“

...Wut auf Fleischkonzerne wie Tönnies

„So wie Tönnies handelt, entspricht es nicht unserer Philosophie“, sagt Friedhelm Lange. Allerdings müsse unterschieden werden zwischen den hygienischen Bedingungen in der Fleischverarbeitung, die der Hiller als völlig in Ordnung einschätzt, und den menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die Arbeiter lebten.

Es gebe Schlachthöfe, die würden sich um das Wohl ihrer Angestellten kümmern, sagt Carsten Meyer aus Erfahrung. Aber in solch einem großen Betrieb wie Tönnies sei das nicht machbar. Zumal zahlreiche Subunternehmer in die Kette eingebunden seien, die auch noch ihren Gewinn einstreichen wollten.

Für Andreas Schwenker ist das ganze Thema ein Politikum. „In Deutschland wird bewusst billig produziert, damit sich jeder Mensch Fleisch leisten kann und die Politik unternimmt nichts dagegen – im Gegenteil.“ Ein weiteres Problem seien die Lockangebote für Kunden in den Supermärkten. Grundnahrungsmittel wie Milchprodukte oder Fleisch würden günstig angeboten, damit die Kunden erstmal in den Laden kommen. „Und vor der Tür erzählen sie dir dann, sie würden regional kaufen.“

...Wurst, die man bedenkenlos essen kann

„Du musst deinem Verkäufer oder Produzenten vertrauen“, sagt Carsten Meyer im Hinblick auf das Kaufverhaltes der Kunden. Das könne dann auch der Discounter sein. Hier bekomme der Kunden kein schlechtes Fleisch, aber er müsse sich bewusst machen, dass die wenigsten für die Herstellung fair bezahlt worden seien.

Was den Unternehmer besonders stört, sind die sogenannten Tierwohl-Labels. „Ich kann auch tausend Sachen auf unsere Produkte drucken, aber was dahintersteckt, durchblicken doch die wenigsten. Das ist eher verwirrend als hilfreich.“

Die Produktionsbedingungen in Deutschland seien im weltweiten Vergleich deutlich am besten, findet Andreas Schwenker. Wenn allerdings die heimische Landwirtschaft weiter mit Füßen getreten werde, käme das Fleisch irgendwann daher, wo die Verarbeitung nicht mehr kontrollierbar sei. „Und das kann doch niemand wollen.“

...Kosten für Fleisch bei fairer Bezahlung

Die Preispolitik, da sind sich alle drei einig, stellt das größte Problem für alle dar, die mit der Produktion tierischer Lebensmitteln zu tun haben. „Der Milchpreis war immer eine Kontante“, erinnert sich Andreas Schwenker. Bei der ersten Milchkrise im Jahr 2009 sei der Preis ins bodenlose gegangen. Damals habe der Landwirt gerade einmal noch 20 Cent für den Liter bekommen. Mittlerweile habe sich der Preis bei um die 30 Cent eingependelt. „Damit etwas hängen bleibt und wir neu investieren könnten, bräuchten wir 45 Cent.“

Die Schweinepreise hätten immer mal geschwankt, aber seit einigen Monaten gingen die Preise rauf und runter, bemängelt Friedhelm Lange. Waren es Mitte letzten Jahres 1,35 Euro für das Kilogramm Schweinefleisch, stieg der Preis zu Weihnachten auf 2,05 Euro und liegt aktuell bei 1,60 Euro. Er wolle nicht jammern, aber vor allem das Drumherum mit Tierarzt, Futter und Instandhaltung werde immer teurer. „Zwei Euro pro Kilo wäre ein schöner Preis. Und unter 1,60 darf es langfristig auf keinen Fall gehen. Sonst ist es existenzgefährdend.“

Carsten Meyer produziert nicht nur für die Kunden, die in den Filialen der Fleischerei Meyer einkaufen. Seine Produkte – wie Bratwurst, Leberwurst oder Stippgrütze – gibt es auch in den Supermärkten in der Umgebung. „Als im letzten Jahr die Schweinepreise gestiegen sind, haben wir den Preis für unsere Produkte um zehn Prozent erhöht. Im Mai diesen Jahres konnten wir die Preissteigerung dann wieder zurücknehmen“, erklärt Meyer. Natürlich seien die Kunden nicht einverstanden, wenn sie plötzlich mehr für ihre Bratwurst zahlen müssten – aber das Produkt müsse am Ende auch noch Gewinn abwerfen.

...Unsicherheit der Verbraucher

Die Fleischerei Meyer habe seit dem Ausbruch von Corona einen Zulauf an neuen Kunden – vor allem aus dem Mindener Raum. Dafür sei die Zahl der Stammkunden leicht zurückgegangen, was jedoch dem demografischen Wandel geschuldet sei. Der Altersdurchschnitt der Kunden sei gesunken und liege mittlerweile weit unter 50 Jahre, sagt Carsten Meyer. Während dem Unternehmen beim Catering und den Bratwurstständen Einnahmen weggebrochen sind, bildeten sich vor allem samstags lange Schlangen vor dem Laden. „Von Unsicherheit ist da nichts zu spüren.“ Allerdings sei insgesamt die Zahl der Fleischereien auch deutlich zurückgegangen – und damit auch die Angebotsvielfalt. „Die Leute haben irgendwann keine Lust mehr auf den Einheitsbrei im Supermarkt.“ Allein in Hille habe es früher drei Metzger gegeben, in Minden im Bereich der Königstraße seien es sogar Betriebe im zweistelligen Bereich gewesen.

...Image derjenigen, die mit Fleischproduktion zu tun haben

„Bei schlechten Nachrichten hängst du als Landwirt immer mit drin – auch wenn uns ein Skandal wie der bei Tönnies gar nicht direkt betrifft“, sagt Friedhelm Lange. Zum Glück wirke es sich nicht auf die Abläufe aus. „Wir werden unsere Tiere immer noch los.“

„Sobald etwas passiert, trifft es uns“, ist auch die Erfahrung von Andreas Schwenker. Und zumeist seien schlechte Nachrichten direkt an den Preis gekoppelt.

Carsten Meyer fragt sich, was mit den vielen tausend Schweinen passiert, die in der Regel bei Tönnies geschlachtet werden. „Das lässt sich nicht so einfach auf andere Betriebe aufteilen. Und wenn ein Schwein fertig ist, kann es nicht noch drei Monate stehen – dann fehlt der Platz und der Landwirt verdient gar nichts mehr daran.“

...Rückwärtstrend zum selbst Schlachten

Die Auflagen seien einfach zu hoch, sagt Carsten Meyer auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, in seinem Betrieb wieder selbst zu schlachten. Im Jahr 2000 hätten sie noch ein neues Schlachthaus gebaut. Bereits 2015 seien die Bedingungen für das Veterinäramt nicht mehr akzeptabel gewesen.

Auch Friedhelm Lange hadert mit Auflagen, Normen und immer mehr bürokratischem Aufwand. Im Jahr 2013 hätten sie ihre Ställe umgerüstet und der aktuellen Norm angepasst – bereits ein Jahr später hätten sich die Kriterien komplett geändert. Um etwas mehr Platz zu haben, haben wir sechs Jahr lang versucht, einen Bauantrag genehmigt zu bekommen – vergeblich. „Im letzten Jahr haben wir das Vorhaben aufgegeben.“ Es sei quasi unmöglich, jede neue Verordnung umzusetzen. Und auch die Tatsache, dass er seit mehreren Jahren keine Antibiotika mehr in der Mast einsetzt, habe ihm nur noch mehr Bürokratie beschert.

Andreas Schwenker hat die Baugenehmigung für einen neuen Stall bereits in der Tasche. „Wir könnten sofort anfangen, aber die Frage, ob sich das wirtschaftlich rechnet, kann uns derzeit niemand beantworten.“ So lange die Politik keine verlässlichen Aussagen treffen würde, seien solche Investitionen zu riskant.

...was sich ändern muss

„Wir brauchen in erster Linie faire Bedingungen, Planungssicherheit und deutlich weniger Formalitäten“, sagt Friedhelm Lange und nennt ein Beispiel. In jeder Ecke des Stalls sei eine Beleuchtungsstärke von 80 Lux vorgeschrieben und auch nachts müsse ein Orientierungslicht leuchten. Schweine würden sich jedoch bei Dämmerungslicht am wohlsten fühlen. „Das ist gegen das Naturverhalten der Tiere.“ Von solch kuriosen Beispielen könne er viele nennen.

Andreas Schwenker wünscht sich ein insgesamt höheres Preisniveau, das auch auf allen Ebenen ankommt. „Wir Landwirte geben jeden Tag unser Bestes – und am Ende ist es doch nicht gut genug.“

Für Carsten Meyer muss ein Umdenken beim Verbraucher einsetzen. „Die Kunden müssen Lebewesen, das Tier und somit das Lebensmittel Fleisch wieder mehr wertschätzen und auch bereit sein, einen vernünftigen Preis dafür zu zahlen.“

MT-Serie "Stallgeruch"

Bauern sind derzeit in Proteststimmung und haben teils mit harten Marktbedingungen zu kämpfen. Das Mindener Tageblatt begleitet eine Familie aus Hille, die von der Landwirtschaft lebt, ein Jahr lang.

Was bereitet ihr Sorgen und was sind ihre Hoffnungen? Was hat die Arbeit leichter gemacht und was schwerer? Was passiert von Monat zu Monat auf dem Hof?

In zwölf Teilen erzählt das Mindener Tageblatt, wie die Familienmitglieder ihren Alltag zwischen Stallarbeit, Bewirtschaftung der Ackerflächen, Bürojob und Familienleben meistern.

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