Farblose Aussichten: Gibt es ab 2022 keine bunten Tattoos mehr? Patrick Schwemling Hille/Minden. Egal ob blau, rot, grün oder lila – ein Tattoo ist längst nicht mehr nur schwarze, in die Haut gestochene Tinte, sondern ein Kunstwerk, das in nahezu allen Farben erstrahlt. Doch das könnte bald ganz anders aussehen. „Stand jetzt gibt es noch genau eine brauchbare schwarze Farbe mit der ich ab nächstem Jahr arbeiten darf", sagt der Hiller Tätowierer Jan Hartmann und macht damit auf ein riesengroßes Problem seiner Branche aufmerksam: Es geht um eine neue, äußerst umstrittene europäische Tättowiermittelverordnung. Zum 4. Januar des kommenden Jahres treten nämlich die neuen EU-Regularien, basierend auf der sogenannten „Reach"-Verordnung, in Kraft. Laut Bundesverband Tattoo (BVT) ist derzeit so gut wie keine am Markt befindliche Farbe mit den darin aufgestellten Anforderungen kompatibel. Ganz konkret werden nämlich bestimmte Chemikalien verboten, die aktuell von nahezu jedem Hersteller verwendet werden. „Und es weiß keiner, ob und welche neuen Farben nachkommen – und vor allem, ob die dann auch brauchbar sind", sagt Hartmann. Aktuell würde er versuchen alle Kunden, die bei ihm einen Termin für ein buntes Motiv hätten, noch in diesem Jahr zu tätowieren. „Es ist ein riesiger Aufwand, ich verschiebe Termine ohne Farbe in das nächste Jahr und muss somit wieder Kunden vor den Kopf stoßen, die wegen des Lockdowns schon lange warten mussten", erklärt er die herausfordernde Situation. „Ich habe alle Urlaubstage gestrichen, damit in diesem Jahr jedes Farbprojekt abgeschlossen wird." Er – und auch alle anderen Tätowierer der Region sowie in der gesamten EU – stehen darüber hinaus auch vor dem Problem, dass aufgrund einer Änderung der EU-Chemikalienverordnung „Reach" (Registration, Evaluation, Authorisation und Restriction of Chemicals) ab 2023 gewisse Farbpigmente nicht mehr zulässig sein werden. Ganz konkret handelt es sich dabei um „Blau 15:3" und „Grün 7". „Diese Pigmente sind in den meisten Tattoo-Farben vertreten. Ich weiß nicht, wie das gehen soll und sehe das als ein noch größeres Problem an, als das Verbot der Chemikalien ab 2022", erklärt Hartmann. Ab Januar sind Verkauf und Nutzung verboten, ab 2023 dann auch die Verwendung. „Das ist echt ein riesengroßes Problem – und eine Frechheit, da es keinerlei Studien gibt, dass die Farben wirklich gefährlich sind." Hintergrund des Verbotes ist, dass die Farbstoffe, die in der Kosmetikmittel-Verordnung für Haarfärbemittel bereits auf dem Index sind, im Verdacht stehen, krebserregend zu sein. Was in der Kosmetik eingeschränkt gilt, könne für Tätowierungen in der Haut keinesfalls gut sein, schlussfolgert die europäischen Chemie-Agentur ECHA. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stützt die Aussagen von Hartmann. Es kommt in einer Stellungnahme 2020 allerdings zu dem Schluss, dass die Daten für eine umfassende Risikobewertung nicht ausreichen würden und es weiterer Studien bedürfe. „Das muss man sich einmal vorstellen", sagt der Hiller Tätowierer und fügt an: „Ein Institut, das Risiken bewertet, spricht sich gegen die Verordnung aus. Das sagt eigentlich schon alles." In dem Zusammenhang bemängelt Hartmann auch die fehlende Lobby seiner Branche. „Wenn es um Alkohol oder Tabak gegangen wäre, würden wir jetzt sicher kein Problem haben." Hartmann befürchtet aufgrund der neuen Verordnung, dass der Untergrund wieder erstarken könnte und Kunden zu Tätowierern gehen, die ihre Farben illegal und unkontrolliert aus dem Internet beziehen. „Aktuell kann aufgrund der Chargennummer wirklich alles rekonstruiert werden. Sollte es einen Rückruf geben, wüsste ich genau, wem ich diese Farbe gestochen habe", erklärt er. Somit habe die neue Verordnung seines Erachtens nicht allzu viel mit Verbraucherschutz zu tun, da die Kunden gar nicht wissen, ob die Farbe nun konform ist oder nicht. Eine andere Variante, die der Hiller aufwirft: Die Fans des Körperkults lassen sich außerhalb der EU ein Motiv stechen. „In Großbritannien oder der Schweiz wäre das problemlos möglich", sagt er. Allerdings geht er auch davon aus, dass weitere Länder die EU-Verordnung als Vorbild nehmen und bei den Regularien nachziehen. Auch der Schwarzmarkt und die Schwarzarbeit könnten florieren, so der Tätowierer. Er und andere Kolleginnen und Kollegen aus der Region hoffen auf den Erfolg einer Petition gegen die EU-Vorgabe. Diese hat ein Österreicher ins Leben gerufen. Darin wird sich unter dem Namen „Save the Pigments" für den Erhalt der beiden zur Debatte stehenden Farben stark gemacht. Laut Hartmann ist es die erfolgreichste Petition, die je beim Europäischen Parlament eingebracht wurde. Aktuell haben sie schon mehr als 120.000 Menschen unterzeichnet. „Was es dann letztlich bringt, wird man sehen", sagt der Hiller. Er und auch etliche Tätowiererinnen und Tätowierer wie etwa Justine Engelmann vom „Herzkater" verbreiten die Petition auf ihren Profilen in den sozialen Netzwerken. „Es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen, und dass sich die Politik damit beschäftigt", sagt Jan Hartmann. Bis dahin bleibt ihm nicht viel übrig als abzuwarten – und zu hoffen, dass die Hersteller möglichst schnell brauchbare Alternativen auf den Markt bringen. „Das Schwarz, das ab Januar noch nutzbar ist, ist komplett vergriffen", weiß er. Trotz der schweren Zeit steckt Hartmann den Kopf nicht in den Sand, denn eine Sache sei sicher: „Die Tattoobranche wird deswegen sicher nicht sterben." Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an Ein Beitrag geteilt von Jan Artcore Tattoo (@artcorejan)

Farblose Aussichten: Gibt es ab 2022 keine bunten Tattoos mehr?

Jan Hartmann in seinem Mindener Tattoo-Studio „Artcore“. Wenn es bald wirklich weniger, brauchbare bunte Farben geben sollte, könnten die Stühle des sonst immer voll gebuchten Studios häufiger leer bleiben. MT-Foto: Patrick Schwemling © gd

Hille/Minden. Egal ob blau, rot, grün oder lila – ein Tattoo ist längst nicht mehr nur schwarze, in die Haut gestochene Tinte, sondern ein Kunstwerk, das in nahezu allen Farben erstrahlt. Doch das könnte bald ganz anders aussehen. „Stand jetzt gibt es noch genau eine brauchbare schwarze Farbe mit der ich ab nächstem Jahr arbeiten darf", sagt der Hiller Tätowierer Jan Hartmann und macht damit auf ein riesengroßes Problem seiner Branche aufmerksam: Es geht um eine neue, äußerst umstrittene europäische Tättowiermittelverordnung.

Zum 4. Januar des kommenden Jahres treten nämlich die neuen EU-Regularien, basierend auf der sogenannten „Reach"-Verordnung, in Kraft. Laut Bundesverband Tattoo (BVT) ist derzeit so gut wie keine am Markt befindliche Farbe mit den darin aufgestellten Anforderungen kompatibel. Ganz konkret werden nämlich bestimmte Chemikalien verboten, die aktuell von nahezu jedem Hersteller verwendet werden. „Und es weiß keiner, ob und welche neuen Farben nachkommen – und vor allem, ob die dann auch brauchbar sind", sagt Hartmann.

Aktuell würde er versuchen alle Kunden, die bei ihm einen Termin für ein buntes Motiv hätten, noch in diesem Jahr zu tätowieren. „Es ist ein riesiger Aufwand, ich verschiebe Termine ohne Farbe in das nächste Jahr und muss somit wieder Kunden vor den Kopf stoßen, die wegen des Lockdowns schon lange warten mussten", erklärt er die herausfordernde Situation. „Ich habe alle Urlaubstage gestrichen, damit in diesem Jahr jedes Farbprojekt abgeschlossen wird."

Malina Reckordt

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Er – und auch alle anderen Tätowierer der Region sowie in der gesamten EU – stehen darüber hinaus auch vor dem Problem, dass aufgrund einer Änderung der EU-Chemikalienverordnung „Reach" (Registration, Evaluation, Authorisation und Restriction of Chemicals) ab 2023 gewisse Farbpigmente nicht mehr zulässig sein werden.

Diese Farbenvielfalt gehört bald der Vergangenheit an – zumindest so lange, bis neue, konforme Farben entwickelt werden. Foto: Jan Hartmann/pr - © Jan Hartmann/pr
Diese Farbenvielfalt gehört bald der Vergangenheit an – zumindest so lange, bis neue, konforme Farben entwickelt werden. Foto: Jan Hartmann/pr - © Jan Hartmann/pr

Ganz konkret handelt es sich dabei um „Blau 15:3" und „Grün 7". „Diese Pigmente sind in den meisten Tattoo-Farben vertreten. Ich weiß nicht, wie das gehen soll und sehe das als ein noch größeres Problem an, als das Verbot der Chemikalien ab 2022", erklärt Hartmann. Ab Januar sind Verkauf und Nutzung verboten, ab 2023 dann auch die Verwendung. „Das ist echt ein riesengroßes Problem – und eine Frechheit, da es keinerlei Studien gibt, dass die Farben wirklich gefährlich sind."

Hintergrund des Verbotes ist, dass die Farbstoffe, die in der Kosmetikmittel-Verordnung für Haarfärbemittel bereits auf dem Index sind, im Verdacht stehen, krebserregend zu sein. Was in der Kosmetik eingeschränkt gilt, könne für Tätowierungen in der Haut keinesfalls gut sein, schlussfolgert die europäischen Chemie-Agentur ECHA.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stützt die Aussagen von Hartmann. Es kommt in einer Stellungnahme 2020 allerdings zu dem Schluss, dass die Daten für eine umfassende Risikobewertung nicht ausreichen würden und es weiterer Studien bedürfe. „Das muss man sich einmal vorstellen", sagt der Hiller Tätowierer und fügt an: „Ein Institut, das Risiken bewertet, spricht sich gegen die Verordnung aus. Das sagt eigentlich schon alles." In dem Zusammenhang bemängelt Hartmann auch die fehlende Lobby seiner Branche. „Wenn es um Alkohol oder Tabak gegangen wäre, würden wir jetzt sicher kein Problem haben."

Hartmann befürchtet aufgrund der neuen Verordnung, dass der Untergrund wieder erstarken könnte und Kunden zu Tätowierern gehen, die ihre Farben illegal und unkontrolliert aus dem Internet beziehen. „Aktuell kann aufgrund der Chargennummer wirklich alles rekonstruiert werden. Sollte es einen Rückruf geben, wüsste ich genau, wem ich diese Farbe gestochen habe", erklärt er. Somit habe die neue Verordnung seines Erachtens nicht allzu viel mit Verbraucherschutz zu tun, da die Kunden gar nicht wissen, ob die Farbe nun konform ist oder nicht.

Eine andere Variante, die der Hiller aufwirft: Die Fans des Körperkults lassen sich außerhalb der EU ein Motiv stechen. „In Großbritannien oder der Schweiz wäre das problemlos möglich", sagt er. Allerdings geht er auch davon aus, dass weitere Länder die EU-Verordnung als Vorbild nehmen und bei den Regularien nachziehen. Auch der Schwarzmarkt und die Schwarzarbeit könnten florieren, so der Tätowierer.

Er und andere Kolleginnen und Kollegen aus der Region hoffen auf den Erfolg einer Petition gegen die EU-Vorgabe. Diese hat ein Österreicher ins Leben gerufen. Darin wird sich unter dem Namen „Save the Pigments" für den Erhalt der beiden zur Debatte stehenden Farben stark gemacht. Laut Hartmann ist es die erfolgreichste Petition, die je beim Europäischen Parlament eingebracht wurde. Aktuell haben sie schon mehr als 120.000 Menschen unterzeichnet. „Was es dann letztlich bringt, wird man sehen", sagt der Hiller. Er und auch etliche Tätowiererinnen und Tätowierer wie etwa Justine Engelmann vom „Herzkater" verbreiten die Petition auf ihren Profilen in den sozialen Netzwerken.

„Es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen, und dass sich die Politik damit beschäftigt", sagt Jan Hartmann. Bis dahin bleibt ihm nicht viel übrig als abzuwarten – und zu hoffen, dass die Hersteller möglichst schnell brauchbare Alternativen auf den Markt bringen. „Das Schwarz, das ab Januar noch nutzbar ist, ist komplett vergriffen", weiß er. Trotz der schweren Zeit steckt Hartmann den Kopf nicht in den Sand, denn eine Sache sei sicher: „Die Tattoobranche wird deswegen sicher nicht sterben."

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