Existenzangst: Milchbauern protestieren vor Hiller Molkerei Carsten Korfesmeyer Hille-Unterlübbe. Der Empfang in der Wiehengebirgsmolkerei ist freundlich. Rein atmosphärisch deutet zunächst wenig bis nichts darauf hin, dass es in der Beziehung zwischen den Milchbauern und dem verarbeitenden Betrieb seit Jahren kriselt. Das liegt nur am Geld und das alte Problem wird von beiden Seiten sofort offen angesprochen. Die Landwirte fordern mehr Geld für ihre Milch, die Molkerei verweist auf den harten Wettbewerb und den Preisdruck. Was sich am Donnerstagvormittag in Unterlübbe abspielt, läuft zeitgleich an Molkereien oder Schlachtbetrieben in ganz Deutschland. Schon vor einer Woche haben die Bauern ihrem Ärger Luft gemacht und bundesweit protestiert. Seinerzeit überreichten sie den Unternehmen ihre Forderungspapiere – mit der Aufforderung, dazu entsprechend Stellung zu beziehen. „Heute holen wir diese Papiere ab und wollen mal sehen, ob die Betriebe ihre Hausaufgaben gemacht haben", sagt Franz-Josef Dohle vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), der den Besuch in der Wiehengebirgsmolkerei mit seinem Kollegen Paul-Josef Gosmann koordiniert hat. Weitere Landwirten aus der Region fahren mit ihren Traktoren vor das Gebäude – vor allem, um so ein Zeichen zu setzen. „Wir sitzen alle in einem Boot", sagt Molkerei-Verkaufsrepräsentant Jörg Liestener. Zusammen mit Betriebsleiter Arno Skibowski überreicht er das Antwortschreiben, das Molkereichef Hanns-Ulf Hübel mit ausgearbeitet hat. Ehrlich und offen sei die Stellungnahme formuliert, heißt es und: „Natürlich können wir jetzt nicht mit unseren Preisen um 15 Cent pro Liter rauf gehen", sagt Jörg Liestener. Das hatten die Gäste gefordert, aber sicher auch nicht erwartet. Die Landwirte nutzen das Gespräch erneut, um auf ihre Probleme hinzuweisen. „Wenn es so weiter geht, gibt es in Deutschland bald keine Milchbauern mehr", sagt Paul-Josef Gosmann. Schon seit Jahrzehnten leide seine Branche an einer Unterdeckung der Kosten. Das gefährde nicht nur die Existenzen, sondern mache auch den deutschen Markt kaputt. Gehe die Entwicklung so weiter, käme die Milch für Deutschland bald nur noch aus Ländern wie Rumänien, wo kostengünstiger produziert werde. Die Argumente sind jedoch nicht neu und exakt darin sehen die Bauern das große Problem. Der Ist-Zustand werde seitens aller Verantwortlichen irgendwann nur noch hingenommen. Die Proteste könnten sich abnutzen, obwohl sich die Situation immer weiter verschärft. Das sehen auch die verarbeitenden Betriebe. „Wenn es keine Milchbauern gibt, gibt es uns ebenfalls nicht mehr", sagt Jörg Liestener. Und eine von Arno Skibowski ausgebreitete Landkarte aus den 1960er-Jahre zeigt das ganze Dilemma. Während seinerzeit noch unzählige private Molkereien darauf vermerkt waren, sind davon in NRW nur noch drei übrig geblieben. Im sachlichen Gespräch werben beide Seiten für gegenseitiges Verständnis. Und vor allem von der Molkerei kommen die Hinweise, dass man durchaus hinter den Forderungen stehe. „Das Problem ist aber, dass der Verbraucher in aller Regel zum günstigsten Produkt greift", sagt Jörg Liestener. Das Wort Partnerschaft fällt mehrfach und auch seitens der tierhaltenden Landwirte kommen keine Vorwürfe, die sich direkt an das Unternehmen richten. Trotzdem fordern sie kurzfristig Konzepte ein, um die Lage auf Dauer zu verbessern. „Vom In-Aussicht-Stellen möglicher künftiger Exporterfolge oder von längerfristig angeblich günstigen Marktprognosen können wir keine Rechnungen bezahlen und schon gar nicht in die Zukunft investieren", schreiben die Ini-tiatoren der Aktion in ihrer Pressemitteilung. Die beteiligten Verbände erwarten, dass die Molkereien und Schlachtbetriebe den Druck und den Schwung der Straße mitnehmen – und bei ihren jeweiligen Marktpartnern und Abnehmern höhere Preise umsetzen, heißt es weiter. Dass die Bereitschaft da ist, lässt Jörg Liestener im Gespräch mehrfach erkennen. Die Gesetze des Marktes würden das jedoch erschweren, weil auch die Molkereien von der Auftragslage abhängig seien. Seitens der Landwirte kommt allerdings auch das klare Signal, dass es so nicht weiter geht. Die weiteren Verhandlungen seien für beide Seiten überlebenswichtig.

Existenzangst: Milchbauern protestieren vor Hiller Molkerei

Bundesweit protestieren die Landwirte am Donnerstagvormittag zeitgleich bei den verarbeitenden Betrieb. Mit ihrem kleiner Traktor-Konvoi wollen sie vor der Wiehengebirgsmolkerei in Unterlübbe ein Zeichen für eine andere Preispolitik setzen. MT-Fotos: Carsten Korfesmeyer © CarstenKorfesmeier

Hille-Unterlübbe. Der Empfang in der Wiehengebirgsmolkerei ist freundlich. Rein atmosphärisch deutet zunächst wenig bis nichts darauf hin, dass es in der Beziehung zwischen den Milchbauern und dem verarbeitenden Betrieb seit Jahren kriselt. Das liegt nur am Geld und das alte Problem wird von beiden Seiten sofort offen angesprochen. Die Landwirte fordern mehr Geld für ihre Milch, die Molkerei verweist auf den harten Wettbewerb und den Preisdruck.

Was sich am Donnerstagvormittag in Unterlübbe abspielt, läuft zeitgleich an Molkereien oder Schlachtbetrieben in ganz Deutschland. Schon vor einer Woche haben die Bauern ihrem Ärger Luft gemacht und bundesweit protestiert. Seinerzeit überreichten sie den Unternehmen ihre Forderungspapiere – mit der Aufforderung, dazu entsprechend Stellung zu beziehen. „Heute holen wir diese Papiere ab und wollen mal sehen, ob die Betriebe ihre Hausaufgaben gemacht haben", sagt Franz-Josef Dohle vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), der den Besuch in der Wiehengebirgsmolkerei mit seinem Kollegen Paul-Josef Gosmann koordiniert hat. Weitere Landwirten aus der Region fahren mit ihren Traktoren vor das Gebäude – vor allem, um so ein Zeichen zu setzen.

Arno Skibowski (von links) und Jörg Liestener überreichen das Antwortschreiben der Molkerei an Franz-Josef Dohle und Paul-Josef Gosmann. - © Carsten Korfesmeier
Arno Skibowski (von links) und Jörg Liestener überreichen das Antwortschreiben der Molkerei an Franz-Josef Dohle und Paul-Josef Gosmann. - © Carsten Korfesmeier

„Wir sitzen alle in einem Boot", sagt Molkerei-Verkaufsrepräsentant Jörg Liestener. Zusammen mit Betriebsleiter Arno Skibowski überreicht er das Antwortschreiben, das Molkereichef Hanns-Ulf Hübel mit ausgearbeitet hat. Ehrlich und offen sei die Stellungnahme formuliert, heißt es und: „Natürlich können wir jetzt nicht mit unseren Preisen um 15 Cent pro Liter rauf gehen", sagt Jörg Liestener.

Das hatten die Gäste gefordert, aber sicher auch nicht erwartet. Die Landwirte nutzen das Gespräch erneut, um auf ihre Probleme hinzuweisen. „Wenn es so weiter geht, gibt es in Deutschland bald keine Milchbauern mehr", sagt Paul-Josef Gosmann. Schon seit Jahrzehnten leide seine Branche an einer Unterdeckung der Kosten. Das gefährde nicht nur die Existenzen, sondern mache auch den deutschen Markt kaputt. Gehe die Entwicklung so weiter, käme die Milch für Deutschland bald nur noch aus Ländern wie Rumänien, wo kostengünstiger produziert werde.

Die Argumente sind jedoch nicht neu und exakt darin sehen die Bauern das große Problem. Der Ist-Zustand werde seitens aller Verantwortlichen irgendwann nur noch hingenommen. Die Proteste könnten sich abnutzen, obwohl sich die Situation immer weiter verschärft. Das sehen auch die verarbeitenden Betriebe. „Wenn es keine Milchbauern gibt, gibt es uns ebenfalls nicht mehr", sagt Jörg Liestener. Und eine von Arno Skibowski ausgebreitete Landkarte aus den 1960er-Jahre zeigt das ganze Dilemma. Während seinerzeit noch unzählige private Molkereien darauf vermerkt waren, sind davon in NRW nur noch drei übrig geblieben.

Im sachlichen Gespräch werben beide Seiten für gegenseitiges Verständnis. Und vor allem von der Molkerei kommen die Hinweise, dass man durchaus hinter den Forderungen stehe. „Das Problem ist aber, dass der Verbraucher in aller Regel zum günstigsten Produkt greift", sagt Jörg Liestener. Das Wort Partnerschaft fällt mehrfach und auch seitens der tierhaltenden Landwirte kommen keine Vorwürfe, die sich direkt an das Unternehmen richten. Trotzdem fordern sie kurzfristig Konzepte ein, um die Lage auf Dauer zu verbessern. „Vom In-Aussicht-Stellen möglicher künftiger Exporterfolge oder von längerfristig angeblich günstigen Marktprognosen können wir keine Rechnungen bezahlen und schon gar nicht in die Zukunft investieren", schreiben die Ini-tiatoren der Aktion in ihrer Pressemitteilung. Die beteiligten Verbände erwarten, dass die Molkereien und Schlachtbetriebe den Druck und den Schwung der Straße mitnehmen – und bei ihren jeweiligen Marktpartnern und Abnehmern höhere Preise umsetzen, heißt es weiter.

Dass die Bereitschaft da ist, lässt Jörg Liestener im Gespräch mehrfach erkennen. Die Gesetze des Marktes würden das jedoch erschweren, weil auch die Molkereien von der Auftragslage abhängig seien. Seitens der Landwirte kommt allerdings auch das klare Signal, dass es so nicht weiter geht. Die weiteren Verhandlungen seien für beide Seiten überlebenswichtig.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Hille