Es geht auch ohne: So erlebte eine Modedesignerin den Konsumverzicht Stefanie Dullweber Hille. „Das darfst du doch gar nicht“, weist meine Kollegin mich zurecht, als ich stolz erzähle, dass ich am ersten Verkaufswochenende Corona-Selbsttests im Discounter bekommen habe. Und auch mein Mann meint, dass mein Konsumverzicht gescheitert ist, weil ich vom Wocheneinkauf ein Bund Tulpen mitgebracht habe. Ich finde meinen Konsumverzicht sehr konsequent – auch wenn es mir ehrlich gesagt nicht leicht fällt. Aber ich stelle fest: Es geht auch ohne. Je weiter das Experiment fortschreitet, desto erträglicher wird es. An den ersten Tagen war ich extrem genervt, wenn unsere digitale Assistentin Alexa eine neue Lieferung ankündigte, für die ich nicht verantwortlich war. Dem Boten, der mir mit den Worten „Schon wieder eine Bestellung für euch“ ein Paket überreichte, versuchte ich wortreich zu erklären, dass ich nichts bestellt habe. Gefühlt flatterten täglich Gutscheine ins Haus. Hier zehn Euro für den Online-Einkauf in einem Warenhaus, dort 20 Prozent auf die neue Frühjahrskollektion. Ab damit in den Papiermüll. Die meisten haben mir nicht zugetraut, dass ich auch nur eine Woche Konsumverzicht schaffe. „Na, hältst Du noch durch?“, ruft mir der Nachbar zu, als ich von meiner Laufrunde zurückkomme. Ich merke, dass das Experiment dafür sorgt, dass sich Menschen in meiner Umgebung mit dem Thema auseinandersetzen. Freunde und Kollegen versuchen außerdem, mich mit Kleinigkeiten aufzuheitern. Die eine bringt Secondhand-Kleidung zur Auswahl mit, die andere schenkt mir eine Powerbank. Außerdem nutze ich die Zeit, um meinen Kleiderschrank auszumisten und Ausrangiertes zu verkaufen. Apropos Kleidung. Bei meinen Recherchen zum Thema Konsumverzicht bin ich auf eine interessante Frau gestoßen. Monique Plönnigs ist Modedesignerin und fasste Ende 2019 den Entschluss, sich 2020 kein Kleidungstück zu kaufen – und hielt durch. Dagegen sind meine sieben Wochen ein Witz. Ich verabrede mich mit ihr zu einem Interview und erhoffe mir Tipps, wie ich die Zeit bis Ostern ohne Shopping überstehe. „Ich war einfach satt“, schildert die 40-Jährige, was sie zu dem Verzicht bewogen hat. Zum einen die Erkenntnis, nichts Neues zu brauchen und zum anderen die Reflexion des Konsums hätten es ihr leicht gemacht, zu widerstehen. „Mitte letzten Jahres habe ich überlegt, was ich mir 2019 gekauft habe und bin auf nur zehn Teile gekommen.“ Der Weg zum Komplettverzicht sei also gar nicht mehr weit gewesen. Damit entspricht Monique Plönnigs nicht dem Mainstream. Denn jeder Deutsche kauft pro Jahr im Schnitt 60 neue Kleidungsstücke. Beim Stöbern in alten Bildern habe sie ein Foto von 2005 entdeckt, erzählt die gebürtige Berlinerin, die aktuell in Bielefelderin lebt. Das nicht ganz günstige Strickkleid von damals trage sie heute noch. „Basics und gute Qualität sind Gold wert“, findet die Designerin. Außerdem mache sie nicht jede Mode mit. „Ich habe beispielsweise keine Culotte im Schrank.“ Im beruflichen Umfeld habe sie ihren Konsumverzicht zunächst einmal nicht publik gemacht. Doch wer sich den ganzen Tag mit Mode beschäftigt und in den Metropolen mit Kollegen unterwegs ist, fällt auf, wenn er nichts kauft. „Natürlich haben mich die Kollegen irgendwann darauf angesprochen. Nach dem ersten Schock gab es aber reichlich Anerkennung“, erinnert sich Monique Plönnigs. Sicherlich habe sie im Laufe des Jahres auch Sachen anprobiert, aber sie sei standhaft geblieben. Nur bei Unterwäsche sei ihr das nicht leicht gefallen, gibt sie zu. Etwa zur Hälfte des Experimentes machte sie ihr Vorhaben öffentlich und berichtete auf Instagram von ihren Erfahrungen. Die allerschönste Rückmeldung habe sie von einer ehemaligen Kollegin bekommen, die für 2021 ebenfalls einen Verzicht ankündigte. Ihre Kinder seien von dem Vorhaben ausgenommen gewesen, sagt Monique Plönnigs. Aber auch einen Großteil der Kinderkleidung bekomme sie geschenkt oder würde Teile tauschen. Eine Freundin habe ihr vier Kartons mit Mädchensachen einer Größe zur Verfügung gestellt. „Drei Tage lang habe ich immer weiter reduziert und mir die Frage gestellt: Braucht meine Tochter das?“ Im Endeffekt habe sie zehn Teile ausgewählt. „Das erfordert Disziplin.“ Weil sie ihren Kindern nichts falsches vorleben möchte, wünscht sich Monique Plönnigs grundsätzlich einen bewussten Konsum. Die Designerin hat einige Tipps, die jeder leicht beim Shoppen umsetzen kann. „Nicht einfach mitnehmen. Immer erst anprobieren und gucken, ob mir das Teil steht“, rät sie. Außerdem sei es hilfreich, sich folgende Fragen zu stellen: Habe ich solch ein Kleidungsstück bereits im Schrank? In welchem Zustand ist es? Wie häufig werde ich es tragen? Kann ich es kombinieren? Und kaufe ich es nur, weil es so günstig ist? „Trotzdem darf Einkaufen natürlich Spaß machen. Und wenn mir ein Kleidungsstück so gut gefällt, sollte ich es mitnehmen. Aber kurz drüber nachzudenken hilft.“ Monique Plönnigs möchten den Blick dafür schärfen, das aufgrund von Überproduktion viele Kleidungsstücke auf dem Müll landen. Und auch aussortierte Kleidung werde selten recycelt. „Nur ein geringer Prozentsatz geht in den Kreislauf zurück.“ Tauschbörsen hält sie daher für ein probates Mittel. Und auch Zertifizierungen – also Label und Siegel in Kleidung – seien ein erster Schritt, um auf faire Herstellungsprozesse hinweisen. Auf meine Frage, was sie sich nach dem Ende des Konsumverzichtes als erstes gekauft habe, bekomme ich eine erstaunliche Antwort. „Nichts“, sagt Monique Plönnigs. Das sei aber keine bewusste Entscheidung gewesen. Unterwäsche wolle sie sich tatsächlich demnächst kaufen. Und sie wolle ihren Kleiderschrank entrümpeln. „Ich werde Sachen verkaufen.“ Der Erlös soll karitativen Einrichtungen und nachhaltigen Projekten zugute kommen.

Es geht auch ohne: So erlebte eine Modedesignerin den Konsumverzicht

Jeder Deutsche kauft im Schnitt pro Jahr 60 neue Kleidungsstücke. Foto: Pixabay

Hille. „Das darfst du doch gar nicht“, weist meine Kollegin mich zurecht, als ich stolz erzähle, dass ich am ersten Verkaufswochenende Corona-Selbsttests im Discounter bekommen habe. Und auch mein Mann meint, dass mein Konsumverzicht gescheitert ist, weil ich vom Wocheneinkauf ein Bund Tulpen mitgebracht habe. Ich finde meinen Konsumverzicht sehr konsequent – auch wenn es mir ehrlich gesagt nicht leicht fällt. Aber ich stelle fest: Es geht auch ohne.

Je weiter das Experiment fortschreitet, desto erträglicher wird es. An den ersten Tagen war ich extrem genervt, wenn unsere digitale Assistentin Alexa eine neue Lieferung ankündigte, für die ich nicht verantwortlich war. Dem Boten, der mir mit den Worten „Schon wieder eine Bestellung für euch“ ein Paket überreichte, versuchte ich wortreich zu erklären, dass ich nichts bestellt habe. Gefühlt flatterten täglich Gutscheine ins Haus. Hier zehn Euro für den Online-Einkauf in einem Warenhaus, dort 20 Prozent auf die neue Frühjahrskollektion. Ab damit in den Papiermüll.

Die meisten haben mir nicht zugetraut, dass ich auch nur eine Woche Konsumverzicht schaffe. „Na, hältst Du noch durch?“, ruft mir der Nachbar zu, als ich von meiner Laufrunde zurückkomme. Ich merke, dass das Experiment dafür sorgt, dass sich Menschen in meiner Umgebung mit dem Thema auseinandersetzen. Freunde und Kollegen versuchen außerdem, mich mit Kleinigkeiten aufzuheitern. Die eine bringt Secondhand-Kleidung zur Auswahl mit, die andere schenkt mir eine Powerbank. Außerdem nutze ich die Zeit, um meinen Kleiderschrank auszumisten und Ausrangiertes zu verkaufen.

Malina Reckordt

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Apropos Kleidung. Bei meinen Recherchen zum Thema Konsumverzicht bin ich auf eine interessante Frau gestoßen. Monique Plönnigs ist Modedesignerin und fasste Ende 2019 den Entschluss, sich 2020 kein Kleidungstück zu kaufen – und hielt durch. Dagegen sind meine sieben Wochen ein Witz. Ich verabrede mich mit ihr zu einem Interview und erhoffe mir Tipps, wie ich die Zeit bis Ostern ohne Shopping überstehe.

Monique Plönnigs hat sich ein Jahr lang keine neue Kleidung gekauft. Foto: privat - © privat
Monique Plönnigs hat sich ein Jahr lang keine neue Kleidung gekauft. Foto: privat - © privat

„Ich war einfach satt“, schildert die 40-Jährige, was sie zu dem Verzicht bewogen hat. Zum einen die Erkenntnis, nichts Neues zu brauchen und zum anderen die Reflexion des Konsums hätten es ihr leicht gemacht, zu widerstehen. „Mitte letzten Jahres habe ich überlegt, was ich mir 2019 gekauft habe und bin auf nur zehn Teile gekommen.“ Der Weg zum Komplettverzicht sei also gar nicht mehr weit gewesen. Damit entspricht Monique Plönnigs nicht dem Mainstream. Denn jeder Deutsche kauft pro Jahr im Schnitt 60 neue Kleidungsstücke.

Beim Stöbern in alten Bildern habe sie ein Foto von 2005 entdeckt, erzählt die gebürtige Berlinerin, die aktuell in Bielefelderin lebt. Das nicht ganz günstige Strickkleid von damals trage sie heute noch. „Basics und gute Qualität sind Gold wert“, findet die Designerin. Außerdem mache sie nicht jede Mode mit. „Ich habe beispielsweise keine Culotte im Schrank.“

Im beruflichen Umfeld habe sie ihren Konsumverzicht zunächst einmal nicht publik gemacht. Doch wer sich den ganzen Tag mit Mode beschäftigt und in den Metropolen mit Kollegen unterwegs ist, fällt auf, wenn er nichts kauft. „Natürlich haben mich die Kollegen irgendwann darauf angesprochen. Nach dem ersten Schock gab es aber reichlich Anerkennung“, erinnert sich Monique Plönnigs.

Sicherlich habe sie im Laufe des Jahres auch Sachen anprobiert, aber sie sei standhaft geblieben. Nur bei Unterwäsche sei ihr das nicht leicht gefallen, gibt sie zu. Etwa zur Hälfte des Experimentes machte sie ihr Vorhaben öffentlich und berichtete auf Instagram von ihren Erfahrungen. Die allerschönste Rückmeldung habe sie von einer ehemaligen Kollegin bekommen, die für 2021 ebenfalls einen Verzicht ankündigte.

Ihre Kinder seien von dem Vorhaben ausgenommen gewesen, sagt Monique Plönnigs. Aber auch einen Großteil der Kinderkleidung bekomme sie geschenkt oder würde Teile tauschen. Eine Freundin habe ihr vier Kartons mit Mädchensachen einer Größe zur Verfügung gestellt. „Drei Tage lang habe ich immer weiter reduziert und mir die Frage gestellt: Braucht meine Tochter das?“ Im Endeffekt habe sie zehn Teile ausgewählt. „Das erfordert Disziplin.“ Weil sie ihren Kindern nichts falsches vorleben möchte, wünscht sich Monique Plönnigs grundsätzlich einen bewussten Konsum.

Die Designerin hat einige Tipps, die jeder leicht beim Shoppen umsetzen kann. „Nicht einfach mitnehmen. Immer erst anprobieren und gucken, ob mir das Teil steht“, rät sie. Außerdem sei es hilfreich, sich folgende Fragen zu stellen: Habe ich solch ein Kleidungsstück bereits im Schrank? In welchem Zustand ist es? Wie häufig werde ich es tragen? Kann ich es kombinieren? Und kaufe ich es nur, weil es so günstig ist? „Trotzdem darf Einkaufen natürlich Spaß machen. Und wenn mir ein Kleidungsstück so gut gefällt, sollte ich es mitnehmen. Aber kurz drüber nachzudenken hilft.“

Monique Plönnigs möchten den Blick dafür schärfen, das aufgrund von Überproduktion viele Kleidungsstücke auf dem Müll landen. Und auch aussortierte Kleidung werde selten recycelt. „Nur ein geringer Prozentsatz geht in den Kreislauf zurück.“ Tauschbörsen hält sie daher für ein probates Mittel. Und auch Zertifizierungen – also Label und Siegel in Kleidung – seien ein erster Schritt, um auf faire Herstellungsprozesse hinweisen.

Auf meine Frage, was sie sich nach dem Ende des Konsumverzichtes als erstes gekauft habe, bekomme ich eine erstaunliche Antwort. „Nichts“, sagt Monique Plönnigs. Das sei aber keine bewusste Entscheidung gewesen. Unterwäsche wolle sie sich tatsächlich demnächst kaufen. Und sie wolle ihren Kleiderschrank entrümpeln. „Ich werde Sachen verkaufen.“ Der Erlös soll karitativen Einrichtungen und nachhaltigen Projekten zugute kommen.

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