Erfinder-Gen im Blut: Hillerin tüftelt mit Leidenschaft - ihr Großvater erfand die Schiffsschraube Jürgen Langenkämper Hille-Südhemmern. „Auf Josef Ressel werde ich sonst selten angesprochen“, antwortet Karin Ressel auf die Frage, ob sie mit dem Erfinder der Schiffsschraube verwandt sein. In der Region ist die Gründerin und Leiterin des Technikzentrum in der ehemaligen Zigarrenfabrik in Südhemmern bekannt für ihre pädagogische Arbeit. Mit ihrem Team bringt sie Jugendlichen, Mädchen wie Jungen gleichermaßen, Naturwissenschaft und Technik näher und fördert unentdeckte Talente zu Tage. Und sie tüftelt gern. Diese Leidenschaft teilt Karin Ressel ganz offensichtlich mit dem längst verstorbenen Vorfahren, dem Erfinder der Schiffsschraube, ohne die Schiffe mit Segeln oder Schaufelrädern angetrieben werden müssten. Dass es eine verwandtschaftliche Beziehung gegeben haben muss, steht fest. „Der Familienname Ressel stammt aus Rückersdorf im Sudetenland. Alle Ressels kommen von dort“, sagt sie und zeigt auf eine dicke Dorfchronik, die sie von ihrem Vater geerbt hat. Mit dem Vater, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus seinem Heimatort vertrieben wurde, ist sie mehrfach in Dolní Rasnice – wie der Ort nahe der deutsch-polnisch-tschechischen Grenze seit 1949 heißt – gewesen. „Dabei hat er auch das Haus gezeigt, aus dem der Vater Josef Ressels stammte“, erzählt sie. Wie bedeutend der in Chrubim in Ostböhmen als Sohn eines Deutschen und einer Tschechin geborene Josef Ressel (1793-1857) auch über die Erzählungen ihres Vaters hinaus gewesen sein muss, wurde ihr bei einem Urlaub in Österreich bewusst. „Da war er auf dem 500-Schilling-Schein drauf“, staunte sie. Die Banknote im Wert von rund 36 Euro war vor der Einführung des Euro ein geläufiges Zahlungsmittel – und unter Sammlern wird sie inzwischen über ihrem früheren Wert gehandelt. Den großen Verwandten, dessen Erfindung die Schifffahrt revolutionierte, nahm sich Karin Ressel in ihrer Kindheit und Jugend gar nicht mal zum Vorbild. „Ich bin in der Landwirtschaft groß geworden, und da gab es immer was zum Improvisieren und zum Tüfteln“, sagt sie. Wenn es jedem mit technischem Sachverstand gab, an dem sie sich orientierte, dann war es ihr Onkel – angeheiratet und über die mütterliche Seite, also ohne Blutsverwandtschaft. Das Erfinder-Gen der Familie Ressel konnte sich also auf diesem Wege nicht bei ihr bemerkbar machen. Und trotzdem brach sich der Hang zum Schrauben und Experimentieren seine Bahn. „Auf dem Hof habe ich zugeschaut und mir auch selbst Gedanken gemacht.“ Bei der Reparatur eines Mähdreschers gab sie dem Onkel einmal einen entscheidenden Tipp. Wie ein Katalysator für die eigenen technischen Fähigkeiten wirkte ein altes Motorrad, das sie mit 19 wieder flott machte und mit dem sie drei Jahre herumfuhr. Dabei legte Karin Ressel die Scheu vor öligen Fingern, die vielen Frauen nachgesagt wird, endgültig ab. Trotzdem führte sie ihr beruflicher Weg in der Bundeswehrverwaltung, Studium in Dortmund und Gleichstellungsstelle in Bochum nicht direkt in unmittelbar technische Bereiche. Diese Neigung hat sich erst intensiviert, als sie 1993 in den Kreis Minden-Lübbecke kam. In Lübbecke baute sie das Technikzentrum auf, mit dem sie 2011 in die alte Zigarrenfabrik in Südhemmern zog. Mit der Talentfabrik und einem Team von Mitarbeitern sorgt sie seither dafür, dass landesweit und auch über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus Jungen wie Mädchen spielerisch bisher unentdeckte handwerklich-technische Fähigkeiten entdecken. „Zehn Prozent der Mädchen haben eine technische Ader und lassen sich auch nicht darin beirren“, weist Karin Ressel auf Ergebnisse von Studien hin. „20 Prozent haben technisches Verständnis, lassen sich aber beirren und davon abbringen.“ Und 70 Prozent wollen nichts von Technik wissen. Studien, wie die Verteilung bei Jungen ist, sind ihr nicht bekannt. Wichtig ist ihr, das Fünftel junger Frauen zu fördern und auf einem Weg in technische Berufe zu bestärken, die ohne Rückendeckung einen anderen Weg einschlügen. Denn ihre Fähigkeiten werden in der Arbeitswelt und in den Betrieben gebraucht, um dem Fachkräftemangel gegenzusteuern. Und Karin Ressel weiß, dass sie früh auf Jugendliche zugehen muss. „Entscheidend ist oft, was jemand im Alter von 12, 13 Jahren macht.“ Deshalb geht die Talentfabrik in dieser Altersgruppe in die Schulen. Auf der Suche nach immer neuen Versuchsanordnungen und deren spielerischer Umsetzung sind Karin Ressel schon viele Ideen gekommen – praktisch ständig sitzt sie an neuen. „So 1.200“, antwortet sie auf die Frage nach deren Zahl. Nichts davon ist so groß wie Josef Ressels Schiffsschraube. Aber ihren unscheinbaren, sehr robusten Kasten, mit dem sich das Verständnis von Schülern für den Binärcode auf einfache Weise und schnell testen lässt, haben Firmen in der Region schon nachgebaut und mit eigenem Logo versehen, um Bewerber zu prüfen. Eine rund statt flach angeordnete Solaranlage, um besser Sonnenstrahlen schon am Morgen und auch noch am Abend einzufangen, ist für den eigenen Garten gedacht. Zum Patent anmelden will Karin Ressel ihre Erfindungen auch nicht. „Das kostet sehr viel Geld, bis zu 10.000 Euro“, sagt sie. Und reich werden könne man damit auch nicht unbedingt – wohl aber sich eine Menge Ärger einhandeln. Das war schon bei Josef Ressel vor fast 200 Jahren so. Dessen Erfindergeist stieß sich manchmal an Vorgesetzten, denen er mit seinen ständigen Verbesserungsvorschlägen unbequem war. Dann waren ihm Importbeschränkungen für moderne englische Dampfmaschinen, die er für die praktische Anwendung und Umsetzung seiner Erfindungen benötigt hätte, im Weg. Schließlich aber achtete der Techniker aus Österreich nicht genügend auf die vertragliche Absicherung seiner Erfindung, die dann von geschickten Konkurrenten vor allem aus England genutzt und weiterentwickelt wurde. Außerdem beargwöhnten die Betreiber von Raddampfern die Konkurrenz, die ihnen durch technisch überlegene Konkurrenz entstehen konnte. Statt des technologischen Ruhms und wirtschaftlichen Ruhms, den Josef Ressel zu Lebzeiten verdient gehabt hätte, starb der Erfinder vergrämt und enttäuscht in bescheidenen Verhältnis, bevor propellergetriebene Schiffe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Segelschiffe und Raddampfer in der Hochseeschifffahrt verdrängten. „Josef Ressel muss in ärmlichsten Verhältnissen gelebt haben“, sagt Karin Ressel. Sie mag nicht mehrere tausend Euro in die Anerkennung von Patenten stecken und frönt lieber der Lust an kleinen Erfindungen für den Alltag. Und wenn sie einmal etwas Besonderes ersonnen hat, so geht sie ihren eigenen Weg zum Markenschutz: Sie steckt eine Zeichnung und Beschreibung mit einer Tageszeitung in einen Briefumschlag und schickt ihn sich selbst zu. Versiegelt und verschlossen hebt sie den Brief mit Poststempel danach auf – vielleicht bis zur Öffnung am Tag X. Josef Ressel (1793-1857) und die Erfindung der Schiffsschraube Neben Segeln war seit der Antike das Prinzip eines Antriebs mit Schaufelrädern für Schiffe bekannt. Als Erster beschrieb der römische Architekt und Ingenieur Vitruv im 1. Jahrhundert ein Schaufelrad. 1782 konstruierte der Franzose Claude-François-Gabriel-Dorothée Jouffroy d’Abbans (1751-1832) in Frankreich den ersten funktionstüchtigen Schaufelraddampfer. 1807 entwickelte der Amerikaner Robert Fulton (1765-1815) den ersten wirtschaftlich erfolgreichen Dampfer. Fortan fuhren Dampfschiffe mit zwei seitlich angebrachten oder einem am Heck befindlichen Schaufelrad. Bereits 1812 hatte Josef Ressel (1793-1857) als Student der Mechanik und Hydraulik in Wien die Idee, Schiffe durch einen Propeller anzutreiben. Ab 1817 war er Förster im Staatsdienst. Nebenbei arbeitete er an Erfindungen, unter anderem der Rohrpost. Wegen zahlreicher Verbesserungsvorschläge galt er seinen Vorgesetzten als Störenfried. 1826 baute Ressel eine von Hand zu betreibende Schraube am Bug eines kleinen Bootes ein, das eine Testfahrt erfolgreich absolvierte. Am 11. Februar 1827 erhielt er auf seine „Schraube ohne Ende zur Fortbewegung der Schiffe“ ein Patent, das Privilegium Nr. 746. Allerdings hatte der ökonomisch naive Erfinder bei einer nachfolgenden Vorführung in Frankreich versäumt, seine Rechte vertraglich abzusichern, so dass Engländer und Franzosen auf der Basis seiner Erkenntnisse weiter forschten. Im Oktober 1829 scheiterte die Probefahrt des Dampfschiffes „Civetta“ mit einem am Heck angebrachten Propeller im Hafen von Triest aufgrund eines Defektes der Dampfmaschine. Ressel zog sich enttäuscht zurück und warnvorrangig in der Forstwirtschaft tätig, darunter bei Wiederaufforstungsprojekten in K.u.K.-Marinewäldern in Slowenien. Ab 1836 baute der Brite Francis Pettit Smith (1808-1874) mehrere Dampfer mit Propeller. 1852 schrieb die britische Admiralität einen Preis für den „wahren Erfinder der Schiffsschraube“ aus. Ressel sandte seine Unterlagen ein, die aber angeblich auf dem Weg nach London verloren gingen. 1857 starb er auf einer Dienstreise in einem Gasthaus in Ljubljana an Malaria.

Erfinder-Gen im Blut: Hillerin tüftelt mit Leidenschaft - ihr Großvater erfand die Schiffsschraube

Ideenreich: Karin Ressel liebt es, zu tüfteln und mit kleinen Erfindungen den Alltag besser besser zu machen. Der runde Sonnenkollektor soll mehr Sonnenstrahlen einfangen. MT- © Foto: Langenkämper

Hille-Südhemmern. „Auf Josef Ressel werde ich sonst selten angesprochen“, antwortet Karin Ressel auf die Frage, ob sie mit dem Erfinder der Schiffsschraube verwandt sein. In der Region ist die Gründerin und Leiterin des Technikzentrum in der ehemaligen Zigarrenfabrik in Südhemmern bekannt für ihre pädagogische Arbeit. Mit ihrem Team bringt sie Jugendlichen, Mädchen wie Jungen gleichermaßen, Naturwissenschaft und Technik näher und fördert unentdeckte Talente zu Tage. Und sie tüftelt gern.

Diese Leidenschaft teilt Karin Ressel ganz offensichtlich mit dem längst verstorbenen Vorfahren, dem Erfinder der Schiffsschraube, ohne die Schiffe mit Segeln oder Schaufelrädern angetrieben werden müssten. Dass es eine verwandtschaftliche Beziehung gegeben haben muss, steht fest. „Der Familienname Ressel stammt aus Rückersdorf im Sudetenland. Alle Ressels kommen von dort“, sagt sie und zeigt auf eine dicke Dorfchronik, die sie von ihrem Vater geerbt hat. Mit dem Vater, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus seinem Heimatort vertrieben wurde, ist sie mehrfach in Dolní Rasnice – wie der Ort nahe der deutsch-polnisch-tschechischen Grenze seit 1949 heißt – gewesen. „Dabei hat er auch das Haus gezeigt, aus dem der Vater Josef Ressels stammte“, erzählt sie.

Wie bedeutend der in Chrubim in Ostböhmen als Sohn eines Deutschen und einer Tschechin geborene Josef Ressel (1793-1857) auch über die Erzählungen ihres Vaters hinaus gewesen sein muss, wurde ihr bei einem Urlaub in Österreich bewusst. „Da war er auf dem 500-Schilling-Schein drauf“, staunte sie. Die Banknote im Wert von rund 36 Euro war vor der Einführung des Euro ein geläufiges Zahlungsmittel – und unter Sammlern wird sie inzwischen über ihrem früheren Wert gehandelt.

Den großen Verwandten, dessen Erfindung die Schifffahrt revolutionierte, nahm sich Karin Ressel in ihrer Kindheit und Jugend gar nicht mal zum Vorbild. „Ich bin in der Landwirtschaft groß geworden, und da gab es immer was zum Improvisieren und zum Tüfteln“, sagt sie. Wenn es jedem mit technischem Sachverstand gab, an dem sie sich orientierte, dann war es ihr Onkel – angeheiratet und über die mütterliche Seite, also ohne Blutsverwandtschaft. Das Erfinder-Gen der Familie Ressel konnte sich also auf diesem Wege nicht bei ihr bemerkbar machen.

Und trotzdem brach sich der Hang zum Schrauben und Experimentieren seine Bahn. „Auf dem Hof habe ich zugeschaut und mir auch selbst Gedanken gemacht.“ Bei der Reparatur eines Mähdreschers gab sie dem Onkel einmal einen entscheidenden Tipp. Wie ein Katalysator für die eigenen technischen Fähigkeiten wirkte ein altes Motorrad, das sie mit 19 wieder flott machte und mit dem sie drei Jahre herumfuhr.

Dabei legte Karin Ressel die Scheu vor öligen Fingern, die vielen Frauen nachgesagt wird, endgültig ab. Trotzdem führte sie ihr beruflicher Weg in der Bundeswehrverwaltung, Studium in Dortmund und Gleichstellungsstelle in Bochum nicht direkt in unmittelbar technische Bereiche. Diese Neigung hat sich erst intensiviert, als sie 1993 in den Kreis Minden-Lübbecke kam. In Lübbecke baute sie das Technikzentrum auf, mit dem sie 2011 in die alte Zigarrenfabrik in Südhemmern zog. Mit der Talentfabrik und einem Team von Mitarbeitern sorgt sie seither dafür, dass landesweit und auch über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus Jungen wie Mädchen spielerisch bisher unentdeckte handwerklich-technische Fähigkeiten entdecken. „Zehn Prozent der Mädchen haben eine technische Ader und lassen sich auch nicht darin beirren“, weist Karin Ressel auf Ergebnisse von Studien hin. „20 Prozent haben technisches Verständnis, lassen sich aber beirren und davon abbringen.“ Und 70 Prozent wollen nichts von Technik wissen. Studien, wie die Verteilung bei Jungen ist, sind ihr nicht bekannt. Wichtig ist ihr, das Fünftel junger Frauen zu fördern und auf einem Weg in technische Berufe zu bestärken, die ohne Rückendeckung einen anderen Weg einschlügen. Denn ihre Fähigkeiten werden in der Arbeitswelt und in den Betrieben gebraucht, um dem Fachkräftemangel gegenzusteuern.

Und Karin Ressel weiß, dass sie früh auf Jugendliche zugehen muss. „Entscheidend ist oft, was jemand im Alter von 12, 13 Jahren macht.“ Deshalb geht die Talentfabrik in dieser Altersgruppe in die Schulen.

Auf der Suche nach immer neuen Versuchsanordnungen und deren spielerischer Umsetzung sind Karin Ressel schon viele Ideen gekommen – praktisch ständig sitzt sie an neuen. „So 1.200“, antwortet sie auf die Frage nach deren Zahl.

Nichts davon ist so groß wie Josef Ressels Schiffsschraube. Aber ihren unscheinbaren, sehr robusten Kasten, mit dem sich das Verständnis von Schülern für den Binärcode auf einfache Weise und schnell testen lässt, haben Firmen in der Region schon nachgebaut und mit eigenem Logo versehen, um Bewerber zu prüfen. Eine rund statt flach angeordnete Solaranlage, um besser Sonnenstrahlen schon am Morgen und auch noch am Abend einzufangen, ist für den eigenen Garten gedacht.

Zum Patent anmelden will Karin Ressel ihre Erfindungen auch nicht. „Das kostet sehr viel Geld, bis zu 10.000 Euro“, sagt sie. Und reich werden könne man damit auch nicht unbedingt – wohl aber sich eine Menge Ärger einhandeln. Das war schon bei Josef Ressel vor fast 200 Jahren so.

Dessen Erfindergeist stieß sich manchmal an Vorgesetzten, denen er mit seinen ständigen Verbesserungsvorschlägen unbequem war. Dann waren ihm Importbeschränkungen für moderne englische Dampfmaschinen, die er für die praktische Anwendung und Umsetzung seiner Erfindungen benötigt hätte, im Weg.

Schließlich aber achtete der Techniker aus Österreich nicht genügend auf die vertragliche Absicherung seiner Erfindung, die dann von geschickten Konkurrenten vor allem aus England genutzt und weiterentwickelt wurde. Außerdem beargwöhnten die Betreiber von Raddampfern die Konkurrenz, die ihnen durch technisch überlegene Konkurrenz entstehen konnte. Statt des technologischen Ruhms und wirtschaftlichen Ruhms, den Josef Ressel zu Lebzeiten verdient gehabt hätte, starb der Erfinder vergrämt und enttäuscht in bescheidenen Verhältnis, bevor propellergetriebene Schiffe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Segelschiffe und Raddampfer in der Hochseeschifffahrt verdrängten.

„Josef Ressel muss in ärmlichsten Verhältnissen gelebt haben“, sagt Karin Ressel. Sie mag nicht mehrere tausend Euro in die Anerkennung von Patenten stecken und frönt lieber der Lust an kleinen Erfindungen für den Alltag. Und wenn sie einmal etwas Besonderes ersonnen hat, so geht sie ihren eigenen Weg zum Markenschutz: Sie steckt eine Zeichnung und Beschreibung mit einer Tageszeitung in einen Briefumschlag und schickt ihn sich selbst zu. Versiegelt und verschlossen hebt sie den Brief mit Poststempel danach auf – vielleicht bis zur Öffnung am Tag X.

Josef Ressel (1793-1857) und die Erfindung der Schiffsschraube

Neben Segeln war seit der Antike das Prinzip eines Antriebs mit Schaufelrädern für Schiffe bekannt. Als Erster beschrieb der römische Architekt und Ingenieur Vitruv im 1. Jahrhundert ein Schaufelrad. 1782 konstruierte der Franzose Claude-François-Gabriel-Dorothée Jouffroy d’Abbans (1751-1832) in Frankreich den ersten funktionstüchtigen Schaufelraddampfer. 1807 entwickelte der Amerikaner Robert Fulton (1765-1815) den ersten wirtschaftlich erfolgreichen Dampfer. Fortan fuhren Dampfschiffe mit zwei seitlich angebrachten oder einem am Heck befindlichen Schaufelrad.

Bereits 1812 hatte Josef Ressel (1793-1857) als Student der Mechanik und Hydraulik in Wien die Idee, Schiffe durch einen Propeller anzutreiben. Ab 1817 war er Förster im Staatsdienst. Nebenbei arbeitete er an Erfindungen, unter anderem der Rohrpost. Wegen zahlreicher Verbesserungsvorschläge galt er seinen Vorgesetzten als Störenfried.

1826 baute Ressel eine von Hand zu betreibende Schraube am Bug eines kleinen Bootes ein, das eine Testfahrt erfolgreich absolvierte. Am 11. Februar 1827 erhielt er auf seine „Schraube ohne Ende zur Fortbewegung der Schiffe“ ein Patent, das Privilegium Nr. 746. Allerdings hatte der ökonomisch naive Erfinder bei einer nachfolgenden Vorführung in Frankreich versäumt, seine Rechte vertraglich abzusichern, so dass Engländer und Franzosen auf der Basis seiner Erkenntnisse weiter forschten.

Im Oktober 1829 scheiterte die Probefahrt des Dampfschiffes „Civetta“ mit einem am Heck angebrachten Propeller im Hafen von Triest aufgrund eines Defektes der Dampfmaschine. Ressel zog sich enttäuscht zurück und warnvorrangig in der Forstwirtschaft tätig, darunter bei Wiederaufforstungsprojekten in K.u.K.-Marinewäldern in Slowenien.

Ab 1836 baute der Brite Francis Pettit Smith (1808-1874) mehrere Dampfer mit Propeller. 1852 schrieb die britische Admiralität einen Preis für den „wahren Erfinder der Schiffsschraube“ aus. Ressel sandte seine Unterlagen ein, die aber angeblich auf dem Weg nach London verloren gingen. 1857 starb er auf einer Dienstreise in einem Gasthaus in Ljubljana an Malaria.

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