EU-Politiker stellen sich beim "Speed-Dating" der Verbundschule Hille kniffligen Fragen der Schüler Nadine Conti Hille (mt). „Speed-Dating“ klingt erst einmal nach einer spaßigen Veranstaltung – jedenfalls wenn man dabei noch an das ursprüngliche Format als Kennenlernspiel für Singles und Stoff für romantische Komödien denkt. Für die sechs Politiker, die sich in der Verbundschule Hille den Fragen der Oberstufen-Schüler zur Europawahl gestellt haben, dürfte sich das ein wenig anders angefühlt haben. So richtig flirtbereit waren die Jugendlichen jedenfalls nicht. Im Zwanzig-Minuten-Takt wechselten die Schülergruppen von Klassenzimmer zu Klassenzimmer, wo ihnen jeweils eine Politikerin oder ein Politiker allein gegenüber saß. Mit zwölf verschiedenen Schülergruppen sah sich jeder einzelne von denen im Laufe des Tages konfrontiert – und manchmal war schwer auszumachen, was schwerer auszuhalten war: das skeptische Schweigen der Mehrheit der Schüler oder die zum Teil kniffligen Fragen der diskussionsfreudigen Minderheit. Die Schülerinnen und Schüler hatten sich im Unterricht sorgfältig vorbereitet, die Parteiprogramme studiert und sich mit strittigen Einzelfragen wie der Urheberrechtsreform oder der Einwanderungspolitik befasst. Vor allem die weniger erfahrenen Kandidatinnen der kleinen Parteien wie Dr. Verena Wester von der AfD oder Camilla Cirlini von der Linken hatten da einen schweren Stand, aber auch Daniela Beihl von der FDP musste mehrfach passen: „Ich bin hier nur eingesprungen und eigentlich keine Europa-Politikerin“, sagte sie entschuldigend. Da hatte sie gerade ein Schüler mit der Frage in Bedrängnis gebracht, wie die FDP sich denn für eine Gigabit-Infrastruktur in Europa einsetzen wollen, wenn man es in Deutschland doch nicht einmal schaffe, für ein flächendeckendes Mobilfunknetz zu sorgen. Auch die AfD-Kandidatin Dr. Verena Wester geriet bei den Nachfragen der Schüler zum Teil ziemlich ins Schwimmen als sie mit einzelnen Forderungen aus dem AfD-Wahlprogramm oder Formulierungen von Parteifreunden zur Abschiebung konfrontiert wurde. „Ich fand viele argumentieren wie erwartet, aber wenn man nachfragt, kommt da nicht viel. Oder sie versuchen einfach wieder auf ihre Lieblingsthemen zurückzulenken“, urteilt Ole Kopahs, der in seiner Schülergruppe einer der Wortführer war, ungnädig. Positiv überrascht habe ihn bisher bloß die CDU. Dazu muss man wissen: Die CDU-Kandidatin Birgit Ernst ist schon ein wenig länger im Geschäft. Bei dem Schülern punktete sie unter anderem damit, dass sie sehr persönlich und konkret erzählen konnte, warum ihr die EU wichtig ist – weil sie Grenzen, wie sie sie als Jugendliche und Auszubildende noch erfahren hatte, nicht wieder haben wolle, zum Beispiel. Außerdem räumte sie freimütig ein, dass sie mit den Äußerungen ihrer Fraktionskollegen zum Thema Urheberrechtsreform und Uploadfilter selbst auch nicht besonders glücklich war. Wer angesichts dieser kleinen Diskussionsausschnitte nun allerdings glaubt, man müsste sich nur mit diesen Internet-Themen ein bisschen besser auskennen und schon läuft das mit der jungen Generation, ist möglicherweise auch schief gewickelt. Denn angeschnitten wurden weitaus mehr Themen: von der Massentierhaltung über Abrüstung bis zur Verkehrs- und Sozialpolitik. Ganz schön schwierig, da auf alles eine Antwort zu haben. Vielleicht sollte die Verbundschule die Veranstaltung umbenennen: In Politiker-Bootcamp. Die Autorin ist erreichbar unter Telefon (05 71) 88 22 63 und Nadine.Conti@MT.de

EU-Politiker stellen sich beim "Speed-Dating" der Verbundschule Hille kniffligen Fragen der Schüler

Micha Heitkamp (SPD) plädierte für ein sozialeres Europa, stieß damit aber auch auf Skepsis. MT- © Foto: Nadine Conti

Hille (mt). „Speed-Dating“ klingt erst einmal nach einer spaßigen Veranstaltung – jedenfalls wenn man dabei noch an das ursprüngliche Format als Kennenlernspiel für Singles und Stoff für romantische Komödien denkt. Für die sechs Politiker, die sich in der Verbundschule Hille den Fragen der Oberstufen-Schüler zur Europawahl gestellt haben, dürfte sich das ein wenig anders angefühlt haben. So richtig flirtbereit waren die Jugendlichen jedenfalls nicht.

Im Zwanzig-Minuten-Takt wechselten die Schülergruppen von Klassenzimmer zu Klassenzimmer, wo ihnen jeweils eine Politikerin oder ein Politiker allein gegenüber saß. Mit zwölf verschiedenen Schülergruppen sah sich jeder einzelne von denen im Laufe des Tages konfrontiert – und manchmal war schwer auszumachen, was schwerer auszuhalten war: das skeptische Schweigen der Mehrheit der Schüler oder die zum Teil kniffligen Fragen der diskussionsfreudigen Minderheit.

Stellten sich den Schülern (von links): Micha Heitkamp (SPD), Anna Blundell (Grüne), Daniela Beihl (FDP), Birgit Ernst (CDU), Verena Wester (AfD), Camilla Cirlini (Linke) mit Schulleiter Dirk Schubert - © Foto: pr
Stellten sich den Schülern (von links): Micha Heitkamp (SPD), Anna Blundell (Grüne), Daniela Beihl (FDP), Birgit Ernst (CDU), Verena Wester (AfD), Camilla Cirlini (Linke) mit Schulleiter Dirk Schubert - © Foto: pr

Die Schülerinnen und Schüler hatten sich im Unterricht sorgfältig vorbereitet, die Parteiprogramme studiert und sich mit strittigen Einzelfragen wie der Urheberrechtsreform oder der Einwanderungspolitik befasst. Vor allem die weniger erfahrenen Kandidatinnen der kleinen Parteien wie Dr. Verena Wester von der AfD oder Camilla Cirlini von der Linken hatten da einen schweren Stand, aber auch Daniela Beihl von der FDP musste mehrfach passen: „Ich bin hier nur eingesprungen und eigentlich keine Europa-Politikerin“, sagte sie entschuldigend. Da hatte sie gerade ein Schüler mit der Frage in Bedrängnis gebracht, wie die FDP sich denn für eine Gigabit-Infrastruktur in Europa einsetzen wollen, wenn man es in Deutschland doch nicht einmal schaffe, für ein flächendeckendes Mobilfunknetz zu sorgen. Auch die AfD-Kandidatin Dr. Verena Wester geriet bei den Nachfragen der Schüler zum Teil ziemlich ins Schwimmen als sie mit einzelnen Forderungen aus dem AfD-Wahlprogramm oder Formulierungen von Parteifreunden zur Abschiebung konfrontiert wurde.

„Ich fand viele argumentieren wie erwartet, aber wenn man nachfragt, kommt da nicht viel. Oder sie versuchen einfach wieder auf ihre Lieblingsthemen zurückzulenken“, urteilt Ole Kopahs, der in seiner Schülergruppe einer der Wortführer war, ungnädig.

Positiv überrascht habe ihn bisher bloß die CDU. Dazu muss man wissen: Die CDU-Kandidatin Birgit Ernst ist schon ein wenig länger im Geschäft. Bei dem Schülern punktete sie unter anderem damit, dass sie sehr persönlich und konkret erzählen konnte, warum ihr die EU wichtig ist – weil sie Grenzen, wie sie sie als Jugendliche und Auszubildende noch erfahren hatte, nicht wieder haben wolle, zum Beispiel. Außerdem räumte sie freimütig ein, dass sie mit den Äußerungen ihrer Fraktionskollegen zum Thema Urheberrechtsreform und Uploadfilter selbst auch nicht besonders glücklich war.

Wer angesichts dieser kleinen Diskussionsausschnitte nun allerdings glaubt, man müsste sich nur mit diesen Internet-Themen ein bisschen besser auskennen und schon läuft das mit der jungen Generation, ist möglicherweise auch schief gewickelt. Denn angeschnitten wurden weitaus mehr Themen: von der Massentierhaltung über Abrüstung bis zur Verkehrs- und Sozialpolitik. Ganz schön schwierig, da auf alles eine Antwort zu haben. Vielleicht sollte die Verbundschule die Veranstaltung umbenennen: In Politiker-Bootcamp.

Die Autorin ist erreichbar unter Telefon (05 71) 88 22 63 und Nadine.Conti@MT.de

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