Der Koloss macht Schwierigkeiten: Erst mal in den Lkw reinkommen... Christine Riechmann Hille-Unterlübbe. Ich solle nirgendwo gegenfahren, ist das letzte was ich höre, als ich mich auf den Weg mache. Und als ich zurückkomme, heißt es: „Schön, du bist heile wieder da!“ Vielen Dank für das Vertrauen, denke ich: wenn auch mit reichlich wackligen Beinen. Tatsächlich fühlt es sich komisch an, wenn man nach einer Tour mit einem zwölf Tonnen schweren Lkw aussteigt – so als würde man nach einem langen Ski-Tag die Skischuhe ausziehen und in Puschen schlüpfen. Oder von einem Boot aufs Festland treten. Noch nie in meinem Leben bin ich einen Lkw gefahren. Es gehörte bisher auch nicht zu den Dingen, die ich mir besonders gewünscht habe. Allerdings war ich – im Gegenteil zu meinem Umfeld – auch nicht der Auffassung, das könne etwas sein, was ich nicht kann. Mein Interesse an Fahrzeugen im Allgemeinen ist schlichtweg nicht sonderlich ausgeprägt, egal ob groß oder klein. Erst als ich vor dem Koloss stehe, erkenne ich erste Schwierigkeiten. Reinkommen scheint eine Herausforderung zu sein, vor allem mit nur 1,63 Metern Körpergröße. Das Führerhaus ist in etwa auf der Höhe meines Kopfes, drei Stufen führen dorthin. Etwas unbeholfen erklimme ich den Fahrersitz. Und auch um die Tür zu schließen, muss ich Kraft aufbringen. Gemütlich wird es erst, als ich so richtig Platz nehme: Der Sitz wippt und schaukelt wie ein komfortabler Schreibtischstuhl. Henning Drinkuth sitzt neben mir und findet das alles ein bisschen lustig. Für ihn ist nur unnormal, dass er auf den Beifahrersitz ausweichen muss. In den Lkw ist er quasi hineingeboren. Seit fast 80 Jahren betreibt seine Familie das Hiller Traditionsunternehmen „Drinkuth Transporte GmbH“. Mit ihren Fahrzeugen transportiert die Firma Baustoffe wie Sand, Kies, Schotter, Mutterboden oder Mulden. Sie entsorgt Bauschutt, Grünabfälle, immer mehr belastete Stoffe oder erledigt Erd- und Pflasterarbeiten. Bevor der 29-Jährige in das Unternehmen eingestiegen ist, machte er eine Lehre zum Vulkaniseur (Reifenmechaniker). Dass er eines Tages LKW fahren würde, war immer klar. Auch sein vierjähriger Sohn sei bereits infiziert. „Entweder man brennt dafür oder nicht“, meint Drinkuth. Er liebe es, sein eigener Herr zu sein. Dass es ein erhabenes Gefühl ist, in einem Fahrerhaus zu sitzen, stelle auch ich fest. Der Blick ist weit, die Aussicht gut. Und das Vertrauen in mich offenbar groß. Auf jeden Fall kommt die Aufforderung von Henning Drinkuth, den Lkw zu starten, recht prompt und ohne ausführliche Einführung. Ich drehe den Zündschlüssel um – und bin beeindruckt. Wow, sowohl das Geräusch als auch ein vibrierendes Gefühl erfassen meinen ganzen Körper. Von dem Koloss geht eine ungeahnte Kraft aus. Meine Muskeln spannen sich an und auch ich bin jetzt angeschaltet. Noch bevor der Lkw rollt, ahne ich, dass der Unterschied zu einem stinknormalen Auto groß ist. Wenn zwölf Tonnen rollen, dann rollen sie. Das merke ich beim ersten Bremsversuch – der zweite ist dann längst nicht mehr so zaghaft. Obwohl der Lkw zwölf Gänge hat, ist das eigentliche Fahren einfach – dem Automatikbetrieb sei Dank. Ich bin froh, dass ich mich nicht mit technischem Firlefanz auseinandersetzen muss. Brems- und Gaspedal bedienen kriege ich gut hin. Nur ganz gemächlich kommt das Fahrzeug in Gang. Es ruckelt und wackelt und ich fühle mich ein bisschen wie auf einem Pferd. Der ganze Körper arbeitet mit. Tatsächlich kann ich auf meinem Übungsplatz, dem Drinkuthschen Firmengelände in Unterlübbe, wenig Schaden anrichten. Dort sind lediglich ein paar Kieshaufen im Weg. Und trotzdem hat es das Gelände in sich: es ist eng und ich muss immer wieder rangieren und vor und zurück fahren, um eine Runde zu drehen. Der viel beschworene Tote Winkel ist beeindruckend. Das, was sich direkt vor oder neben dem Fahrzeug befindet, sieht der Fahrer nicht – keine Chance. „Wichtig ist, dass man vorausschauend fährt“, erklärt Henning Drinkuth. Als ich dann noch eine Mulde auf den Sattelzug laden darf, bringt mir die ganze Automatik leider nicht mehr sonderlich viel. Nun kommt es auf Augenmaß, Feingefühl und Erfahrung an. „Man muss Längen einschätzen können“, sagt Henning Drinkuth. Nicht so meine Stärke. Auch die Erfahrung fehlt mir. Trotzdem gelingt es mir beim zweiten Anlauf, die Mulde auf den Lkw zu laden. Ich bin ziemlich beeindruckt, ebenso der Fachmann auf dem Sitz neben mir. „Nicht schlecht“, sagt der. Erst beim Aussteigen stelle ich mich dann wieder etwas blöd an: die drei steilen Stufen will ich vorwärts bewältigen. „Immer rückwärts“, ruft mir Henning Drinkuth vom Beifahrersitz zu. Als ich schließlich auf wackeligen Beinen zu meinem Auto gehe, komme ich auch am Wagen von Henning Drinkuth vorbei. Ein ziemlich großer SUV – mich wundert’s nicht.

Der Koloss macht Schwierigkeiten: Erst mal in den Lkw reinkommen...

Drei Stufen muss MT-Redakteurin Christine Riechmann hinaufsteigen, bis sie im Führerhaus des Lastwagens angekommen ist. Hinter dem Steuer des tonnenschweren Fahrzeugs ist es dann gemütlich. Der Sitz wippt und schaukelt wie ein moderner Schreibtischstuhl. MT-Fotos: Alex Lehn © Alex Lehn

Hille-Unterlübbe. Ich solle nirgendwo gegenfahren, ist das letzte was ich höre, als ich mich auf den Weg mache. Und als ich zurückkomme, heißt es: „Schön, du bist heile wieder da!“ Vielen Dank für das Vertrauen, denke ich: wenn auch mit reichlich wackligen Beinen.

Tatsächlich fühlt es sich komisch an, wenn man nach einer Tour mit einem zwölf Tonnen schweren Lkw aussteigt – so als würde man nach einem langen Ski-Tag die Skischuhe ausziehen und in Puschen schlüpfen. Oder von einem Boot aufs Festland treten.

Noch nie in meinem Leben bin ich einen Lkw gefahren. Es gehörte bisher auch nicht zu den Dingen, die ich mir besonders gewünscht habe. Allerdings war ich – im Gegenteil zu meinem Umfeld – auch nicht der Auffassung, das könne etwas sein, was ich nicht kann. Mein Interesse an Fahrzeugen im Allgemeinen ist schlichtweg nicht sonderlich ausgeprägt, egal ob groß oder klein.

Die Runden auf dem Übungsplatz sind für Christine Riechmann ein bis dato nicht gekanntes Erlebnis. - © lehn
Die Runden auf dem Übungsplatz sind für Christine Riechmann ein bis dato nicht gekanntes Erlebnis. - © lehn

Erst als ich vor dem Koloss stehe, erkenne ich erste Schwierigkeiten. Reinkommen scheint eine Herausforderung zu sein, vor allem mit nur 1,63 Metern Körpergröße. Das Führerhaus ist in etwa auf der Höhe meines Kopfes, drei Stufen führen dorthin. Etwas unbeholfen erklimme ich den Fahrersitz. Und auch um die Tür zu schließen, muss ich Kraft aufbringen. Gemütlich wird es erst, als ich so richtig Platz nehme: Der Sitz wippt und schaukelt wie ein komfortabler Schreibtischstuhl.

Die Aussicht aus dem Fahrerhaus des Lkw ist beeindruckend. - © lehn
Die Aussicht aus dem Fahrerhaus des Lkw ist beeindruckend. - © lehn

Henning Drinkuth sitzt neben mir und findet das alles ein bisschen lustig. Für ihn ist nur unnormal, dass er auf den Beifahrersitz ausweichen muss. In den Lkw ist er quasi hineingeboren. Seit fast 80 Jahren betreibt seine Familie das Hiller Traditionsunternehmen „Drinkuth Transporte GmbH“. Mit ihren Fahrzeugen transportiert die Firma Baustoffe wie Sand, Kies, Schotter, Mutterboden oder Mulden. Sie entsorgt Bauschutt, Grünabfälle, immer mehr belastete Stoffe oder erledigt Erd- und Pflasterarbeiten. Bevor der 29-Jährige in das Unternehmen eingestiegen ist, machte er eine Lehre zum Vulkaniseur (Reifenmechaniker). Dass er eines Tages LKW fahren würde, war immer klar. Auch sein vierjähriger Sohn sei bereits infiziert. „Entweder man brennt dafür oder nicht“, meint Drinkuth. Er liebe es, sein eigener Herr zu sein.

Dass es ein erhabenes Gefühl ist, in einem Fahrerhaus zu sitzen, stelle auch ich fest. Der Blick ist weit, die Aussicht gut. Und das Vertrauen in mich offenbar groß. Auf jeden Fall kommt die Aufforderung von Henning Drinkuth, den Lkw zu starten, recht prompt und ohne ausführliche Einführung. Ich drehe den Zündschlüssel um – und bin beeindruckt. Wow, sowohl das Geräusch als auch ein vibrierendes Gefühl erfassen meinen ganzen Körper. Von dem Koloss geht eine ungeahnte Kraft aus. Meine Muskeln spannen sich an und auch ich bin jetzt angeschaltet. Noch bevor der Lkw rollt, ahne ich, dass der Unterschied zu einem stinknormalen Auto groß ist. Wenn zwölf Tonnen rollen, dann rollen sie. Das merke ich beim ersten Bremsversuch – der zweite ist dann längst nicht mehr so zaghaft.

Obwohl der Lkw zwölf Gänge hat, ist das eigentliche Fahren einfach – dem Automatikbetrieb sei Dank. Ich bin froh, dass ich mich nicht mit technischem Firlefanz auseinandersetzen muss. Brems- und Gaspedal bedienen kriege ich gut hin. Nur ganz gemächlich kommt das Fahrzeug in Gang. Es ruckelt und wackelt und ich fühle mich ein bisschen wie auf einem Pferd. Der ganze Körper arbeitet mit.

Tatsächlich kann ich auf meinem Übungsplatz, dem Drinkuthschen Firmengelände in Unterlübbe, wenig Schaden anrichten. Dort sind lediglich ein paar Kieshaufen im Weg. Und trotzdem hat es das Gelände in sich: es ist eng und ich muss immer wieder rangieren und vor und zurück fahren, um eine Runde zu drehen.

Der viel beschworene Tote Winkel ist beeindruckend. Das, was sich direkt vor oder neben dem Fahrzeug befindet, sieht der Fahrer nicht – keine Chance. „Wichtig ist, dass man vorausschauend fährt“, erklärt Henning Drinkuth.

Als ich dann noch eine Mulde auf den Sattelzug laden darf, bringt mir die ganze Automatik leider nicht mehr sonderlich viel. Nun kommt es auf Augenmaß, Feingefühl und Erfahrung an. „Man muss Längen einschätzen können“, sagt Henning Drinkuth. Nicht so meine Stärke. Auch die Erfahrung fehlt mir. Trotzdem gelingt es mir beim zweiten Anlauf, die Mulde auf den Lkw zu laden. Ich bin ziemlich beeindruckt, ebenso der Fachmann auf dem Sitz neben mir. „Nicht schlecht“, sagt der.

Erst beim Aussteigen stelle ich mich dann wieder etwas blöd an: die drei steilen Stufen will ich vorwärts bewältigen. „Immer rückwärts“, ruft mir Henning Drinkuth vom Beifahrersitz zu. Als ich schließlich auf wackeligen Beinen zu meinem Auto gehe, komme ich auch am Wagen von Henning Drinkuth vorbei. Ein ziemlich großer SUV – mich wundert’s nicht.

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