Borkenkäfer zerstört etwa die Hälften aller Fichten im Wiehengebirge Kirsten Tirre un,arsten Korfesmeyer Hille/Lübbecke. Die Übermacht der Borkenkäfer bringt Förster Markus Uhr an den Rand der Verzweiflung. Schon 2018 sprach er von einer Katastrophe, 2019 ebenfalls und 2020 hat sich die Situation noch einmal verschlimmert. 15 Prozent bestand sein Wald einst aus Fichten, von denen jetzt mehr als die Hälfte abgestorben ist oder aufgrund des Befalls abgeholzt werden musste. Hilflos muss er dabei zuschauen, wie die Lichtungen in seinem Revier immer deutlicher auffallen. Geschehe kein Wunder, werde der Bestand an Fichten bald komplett verschwunden sein. Auf sehr lange Sicht werde sich das Landschaftsbild dann entscheidend ändern. Denkt er ans Aufgeben? Dafür ist Markus Uhr nicht der Typ, obwohl die Entwicklung niederschmetternd ist. Von den winzigen Borkenkäfern tummelten sich zuletzt allein im Bereich Oberlübbe mehr als 11 Millionen. Sie sitzen an den Bäumen oder befinden sich im Boden, wo sie sich obendrein noch schneller als normal vermehren. Statt zwei, bringt eine Käferdame im Jahr inzwischen bis zu vier Generationen auf die Welt. „Das sind etwa 250.000 Nachkommen“, sagt der Förster gegenüber dem MT. Die Hoffnung auf Rettung hat er daher im Sommer ad acta gelegt und beschäftigt sich jetzt umso intensiver mit der Zeit danach. Denn die werde es auf jeden Fall geben – ganz im Zeichen der Wiederaufforstung. „Aber dann ohne richtige Fichtenwälder.“ In vielen Bereichen des Waldes findet eine natürliche Verjüngung statt. Neuanpflanzungen werde es trotzdem reichlich geben müssen, erklärt Markus Uhr. Er spricht von einem Mischwald mit verschiedenen Nadelbäumen, außerdem mit Buchen oder Eichen. Die seien vor allem der Trockenheit im Boden besser gewachsen. Er sieht insgesamt große Herausforderungen und die Anpflanzungen an sich als das kleinste Problem. „Schwieriger wird die Pflege sein“, sagt der Revierförster. Anfangs seien viele Helfer noch schnell zu begeistern, wenn die Setzlinge bei gemeinsamen Aktionen in den Waldboden gesteckt werden. Gehe es hingegen um regelmäßige Rückschnitte oder das Auf- und Abbauen von Schutzzäunen, werde die Zahl der Helfer in aller Regel kleiner. Es gehöre viel Idealismus dazu, sagt er. Bis „richtiger Wald“ entsteht, dauert es außerdem sehr lange und auf die jungen Bäume lauern viele Gefahren. So manche werden von Tieren gefressen. Für ganze Generationen werde sich das Bild im Wald des Wiehengebirges verändern, sagt Markus Uhr. In seinem Revier, das vom Barkhauser Kaiser-Wilhelm-Denkmal bis nach Oberlübbe reicht, sieht es im Vergleich mit dem Lübbecker Land noch etwas harmloser aus. Denn dort ist der Fichtenbestand größer – und damit auch die Zahl der Borkenkäfer, die sich gerade auf diese Baumart stürzen. Ein Gegenmittel gegen die gefräßigen Winzlinge gibt es nicht. Insektizide dürfen flächenmäßig im Wald nicht aufgebracht werden und Pheromonfallen, die mit ihren Lockstoffen die Männchen anködern, sind zwar zur Kontrolle, nicht aber zur Vernichtung, des Schädlings bei Massenbefall geeignet. Was bleibt, ist die möglichst schnelle Entfernung toter Bäume, da der gefräßige Winzling in einem Umkreis von 100 Metern weitere Bäume absterben lässt. Manche davon sind nach Worten von Markus Uhr bis zu 100 Jahre alt. Doch die Lohnunternehmen mit ihren Holzerntemaschinen und den Motorsägen kommen inzwischen nicht mehr hinterher. „Statt einer hatten wir bereits vier Maschinen im Einsatz“, erzählt der für das Lübbecker Land zuständige Revierförster Jürgen Rolfs. Auch die Abfuhr der Stämme sei schwierig. Der Bedarf der heimischen Holzindustrie ist gedeckt, die Lagerkapazitäten sind erschöpft. Mittlerweile werden die Stämme in Container geladen und über die Häfen in Bremen, Hamburg und Rotterdam nach China verschifft. Das Tempo der Baumfällungen wurde vorerst gedrosselt. Aus Kostengründen. Durch das Überangebot ist der Holzpreis im Keller. Der Erlös für den Kubikmeter Holz ist von 95 Euro auf 35 Euro gefallen. Nadelholz bringt nur noch 30 Euro. „So hoch sind aber schon die Erntekosten“, sagt der Förster. Unter dem Preisverfall leiden insbesondere die privaten Waldbauern, von denen es im Mühlenkreis etwa 5.000 gibt. Seit Generationen kümmern sie sich im Sinne der Nachhaltigkeit um die Pflege des Waldes, der dem Menschen als Sauerstofflieferant wichtige Dienste leistet. Und doch ist es der Mensch selbst, „der durch sein Verhalten die Schuld am Klimawandel trägt“, sagt Jürgen Rolfs. Und das endlich etwas unternommen werden müsse. Der Klimawandel sei offensichtlich: Nach der großen Trockenheit 2018 und 2019 geht 2020 nach Mitteilung des Lübbecker Meteorologen Friedrich Föst als zweitwärmstes Jahr seit Aufzeichnungsbeginn 1951 an der Wetterstation Rahden-Kleinendorf in die Geschichte ein. Neun der zehn wärmsten Jahre liegen allesamt in den 2000er-Jahren. Die höheren Durchschnittstemperaturen kommen dem Borkenkäfer sehr gelegen. „Auch das Wasserreservoir des Bodens ist längst noch nicht wieder aufgefüllt“, sagt Jürgen Rolfs. Das ist etwas, was die Waldbauern bei den Wiederaufforstungen im Blick haben müssen. Viele Waldbauern seien aufgrund des Holzpreises enttäuscht, weiß Rolfs. Aber auch der Revierförster, der seit 40 Jahren fast täglich in der Natur unterwegs ist, zeigt sich deprimiert. „Es ist schon niederschmetternd, wenn man die vielen alten und großen Bäume unter dem Harvester aufschlagen sieht.“ Bis an gleicher Stelle wieder ein stattlicher Baum steht, vergehen Jahrzehnte. „Wir nehmen mittlerweile auch nicht mehr jeden toten Baum raus“, sagt er. Die abgestorbenen Fichten könnten noch gute Dienste als Wohnung für den Specht und schützendes Dach für junge Bäumchen leisten. Bei der Wiederaufforstung werden die Waldbauern nicht allein gelassen. Rund 80 Prozent der Kosten übernimmt das Land, bei der Eiche ist der Zuschuss gedeckelt. Interessierte Waldbauern können sich direkt über die Internetplattform www.waldinfo.nrw informieren oder sich über den Landesbetrieb Wald und Holz in Minden Beratung bei den Förstern einholen. Markus Uhr und Jürgen Rolfs könnte sich darüber hinaus auch die Schaffung von Fonds vorstellen, die über private Spenden die Rettung des Waldes als grüne Lunge, Heimat für Tiere und Pflanzen und bedeutendes Naherholungsgebiet für die kommenden Generationen mitfinanzieren. „Jeder Einzelne kann helfen“, sagt Markus Uhr, der seine wichtigste Aufgabe darin sieht, die Wälder für die Nachwelt zu erhalten. Unterstützend sei beispielsweise auch, wenn Käufer von Holz freiwillig einen Preis bezahlen, der etwa auf dem Niveau von 2018 liegt. Der sei zwar schon damals niedrig gewesen, aber für die Verkäufer immer noch deutlich besser als heute. „Damit wäre schon viel geholfen.“ Baumbestand im Wiehengebirge

Borkenkäfer zerstört etwa die Hälften aller Fichten im Wiehengebirge

Hille/Lübbecke. Die Übermacht der Borkenkäfer bringt Förster Markus Uhr an den Rand der Verzweiflung. Schon 2018 sprach er von einer Katastrophe, 2019 ebenfalls und 2020 hat sich die Situation noch einmal verschlimmert. 15 Prozent bestand sein Wald einst aus Fichten, von denen jetzt mehr als die Hälfte abgestorben ist oder aufgrund des Befalls abgeholzt werden musste. Hilflos muss er dabei zuschauen, wie die Lichtungen in seinem Revier immer deutlicher auffallen. Geschehe kein Wunder, werde der Bestand an Fichten bald komplett verschwunden sein. Auf sehr lange Sicht werde sich das Landschaftsbild dann entscheidend ändern.

Der Borkenkäfer setzt heimischen Wäldern schwer zu. Förster Markus Uhr erklärt, warum dieser Baum nicht mehr zu retten ist. MT-Archivfoto: Stefanie Dullweber - © sbo
Der Borkenkäfer setzt heimischen Wäldern schwer zu. Förster Markus Uhr erklärt, warum dieser Baum nicht mehr zu retten ist. MT-Archivfoto: Stefanie Dullweber - © sbo

Denkt er ans Aufgeben? Dafür ist Markus Uhr nicht der Typ, obwohl die Entwicklung niederschmetternd ist. Von den winzigen Borkenkäfern tummelten sich zuletzt allein im Bereich Oberlübbe mehr als 11 Millionen. Sie sitzen an den Bäumen oder befinden sich im Boden, wo sie sich obendrein noch schneller als normal vermehren. Statt zwei, bringt eine Käferdame im Jahr inzwischen bis zu vier Generationen auf die Welt. „Das sind etwa 250.000 Nachkommen“, sagt der Förster gegenüber dem MT. Die Hoffnung auf Rettung hat er daher im Sommer ad acta gelegt und beschäftigt sich jetzt umso intensiver mit der Zeit danach. Denn die werde es auf jeden Fall geben – ganz im Zeichen der Wiederaufforstung. „Aber dann ohne richtige Fichtenwälder.“

In vielen Bereichen des Waldes findet eine natürliche Verjüngung statt. Neuanpflanzungen werde es trotzdem reichlich geben müssen, erklärt Markus Uhr. Er spricht von einem Mischwald mit verschiedenen Nadelbäumen, außerdem mit Buchen oder Eichen. Die seien vor allem der Trockenheit im Boden besser gewachsen. Er sieht insgesamt große Herausforderungen und die Anpflanzungen an sich als das kleinste Problem. „Schwieriger wird die Pflege sein“, sagt der Revierförster. Anfangs seien viele Helfer noch schnell zu begeistern, wenn die Setzlinge bei gemeinsamen Aktionen in den Waldboden gesteckt werden. Gehe es hingegen um regelmäßige Rückschnitte oder das Auf- und Abbauen von Schutzzäunen, werde die Zahl der Helfer in aller Regel kleiner. Es gehöre viel Idealismus dazu, sagt er. Bis „richtiger Wald“ entsteht, dauert es außerdem sehr lange und auf die jungen Bäume lauern viele Gefahren. So manche werden von Tieren gefressen.

Für ganze Generationen werde sich das Bild im Wald des Wiehengebirges verändern, sagt Markus Uhr. In seinem Revier, das vom Barkhauser Kaiser-Wilhelm-Denkmal bis nach Oberlübbe reicht, sieht es im Vergleich mit dem Lübbecker Land noch etwas harmloser aus. Denn dort ist der Fichtenbestand größer – und damit auch die Zahl der Borkenkäfer, die sich gerade auf diese Baumart stürzen. Ein Gegenmittel gegen die gefräßigen Winzlinge gibt es nicht. Insektizide dürfen flächenmäßig im Wald nicht aufgebracht werden und Pheromonfallen, die mit ihren Lockstoffen die Männchen anködern, sind zwar zur Kontrolle, nicht aber zur Vernichtung, des Schädlings bei Massenbefall geeignet. Was bleibt, ist die möglichst schnelle Entfernung toter Bäume, da der gefräßige Winzling in einem Umkreis von 100 Metern weitere Bäume absterben lässt. Manche davon sind nach Worten von Markus Uhr bis zu 100 Jahre alt.

Doch die Lohnunternehmen mit ihren Holzerntemaschinen und den Motorsägen kommen inzwischen nicht mehr hinterher. „Statt einer hatten wir bereits vier Maschinen im Einsatz“, erzählt der für das Lübbecker Land zuständige Revierförster Jürgen Rolfs. Auch die Abfuhr der Stämme sei schwierig. Der Bedarf der heimischen Holzindustrie ist gedeckt, die Lagerkapazitäten sind erschöpft. Mittlerweile werden die Stämme in Container geladen und über die Häfen in Bremen, Hamburg und Rotterdam nach China verschifft.

Das Tempo der Baumfällungen wurde vorerst gedrosselt. Aus Kostengründen. Durch das Überangebot ist der Holzpreis im Keller. Der Erlös für den Kubikmeter Holz ist von 95 Euro auf 35 Euro gefallen. Nadelholz bringt nur noch 30 Euro. „So hoch sind aber schon die Erntekosten“, sagt der Förster. Unter dem Preisverfall leiden insbesondere die privaten Waldbauern, von denen es im Mühlenkreis etwa 5.000 gibt. Seit Generationen kümmern sie sich im Sinne der Nachhaltigkeit um die Pflege des Waldes, der dem Menschen als Sauerstofflieferant wichtige Dienste leistet. Und doch ist es der Mensch selbst, „der durch sein Verhalten die Schuld am Klimawandel trägt“, sagt Jürgen Rolfs. Und das endlich etwas unternommen werden müsse.

Der Klimawandel sei offensichtlich: Nach der großen Trockenheit 2018 und 2019 geht 2020 nach Mitteilung des Lübbecker Meteorologen Friedrich Föst als zweitwärmstes Jahr seit Aufzeichnungsbeginn 1951 an der Wetterstation Rahden-Kleinendorf in die Geschichte ein. Neun der zehn wärmsten Jahre liegen allesamt in den 2000er-Jahren. Die höheren Durchschnittstemperaturen kommen dem Borkenkäfer sehr gelegen.

„Auch das Wasserreservoir des Bodens ist längst noch nicht wieder aufgefüllt“, sagt Jürgen Rolfs. Das ist etwas, was die Waldbauern bei den Wiederaufforstungen im Blick haben müssen.

Viele Waldbauern seien aufgrund des Holzpreises enttäuscht, weiß Rolfs. Aber auch der Revierförster, der seit 40 Jahren fast täglich in der Natur unterwegs ist, zeigt sich deprimiert. „Es ist schon niederschmetternd, wenn man die vielen alten und großen Bäume unter dem Harvester aufschlagen sieht.“ Bis an gleicher Stelle wieder ein stattlicher Baum steht, vergehen Jahrzehnte. „Wir nehmen mittlerweile auch nicht mehr jeden toten Baum raus“, sagt er.

Die abgestorbenen Fichten könnten noch gute Dienste als Wohnung für den Specht und schützendes Dach für junge Bäumchen leisten. Bei der Wiederaufforstung werden die Waldbauern nicht allein gelassen. Rund 80 Prozent der Kosten übernimmt das Land, bei der Eiche ist der Zuschuss gedeckelt. Interessierte Waldbauern können sich direkt über die Internetplattform www.waldinfo.nrw informieren oder sich über den Landesbetrieb Wald und Holz in Minden Beratung bei den Förstern einholen.

Markus Uhr und Jürgen Rolfs könnte sich darüber hinaus auch die Schaffung von Fonds vorstellen, die über private Spenden die Rettung des Waldes als grüne Lunge, Heimat für Tiere und Pflanzen und bedeutendes Naherholungsgebiet für die kommenden Generationen mitfinanzieren.

„Jeder Einzelne kann helfen“, sagt Markus Uhr, der seine wichtigste Aufgabe darin sieht, die Wälder für die Nachwelt zu erhalten. Unterstützend sei beispielsweise auch, wenn Käufer von Holz freiwillig einen Preis bezahlen, der etwa auf dem Niveau von 2018 liegt. Der sei zwar schon damals niedrig gewesen, aber für die Verkäufer immer noch deutlich besser als heute. „Damit wäre schon viel geholfen.“

Baumbestand im Wiehengebirge

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