Besuch in der Brauerei Barre: Darum ist das regelmäßige Probieren wichtig Stefanie Dullweber Lübbecke/Hille. „Hier spricht der Bierkapitän“, dieser Partyschlager spukt mir im Kopf herum, als ich Richtung Lübbecke fahre. Er erinnert mich an meinen letzten Besuch in der Brauerei Barre. Es war der 18. Februar, kurz vor dem ersten Lockdown. Der Maibockanstich wurde gefeiert. Als ich am nächsten Morgen mit dickem Kopf aufwachte, stimmte mein Mann schadenfroh das besagte Lied an. Doch wie wird Bier eigentlich hergestellt? Und wie schafft man es, dass es immer gleich schmeckt? Und wie viele Liter Barre werden täglich produziert? All diese Fragen können die erfahrenen Braumeister Rainer Pohl und Arno Huismann beantworten. Sie lassen mich nicht nur zuschauen, sondern übertragen mir auch einige Aufgaben. Ich komme in Bereiche des Betriebs, die für Besucher eigentlich tabu sind. So viel vorweg: Das Wichtigste beim Bierbrauen ist das regelmäßige Probieren. Gefällt mir. Aber von vorne. Insgesamt beschäftigt die Firma Barre drei Braumeister. Es ist ein klassischer dreijähriger Ausbildungsberuf. Empfangen werde ich in einem Raum mit einer riesigen Schalttafel an der Wand. Überall leuchten kleine Lämpchen. „Das ist unsere Schaltzentrale. Eigentlich schon fast historisch, aber ich sehe auf den ersten Blick, ob alles läuft oder wo es hakt“, sagt Rainer Pohl. Alle Daten könne er zwar auch im Computer einsehen, aber nicht so übersichtlich. Mich interessiert, was sich hinter der Technik verbirgt und so nimmt mich Arno Huismann mit in die Produktion. Der Brauprozess dauert in der Regel einen Tag. Bis das Bier getrunken werden kann, vergehen aber noch mehrere Wochen. Bei den ersten Schritten kann ich nur zuschauen. Im Maischbottich wird geschrotetes Malz mit warmem Wasser gemischt. Das Wasser sprudelt aus einer Quelle am Fuße des Wiehengebirges unterirdisch in die Brauerei. „Die Enzyme spalten die Stärke in Zucker. Sie ist später Nahrung für die Hefe“, erklärt der Braumeister. Mithilfe der Temperatur könne er leichte Schwankungen im Geschmack selber ausgleichen. „Jede Ernte ist anders. Aber dank langjähriger Erfahrung kann ich darauf schnell reagieren.“ Auch beim anschließenden Läutern – ein mittelalterlicher Begriff für Filtern – können wir nur zuschauen. Im Läuterbottich wird das Feste vom Flüssigen getrennt. Der feste Treber wird als Viehfutter verwendet, für die Würze wird es im nächsten Behälter richtig heiß. „An dieser Stelle kommt der Hopfen dazu. Das Ganze muss dann eine Dreiviertelstunde kochen“, erklärt Arno Huismann und zeigt auf die Tanks, die 250 Hektoliter fassen. Über eine Rohrbrücke geht es für das Bier weiter ins Nebengebäude. „Und zwar in den Whirlpool“, sagt der Braumeister und lacht. Die Flüssigkeit dreht sich im Kreis, damit sich noch enthaltene feste Bestandteile in der Mitte des Behälters sammeln. Weil es für die Hefe noch ein bisschen zu warm ist, wird die Flüssigkeit heruntergekühlt. Sobald die Hefe hinzugegeben wurde, beginnt der Gärprozess. „Den Prozess bis hierhin begleitet ein Kollege alleine. Die Überwachung findet am PC statt.“ Produziert werde alle zwei Wochen – und zwar rund um die Uhr. Im Gär- und Lagerbereich ist endlich guter Geschmack gefragt. „Das Bier braucht sechs Tage, bis es durchgegoren ist. Anschließend kühlen wir es auf null Grad runter. Dann beginnt die rund vierwöchige Lagerphase.“ Arno Huismann zeigt mir, wie ich den Tank anzapfen kann und reicht mir zwei Gläser. Ein wenig komme ich mir vor wie bei einem Oktoberfest und möchte am liebsten rufen „O’zapft is!“. Wir probieren Louis Barre Imperial, ein Lagerbier, das dem Sohn des Brauereigründers gewidmet ist. Es ist eiskalt und schmeckt richtig lecker. „Es gibt Schlimmeres, als jeden Tag Bier zu probieren. Nur montags nach einem harten Wochenende tue ich mich manchmal etwas schwer“, sagt Arno Huismann auf meine Frage. Das Bier könne schließlich nur in die Abfüllung gehen, wenn es auch wirklich schmeckt. Der Braumeister achtet streng auf die Hygiene und überträgt mir die Aufgabe, den gerade genutzten Ausschank und den Boden zu reinigen. „Da ist noch ein bisschen Schaum“, ist mein Chef sehr genau. Ich versuche, Arno Huismann die genaue Rezeptur zu entlocken, aber der Braumeister winkt ab. „Das könnte niemand nachbrauen, allein schon wegen des Gebirgsquellwassers. Bier ist immer ortsgebunden“, sagt der Experte und erklärt, dass es bei den größeren Brauereien mit mehreren Standorten immer Geschmacksunterschiede gibt. Für den Lübbecker ist der Geschmack eine Glaubensfrage. „Bier hat häufig Regionalcharakter und als Lübbecker trinkst du Barre.“ Was das Produkt ausmache, seien die Zeit und das Handwerk. „In unserem Bier stecken 180 Jahre Erfahrung. Damit identifizieren wir uns.“ Weil für ein gutes Bier auch der Kohlensäuregehalt stimmen muss, hat Arno Huismann eine weitere Aufgabe für mich: die CO2-Messung. Das Gerät wird an den Druckschacht angeschlossen und zeigt verschiedene Werte an. „Passt.“ Warum wir an dieser Stelle nicht erneut probieren, erklärt der Braumeister mit einem Augenzwinkern. „Hier läuft gerade alkoholfreies Bier durch.“ Meine letzte Aufgabe hat mit dem Brauen an sich nicht viel zu tun, muss aber auch erledigt werden. Wir sind in der Flaschensortierung angekommen. Nicht in allen Barre-Kisten ist auch Barre drin. Einige dieser Flaschen habe ich noch nie gesehen. „Wir versuchen, so viel wie möglich ins Mehrwegsystem zurückzugeben“, sagt Arno Huismann. Noch mehr als fremde Flaschen ärgern ihn zerdrückte Kronkorken oder Zigarettenkippen, die jemand in den Flaschen entsorgt hat. Zum Abschluss machen wir noch einen Abstecher in die Abfüllanlage. „Hier füllen wir rund 36.000 Flaschen pro Stunde.“ Corona hat das Bier-Geschäft jedoch mächtig ausgebremst, wie der Braumeister bestätigt. Fassbier wurde zum letzten Mal im Oktober abgefüllt. Über 30 Prozent der Erlöse erzielt die Brauerei mit dem Verkauf von Fassbier und 30 Prozent des Flaschenbieres geht ebenfalls in der Gastronomie über den Tresen und fehlt aktuell. Arno Huismann hofft, dass die Durststrecke bald beendet ist. „Sobald es wieder losgeht, stehen wir in den Startlöchern.“

Besuch in der Brauerei Barre: Darum ist das regelmäßige Probieren wichtig

In den Kisten sind Flaschen, die nicht hineingehören. © Lehn

Lübbecke/Hille. „Hier spricht der Bierkapitän“, dieser Partyschlager spukt mir im Kopf herum, als ich Richtung Lübbecke fahre. Er erinnert mich an meinen letzten Besuch in der Brauerei Barre. Es war der 18. Februar, kurz vor dem ersten Lockdown. Der Maibockanstich wurde gefeiert. Als ich am nächsten Morgen mit dickem Kopf aufwachte, stimmte mein Mann schadenfroh das besagte Lied an.

Doch wie wird Bier eigentlich hergestellt? Und wie schafft man es, dass es immer gleich schmeckt? Und wie viele Liter Barre werden täglich produziert? All diese Fragen können die erfahrenen Braumeister Rainer Pohl und Arno Huismann beantworten. Sie lassen mich nicht nur zuschauen, sondern übertragen mir auch einige Aufgaben. Ich komme in Bereiche des Betriebs, die für Besucher eigentlich tabu sind. So viel vorweg: Das Wichtigste beim Bierbrauen ist das regelmäßige Probieren. Gefällt mir. Aber von vorne. Insgesamt beschäftigt die Firma Barre drei Braumeister. Es ist ein klassischer dreijähriger Ausbildungsberuf. Empfangen werde ich in einem Raum mit einer riesigen Schalttafel an der Wand. Überall leuchten kleine Lämpchen. „Das ist unsere Schaltzentrale. Eigentlich schon fast historisch, aber ich sehe auf den ersten Blick, ob alles läuft oder wo es hakt“, sagt Rainer Pohl. Alle Daten könne er zwar auch im Computer einsehen, aber nicht so übersichtlich.

Die Geschmacksprobe ist äußerst wichtig. - © Alex Lehn
Die Geschmacksprobe ist äußerst wichtig. - © Alex Lehn

Mich interessiert, was sich hinter der Technik verbirgt und so nimmt mich Arno Huismann mit in die Produktion. Der Brauprozess dauert in der Regel einen Tag. Bis das Bier getrunken werden kann, vergehen aber noch mehrere Wochen. Bei den ersten Schritten kann ich nur zuschauen. Im Maischbottich wird geschrotetes Malz mit warmem Wasser gemischt. Das Wasser sprudelt aus einer Quelle am Fuße des Wiehengebirges unterirdisch in die Brauerei. „Die Enzyme spalten die Stärke in Zucker. Sie ist später Nahrung für die Hefe“, erklärt der Braumeister. Mithilfe der Temperatur könne er leichte Schwankungen im Geschmack selber ausgleichen. „Jede Ernte ist anders. Aber dank langjähriger Erfahrung kann ich darauf schnell reagieren.“

Stimmt der Kohlensäure-Gehalt? Ein Messgerät zeigt die Werte an. MT-Fotos: Alex Lehn - © Lehn
Stimmt der Kohlensäure-Gehalt? Ein Messgerät zeigt die Werte an. MT-Fotos: Alex Lehn - © Lehn

Auch beim anschließenden Läutern – ein mittelalterlicher Begriff für Filtern – können wir nur zuschauen. Im Läuterbottich wird das Feste vom Flüssigen getrennt. Der feste Treber wird als Viehfutter verwendet, für die Würze wird es im nächsten Behälter richtig heiß. „An dieser Stelle kommt der Hopfen dazu. Das Ganze muss dann eine Dreiviertelstunde kochen“, erklärt Arno Huismann und zeigt auf die Tanks, die 250 Hektoliter fassen.

Über eine Rohrbrücke geht es für das Bier weiter ins Nebengebäude. „Und zwar in den Whirlpool“, sagt der Braumeister und lacht. Die Flüssigkeit dreht sich im Kreis, damit sich noch enthaltene feste Bestandteile in der Mitte des Behälters sammeln. Weil es für die Hefe noch ein bisschen zu warm ist, wird die Flüssigkeit heruntergekühlt. Sobald die Hefe hinzugegeben wurde, beginnt der Gärprozess. „Den Prozess bis hierhin begleitet ein Kollege alleine. Die Überwachung findet am PC statt.“ Produziert werde alle zwei Wochen – und zwar rund um die Uhr.

Im Gär- und Lagerbereich ist endlich guter Geschmack gefragt. „Das Bier braucht sechs Tage, bis es durchgegoren ist. Anschließend kühlen wir es auf null Grad runter. Dann beginnt die rund vierwöchige Lagerphase.“ Arno Huismann zeigt mir, wie ich den Tank anzapfen kann und reicht mir zwei Gläser. Ein wenig komme ich mir vor wie bei einem Oktoberfest und möchte am liebsten rufen „O’zapft is!“. Wir probieren Louis Barre Imperial, ein Lagerbier, das dem Sohn des Brauereigründers gewidmet ist. Es ist eiskalt und schmeckt richtig lecker.

„Es gibt Schlimmeres, als jeden Tag Bier zu probieren. Nur montags nach einem harten Wochenende tue ich mich manchmal etwas schwer“, sagt Arno Huismann auf meine Frage. Das Bier könne schließlich nur in die Abfüllung gehen, wenn es auch wirklich schmeckt. Der Braumeister achtet streng auf die Hygiene und überträgt mir die Aufgabe, den gerade genutzten Ausschank und den Boden zu reinigen. „Da ist noch ein bisschen Schaum“, ist mein Chef sehr genau. Ich versuche, Arno Huismann die genaue Rezeptur zu entlocken, aber der Braumeister winkt ab. „Das könnte niemand nachbrauen, allein schon wegen des Gebirgsquellwassers. Bier ist immer ortsgebunden“, sagt der Experte und erklärt, dass es bei den größeren Brauereien mit mehreren Standorten immer Geschmacksunterschiede gibt.

Für den Lübbecker ist der Geschmack eine Glaubensfrage. „Bier hat häufig Regionalcharakter und als Lübbecker trinkst du Barre.“ Was das Produkt ausmache, seien die Zeit und das Handwerk. „In unserem Bier stecken 180 Jahre Erfahrung. Damit identifizieren wir uns.“

Weil für ein gutes Bier auch der Kohlensäuregehalt stimmen muss, hat Arno Huismann eine weitere Aufgabe für mich: die CO2-Messung. Das Gerät wird an den Druckschacht angeschlossen und zeigt verschiedene Werte an. „Passt.“ Warum wir an dieser Stelle nicht erneut probieren, erklärt der Braumeister mit einem Augenzwinkern. „Hier läuft gerade alkoholfreies Bier durch.“ Meine letzte Aufgabe hat mit dem Brauen an sich nicht viel zu tun, muss aber auch erledigt werden. Wir sind in der Flaschensortierung angekommen. Nicht in allen Barre-Kisten ist auch Barre drin. Einige dieser Flaschen habe ich noch nie gesehen. „Wir versuchen, so viel wie möglich ins Mehrwegsystem zurückzugeben“, sagt Arno Huismann. Noch mehr als fremde Flaschen ärgern ihn zerdrückte Kronkorken oder Zigarettenkippen, die jemand in den Flaschen entsorgt hat.

Zum Abschluss machen wir noch einen Abstecher in die Abfüllanlage. „Hier füllen wir rund 36.000 Flaschen pro Stunde.“ Corona hat das Bier-Geschäft jedoch mächtig ausgebremst, wie der Braumeister bestätigt. Fassbier wurde zum letzten Mal im Oktober abgefüllt. Über 30 Prozent der Erlöse erzielt die Brauerei mit dem Verkauf von Fassbier und 30 Prozent des Flaschenbieres geht ebenfalls in der Gastronomie über den Tresen und fehlt aktuell. Arno Huismann hofft, dass die Durststrecke bald beendet ist. „Sobald es wieder losgeht, stehen wir in den Startlöchern.“

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