Antike Alltagsgegenstände aus Glas: Blick durch die Kugel Carsten Korfesmeyer Hille. Bei ihm hat Glas eine Geschichte. Axel Zanders ist Sammler. Vor etwa 15 Jahren startete er sein Hobby mit einer alten und leeren Weinflasche. Davon hat er längst einige mehr. Seine betagteste ist von 1650 – aus der Zeit kurz nach Ende des 30-Jährigen Kriegs. „Ich male mir oft aus, wer da schon alles daraus getrunken hat“, sagt er. Denn Flaschen wurden früher öfter verwendet und stünden somit auch für die Epochen. Wenn es ginge, hätten sie sicher viel zu erzählen. Vor allem aber haben sie es geschafft, so lange ganz zu bleiben. Spricht der Mann aus Brennhorst über seine Exponate, sorgt das beim Zuhören oft für Bilder im Kopf. Beispielsweise bei der so genannten Betrugsflasche von 1850. Sie war in jener Zeit weit verbreitet und mancher Wirt gaukelte mit dem dickeren Boden bevorzugt den betrunkenen Gästen mehr Inhalt vor. Gut in die Zeit versetzen lässt es sich auch mit der Bügel-Bierflasche von 1900, die einst eine Brauerei aus Süddeutschland auf den Markt brachte. Die geselligen abendlichen Runden in der Kaiserzeit hat dann mancher vor Augen. Das Hobby konfrontiert Axel Zanders auch mit Glaubensfragen. Erst neulich stieß der Mann aus Brennhorst auf einen alten katholischen Brauch, den die Kirche selbst offensichtlich nicht mehr unbedingt auf dem Schirm hatte: die Heilig-Grab-Kugeln. „Am Mindener Dom kannte man sie zumindest nicht“, sagt er. Bei ihnen handelt es sich um Glaskugeln in verschiedenen Farben, die während der Ostertage hinter eine Öllampe gestellt werden und mystisches Licht in einer Kirche erzeugen. „Man baut sozusagen das Grab Jesu nach“, erklärt der Sammler. Die Menschen hätten dann vor Ort ihre eigene Pilgerstätte. Sie bräuchten somit nicht mehr extra nach Jerusalem reisen – ein Weg, der gerade für Gläubige aus früheren Jahrhunderten nahezu unmöglich zurückzulegen war. Die Heilig-Grab-Kugeln sind in aller Regel um die 200 Jahre alt. Axel Zanders hat lange nach Exponaten gesucht und dann vor Monaten welche bei einer Glasauktion in Heilbronn entdeckt. Seither beschäftigt er sich noch mehr mit dem alten Brauch, der überwiegend in Süddeutschland, Tirol und dem Salzburger Land gelebt wurde. Die Kugeln gibt es in den unterschiedlichsten Farben und Größen, erzählt er. Er wisse sogar von einer, die 60 Kilo auf die Waage bringe. Axel Zanders geht es beim Sammeln nicht ums Geld. Seine Exponate haben keine allzu großen materiellen Werte. „Das handwerkliche interessiert mich daran“, sagt er am Mittwoch im MT-Gespräch. Er erzählt von den unterschiedlichen Herstellungsmethoden, die in den unterschiedlichen zeitlichen Epochen ganz unterschiedlich waren. „Und Glas war damals aufwendig herzustellen“, sagt er. Noch vor Jahrhunderten brauchte man für eine einzige Weinflasche rund fünf Raummeter Brennholz, damit der Ofen auf die entsprechende Temperatur von mehr als 1.000 Grad kommen konnte. Die Glassammler sind miteinander gut vernetzt, kennen sich oft persönlich und treffen sich häufiger bei Veranstaltungen – unter anderem regelmäßig in Hessisch Oldendorf. Mit seiner Frau Anke Zanders ist er allerdings auch schon mal in München gewesen, weil dort ein Sammlertreff war. „Vieles entdecke ich inzwischen über das Internet“, sagt er. Vor allem abends geht der hauptberufliche Kriminalbeamte im Netz gern auf große Spurensuche. Das antike Gebrauchsglas bringt ihn immer wieder mit unterschiedlichsten Bereichen des Lebens zusammen. Je länger er sein Hobby ausübt, umso weiter dringt er in die Thematik ein. Und es zeigt sich oft, dass Glas nicht bloß zerbrechlich ist. Denn für die oberen gesellschaftlichen Schichten hatte es einst Standessymbolik. Doch diese dann für Fürsten und Gutsbesitzer aufwendig gestalteten Vasen oder Teller lassen ihn in aller Regel kalt. „Mich begeistern die alltäglichen Gegenstände“, sagt Axel Zanders. Als er im MT-Gespräch jedoch noch eher beiläufig über die so genannten Schießkugeln redet, zeigt sich aber doch ein gewisses Interesse an dem gläsernen Leben bei Hofe, denn: Schießkugeln aus Glas wurden bis 1880 beim Tontaubenschießen verwendet – und erst dann durch Scheiben ersetzt. Mit spürbarer Freude spricht er über die Kugeln, in die bei der Herstellung sogar Federn gesteckt wurden. Bei einem Treffer hatte der Schütze somit zumindest optisch den Eindruck, gerade den Vogel abgeschossen zu haben. „Schießkugeln sind schwer zu bekommen“, sagt der Sammler. Nur drei Glashütten in Deutschland hätten sie hergestellt. Aber Axel Zanders hat welche.

Antike Alltagsgegenstände aus Glas: Blick durch die Kugel

Axel Zanders sammelt Glas-Exponate seit 15 Jahren und entdeckt immer wieder Neues. Die Heilig-Grab-Kugeln waren einst in Kirchen sehr verbreitet, die Schießkugeln dienten zum Tontaubenschießen. MT-Foto: Carsten Korfesmeyer © cko

Hille. Bei ihm hat Glas eine Geschichte. Axel Zanders ist Sammler. Vor etwa 15 Jahren startete er sein Hobby mit einer alten und leeren Weinflasche. Davon hat er längst einige mehr. Seine betagteste ist von 1650 – aus der Zeit kurz nach Ende des 30-Jährigen Kriegs. „Ich male mir oft aus, wer da schon alles daraus getrunken hat“, sagt er. Denn Flaschen wurden früher öfter verwendet und stünden somit auch für die Epochen. Wenn es ginge, hätten sie sicher viel zu erzählen.

Vor allem aber haben sie es geschafft, so lange ganz zu bleiben. Spricht der Mann aus Brennhorst über seine Exponate, sorgt das beim Zuhören oft für Bilder im Kopf. Beispielsweise bei der so genannten Betrugsflasche von 1850. Sie war in jener Zeit weit verbreitet und mancher Wirt gaukelte mit dem dickeren Boden bevorzugt den betrunkenen Gästen mehr Inhalt vor. Gut in die Zeit versetzen lässt es sich auch mit der Bügel-Bierflasche von 1900, die einst eine Brauerei aus Süddeutschland auf den Markt brachte. Die geselligen abendlichen Runden in der Kaiserzeit hat dann mancher vor Augen.

Das Hobby konfrontiert Axel Zanders auch mit Glaubensfragen. Erst neulich stieß der Mann aus Brennhorst auf einen alten katholischen Brauch, den die Kirche selbst offensichtlich nicht mehr unbedingt auf dem Schirm hatte: die Heilig-Grab-Kugeln. „Am Mindener Dom kannte man sie zumindest nicht“, sagt er. Bei ihnen handelt es sich um Glaskugeln in verschiedenen Farben, die während der Ostertage hinter eine Öllampe gestellt werden und mystisches Licht in einer Kirche erzeugen. „Man baut sozusagen das Grab Jesu nach“, erklärt der Sammler. Die Menschen hätten dann vor Ort ihre eigene Pilgerstätte. Sie bräuchten somit nicht mehr extra nach Jerusalem reisen – ein Weg, der gerade für Gläubige aus früheren Jahrhunderten nahezu unmöglich zurückzulegen war.


Die Heilig-Grab-Kugeln sind in aller Regel um die 200 Jahre alt. Axel Zanders hat lange nach Exponaten gesucht und dann vor Monaten welche bei einer Glasauktion in Heilbronn entdeckt. Seither beschäftigt er sich noch mehr mit dem alten Brauch, der überwiegend in Süddeutschland, Tirol und dem Salzburger Land gelebt wurde. Die Kugeln gibt es in den unterschiedlichsten Farben und Größen, erzählt er. Er wisse sogar von einer, die 60 Kilo auf die Waage bringe.

Axel Zanders geht es beim Sammeln nicht ums Geld. Seine Exponate haben keine allzu großen materiellen Werte. „Das handwerkliche interessiert mich daran“, sagt er am Mittwoch im MT-Gespräch. Er erzählt von den unterschiedlichen Herstellungsmethoden, die in den unterschiedlichen zeitlichen Epochen ganz unterschiedlich waren. „Und Glas war damals aufwendig herzustellen“, sagt er. Noch vor Jahrhunderten brauchte man für eine einzige Weinflasche rund fünf Raummeter Brennholz, damit der Ofen auf die entsprechende Temperatur von mehr als 1.000 Grad kommen konnte.

Die Glassammler sind miteinander gut vernetzt, kennen sich oft persönlich und treffen sich häufiger bei Veranstaltungen – unter anderem regelmäßig in Hessisch Oldendorf. Mit seiner Frau Anke Zanders ist er allerdings auch schon mal in München gewesen, weil dort ein Sammlertreff war. „Vieles entdecke ich inzwischen über das Internet“, sagt er. Vor allem abends geht der hauptberufliche Kriminalbeamte im Netz gern auf große Spurensuche.

Das antike Gebrauchsglas bringt ihn immer wieder mit unterschiedlichsten Bereichen des Lebens zusammen. Je länger er sein Hobby ausübt, umso weiter dringt er in die Thematik ein. Und es zeigt sich oft, dass Glas nicht bloß zerbrechlich ist. Denn für die oberen gesellschaftlichen Schichten hatte es einst Standessymbolik. Doch diese dann für Fürsten und Gutsbesitzer aufwendig gestalteten Vasen oder Teller lassen ihn in aller Regel kalt. „Mich begeistern die alltäglichen Gegenstände“, sagt Axel Zanders. Als er im MT-Gespräch jedoch noch eher beiläufig über die so genannten Schießkugeln redet, zeigt sich aber doch ein gewisses Interesse an dem gläsernen Leben bei Hofe, denn: Schießkugeln aus Glas wurden bis 1880 beim Tontaubenschießen verwendet – und erst dann durch Scheiben ersetzt. Mit spürbarer Freude spricht er über die Kugeln, in die bei der Herstellung sogar Federn gesteckt wurden. Bei einem Treffer hatte der Schütze somit zumindest optisch den Eindruck, gerade den Vogel abgeschossen zu haben. „Schießkugeln sind schwer zu bekommen“, sagt der Sammler. Nur drei Glashütten in Deutschland hätten sie hergestellt. Aber Axel Zanders hat welche.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Hille