Der schwerste Angriff auf die Kurstadt: Zeitzeuge aus Rothenuffeln erinnert sich an Bombardement

Nicole Sielermann

Gerhardt Horstmann zeigt das Buch, das die Geschichte der Weserhütte erzählt. - © Nicole Sielermann
Gerhardt Horstmann zeigt das Buch, das die Geschichte der Weserhütte erzählt. (© Nicole Sielermann)

Hille/Bad Oeynhausen. Staubig und dreckig war er, als er nach Hause kam. Mutters Schimpfen ist ihm noch gut in Erinnerung. Doch als die hört, was ihrem Sohn widerfahren ist, ist der Ärger verflogen. Denn Gerhardt Horstmann hat überlebt. Schaffte es, aus den Trümmern der Weserhütte zu fliehen. Als am Karfreitag 1945 die Alliierten das Eisenhüttenwerk an der Mindener Straße bombardierten, war der 14-jährige Gerhardt aus Rothenuffeln im Aufenthaltsraum unterm Dach.

Bei dem Luftangriff auf die Weserhütte in bad Oeynhausen am 30. März 1945 wurden 192 Menschen getötet. Gerhardt Horstmann arbeitete zu dem Zeitpunkt als Lehrling auf dem Gelände. Der heute 89-Jährige erinnert sich an den Angriff, bei dem Bad Oeynhausener und Zwangsarbeiter ums Leben kamen. Eine große Zahl von Schwerverletzten wird mit noch intakten Kettenfahrzeugen ins städtische Krankenhaus, das sich gegenüber dem Südbahnhofsgebäude befindet, gebracht, heißt es in der Chronik der Weserhütte.

Prägend: Die Lithographie aus dem Jahr 1938 zeigt das Eisenwerk Weserhütte entlang der Mindener Straße. Die Lithographie wurde von der Kunstanstalt Eckert und Pflug in Leipzig hergestellt und ist im original 1,20 Meter hoch und 2,15 Meter breit. Sie wurde in einen Rahmen aus Eichenholz eingefasst. Entnommen aus: Gerd Rohlfing (Hg.), Die Weserhütte. Foto: nw - © nw
Prägend: Die Lithographie aus dem Jahr 1938 zeigt das Eisenwerk Weserhütte entlang der Mindener Straße. Die Lithographie wurde von der Kunstanstalt Eckert und Pflug in Leipzig hergestellt und ist im original 1,20 Meter hoch und 2,15 Meter breit. Sie wurde in einen Rahmen aus Eichenholz eingefasst. Entnommen aus: Gerd Rohlfing (Hg.), Die Weserhütte. Foto: nw (© nw)

Zweck des amerikanischen Luftangriffes war es, den Rüstungsbetrieb zu zerstören. Bereits 1934 begannen die Lohnarbeiten für die Rüstungsindustrie. Produziert wurden gepanzerte Fahrzeuge, Mündungsbremsen und Flakgeschütze. Die Produktion wurde mit Kriegsbeginn konsequent ausgeweitet. Im Januar 1945 betrug der Anteil der Rüstungsproduktion 88,5 Prozent an der gesamten Fertigung der Weserhütte.

Die Hallen der Weserhütte nach dem Bombenangriff. Am Karfreitag 1945 wurde das Werk an der Mindener Straße in Bad Oeynhausen zerstört. Fotos: Nicole Sielermann, Stadtarchiv - © Stadtarchiv
Die Hallen der Weserhütte nach dem Bombenangriff. Am Karfreitag 1945 wurde das Werk an der Mindener Straße in Bad Oeynhausen zerstört. Fotos: Nicole Sielermann, Stadtarchiv (© Stadtarchiv)

Es war ein schöner und sonniger Tag. Deshalb entschied sich Gerhardt Horstmann am 30. März 1945 für das Fahrrad. Von Rothenuffeln radelte er zur Arbeit. „Am 1. April 1944 bin ich in die Lehre gekommen“, erinnert er sich. Eine Ausbildung, die genau ein Jahr später bereits wieder ein Ende haben sollte.

„Obwohl es ein christlicher Feiertag war, wurde in der Hütte gearbeitet.“ Die Soldaten sollten Nachschub bekommen. Zu Kriegszeiten war die Hütte ein Rüstungsbetrieb. Dort wurden Panzer instandgesetzt, gelagert und ausgerüstet. Gerhardt Horstmann hatte als Lehrling aber mit der Rüstung nichts zu tun. Zusammen mit etwa 70 bis 80 Lehrlingen aus dem ersten Lehrjahr lernte er in der Werkstatt die Grundlagen des Berufes kennen.

„Von 12.30 bis 13 Uhr war immer Mittagspause“, sagt Horstmann. Und weiß noch genau, dass es gut fünf Minuten vor Ende der Pause gewesen sein muss, als es Fliegeralarm gab.

„Der Aufenthaltsraum war unterm Dach und ich konnte aus dem Fenster sehen, dass sich draußen jemand lang auf die Erde warf“, erinnert sich der 89-Jährige. Auch Gerhardt Horstmann warf sich hin, als wenige Meter weiter die ersten Bomben fielen. „Als es dann kurz ruhig war, bin ich nur noch rausgelaufen.“ Henkelmann, Butterbrotdose und Tasche ließ er zurück.

„Unten aus den großen Toren kam der Qualm. Man konnte die Hand vor Augen nicht sehen.“ Auch die Flieger hat der damals 14-Jährige nicht gesehen, nur das Brummen gehört.

Und mutmaßt, dass der erste Angriff damals von der Lingemann-Seite der Straße geflogen worden sei. „Und das Gestöhne habe ich im Ohr. Dieses schreckliche Gestöhne – das habe ich nie vergessen.“ Dann kam die nächste Welle. Doch der junge Gerhardt befand sich noch immer auf dem Gelände. „Mit 20 bis 30 Mann haben wir uns in den Spänebunker geflüchtet beim zweiten Angriff“, sagt er. Alles habe gewackelt. Und auch ein Teil der Lehrwerkstatt wurde getroffen.

„Ich habe wirklich Glück gehabt“, sagt er rückblickend. Nach dem Angriff sprang der 14-Jährige aufs Rad und radelte Richtung Dehme. „Als der dritte Angriff kam habe ich mich in den Graben geschmissen.“ Verdreckt und staubig erreichte er gegen 14.30 Uhr Rothenuffeln.

„Wir hatten etwas Landwirtschaft und haben – obwohl es harte Zeiten waren – nicht gehungert.“ Die Mutter hatte sechs Kinder zu versorgen, der Vater war seit 1944 vermisst. „Er ist nie wieder gekommen“, sagt Horstmann. Also musste der 14-Jährige Geld verdienen. „Ich habe nach dem Bombenangriff erst Gräben ausgehoben und dann eine Lehre als Autoschlosser begonnen.“

Als er die angefangen hatte kam 14 Tage später Post von der Weserhütte „Ich hätte dort wieder anfangen können.“ Doch er entschied sich dagegen.

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Der schwerste Angriff auf die Kurstadt: Zeitzeuge aus Rothenuffeln erinnert sich an BombardementNicole SielermannHille/Bad Oeynhausen. Staubig und dreckig war er, als er nach Hause kam. Mutters Schimpfen ist ihm noch gut in Erinnerung. Doch als die hört, was ihrem Sohn widerfahren ist, ist der Ärger verflogen. Denn Gerhardt Horstmann hat überlebt. Schaffte es, aus den Trümmern der Weserhütte zu fliehen. Als am Karfreitag 1945 die Alliierten das Eisenhüttenwerk an der Mindener Straße bombardierten, war der 14-jährige Gerhardt aus Rothenuffeln im Aufenthaltsraum unterm Dach. Bei dem Luftangriff auf die Weserhütte in bad Oeynhausen am 30. März 1945 wurden 192 Menschen getötet. Gerhardt Horstmann arbeitete zu dem Zeitpunkt als Lehrling auf dem Gelände. Der heute 89-Jährige erinnert sich an den Angriff, bei dem Bad Oeynhausener und Zwangsarbeiter ums Leben kamen. Eine große Zahl von Schwerverletzten wird mit noch intakten Kettenfahrzeugen ins städtische Krankenhaus, das sich gegenüber dem Südbahnhofsgebäude befindet, gebracht, heißt es in der Chronik der Weserhütte. Zweck des amerikanischen Luftangriffes war es, den Rüstungsbetrieb zu zerstören. Bereits 1934 begannen die Lohnarbeiten für die Rüstungsindustrie. Produziert wurden gepanzerte Fahrzeuge, Mündungsbremsen und Flakgeschütze. Die Produktion wurde mit Kriegsbeginn konsequent ausgeweitet. Im Januar 1945 betrug der Anteil der Rüstungsproduktion 88,5 Prozent an der gesamten Fertigung der Weserhütte. Es war ein schöner und sonniger Tag. Deshalb entschied sich Gerhardt Horstmann am 30. März 1945 für das Fahrrad. Von Rothenuffeln radelte er zur Arbeit. „Am 1. April 1944 bin ich in die Lehre gekommen“, erinnert er sich. Eine Ausbildung, die genau ein Jahr später bereits wieder ein Ende haben sollte. „Obwohl es ein christlicher Feiertag war, wurde in der Hütte gearbeitet.“ Die Soldaten sollten Nachschub bekommen. Zu Kriegszeiten war die Hütte ein Rüstungsbetrieb. Dort wurden Panzer instandgesetzt, gelagert und ausgerüstet. Gerhardt Horstmann hatte als Lehrling aber mit der Rüstung nichts zu tun. Zusammen mit etwa 70 bis 80 Lehrlingen aus dem ersten Lehrjahr lernte er in der Werkstatt die Grundlagen des Berufes kennen. „Von 12.30 bis 13 Uhr war immer Mittagspause“, sagt Horstmann. Und weiß noch genau, dass es gut fünf Minuten vor Ende der Pause gewesen sein muss, als es Fliegeralarm gab. „Der Aufenthaltsraum war unterm Dach und ich konnte aus dem Fenster sehen, dass sich draußen jemand lang auf die Erde warf“, erinnert sich der 89-Jährige. Auch Gerhardt Horstmann warf sich hin, als wenige Meter weiter die ersten Bomben fielen. „Als es dann kurz ruhig war, bin ich nur noch rausgelaufen.“ Henkelmann, Butterbrotdose und Tasche ließ er zurück. „Unten aus den großen Toren kam der Qualm. Man konnte die Hand vor Augen nicht sehen.“ Auch die Flieger hat der damals 14-Jährige nicht gesehen, nur das Brummen gehört. Und mutmaßt, dass der erste Angriff damals von der Lingemann-Seite der Straße geflogen worden sei. „Und das Gestöhne habe ich im Ohr. Dieses schreckliche Gestöhne – das habe ich nie vergessen.“ Dann kam die nächste Welle. Doch der junge Gerhardt befand sich noch immer auf dem Gelände. „Mit 20 bis 30 Mann haben wir uns in den Spänebunker geflüchtet beim zweiten Angriff“, sagt er. Alles habe gewackelt. Und auch ein Teil der Lehrwerkstatt wurde getroffen. „Ich habe wirklich Glück gehabt“, sagt er rückblickend. Nach dem Angriff sprang der 14-Jährige aufs Rad und radelte Richtung Dehme. „Als der dritte Angriff kam habe ich mich in den Graben geschmissen.“ Verdreckt und staubig erreichte er gegen 14.30 Uhr Rothenuffeln. „Wir hatten etwas Landwirtschaft und haben – obwohl es harte Zeiten waren – nicht gehungert.“ Die Mutter hatte sechs Kinder zu versorgen, der Vater war seit 1944 vermisst. „Er ist nie wieder gekommen“, sagt Horstmann. Also musste der 14-Jährige Geld verdienen. „Ich habe nach dem Bombenangriff erst Gräben ausgehoben und dann eine Lehre als Autoschlosser begonnen.“ Als er die angefangen hatte kam 14 Tage später Post von der Weserhütte „Ich hätte dort wieder anfangen können.“ Doch er entschied sich dagegen.