Einsam schwanger: Die Unsicherheit bei werdenden Müttern wächst

Stefanie Dullweber

Hille. Die schlimmste Vorstellung ist, dass ihr Mann sie nicht in die Klinik begleiten darf und sie ihr Kind alleine auf die Welt bringen muss, sagt Aileen Hoppmann. Die Hillerin erwartet im Juli ihr viertes Kind. Laut Informationen des Johannes Wesling Klinikums ist eine Begleitperson bei der Geburt zugelassen – sofern diese gesund ist. „Ich hoffe, dass diese Regelung so bleibt.“

Vorsorge-Untersuchungen beim Gynäkologen finden derzeit ganz normal statt. Foto: Daniel Karmann/dpa - © Verwendung weltweit
Vorsorge-Untersuchungen beim Gynäkologen finden derzeit ganz normal statt. Foto: Daniel Karmann/dpa (© Verwendung weltweit)

Die Schwangerschaft verlaufe ohne Komplikationen – wie bei den ersten drei Kindern auch. Und doch ist gerade alles anders. Weil sie im Krankenhaus arbeitet, habe ihr ihre Gynäkologin ein Beschäftigungsverbot erteilt. Zu groß sei die Gefahr, dass sie mit Corona-Infizierten in Kontakt kommt. Auch den Geburtsvorbereitungskurs, der jetzt im April starten sollte, habe die Hebamme abgesagt. Und an eine Besichtigung des Kreißsaals ist momentan nicht zu denken. „Zum Glück weiß ich schon, wie es dort aussieht“, sagt Aileen Hoppmann und lacht.

Eigentlich sei sie momentan noch relativ entspannt, sagt die Mutter von drei Mädchen im MT-Gespräch. Wäre es ihr erstes Kind, sähe das sicherlich ganz anders aus. „Da bist du sowieso schon verunsichert, weil du nicht weißt, was dich erwartet.“ Sollte es also keinen Geburtsvorbereitungskurs geben, sei das zwar schade – aber kein Drama. Die Nachsorge durch die Hebamme könne zwar stattfinden, aber die Betreuung erfolge auf Abstand. Und selbst das ist für die gelernte Kinderkrankenschwester kein Problem, schließlich ist sie vom Fach.

Nein, Schwangerschaftsratgeber lese sie nicht. Dafür aber die zahlreichen Berichte, die aktuell zum Thema Schwangerschaft und Corona veröffentlicht werden. Der überwiegende Teil der Experten geht demnach davon aus, dass Schwangere kein erhöhtes Risiko haben, an dem Virus zu erkranken – im Gegenteil. Die meisten Schwangeren, die infiziert sind, haben wenige oder nur leichte Symptome. Nicht erforscht ist allerdings, wie sich das Virus möglicherweise auf das ungeborene Kind auswirkt. „Ich möchte da kein Risiko eingehen“, hat sich die Hillerin mit dem vorzeitigen Mutterschutz abgefunden. Was die werdende Mutter gelesen hat, bestätigt auch Professor Dr. Philipp Soergel, Direktor der Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Johannes Wesling Klinikum: „Schwangere gehören nicht zur Corona-Risikogruppe. Weder erkranken sie schneller, noch sind die Krankheitsverläufe schwerer. Eine Covid19-Erkrankung hat erstmal keinen Einfluss auf die Form der Geburt. Auch das Ungeborene Baby ist – nach allem was wir weltweit wissen – vor einer Infektion im Mutterleib geschützt.“

Während in Sachen Schwangerschaft alles entspannt verläuft, erfordert der Alltag mit drei kleinen Kindern vor allem starke Nerven. „Da fließen auch schon mal Tränen, weil die Mädchen ihre Freundinnen vermissen und sie gerne in den Kindergarten oder die Schule möchten. Einen Kollaps gibt es mindestens pro Tag.“ Erst am Dienstag habe sie mit ihren Töchtern Briefe an die besten Freundinnen geschrieben. Ansonsten sei Beschäftigung bei ihnen das einzige Mittel gegen den Lagerkoller. Während die Große mit Home Schooling beschäftigt sei, würden die kleinen Malen, Spiele spielen und nachmittags geht es bei gutem Wetter raus in den eigenen Garten gehen. „Das sind dann die Dinge, für die wir im Alltag eigentlich kaum Zeit haben.“

Die Vorsorgetermine bei ihrer Gynäkologin würden ganz normal ablaufen und seien auch in Corona-Zeiten nicht reduziert worden, berichtet die Hillerin. Zwar hänge an der Tür ein Hinweis, dass die Praxis geschlossen sei, aber Schwangere würden dort weiterhin behandelt. „Kurios fand ich, dass ich meine Jacke nicht mehr an der Garderobe aufhängen durfte und dass ich keiner anderen Patientin begegnet bin. Die werden auf die vorhandenen Räume verteilt“, erzählt die werdende Mutter. Auch die Ärzte und die Helferinnen hätten sich aufgeteilt, so dass die Praxis auch im Fall einer Infektion weiter Patienten behandeln könne. Mit Mundschutz würde dort zwar niemand arbeiten, aber es gebe neuerdings eine Plexiglasscheibe am Tresen.

Für Aileen Hoppmann steht fest, dass sie ihr viertes Kind – wie die anderen auch – im Johannes Wesling Klinikum bekommen möchte. „Dort gibt es die Kinderklinik, das ist mir wichtig.“ Sollte die Geburt normal verlaufen und es ihr und dem Kind gut gehen, würde sie gerne so schnell wie möglich nach Hause gehen. „Einfach um mich selbst und das Kind zu schützen.“

Was sie momentan nicht habe, sei der Austausch mit anderen Schwangeren, die sie ansonsten im Vorbereitungskurs getroffen hätte. Viele werdende Mütter vernetzen sich hier und bleiben auch nach der Geburt der Kinder in Kontakt. Und so ist die Hillerin – wie viele andere momentan auch – einsam schwanger. Auch deshalb hat sie einen großen Wunsch: „Ich möchte unseren ganz normalen Alltag zurück.“

Das sind die Regeln im Klinikum:

Besichtigungen des Kreißsaals bieten die Mühlenkreiskliniken derzeit nicht an. Eine Online-Besichtigung sei derzeit in Planung, wie Pressesprecher Christian Busse erklärt. Diese solle zunächst für Minden umgesetzt werden.

Die werdende Mutter darf eine Begleitperson zur Geburt mitbringen – sofern diese keine Grippesymptome hat. Der Gesundheitszustand werde von den Hebammen abgefragt, so Busse. Das Klinikum könne zur Geburt über den Haupteingang betreten werden. Sollte die werdende Mutter Symptome haben, die auf das Corona-Virus hindeuten, sollte sie dies auf jeden Fall kommunizieren, damit das Personal die nötigen Vorsichtsmaßnahmen treffen könne. Busse: „Die Mutter braucht keine Angst haben, dass die Geburt nicht im Krankenhaus stattfinden kann.“

Die Begleitperson, die bei der Geburt dabei war, dürfe die Mutter auch an den Tagen danach im Krankenhaus besuchen. Die Besuchszeit ist laut Busse täglich von 15 bis 18 Uhr.

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Einsam schwanger: Die Unsicherheit bei werdenden Müttern wächstStefanie DullweberHille. Die schlimmste Vorstellung ist, dass ihr Mann sie nicht in die Klinik begleiten darf und sie ihr Kind alleine auf die Welt bringen muss, sagt Aileen Hoppmann. Die Hillerin erwartet im Juli ihr viertes Kind. Laut Informationen des Johannes Wesling Klinikums ist eine Begleitperson bei der Geburt zugelassen – sofern diese gesund ist. „Ich hoffe, dass diese Regelung so bleibt.“ Die Schwangerschaft verlaufe ohne Komplikationen – wie bei den ersten drei Kindern auch. Und doch ist gerade alles anders. Weil sie im Krankenhaus arbeitet, habe ihr ihre Gynäkologin ein Beschäftigungsverbot erteilt. Zu groß sei die Gefahr, dass sie mit Corona-Infizierten in Kontakt kommt. Auch den Geburtsvorbereitungskurs, der jetzt im April starten sollte, habe die Hebamme abgesagt. Und an eine Besichtigung des Kreißsaals ist momentan nicht zu denken. „Zum Glück weiß ich schon, wie es dort aussieht“, sagt Aileen Hoppmann und lacht. Eigentlich sei sie momentan noch relativ entspannt, sagt die Mutter von drei Mädchen im MT-Gespräch. Wäre es ihr erstes Kind, sähe das sicherlich ganz anders aus. „Da bist du sowieso schon verunsichert, weil du nicht weißt, was dich erwartet.“ Sollte es also keinen Geburtsvorbereitungskurs geben, sei das zwar schade – aber kein Drama. Die Nachsorge durch die Hebamme könne zwar stattfinden, aber die Betreuung erfolge auf Abstand. Und selbst das ist für die gelernte Kinderkrankenschwester kein Problem, schließlich ist sie vom Fach. Nein, Schwangerschaftsratgeber lese sie nicht. Dafür aber die zahlreichen Berichte, die aktuell zum Thema Schwangerschaft und Corona veröffentlicht werden. Der überwiegende Teil der Experten geht demnach davon aus, dass Schwangere kein erhöhtes Risiko haben, an dem Virus zu erkranken – im Gegenteil. Die meisten Schwangeren, die infiziert sind, haben wenige oder nur leichte Symptome. Nicht erforscht ist allerdings, wie sich das Virus möglicherweise auf das ungeborene Kind auswirkt. „Ich möchte da kein Risiko eingehen“, hat sich die Hillerin mit dem vorzeitigen Mutterschutz abgefunden. Was die werdende Mutter gelesen hat, bestätigt auch Professor Dr. Philipp Soergel, Direktor der Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Johannes Wesling Klinikum: „Schwangere gehören nicht zur Corona-Risikogruppe. Weder erkranken sie schneller, noch sind die Krankheitsverläufe schwerer. Eine Covid19-Erkrankung hat erstmal keinen Einfluss auf die Form der Geburt. Auch das Ungeborene Baby ist – nach allem was wir weltweit wissen – vor einer Infektion im Mutterleib geschützt.“ Während in Sachen Schwangerschaft alles entspannt verläuft, erfordert der Alltag mit drei kleinen Kindern vor allem starke Nerven. „Da fließen auch schon mal Tränen, weil die Mädchen ihre Freundinnen vermissen und sie gerne in den Kindergarten oder die Schule möchten. Einen Kollaps gibt es mindestens pro Tag.“ Erst am Dienstag habe sie mit ihren Töchtern Briefe an die besten Freundinnen geschrieben. Ansonsten sei Beschäftigung bei ihnen das einzige Mittel gegen den Lagerkoller. Während die Große mit Home Schooling beschäftigt sei, würden die kleinen Malen, Spiele spielen und nachmittags geht es bei gutem Wetter raus in den eigenen Garten gehen. „Das sind dann die Dinge, für die wir im Alltag eigentlich kaum Zeit haben.“ Die Vorsorgetermine bei ihrer Gynäkologin würden ganz normal ablaufen und seien auch in Corona-Zeiten nicht reduziert worden, berichtet die Hillerin. Zwar hänge an der Tür ein Hinweis, dass die Praxis geschlossen sei, aber Schwangere würden dort weiterhin behandelt. „Kurios fand ich, dass ich meine Jacke nicht mehr an der Garderobe aufhängen durfte und dass ich keiner anderen Patientin begegnet bin. Die werden auf die vorhandenen Räume verteilt“, erzählt die werdende Mutter. Auch die Ärzte und die Helferinnen hätten sich aufgeteilt, so dass die Praxis auch im Fall einer Infektion weiter Patienten behandeln könne. Mit Mundschutz würde dort zwar niemand arbeiten, aber es gebe neuerdings eine Plexiglasscheibe am Tresen. Für Aileen Hoppmann steht fest, dass sie ihr viertes Kind – wie die anderen auch – im Johannes Wesling Klinikum bekommen möchte. „Dort gibt es die Kinderklinik, das ist mir wichtig.“ Sollte die Geburt normal verlaufen und es ihr und dem Kind gut gehen, würde sie gerne so schnell wie möglich nach Hause gehen. „Einfach um mich selbst und das Kind zu schützen.“ Was sie momentan nicht habe, sei der Austausch mit anderen Schwangeren, die sie ansonsten im Vorbereitungskurs getroffen hätte. Viele werdende Mütter vernetzen sich hier und bleiben auch nach der Geburt der Kinder in Kontakt. Und so ist die Hillerin – wie viele andere momentan auch – einsam schwanger. Auch deshalb hat sie einen großen Wunsch: „Ich möchte unseren ganz normalen Alltag zurück.“ Das sind die Regeln im Klinikum: Besichtigungen des Kreißsaals bieten die Mühlenkreiskliniken derzeit nicht an. Eine Online-Besichtigung sei derzeit in Planung, wie Pressesprecher Christian Busse erklärt. Diese solle zunächst für Minden umgesetzt werden. Die werdende Mutter darf eine Begleitperson zur Geburt mitbringen – sofern diese keine Grippesymptome hat. Der Gesundheitszustand werde von den Hebammen abgefragt, so Busse. Das Klinikum könne zur Geburt über den Haupteingang betreten werden. Sollte die werdende Mutter Symptome haben, die auf das Corona-Virus hindeuten, sollte sie dies auf jeden Fall kommunizieren, damit das Personal die nötigen Vorsichtsmaßnahmen treffen könne. Busse: „Die Mutter braucht keine Angst haben, dass die Geburt nicht im Krankenhaus stattfinden kann.“ Die Begleitperson, die bei der Geburt dabei war, dürfe die Mutter auch an den Tagen danach im Krankenhaus besuchen. Die Besuchszeit ist laut Busse täglich von 15 bis 18 Uhr.