Videochats und Briefe helfen Bewohnern der Seniorenresidenz Hille in Zeiten des Besuchsverbots

Stefanie Dullweber

Jeden Tag um 9.30 Uhr zünden die Mitarbeiter der Residenz zusammen mit den Bewohnern eine Kerze an. - © Foto: privat
Jeden Tag um 9.30 Uhr zünden die Mitarbeiter der Residenz zusammen mit den Bewohnern eine Kerze an. (© Foto: privat)

Hille. „Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn jemand stirbt, weil wir nicht alle nötigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen haben“, sagt Nicole Franken. Sie ist Einrichtungsleitung in der Seniorenresidenz in Hille. Bereits am 11. März hat die Residenz seine Türen für Besucher geschlossen. Im Nachhinein sei sie froh darüber, dass diese Entscheidung so früh getroffen wurde. „Wenn ich höre, dass in Würzburg schon 13 Bewohner einer Einrichtung an Corona gestorben sind, bereitet mir das schlaflose Nächte.“ Mittlerweile würde sie kaum noch Nachrichten schauen.

In der Hiller Einrichtung ist der Alltag seit Corona ein anderer. „Unsere Mitarbeiter gehen neuerdings nicht direkt in die Einrichtung, sondern ziehen sich in einem anderen Trakt der Villa um“, sagt Nicole Franken. In der umgebauten Villa aus dem Jahr 1912 ist seit der Eröffnung 2016 der Verwaltungstrakt der Einrichtung untergebracht. Die Räume der Residenz befinden sich nebenan in einem Neubau. „Was diese zusätzliche Schleuse anbelangt, haben wir hier Luxusbedingungen.“ Jeden Tag würden die Kollegen außerdem in Sachen Hygiene sensibilisiert. „Wir nehmen es sehr ernst, dass jeder die Regeln beachtet.“ Der Corona-Aktenordner, den Nicole Franken mit dem Qualitätszirkel „Corona“ erarbeitet hat, fülle sich jeden Tag mehr.

Ein Besuchsverbot für die Angehörigen auszusprechen sei eine der schwierigsten Entscheidungen gewesen, gibt die Einrichtungsleitung zu. „Viele Bewohner sind sehr traurig. Da fließen auch schon mal Tränen.“ Befinde sich ein Mensch in einer Sterbephase, werde für nahestehende Angehörige eine Ausnahme gemacht. „Die palliative Pflege liegt uns am Herzen“, betont Nicole Franken. In der Einrichtung gebe es daher seit Kurzem ein sogenanntes Begleitungszimmer, zu dem die Angehörigen Zutritt hätten. Dieses Zimmer habe einen separaten Eingang. Vielen Bewohnern bereiteten vor allem die Bilder, die sie im Fernsehen sehen, Sorge. „Dort sehen sie, wie in Italien oder Spanien Tote abtransportiert werden. Das macht den Menschen Angst“, sagt Nicole Franken. Die Senioren würden immer wieder sagen, dass sie so nicht sterben wollten.

Die meisten Angehörigen würden sehr viel Verständnis für das Besuchsverbot zeigen. Allerdings hat Nicole Franken auch schon andere Reaktionen erlebt. Eine entfernte Bekannte eines Bewohners hätte Zugang zum Haus verlangt. Das sei so weit gegangen, dass die Mitarbeiter der Residenz über die sozialen Medien angefeindet worden wären. „Solch eine Situation bindet natürlich Kapazitäten, die wir momentan besser nutzen könnten“, ärgert sich Nicole Franken und meint: „In der Krise zeigt sich bei vielen Menschen das wahre Gesicht.“ In diesem Fall hätte nicht einmal der Bewohner selbst ein Interesse an einem Besuch dieser Person geäußert.

Einen Corona-Fall habe es in der Seniorenresidenz bislang nicht gegeben, erklärt die Mitarbeiterin im MT-Gespräch. Sie führe das darauf zurück, dass der Qualitätszirkel „Corona“ frühzeitig und vorausschauend reagiert habe. Trotz der erhöhten Vorsichtsmaßnahmen würden die Mitarbeiter aber täglich mit den Bewohnern spazieren gehen, so dass die Senioren regelmäßig an der frischen Luft seien. Jeden Morgen um 9.30 Uhr würden sie gemeinsam eine Kerze anzünden. „Es soll ein Zeichen der Hoffnung sein. Wer möchte, betet zusammen. Wir drücken mit dieser Aktion unsere Solidarität aus.“

Eine Altenheimseelsorgerin, die derzeit ein Praktikum in der Einrichtung absolviert, spreche nicht nur viel mit den Bewohnern, sondern kümmere sich auch darum, dass die Menschen mit ihren Angehörigen Kontakt halten könnten. „Es werden sehr viele Telefonate geführt und wir haben Tablets angeschafft und richten den Bewohnern Videochats ein“, sagt Nicole Franken. Außerdem würden ihre Kollegen zusammen mit den Bewohnern Briefe an die Angehörigen schreiben und sie hätten viele Beschäftigungsangebote.

Gerade in diesen Zeiten zeige sich, wie viele Kompetenzen jeder einzelne habe. Da ist zum Beispiel die 84-jährige Bewohnerin, eine gelernte Schneidermeisterin, die Masken näht. Oder die Kollegin – eine gelernte Friseurin –, die jetzt als Hauswirtschafterin beschäftigt ist und momentan den Senioren die Haare macht, weil der Friseur nicht mehr ins Haus kommt. „Ich bin überzeugt, dass wir diese Krise gemeinsam meistern“, setzt die Einrichtungsleitung auf Teamarbeit.

Grundsätzlich, sagt Nicole Franken, sei sie in Zeiten von Corona sehr dankbar, dass sie einen krisensicheren Job habe und jeden Tag zur Arbeit gehen könne. „Wir haben einen tollen Beruf, der allerdings mehr Respekt und Anerkennung verdient hat.“ Die Krise könne die Menschen wachrütteln und zeigen, wie wichtig ein funktionierendes Pflegesystem sei. „Was nützen uns ausreichend Betten und Beatmungsgeräte, wenn es nicht genug Pflegekräfte gibt?“ Sie wünsche sich, dass sich mehr junge Menschen als Pflegefachleute ausbilden ließen.

Für Nicole Franken steht fest, dass Deutschland sich erst am Anfang der Pandemie befindet. Der Arbeitsaufwand in der Pflege werde sich dramatisch erhöhen. Doch anstatt mit den Menschen zu arbeiten, nehme die Bürokratie immer mehr zu. „Wir sitzen stundenlang am Schreibtisch, um Quarantäne-Anträge zu schreiben, Telefonat mit dem Medizinischen Dienst zu führen, oder ein Covid-Handbuch zu schreiben. „Dieses Jahr wird in die Pflege-Geschichte eingehen“, ist Nicole Franken überzeugt.

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Videochats und Briefe helfen Bewohnern der Seniorenresidenz Hille in Zeiten des BesuchsverbotsStefanie DullweberHille. „Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn jemand stirbt, weil wir nicht alle nötigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen haben“, sagt Nicole Franken. Sie ist Einrichtungsleitung in der Seniorenresidenz in Hille. Bereits am 11. März hat die Residenz seine Türen für Besucher geschlossen. Im Nachhinein sei sie froh darüber, dass diese Entscheidung so früh getroffen wurde. „Wenn ich höre, dass in Würzburg schon 13 Bewohner einer Einrichtung an Corona gestorben sind, bereitet mir das schlaflose Nächte.“ Mittlerweile würde sie kaum noch Nachrichten schauen. In der Hiller Einrichtung ist der Alltag seit Corona ein anderer. „Unsere Mitarbeiter gehen neuerdings nicht direkt in die Einrichtung, sondern ziehen sich in einem anderen Trakt der Villa um“, sagt Nicole Franken. In der umgebauten Villa aus dem Jahr 1912 ist seit der Eröffnung 2016 der Verwaltungstrakt der Einrichtung untergebracht. Die Räume der Residenz befinden sich nebenan in einem Neubau. „Was diese zusätzliche Schleuse anbelangt, haben wir hier Luxusbedingungen.“ Jeden Tag würden die Kollegen außerdem in Sachen Hygiene sensibilisiert. „Wir nehmen es sehr ernst, dass jeder die Regeln beachtet.“ Der Corona-Aktenordner, den Nicole Franken mit dem Qualitätszirkel „Corona“ erarbeitet hat, fülle sich jeden Tag mehr. Ein Besuchsverbot für die Angehörigen auszusprechen sei eine der schwierigsten Entscheidungen gewesen, gibt die Einrichtungsleitung zu. „Viele Bewohner sind sehr traurig. Da fließen auch schon mal Tränen.“ Befinde sich ein Mensch in einer Sterbephase, werde für nahestehende Angehörige eine Ausnahme gemacht. „Die palliative Pflege liegt uns am Herzen“, betont Nicole Franken. In der Einrichtung gebe es daher seit Kurzem ein sogenanntes Begleitungszimmer, zu dem die Angehörigen Zutritt hätten. Dieses Zimmer habe einen separaten Eingang. Vielen Bewohnern bereiteten vor allem die Bilder, die sie im Fernsehen sehen, Sorge. „Dort sehen sie, wie in Italien oder Spanien Tote abtransportiert werden. Das macht den Menschen Angst“, sagt Nicole Franken. Die Senioren würden immer wieder sagen, dass sie so nicht sterben wollten. Die meisten Angehörigen würden sehr viel Verständnis für das Besuchsverbot zeigen. Allerdings hat Nicole Franken auch schon andere Reaktionen erlebt. Eine entfernte Bekannte eines Bewohners hätte Zugang zum Haus verlangt. Das sei so weit gegangen, dass die Mitarbeiter der Residenz über die sozialen Medien angefeindet worden wären. „Solch eine Situation bindet natürlich Kapazitäten, die wir momentan besser nutzen könnten“, ärgert sich Nicole Franken und meint: „In der Krise zeigt sich bei vielen Menschen das wahre Gesicht.“ In diesem Fall hätte nicht einmal der Bewohner selbst ein Interesse an einem Besuch dieser Person geäußert. Einen Corona-Fall habe es in der Seniorenresidenz bislang nicht gegeben, erklärt die Mitarbeiterin im MT-Gespräch. Sie führe das darauf zurück, dass der Qualitätszirkel „Corona“ frühzeitig und vorausschauend reagiert habe. Trotz der erhöhten Vorsichtsmaßnahmen würden die Mitarbeiter aber täglich mit den Bewohnern spazieren gehen, so dass die Senioren regelmäßig an der frischen Luft seien. Jeden Morgen um 9.30 Uhr würden sie gemeinsam eine Kerze anzünden. „Es soll ein Zeichen der Hoffnung sein. Wer möchte, betet zusammen. Wir drücken mit dieser Aktion unsere Solidarität aus.“ Eine Altenheimseelsorgerin, die derzeit ein Praktikum in der Einrichtung absolviert, spreche nicht nur viel mit den Bewohnern, sondern kümmere sich auch darum, dass die Menschen mit ihren Angehörigen Kontakt halten könnten. „Es werden sehr viele Telefonate geführt und wir haben Tablets angeschafft und richten den Bewohnern Videochats ein“, sagt Nicole Franken. Außerdem würden ihre Kollegen zusammen mit den Bewohnern Briefe an die Angehörigen schreiben und sie hätten viele Beschäftigungsangebote. Gerade in diesen Zeiten zeige sich, wie viele Kompetenzen jeder einzelne habe. Da ist zum Beispiel die 84-jährige Bewohnerin, eine gelernte Schneidermeisterin, die Masken näht. Oder die Kollegin – eine gelernte Friseurin –, die jetzt als Hauswirtschafterin beschäftigt ist und momentan den Senioren die Haare macht, weil der Friseur nicht mehr ins Haus kommt. „Ich bin überzeugt, dass wir diese Krise gemeinsam meistern“, setzt die Einrichtungsleitung auf Teamarbeit. Grundsätzlich, sagt Nicole Franken, sei sie in Zeiten von Corona sehr dankbar, dass sie einen krisensicheren Job habe und jeden Tag zur Arbeit gehen könne. „Wir haben einen tollen Beruf, der allerdings mehr Respekt und Anerkennung verdient hat.“ Die Krise könne die Menschen wachrütteln und zeigen, wie wichtig ein funktionierendes Pflegesystem sei. „Was nützen uns ausreichend Betten und Beatmungsgeräte, wenn es nicht genug Pflegekräfte gibt?“ Sie wünsche sich, dass sich mehr junge Menschen als Pflegefachleute ausbilden ließen. Für Nicole Franken steht fest, dass Deutschland sich erst am Anfang der Pandemie befindet. Der Arbeitsaufwand in der Pflege werde sich dramatisch erhöhen. Doch anstatt mit den Menschen zu arbeiten, nehme die Bürokratie immer mehr zu. „Wir sitzen stundenlang am Schreibtisch, um Quarantäne-Anträge zu schreiben, Telefonat mit dem Medizinischen Dienst zu führen, oder ein Covid-Handbuch zu schreiben. „Dieses Jahr wird in die Pflege-Geschichte eingehen“, ist Nicole Franken überzeugt.