Kampf um Wiehengebirgs-Fichten: Der Wettlauf gegen den Borkenkäfer

Stefanie Dullweber

Hille. „Diese Fichte ist nicht mehr zu retten", sagt Förster Markus Uhr undbricht mit einem Messer ein Stück Rinde ab. Auf den ersten Blick sind zahlreiche, winzige Gänge zu erkennen. Der Revierförster des Regionalforstamtes OWL kratzt etwas kleines, schwarzes aus der Rinde und legt es in seine Hand. Nach wenigen Minuten fangen die schwarzen Punkte an, sich zu bewegen – es sind Borkenkäfer. Sie haben dafür gesorgt, dass dieser Baum – so wie viele andere – gefällt werden muss.

Förster Markus Uhr erklärt, warum dieser Baum nicht mehr zu retten ist. Die Borkenkäfer haben die Fichte großflächig befallen. MT-Fotos: Dullweber
Förster Markus Uhr erklärt, warum dieser Baum nicht mehr zu retten ist. Die Borkenkäfer haben die Fichte großflächig befallen. MT-Fotos: Dullweber

 

Die Borkenkäfer sind mit bloßem Auge kaum als Insekten zu erkennen. MT- - © Foto: Stefanie Dullweber
Die Borkenkäfer sind mit bloßem Auge kaum als Insekten zu erkennen. MT- (© Foto: Stefanie Dullweber)

Obwohl nur wenige Millimeter groß, bringen Borkenkäfer stattliche Bäume großflächig zum Absterben. Bis zu 50.000 dieser Insekten seien an nur einem Baum nachgewiesen worden. „Und es betrifft nicht nur Fichten. Es gibt mehr als 250 verschiedene Arten an Borkenkäfern. Für jede Baumart mindestens einen", erklärt Markus Uhr. Die Entwicklung bezeichnet er als verheerend. „Der Wald im Kreis Minden-Lübbecke ist so stark von Borkenkäfern befallen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr." In seiner Zuständigkeit liegen Waldflächen in Petershagen, Hille, Minden, Bad Oeynhausen und Porta Westfalica – er hat eine Gesamtfläche von 480 Quadratkilometern im Blick.

Weil viele Bäume nicht zu retten sind, müssen sie gefällt werden. Doch wohin mit dem Holz? MT- - © Foto: Stefanie Dullweber
Weil viele Bäume nicht zu retten sind, müssen sie gefällt werden. Doch wohin mit dem Holz? MT- (© Foto: Stefanie Dullweber)

Bereits seit zwei Jahren versuchen der Förster und seine Kollegen so viele Borkenkäfer wie möglich „aus dem System zu nehmen". Doch das ist gar nicht so einfach. „Eine Untersuchung im November letzten Jahres hat ergeben, dass wir pro Hektar etwa elf Millionen Käfer hatten", sagt Uhr. 89 Prozent überwintern unter der Rinde, die restlichen elf Prozent im Boden. Werden die befallenen Bäume nicht aufgearbeitet, suchen sich die Käfer ab einer Außentemperatur von etwa 16 Grad neue, gesunde Bäume und legen dort ihre Eier. „Die Massenvermehrung geht dann in die nächste Runde."

Ursache dafür, dass laut Uhr bundesweit 245.000 Hektar Kahlfläche entstanden sind, sei aber nicht nur die Borkenkäfer-Plage. Los ging es mit dem Orkantief „Friederike", das am 18. Januar 2018 – auf den Tag genau elf Jahre nach „Kyrill" – über NRW hinwegfegte. „Durch den nassen Winter waren die Böden im Wiehengebirge sehr weich und Friederike hatte leichtes Spiel", erklärt Uhr. Er schätzt, dass allein in seinem Revier 8.000 bis 10.000 Bäume entwurzelt oder abgeknickt wurden. Die beiden Hitzesommer 2018 und 2019 hätten die Bäume außerdem geschwächt und anfällig für den Insektenbefall gemacht.

Die anhaltende Wärme habe dafür gesorgt, dass sich 2018 mutmaßlich vier Generationen Borkenkäfer entwickeln konnten, im vergangenen Jahr seien es drei Generationen der Insekten gewesen. „Sie haben sich explosionsartig vermehrt", erklärt Uhr. In Nordrhein-Westfalen, so schätzt der Förster, werde sich die Kahlfläche bis Ende des Jahres auf 100.000 Hektar belaufen. „Wer soll das wieder aufforsten und woher sollen die ganzen Setzlinge kommen?", fragt der Experte.

Der Borkenkäfer ist natürlicher Bestandteil eines gesunden Waldes, er gehört zum Ökosystem dazu. Gesunde Bäume können sich normalerweise auch gut gegen ihn wehren: Bohrt der Käfer eine Fichte an, gibt diese Harz ab und verklebt damit das Insekt. Vermehrt sich der Borkenkäfer allerdings massenhaft, kommen die Bäume mit der Harzproduktion nicht mehr hinterher und stoßen mit dieser Abwehrmethode an ihre Grenzen.

Gleichzeitig setzten die Käfer einen Duftstoff ab und locken somit weitere Artgenossen an, erklärt Uhr. Sie bohren sich durch die Rinde, um im Inneren ihre Larven abzulegen. Dabei zerstören sie die Leitungen, durch die Wasser und Nährstoffe transportiert werden. Der Baum verdurstet.

Den Wald vom Borkenkäfer zu befreien, ist nicht das einzige Problem. Das befallene Holz müsste auch schnellstmöglich aus dem Wald raus. Zum einen braucht Markus Uhr Personal, das die Bäume fällt, zum anderen braucht er Abnehmer für das Holz – und das sei die größte Schwierigkeit. Weil jetzt auch noch die Corona-Krise dazukommt, sei es kaum möglich, das von Borkenkäfern befallene Holz loszuwerden. „Wir haben so viel Nadelholz, dass die Möglichkeiten der heimischen Holzindustrie erschöpft sind." Außerdem dürfe der Rohstoff, wenn er als Bauholz verwendet werden soll, nicht lange liegen. „Dann wird das Holz faul."

Markus Uhr zeigt auf einen großen Stapel, der laut seinen Angaben bereits seit einem Jahr im Wald liegt. „Das ist Holz, das eigentlich nach China geliefert werden sollte." Weil die Chinesen vergleichsweise wenige Wälder hätten, würden sie etwa fünf Millionen Festmeter pro Jahr abnehmen. Aktuell sei der Versand nach China – aus den bekannten Gründen – nicht möglich.

Markus Uhr denkt in diesem Zusammenhang auch an die betroffenen Waldbesitzer. Wegen des großen Nadelholzangebots aus der Borkenkäferbekämpfung sind die Preise im Keller. „Da bleibt beim Verkauf nicht viel übrig – das ist bitter. Viele Waldbesitzer verlieren ganze Bestände, die Erlöse sind minimal und dann steht in den nächsten Jahren die Wiederbewaldung an", sagt Uhr. Jeder, der mit Holz heizt, könne die heimische Forstwirtschaft unterstützen, indem er Holz abkaufe.

Und gegen die Borkenkäfer-Plage setzt der Förster auf neue Fallen, von denen er aktuell 75 Stück geordert habe. Darin befinde sich Lockstoffe, die die Käfer anlocken. „Diese Fallen stellen wir mindestens zehn Meter von einem gesunden Baum entfernt auf." Er wolle den Kampf aufnehmen und versuchen, so viele Borkenkäfer wie möglich aus dem Wald herauszuholen.

Drei Arten von Borkenkäfern gelten als besonders relevant in Fichtenwäldern:

Der Buchdrucker ist der gefährlichste Schadorganismus. Er befällt den Stammbereich in mittelalten bis alten Fichtenbeständen (ab 50 bis 60 Jahre).

Der Kupferstecher bevorzugt dünnborkige Stammteile im Kronenbereich älterer Fichten sowie Jungpflanzen. Schon dünne Äste und Kronenmaterial ab einem Durchmesser von drei Zentimetern können bruttaugliches Material für ihn sein.

Der Gestreifte Nutzholzborkenkäfer befällt eingeschlagenes Nadelholz, absterbende Bäume oder auch frische Stöcke. Sein Befall kann das Holz erheblich entwerten, eine Gefährdung für die Wälder ist er aber nicht.

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Kampf um Wiehengebirgs-Fichten: Der Wettlauf gegen den BorkenkäferStefanie DullweberHille. „Diese Fichte ist nicht mehr zu retten", sagt Förster Markus Uhr undbricht mit einem Messer ein Stück Rinde ab. Auf den ersten Blick sind zahlreiche, winzige Gänge zu erkennen. Der Revierförster des Regionalforstamtes OWL kratzt etwas kleines, schwarzes aus der Rinde und legt es in seine Hand. Nach wenigen Minuten fangen die schwarzen Punkte an, sich zu bewegen – es sind Borkenkäfer. Sie haben dafür gesorgt, dass dieser Baum – so wie viele andere – gefällt werden muss.   Obwohl nur wenige Millimeter groß, bringen Borkenkäfer stattliche Bäume großflächig zum Absterben. Bis zu 50.000 dieser Insekten seien an nur einem Baum nachgewiesen worden. „Und es betrifft nicht nur Fichten. Es gibt mehr als 250 verschiedene Arten an Borkenkäfern. Für jede Baumart mindestens einen", erklärt Markus Uhr. Die Entwicklung bezeichnet er als verheerend. „Der Wald im Kreis Minden-Lübbecke ist so stark von Borkenkäfern befallen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr." In seiner Zuständigkeit liegen Waldflächen in Petershagen, Hille, Minden, Bad Oeynhausen und Porta Westfalica – er hat eine Gesamtfläche von 480 Quadratkilometern im Blick. Bereits seit zwei Jahren versuchen der Förster und seine Kollegen so viele Borkenkäfer wie möglich „aus dem System zu nehmen". Doch das ist gar nicht so einfach. „Eine Untersuchung im November letzten Jahres hat ergeben, dass wir pro Hektar etwa elf Millionen Käfer hatten", sagt Uhr. 89 Prozent überwintern unter der Rinde, die restlichen elf Prozent im Boden. Werden die befallenen Bäume nicht aufgearbeitet, suchen sich die Käfer ab einer Außentemperatur von etwa 16 Grad neue, gesunde Bäume und legen dort ihre Eier. „Die Massenvermehrung geht dann in die nächste Runde." Ursache dafür, dass laut Uhr bundesweit 245.000 Hektar Kahlfläche entstanden sind, sei aber nicht nur die Borkenkäfer-Plage. Los ging es mit dem Orkantief „Friederike", das am 18. Januar 2018 – auf den Tag genau elf Jahre nach „Kyrill" – über NRW hinwegfegte. „Durch den nassen Winter waren die Böden im Wiehengebirge sehr weich und Friederike hatte leichtes Spiel", erklärt Uhr. Er schätzt, dass allein in seinem Revier 8.000 bis 10.000 Bäume entwurzelt oder abgeknickt wurden. Die beiden Hitzesommer 2018 und 2019 hätten die Bäume außerdem geschwächt und anfällig für den Insektenbefall gemacht. Die anhaltende Wärme habe dafür gesorgt, dass sich 2018 mutmaßlich vier Generationen Borkenkäfer entwickeln konnten, im vergangenen Jahr seien es drei Generationen der Insekten gewesen. „Sie haben sich explosionsartig vermehrt", erklärt Uhr. In Nordrhein-Westfalen, so schätzt der Förster, werde sich die Kahlfläche bis Ende des Jahres auf 100.000 Hektar belaufen. „Wer soll das wieder aufforsten und woher sollen die ganzen Setzlinge kommen?", fragt der Experte. Der Borkenkäfer ist natürlicher Bestandteil eines gesunden Waldes, er gehört zum Ökosystem dazu. Gesunde Bäume können sich normalerweise auch gut gegen ihn wehren: Bohrt der Käfer eine Fichte an, gibt diese Harz ab und verklebt damit das Insekt. Vermehrt sich der Borkenkäfer allerdings massenhaft, kommen die Bäume mit der Harzproduktion nicht mehr hinterher und stoßen mit dieser Abwehrmethode an ihre Grenzen. Gleichzeitig setzten die Käfer einen Duftstoff ab und locken somit weitere Artgenossen an, erklärt Uhr. Sie bohren sich durch die Rinde, um im Inneren ihre Larven abzulegen. Dabei zerstören sie die Leitungen, durch die Wasser und Nährstoffe transportiert werden. Der Baum verdurstet. Den Wald vom Borkenkäfer zu befreien, ist nicht das einzige Problem. Das befallene Holz müsste auch schnellstmöglich aus dem Wald raus. Zum einen braucht Markus Uhr Personal, das die Bäume fällt, zum anderen braucht er Abnehmer für das Holz – und das sei die größte Schwierigkeit. Weil jetzt auch noch die Corona-Krise dazukommt, sei es kaum möglich, das von Borkenkäfern befallene Holz loszuwerden. „Wir haben so viel Nadelholz, dass die Möglichkeiten der heimischen Holzindustrie erschöpft sind." Außerdem dürfe der Rohstoff, wenn er als Bauholz verwendet werden soll, nicht lange liegen. „Dann wird das Holz faul." Markus Uhr zeigt auf einen großen Stapel, der laut seinen Angaben bereits seit einem Jahr im Wald liegt. „Das ist Holz, das eigentlich nach China geliefert werden sollte." Weil die Chinesen vergleichsweise wenige Wälder hätten, würden sie etwa fünf Millionen Festmeter pro Jahr abnehmen. Aktuell sei der Versand nach China – aus den bekannten Gründen – nicht möglich. Markus Uhr denkt in diesem Zusammenhang auch an die betroffenen Waldbesitzer. Wegen des großen Nadelholzangebots aus der Borkenkäferbekämpfung sind die Preise im Keller. „Da bleibt beim Verkauf nicht viel übrig – das ist bitter. Viele Waldbesitzer verlieren ganze Bestände, die Erlöse sind minimal und dann steht in den nächsten Jahren die Wiederbewaldung an", sagt Uhr. Jeder, der mit Holz heizt, könne die heimische Forstwirtschaft unterstützen, indem er Holz abkaufe. Und gegen die Borkenkäfer-Plage setzt der Förster auf neue Fallen, von denen er aktuell 75 Stück geordert habe. Darin befinde sich Lockstoffe, die die Käfer anlocken. „Diese Fallen stellen wir mindestens zehn Meter von einem gesunden Baum entfernt auf." Er wolle den Kampf aufnehmen und versuchen, so viele Borkenkäfer wie möglich aus dem Wald herauszuholen. Drei Arten von Borkenkäfern gelten als besonders relevant in Fichtenwäldern: Der Buchdrucker ist der gefährlichste Schadorganismus. Er befällt den Stammbereich in mittelalten bis alten Fichtenbeständen (ab 50 bis 60 Jahre). Der Kupferstecher bevorzugt dünnborkige Stammteile im Kronenbereich älterer Fichten sowie Jungpflanzen. Schon dünne Äste und Kronenmaterial ab einem Durchmesser von drei Zentimetern können bruttaugliches Material für ihn sein. Der Gestreifte Nutzholzborkenkäfer befällt eingeschlagenes Nadelholz, absterbende Bäume oder auch frische Stöcke. Sein Befall kann das Holz erheblich entwerten, eine Gefährdung für die Wälder ist er aber nicht.