„Wir wurden vergessen“: Bei Physio- und Ergotherapeuten greifen diverse Hilfsmaßnahmen nicht

Stefanie Dullweber

Bei der Ergotherapie ist es in den meisten Fällen unmöglich, Abstand zu halten. Foto: Franziska Gabbert/dpa - © Franziska Gabbert
Bei der Ergotherapie ist es in den meisten Fällen unmöglich, Abstand zu halten. Foto: Franziska Gabbert/dpa (© Franziska Gabbert)

Hille. Die Lebensmittelmärkte und Apotheken haben weiterhin geöffnet, Friseure, Schwimmbäder und Fitnessstudios sind mittlerweile geschlossen. Und was ist mit Praxen für Physio- und Ergotherapie, die für viele Menschen unverzichtbar sind? Die Beschäftigten in der Branche sind verunsichert.

Ergotherapie

Seit 16 Jahren arbeitet Christian Baksmeier als selbstständiger Ergotherapeut. In seine Praxis im Ärztehaus an der Georgstraße in Hille kamen bis vor Kurzem täglich etwa zehn Menschen. Weitere sieben bis zehn Patienten besuchen Baksmeier und seinen Mitarbeiterin regelmäßig zu Hause. Es sind Menschen, die nach schweren Unfällen, nach Schlaganfällen oder für ihre Kinder Hilfe brauchen, um ihren Alltag bewältigen zu können. Doch in den letzten Tagen ist nahezu ein Drittel des Patientenstamms weggebrochen.

„In der letzten Woche haben etwa 30 Prozent der Patienten ihre Termine abgesagt, in dieser Woche sind es etwa 50 Prozent, die absagen. Die Praxis trägt sich nicht“, sagt Christian Baksmeier. Als sogenannter Heilmittelerbringer dürfen Ergo- und Physiotherapeuten sowie Logopäden ihre Praxen weiterhin öffnen. Die medizinische Notwendigkeit der Behandlung wird mittels einer ärztlichen Verordnung nachgewiesen. Geregelt ist dies im Sozialgesetzbuch.

Doch wer kommt für den Verdienstausfall auf? „Die Ergotherapeuten sind nicht abgesichert. Bei den geplanten Hilfspaketen wurden wir bislang vergessen“, sagt Christian Baksmeier. Am Montag hatte das Kabinett gleich mehrere große Schutzschirme und umfangreiche Rechtsänderungen beschlossen. Damit die Hilfen rasch ankommen, soll im Schnellverfahren bereits am heutigen Mittwoch der Bundestag, am Freitag der Bundesrat den Maßnahmen zustimmen. „Wenn ich meine Praxis jetzt schließen müsste, bekäme ich nichts“, sagt der Hiller.

Um darauf aufmerksam zu machen, hat sich der Verband der Deutschen Ergotherapeuten (DVE), dem auch Christian Baksmeier angehört, in einem offenen Brief an die Abgeordneten des Bundestages gewandt. „Wir hoffen, dass sich bis Freitag noch etwas tut.“ Der DVE schreibt in einer Mail an seine Mitglieder aber auch, dass die Therapeuten eineinhalb Meter Abstand halten oder auf Teletherapie umstellen sollen. „Natürlich kann ich Abstand halten, wenn die Patienten beispielsweise Übungen an der Sprossenwand machen, aber bei einer Handverletzung muss ich die Finger durchbewegen – das geht nicht auf Abstand“, sagt Baksmeier. Er begrüße auch die verschärften Hygienemaßnahmen, aber er selber habe nur noch eine Dreiviertel volle Flasche Desinfektionsmittel und auch auf Masken wartet er bislang vergeblich.

Physiotherapie

Christoph Koch hat sich 2017 mit seiner Physiotherapiepraxis in Hille selbstständig gemacht. Erst im Dezember 2019 hat er weitere Praxisräume angemietet und bietet seitdem auch Rehasport und Gesundheitskurse wie Pilates an. Die Corona-Krise hat den kompletten Praxisalltag auf den Kopf gestellt. „Wir hängen momentan die meiste Zeit am Telefon und sprechen mit verunsicherten Patienten“, sagt der Hiller im MT-Gespräch. Mittlerweile sind alle Selbstzahler-Angebote wie Massagen, Gerätetraining, Rehasport und Pilates untersagt. Nur noch Behandlungen, bei denen Therapeut und der Patient sich in einem Raum befinden, sind zulässig. Die meisten Besuche in Heimen entfallen, weil sie ein grundsätzliches Zutrittsverbot erteilt haben. Die meisten Hausbesuche hätten die Therapie von sich aus unterbrochen. Menschen, die sich behandeln lassen, brauchen eine ärztliche Verordnung. Sie bescheinigt das Erfordernis der Therapie auch unter den aktuell geltenden Ausgangsbeschränkungen.

„Wir sind als systemrelevant eingestuft worden, aber wir werden nicht so behandelt“, ärgert sich Christoph Koch vor allem darüber, dass seine Praxis nicht mit den nötigen Hygieneartikeln ausgestattet wird. Atemschutzmasken habe er sich selbst besorgt – und zwar im Internet zu einem Wucherpreis. Auch das Hochsetzen der Rezeptpflicht verunsichere die Patienten, meint Koch. Eigentlich verliert ein Rezept 14 Tage nach Ausstellungsdatum seine Gültigkeit. Diese Frist sei auf 42 Tage erweitert worden. „Einerseits sollen wir weitermachen, andererseits wird den Patienten suggeriert, sie sollten besser wegbleiben. Das ist doch widersprüchlich.“ Er fühle sich allein gelassen und finde auch die Flut an Informationen schwierig und unübersichtlich.

Abstand zu halten sei für Therapeuten in den wenigsten Fällen umsetzbar, sagt Koch. Bei aktiver Krankengymnastik sei das möglich, aber bei der Manualtherapie müsse er an den Patienten ran. „Wir versuchen zurzeit, viel in Bauchlage zu machen und ständig wird alles desinfiziert.“ Mit Handschuhen zu arbeiten ist laut Christoph Koch oft unpassend. „Das Gefühl geht verloren.“

Der Hiller, der sich auch Sorgen um seine Mitarbeiter macht, bezeichnet die Situation als „Vollkatastrophe“. Er hofft, dass die Berufsverbände erfolgreich Ausgleichszahlungen verhandeln. So hat unter anderem der Deutsche Verband für Physiotherapeuten die Politik aufgerufen, schnellstmöglich einen Rettungsschirm über die um die Existenz kämpfenden Praxen aufzuspannen.

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„Wir wurden vergessen“: Bei Physio- und Ergotherapeuten greifen diverse Hilfsmaßnahmen nichtStefanie DullweberHille. Die Lebensmittelmärkte und Apotheken haben weiterhin geöffnet, Friseure, Schwimmbäder und Fitnessstudios sind mittlerweile geschlossen. Und was ist mit Praxen für Physio- und Ergotherapie, die für viele Menschen unverzichtbar sind? Die Beschäftigten in der Branche sind verunsichert. Ergotherapie Seit 16 Jahren arbeitet Christian Baksmeier als selbstständiger Ergotherapeut. In seine Praxis im Ärztehaus an der Georgstraße in Hille kamen bis vor Kurzem täglich etwa zehn Menschen. Weitere sieben bis zehn Patienten besuchen Baksmeier und seinen Mitarbeiterin regelmäßig zu Hause. Es sind Menschen, die nach schweren Unfällen, nach Schlaganfällen oder für ihre Kinder Hilfe brauchen, um ihren Alltag bewältigen zu können. Doch in den letzten Tagen ist nahezu ein Drittel des Patientenstamms weggebrochen. „In der letzten Woche haben etwa 30 Prozent der Patienten ihre Termine abgesagt, in dieser Woche sind es etwa 50 Prozent, die absagen. Die Praxis trägt sich nicht“, sagt Christian Baksmeier. Als sogenannter Heilmittelerbringer dürfen Ergo- und Physiotherapeuten sowie Logopäden ihre Praxen weiterhin öffnen. Die medizinische Notwendigkeit der Behandlung wird mittels einer ärztlichen Verordnung nachgewiesen. Geregelt ist dies im Sozialgesetzbuch. Doch wer kommt für den Verdienstausfall auf? „Die Ergotherapeuten sind nicht abgesichert. Bei den geplanten Hilfspaketen wurden wir bislang vergessen“, sagt Christian Baksmeier. Am Montag hatte das Kabinett gleich mehrere große Schutzschirme und umfangreiche Rechtsänderungen beschlossen. Damit die Hilfen rasch ankommen, soll im Schnellverfahren bereits am heutigen Mittwoch der Bundestag, am Freitag der Bundesrat den Maßnahmen zustimmen. „Wenn ich meine Praxis jetzt schließen müsste, bekäme ich nichts“, sagt der Hiller. Um darauf aufmerksam zu machen, hat sich der Verband der Deutschen Ergotherapeuten (DVE), dem auch Christian Baksmeier angehört, in einem offenen Brief an die Abgeordneten des Bundestages gewandt. „Wir hoffen, dass sich bis Freitag noch etwas tut.“ Der DVE schreibt in einer Mail an seine Mitglieder aber auch, dass die Therapeuten eineinhalb Meter Abstand halten oder auf Teletherapie umstellen sollen. „Natürlich kann ich Abstand halten, wenn die Patienten beispielsweise Übungen an der Sprossenwand machen, aber bei einer Handverletzung muss ich die Finger durchbewegen – das geht nicht auf Abstand“, sagt Baksmeier. Er begrüße auch die verschärften Hygienemaßnahmen, aber er selber habe nur noch eine Dreiviertel volle Flasche Desinfektionsmittel und auch auf Masken wartet er bislang vergeblich. Physiotherapie Christoph Koch hat sich 2017 mit seiner Physiotherapiepraxis in Hille selbstständig gemacht. Erst im Dezember 2019 hat er weitere Praxisräume angemietet und bietet seitdem auch Rehasport und Gesundheitskurse wie Pilates an. Die Corona-Krise hat den kompletten Praxisalltag auf den Kopf gestellt. „Wir hängen momentan die meiste Zeit am Telefon und sprechen mit verunsicherten Patienten“, sagt der Hiller im MT-Gespräch. Mittlerweile sind alle Selbstzahler-Angebote wie Massagen, Gerätetraining, Rehasport und Pilates untersagt. Nur noch Behandlungen, bei denen Therapeut und der Patient sich in einem Raum befinden, sind zulässig. Die meisten Besuche in Heimen entfallen, weil sie ein grundsätzliches Zutrittsverbot erteilt haben. Die meisten Hausbesuche hätten die Therapie von sich aus unterbrochen. Menschen, die sich behandeln lassen, brauchen eine ärztliche Verordnung. Sie bescheinigt das Erfordernis der Therapie auch unter den aktuell geltenden Ausgangsbeschränkungen. „Wir sind als systemrelevant eingestuft worden, aber wir werden nicht so behandelt“, ärgert sich Christoph Koch vor allem darüber, dass seine Praxis nicht mit den nötigen Hygieneartikeln ausgestattet wird. Atemschutzmasken habe er sich selbst besorgt – und zwar im Internet zu einem Wucherpreis. Auch das Hochsetzen der Rezeptpflicht verunsichere die Patienten, meint Koch. Eigentlich verliert ein Rezept 14 Tage nach Ausstellungsdatum seine Gültigkeit. Diese Frist sei auf 42 Tage erweitert worden. „Einerseits sollen wir weitermachen, andererseits wird den Patienten suggeriert, sie sollten besser wegbleiben. Das ist doch widersprüchlich.“ Er fühle sich allein gelassen und finde auch die Flut an Informationen schwierig und unübersichtlich. Abstand zu halten sei für Therapeuten in den wenigsten Fällen umsetzbar, sagt Koch. Bei aktiver Krankengymnastik sei das möglich, aber bei der Manualtherapie müsse er an den Patienten ran. „Wir versuchen zurzeit, viel in Bauchlage zu machen und ständig wird alles desinfiziert.“ Mit Handschuhen zu arbeiten ist laut Christoph Koch oft unpassend. „Das Gefühl geht verloren.“ Der Hiller, der sich auch Sorgen um seine Mitarbeiter macht, bezeichnet die Situation als „Vollkatastrophe“. Er hofft, dass die Berufsverbände erfolgreich Ausgleichszahlungen verhandeln. So hat unter anderem der Deutsche Verband für Physiotherapeuten die Politik aufgerufen, schnellstmöglich einen Rettungsschirm über die um die Existenz kämpfenden Praxen aufzuspannen.