Kindheit und Vertreibung: Margrit Riechmann und Klaus Reimler trafen heute vor 75 Jahren als Flüchtlinge in Hille ein Carsten Korfesmeyer Hille-Hartum. Innerlich zusammengezuckt ist Margrit Riechmann, als sie 1994 diesen Satz vor ihrem Elternhaus in Pommern hörte. „Das ist jetzt alles meins“, habe der Pole gesagt. Worte, die zwar weder falsch noch böse gemeint waren, aber tief in die Seele stachen. Denn das Grundstück zu betreten, auf dem sie geboren wurde, und das sie als Zweijährige mit ihrer Familie kurz vor Kriegsende verlassen musste, berührt sie nach wie vor. Die Emotionen seien noch da, obwohl sie die Fakten längst akzeptiert habe. Heute vor 75 Jahren traf Margrit Riechmann mit 23 weiteren Vertriebenen in Rothenuffeln ein. Die meisten davon waren kleine Kinder, die in der neuen Heimat ihre eigenen Wege gehen mussten. Sie habe ihre eigene Familie gegründet und als Bankerin gearbeitet. Zufrieden blickt sie auf ihr bisheriges Leben und es geht ihr nach eigenen Angaben sehr gut. Doch die Wunde von einst bleibt offen. Klaus Reimlers Schicksal ist nahezu identisch. In Bad Polzin in der Nähe von Köslin lag Gut Waldhof, das seinen Eltern gehörte und auf dem er mit seinen Geschwistern unbeschwerte erste Lebenjahre hatte. Fotos von damals hütet der 84-Jährige wie einen Schatz. In der Öffentlichkeit wird der FDP-Kommunalpolitiker aufgrund seiner jahrzehntelangen Tätigkeiten in unzähligen Funktionen zwar eher wie ein Ur-Hartumer wahrgenommen, doch er selbst hat seine tiefe innere Bindung nach Pommern nie aufgeben wollen. Nach dem Mauerfall versucht er seither jährlich, seine Geburtsstadt zu besuchen. Ihm geht es nicht darum, Ländereien zurück zu bekommen, sondern allein um Aussöhnung und Frieden. „Ist das nicht schön, dass die Grenzen heute offen sind und wir reisen können?“ Margrit Riechmann und Klaus Reimler – sie gehören zu den vielen Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und lernen mussten, damit umzugehen. Der Spagat, den Verlust zu akzeptieren und das Gefühl zu unterdrücken, dass ihnen etwas weggenommen wurde, ist schwer. Aber im MT-Gespräch sagen beide, dass sie ihre eigenen Wege gefunden haben. „Ich singe gern das Pommernlied“, sagt Margrit Riechmann. Sie liebt das Land ihrer Vorfahren, in dem sich in den vergangenen Jahren so viel Positives getan hat. Die Infrastruktur sei gewachsen, die Straßen gut ausgebaut. Und der Pole, dem heute das frühere Grundstück ihrer Eltern gehört, empfange sie und ihren Mann immer sehr herzlich. Margrit Riechmann und Klaus Reimler saßen beide auf den Bauernwagen, die sich am späten Abend des 28. Februar 1945 auf den Weg nach Rothenuffeln machten. „Wir hatten vier bange Tage vor uns“, sagt der Hartumer. Auf den letzten Drücker sei die Flucht gelungen und schon wenige Stunden später habe die Rote Armee die Kleinstadt in Westpommern erreicht. Aufgrund seines Alters habe er die ganze Dramatik eher als Abenteuer empfunden, erzählt Reimler. Margrit Riechmann hingegen hat überhaupt keine Erinnerungen an diese Zeit. „Meine Großmutter hat mir später aber viel davon erzählt.“ Als Vertriebene hatten sie es nach eigenen Worten seinerzeit schwer. Reimler erinnert sich an die zweieinhalb Zimmerwohnung, in der er mit seiner Familie acht Jahre wohnte. „Übrigens ohne Bad.“ Auch die 77-Jährige erzählt von den Vorbehalten, die ihr aus der Bevölkerung entgegen gebracht wurden. Belastend sei das oft gewesen und wenn sich zehn der damaligen Flüchtlinge am heutigen Abend in einem Hiller Restaurant treffen, werde das alles sicherlich wieder zur Sprache kommen. Eine Frau nimmt deshalb bewusst nicht an der Veranstaltung teil – weil ihr die Kraft fehlt, das Thema an sich heranzulassen. „Sie hat bis heute Alpträume davon“, sagt Margrit Riechmann. Gut Waldhof gibt es heute nicht mehr, das Elternhaus von Margrit Riechmann ist mittlerweile abgerissen. „Aber die Erinnerungen bleiben“, sagt Reimler. Und die könne ihnen niemand nehmen.

Kindheit und Vertreibung: Margrit Riechmann und Klaus Reimler trafen heute vor 75 Jahren als Flüchtlinge in Hille ein

Margrit Riechmann war zwei Jahre alt, als sie mit ihrer Familie aus Pommern nach Hille flüchtete. Klaus Reimler war 1945 bereits neun. Er erinnert sich noch gut an die Zeit. MT- © Foto: Carsten Korfesmeyer

Hille-Hartum. Innerlich zusammengezuckt ist Margrit Riechmann, als sie 1994 diesen Satz vor ihrem Elternhaus in Pommern hörte. „Das ist jetzt alles meins“, habe der Pole gesagt. Worte, die zwar weder falsch noch böse gemeint waren, aber tief in die Seele stachen. Denn das Grundstück zu betreten, auf dem sie geboren wurde, und das sie als Zweijährige mit ihrer Familie kurz vor Kriegsende verlassen musste, berührt sie nach wie vor. Die Emotionen seien noch da, obwohl sie die Fakten längst akzeptiert habe.

Heute vor 75 Jahren traf Margrit Riechmann mit 23 weiteren Vertriebenen in Rothenuffeln ein. Die meisten davon waren kleine Kinder, die in der neuen Heimat ihre eigenen Wege gehen mussten. Sie habe ihre eigene Familie gegründet und als Bankerin gearbeitet. Zufrieden blickt sie auf ihr bisheriges Leben und es geht ihr nach eigenen Angaben sehr gut. Doch die Wunde von einst bleibt offen.

Klaus Reimlers Schicksal ist nahezu identisch. In Bad Polzin in der Nähe von Köslin lag Gut Waldhof, das seinen Eltern gehörte und auf dem er mit seinen Geschwistern unbeschwerte erste Lebenjahre hatte. Fotos von damals hütet der 84-Jährige wie einen Schatz. In der Öffentlichkeit wird der FDP-Kommunalpolitiker aufgrund seiner jahrzehntelangen Tätigkeiten in unzähligen Funktionen zwar eher wie ein Ur-Hartumer wahrgenommen, doch er selbst hat seine tiefe innere Bindung nach Pommern nie aufgeben wollen. Nach dem Mauerfall versucht er seither jährlich, seine Geburtsstadt zu besuchen. Ihm geht es nicht darum, Ländereien zurück zu bekommen, sondern allein um Aussöhnung und Frieden. „Ist das nicht schön, dass die Grenzen heute offen sind und wir reisen können?“

Margrit Riechmann und Klaus Reimler – sie gehören zu den vielen Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und lernen mussten, damit umzugehen. Der Spagat, den Verlust zu akzeptieren und das Gefühl zu unterdrücken, dass ihnen etwas weggenommen wurde, ist schwer. Aber im MT-Gespräch sagen beide, dass sie ihre eigenen Wege gefunden haben. „Ich singe gern das Pommernlied“, sagt Margrit Riechmann. Sie liebt das Land ihrer Vorfahren, in dem sich in den vergangenen Jahren so viel Positives getan hat. Die Infrastruktur sei gewachsen, die Straßen gut ausgebaut. Und der Pole, dem heute das frühere Grundstück ihrer Eltern gehört, empfange sie und ihren Mann immer sehr herzlich.

Margrit Riechmann und Klaus Reimler saßen beide auf den Bauernwagen, die sich am späten Abend des 28. Februar 1945 auf den Weg nach Rothenuffeln machten. „Wir hatten vier bange Tage vor uns“, sagt der Hartumer. Auf den letzten Drücker sei die Flucht gelungen und schon wenige Stunden später habe die Rote Armee die Kleinstadt in Westpommern erreicht. Aufgrund seines Alters habe er die ganze Dramatik eher als Abenteuer empfunden, erzählt Reimler. Margrit Riechmann hingegen hat überhaupt keine Erinnerungen an diese Zeit. „Meine Großmutter hat mir später aber viel davon erzählt.“

Als Vertriebene hatten sie es nach eigenen Worten seinerzeit schwer. Reimler erinnert sich an die zweieinhalb Zimmerwohnung, in der er mit seiner Familie acht Jahre wohnte. „Übrigens ohne Bad.“ Auch die 77-Jährige erzählt von den Vorbehalten, die ihr aus der Bevölkerung entgegen gebracht wurden. Belastend sei das oft gewesen und wenn sich zehn der damaligen Flüchtlinge am heutigen Abend in einem Hiller Restaurant treffen, werde das alles sicherlich wieder zur Sprache kommen. Eine Frau nimmt deshalb bewusst nicht an der Veranstaltung teil – weil ihr die Kraft fehlt, das Thema an sich heranzulassen. „Sie hat bis heute Alpträume davon“, sagt Margrit Riechmann.

Gut Waldhof gibt es heute nicht mehr, das Elternhaus von Margrit Riechmann ist mittlerweile abgerissen. „Aber die Erinnerungen bleiben“, sagt Reimler. Und die könne ihnen niemand nehmen.

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